Beschleunigungen II

Zwischen dem Hauptbahnhof und unserem Viertel liegt eine Straße, die mir aus einem ausgesprochen großstädtischen Grund etwas unangenehm ist, das ist die Kirchenallee.

Sie gehört schon zur Ankunfts- und Abfahrtszone des Bahnhofs. Man sieht dort fast immer Verabschiedungen und Begrüßungen, Menschen springen aus Privatautos, Taxis oder Bussen, winken Zurückbleibenden, eilen zu den Zügen. Oder sie kommen gerade aus dem Bahnhof und stürzen sich in die Arme ihrer Lieben. Oder, öfter, sie stehen mehr oder weniger desorientiert herum. Sehen auf ihre Smartphones, manchmal auch noch auf Stadtpläne, wobei dies aber nur noch bei älteren Menschen vorkommt. Sie drehen sich, sie suchen die Himmelsrichtung, Wegmarken oder Straßenschilder. Manchmal suchen sie auch Menschen, die sie um Rat fragen können, gelegentlich komme ich da ins Spiel. Sie sortieren ihr Gepäck, telefonieren und teilen ihre Anwesenheit in dieser Stadt irgendwem mit, dem das hoffentlich wichtig sein wird.

Sie kaufen noch eben Blumen oder Pommes an den Ständen vor dem Bahnhof. Und sie stehen, wenn sie aus der Provinz kommen, oft vollkommen entgeistert im Getümmel und Geschiebe, besonders am südlichen Ende des Bahnhofs. Das ist ohnehin ein heikler Punkt, denn dort ist alles zu eng für die durcheilenden Massen, und es stoßen außerdem Szenen zusammen, die sonst kaum Berührung haben. Die Junkies, die von der nahen Methadon-Ausgabestelle kommen oder dort mit Dringlichkeit hinmüssen. Die Taumelnden aus der Alkoholszene. Die irritierten Touristen. Dazu die Massen der Berufstätigen in Zeitnot, die es drängt, nach Hause oder zur Arbeit zu kommen. Dazwischen Schulklassen, Pfadfindertrupps, christliche Missionare, ein Drehorgelmann und Handwerker, die irgendetwas am Bahnhof aufreißen wollen, sowie Dekorateure, die Plakate und Zeug montieren oder wieder einsammeln.

Man steht in einem Wimmelbuch.

Ein Sticker: Ramba Zamba

Vom angrenzenden Steindamm kommen unentwegt Menschen dazu, die wiederum für Gäste, welche Großstädte nicht gewohnt sind, ungewohnt international ausfallen. Die teils auch staunenswert gekleidet sind, wenn man das alles nicht kennt. Die Ampel an dieser Ecke ist die einzige mir bekannte Stelle in dieser Stadt, die etwas nach New York aussieht. Nach never sleeping, nach Melting Pot, nach Metropole und nach stattgehabter Globalisierung.

Ein Sticker: Lieber für die Stadt

Dann gibt es noch eine Sondergruppe, die aber ziemlich auffällig ist: All die Ankommenden aus anderen Gegenden und Städten nämlich, die hier mit sichtlicher Begeisterung zum ersten Mal auf E-Roller stoßen, die man mieten kann. Und die dann auf so ein Ding steigen und entsprechend unbeholfen erste Runden drehen. Gar nicht so selten mit klaren Misserfolgen, die an Wänden, Laternen oder anderen Menschen enden.

All das verwirrt verständlicherweise viele, die dort entlanggehen oder die gerade wartend herumstehen. Es lenkt sie ab, es lockt ihre Blicke fortwährend und mit Vehemenz in diese und jene Richtung, es kapert ihre Aufmerksamkeit.

Es fahren dort aber auch Autos und Busse entlang. Solche aus dem ÖPNV und solche von den Stadtrundfahrten. Kurierfahrer und Taxis sind ebenfalls zahlreich dabei, oft mit besonders flottem Fahrstil, um es noch freundlich auszudrücken.

Graffiti: Auf geht's ab geht's

Mit anderen Worten, die Wahrscheinlichkeit, dass man dort einen Unfall sieht, erscheint überdurchschnittlich. Tatsächlich habe ich dort schon viel zu viele knappe Szenen gesehen. Vor allem mit Junkies, die in etwa so bewusst über die Straße gehen, wie es auch Dreijährige tun.

Ein Sticker: Cars ruin cities

Nicht immer war es nur knapp, es gab auch noch Unerfreulicheres. Da sich aber der Verkehr weiter beschleunigt und rücksichtsloser wird, und da zwei komplett verkehrsregelfreie Gruppen noch relativ neu im Spiel sind – die E-Roller-Fahrer und die Kuriere der Lieferdienste auf E-Bikes –, wird es tendenziell weiter wilder, nicht besser.

Ein Sticker: Der Struggle so real

Der letzte Unfall, den ich sah und durch den ich auf diesen Text komme, ist gerade zwei Tage her. Und er passierte nicht da, wo ich es immer erwarte, also auf der Straße. Er passierte da, wo das Risiko für die Menschen, die noch zu Fuß gehen, immer größer wird, auf dem Fußweg.

Wo ein E-Bike-Fahrer mit erheblicher Geschwindigkeit eine Obdachlose, die vor einer Bäckerei bettelte, die also herumstand und nicht einmal in irgendeiner Form am Verkehr teilnahm, frontal und ungebremst umgebrettert hat. Er war gerade um eine Ecke vor der Bäckerei gebogen, offensichtlich ohne zu erwarten, dass dahinter jemand stehen könnte.

Und hier gibt es zwei Immerhins der eher traurigen Art, auch wenn sie dennoch als Immerhin-Faktoren durchgehen müssen.

Zum einen war die Obdachlose eine jener Menschen in Not, die alles anziehen, was sie haben. In ihrem Fall war dies besonders viel. Junge Menschen werden das Bild gar nicht mehr parat haben, aber für meine Generation gilt es noch, dass man das Michelin-Männchen assoziiert.

Sie wurde daher zwar durch den Aufprall umgeworfen wie ein Kegel, es ist ihr aber, soweit ich es mitbekommen habe, außer leichten Schrammen nichts zugestoßen. Wäre sie z. B. ein Kind gewesen, die Geschichte hätte man mit Sicherheit am nächsten Tag in der Zeitung nachlesen können.

Zum anderen stieg der Radfahrer sofort ab und kümmerte sich. Er beging also erstaunlicherweise keine Fahrerflucht, wie es mittlerweile auch üblich ist.

Immerhin, immerhin.

Irgendwann in den letzten zwei Jahren etwa, es ist mir neulich erst bewusst geworden und hat Bezug zu dieser Szene, hat sich meine eigene gefühlte Unfallwahrscheinlichkeit geändert. Während ich als Fußgänger mein Leben lang das Angefahrenwerden durch Autos für das Risiko schlechthin in der Stadt gehalten habe, kommen mir ein angreifendes E-Bike oder ein querschießender E-Roller mittlerweile viel wahrscheinlicher vor.

Und ich nehme an, ich werde auch dazu bald eine Statistik lesen, die es bestätigt.

Kreide auf Pflaster: Holzköpfe

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