Das Kulturprogramm am Montag fand ohne einen Termin statt, weil mir ein Termin dazwischenkam. Oder eher ein ausgedehntes Warten auf etwas, nämlich auf einen Paketlieferdienst. Der mir während der Anfahrt zahlreiche Updates schickte, denen zu Folge allerdings entweder mit dem Stadtplan oder mit dem allgemeinen Raum-Zeit-Gefüge etwas nicht stimmen konnte.
Denn der Fahrer war mal ganz in der Nähe meiner Wohnung, quasi vor der Tür, dann aber wieder nicht, und die Position wechselte unerklärlich schnell zum anderen Ende des Viertels. Er wollte mich in zehn Minuten erreichen, dann wieder in zwei Stunden, dann bis 14 Uhr, dann gleich, sozusagen sofort, dann doch bis 16 Uhr.
Je öfter ich auf die Benachrichtigungen sah, desto verwirrender wurde es. Ich vermute daher nun, es gibt analog zum Heisenbergschen Welle-Teilchen-Problem auch ein Kommen-Nichtkommen-Phänomen bei der Paketzustellung: Wenn man hinsieht, verändert sich das Ergebnis der Versuchsanordnung. Es ist die besondere Unschärferelation der Lieferdienste.

Aber es machte nichts! Und es kam auch gar nichts Wichtiges. Ich hätte auch einfach nicht hier sein können, es wäre fast egal gewesen. Ich habe nur eine irrational intensive Abneigung dagegen, Sendungen irgendwo abholen zu müssen. Obwohl der Ablageort meist im Kiosk um die Ecke ist, obwohl man dort nett ist und auch besonders großzügige Öffnungszeiten hat. Man kann es mir in dieser Hinsicht nicht recht machen, denn ich möchte Post unbedingt in meiner Wohnung bekommen und nicht irgendwohinmüssen. Ich bin postkonservativ.
Die Wohnung war währenddessen weiterhin leer, Buddenbohm allein zu Haus. Eine ungewöhnliche Situation. Ich verband das Warten daher mit einem intensiven Herumwohnerlebnis, und das war auch einmal schön. Setzte mich mal hierhin und mal dorthin, legte mich auf Sofas und Betten. Ich machte gar nichts, ich mietete gewissermaßen nur etwas bewusster als sonst.
Dann sah ich noch länger als sonst aus dem Fenster und dem Treiben auf der Baustelle zu. Ich hörte auch auf die schwachen Geräusche der Nachbarn, auf die Kirchenglocken und auf die Schreie der Möwen über mir.

Achtsames Warten also. Bestimmt gibt es schon Seminare und Bücher dazu, bestimmt verdient jemand Geld damit. Aber ich kann das auch ohne jede Hilfe, wie frisch bewiesen.
Ein urlaubsgemäßes Hörbuch fing ich dann noch beim Herumwandern zwischen den Räumen an. Kurz und betont entspannt war es. Vielleicht etwas zu entspannt, wie man gleich sehen wird.
Alex Capus: „Das kleine Haus am Sonnenhang“, hier die Perlentaucherseite dazu. Der Autor, dessen Romane ich gerne gelesen habe, liest es selbst vor, und es wird das erste Hörbuch sein, das ich im Tonfall der Schweiz gehört habe. Und was dieser Tonfall mit dem Text macht – das ist auch wieder so ein Denkabgrund, in dem man längere Zeit verbringen könnte, weil man die Frage doch auf alle Menschen anwenden kann, die Bücher geschrieben haben. Was macht es aus, wenn man Goethe hessisch denkt, Thomas Mann norddeutsch oder Tucholsky mit Berliner Einschlag? Es macht nicht nichts aus, um vorne anzufangen.

