The last leaf on the tree

An einem Tag in dieser Woche, an dem ich nicht in Sachen Kultur draußen unterwegs war, weil mir sämtliche Termine nicht zusagten (es gibt ja auch nur rund 250 Angebote pro Tag in dieser Stadt da wird es schnell eng), habe ich mich lange mit Cover-Versionen von Tom-Waits-Songs beschäftigt. Von denen es eine wahre Unzahl gibt, man kann also eine Weile beschäftigt sein. Wenn man das möchte.

(Zugdurchsage: Reisende, die Tom Waits entweder nicht mögen oder überhaupt nicht kennen, können hier aussteigen, wir fahren weiter in dieser Richtung.)

Stunden, wenn nicht Tage, kann man also mit dem Hören zubringen. Und eine wahrlich gute Wahl ist das für einen verregneten, erzgrauen Oktobertag mit auffrischendem Südwest. Es waren Stunden, in denen ich nebenbei wieder staunte, wie unfassbar viele Songs der Herr geschrieben hat. Wie ungeheuer einfallsreich sein Gesamtwerk ist. Und, was vielleicht auch für ihn spricht, wie wenig Cover-Versionen ich ausgesprochen scheußlich fand.

Ich fand Versionen, bei denen ich gerne auch live dabei gewesen wäre. Etwa hier, wenn Camille O’Sullivan „All the world is green” interpretiert. Aber die Dame wird ja noch einige Male touren, nehme ich an, da geht vielleicht noch was.

Es gibt eine große Auswahl an Versionen in Soft-Jazz-Manier, die bei etlichen Songs sogar erstaunlich gut funktioniert. Das sind dann Stücke, die manchmal sogar klingen, womit ich Tom Waits aber nicht zu nahetreten möchte, als seien die Songs so gemeint gewesen, als hätte also vielmehr Tom Waits eigenwillige, betont schräge Cover eingespielt.

Nein, die Lieder waren sie nicht so gemeint, ich weiß. Und das ist auch gut so.

Als einsames Beispiel für das ganze Genre Lisa Bassenge mit „Blue Skies“:

Etwas flotter und poppiger, aber ebenfalls sehr gefällig singt Norah Jones vom „Long Way Home“:

Aber auch Songs, die sich für Varianten von „soft“ beim besten Willen nicht anbieten, finden ihren Weg hinüber ins Jazz-Lager. Wo sie von Diana Krall aufgegriffen werden, um nur ein Beispiel zu nennen:

Etwa an dieser Stelle der Suche begegnete mir auch eine angenehm entspannt wirkende Joan Baez. Deren alternde Stimme ich nun auch hören kann, im Gegensatz zu ihrer früheren, die mir immer zu durchdringend war.

Aber nichts gegen die verdiente Sängerin, versteht sich, es liegt nur an meinem Geschmack.

Oft sind auch die Performances interessant, nicht nur die musikalische Umsetzung, siehe etwa oben die O’Sullivan. Was aber auch gut mit Bette Midler zu illustrieren ist:

Dann die Versionen von Interpreten, die man ganz anderen Kontexten zuordnet. Mehrfach hatte ich beim Suchen und Hören diese „Ach guck, der oder die auch!“-Effekte.

So singt z. B. Tim Fischer hier von den kaputten Fahrrädern im Regen:

Ein kaputtes Fahrrad in einem Gebüsch

Das ist übrigens ein Lied, bei dem man zwanglos einmal eine Opernsängerin mit Elvis Costello verbinden kann. Warum auch nicht.

Oder hier, Ute Lemper nimmt sich des Grapefruit Moons an:

Dann gibt es die Aufnahmen, bei denen es mir gar nicht begreiflich ist, wieso ich sie nicht kenne. Wie das bloß zugehen kann? Es gibt z. B. ein ganzes Album „Ambros singt Waits“, und es ist mir noch nie vorher begegnet.

Hier seine Aufnahme von „Ruby’s Arms“ in deutscher Sprache:

Entgangen ist mir auch, dass Nancy Griffith gleich mehrere seiner Songs eingespielt hat, diese Verbindung hätte ich auch eher nicht vermutet. Womit ich ihr vermutlich Unrecht antue.

„San Diego Serenade“:

Und apropos Serenade, die gibt es auch von Curtis Stigers:

Aus dem Country-Lager fand ich Willie Nelson weniger überraschend als die Griffith, er schien mir vielmehr gleich zu passen:

Wenn ein Tom-Waits-Song noch geistreicher wirken soll, als er es ohnehin oft schon in der Originalversion ist, wenn er irgendwie kultivierter rüberkommen soll, feiner und gehobener, zumindest für die Ohren eines deutschsprachigen Publikums, dann hört man sich einfach einmal eine französische Version an.

Und schon klingt es, als müsse man einen guten Rotwein dazu trinken.

Aus „I hope that I don’t fall in love with you“ wird dann “J’espère de pas tomber en amour avec toi”. Fred Pellerin:

Zum Schluss dieser kleinen Sammlung wird der französische Titel noch ein Land weiter gereicht und in die nächste Fremdsprache übertragen, jedenfalls aus norddeutscher Sicht: „Verlieb‘ die ned“.

Noch einmal Wolfgang Ambros, denn ich finde, er hat seine Übersetzungen, Übertragungen und Versionen hervorragend und verdienstvoll hinbekommen:

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