Das Buch enthält Erinnerungen, zu nicht geringen Teilen in deutlicher Nostalgie fast arkadisch verklärt. An die Neunziger Jahre, an ein kleines Haus in den italienischen Bergen und an dort verbrachte Urlaube und Rückzugswochen.
Da ich in den Neunzigern generell dabei war, wenn auch nicht in Italien, fand ich es trotz etwas betulicher, teils auch allzu schlichter, wenn nicht schon fast phrasenhafter Abschnitte interessant. Auch weil es für mich immer wieder faszinierend ist, wie lange die Neunziger her sind und welche Umwälzungen, gerade unseren Alltag betreffend, wir seitdem alle mitgemacht haben. Wie viel länger wir etwa damals für so vieles gebraucht haben. Teils unfassbar viel länger, siehe Kommunikation etc.
Ich habe dieses Phänomen etwa meinen Söhnen kaum erklären können, habe ich in den letzten Jahren bemerkt. Schon all die Stunden, in denen damals einfach nichts war – sie sind kaum darzustellen, wenn man dergleichen nicht auch selbst in ausreichendem Maße erlebt hat. Und das haben die Söhne nicht.
Wobei mir bei diesem Teil des Themas jede Nostalgie abgeht. Ich fand das nicht schön. Wenn man fragen würde, für wen man das Internet und die Beschleunigung der Nachrichten, die sozialen Medien etc. erfunden hat, ich würde mich melden, so viel Ehrlichkeit muss sein.
Ob das aber gut war, was da zunächst meiner Wunscherfüllung so offensichtlich diente, als alles Fahrt aufnahm und wir immer schneller mit immer mehr Menschen kommunizierten, daran sind mittlerweile bekanntlich Zweifel angebracht. Aber auch das ist mir gerade ein zu weites Feld.

Ich hätte das Buch zwischendurch fast abgebrochen, weil mir doch zu vieles darin redundant vorkam. Weil es zu oft Mitteilungen auf dem Niveau von „Jeden Morgen geht die Sonne auf“ gab. Entschieden zu oft. Ich war manchmal nahe am Drosten-Zitat: „Ja, ist gut jetzt.“
Er schreibt da aber auch über seinen Beruf, über das Schreiben und das Lesen. Wobei er zwar teils Meinungen vertritt, denen ich kaum folgen kann, aber bitte, man kann auf enorm viele Arten schreiben. Man kann also, um nur ein Beispiel zu nennen, auch ausdrücklich etwas gegen Notizen haben (John Irving sieht es ebenfalls so, habe ich in einer Doku gelernt), das ist in Ordnung. Ich lese oder höre jedenfalls meist mit Interesse, was andere über das Schreiben und Lesen zu sagen haben.
Und wenn er etwa notiert, dass man in Erzählungen und Romanen glaubwürdiger sein muss, als es die Wirklichkeit ist, dann finde ich das zumindest für mich anschlussfähig. Merke ich doch sogar beim Bloggen, wie surreal und unglaubwürdig die Wirklichkeit sich oft gibt, während man ihr schreibend zu folgen versucht und dabei dauernd denkt: „Das glaubt mir doch wieder kein Schwein.“

In den Neunzigern schrieb Capus selbstverständlich noch mit der Schreibmaschine. In seinem kleinen Haus in den Bergen heftete er die fertigen Seiten seines ersten Romans nach dem Tippen jeweils an einen Eichenbalken unter der Decke, um die Übersicht über den gesamten Text zu behalten. Schreiben war ein viel reellerer und greifbarerer Vorgang, als es heute der Fall ist.
Und, wie er auch notiert, das Tippen an der Maschine setzte damals ein ganz anderes Textdenken voraus, da man nicht so schnell wie heute alles wieder umbauen und permanent in zig Versionen neu und dabei variabel bleibend erzeugen konnte. Das Handwerk hat sich seitdem enorm verändert, das Schreiben ist fluider geworden.
Ob das aber etwas mit Qualität zu tun hat – das ist noch so ein weites Feld.
Ich hörte also dieses Buch, ich ging dabei ziellos entspannt in der Wohnung herum dabei. Und als der letzte Satz gesprochen war, klingelte es. Also sprach ich kurz zu mir selbst, während ich dem Boten die Tür öffnete:
„Siehste, und das eben ist genau das, was wir mit der Unglaubwürdigkeit der Welt meinen. Das geht doch so nicht.“

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