Vor dem neulich besuchten Museum für Kunst und Gewerbe sah ich oft schon den Duschbus der ehrenwerten und verdienstvollen Initiative „Go Banyo“.
Sie betreiben dort mit dieser Initiative etwas, wie sie selbst sagen, für das es gar keinen Bedarf geben sollte. Aber so, wie die Wirklichkeit gerade beschaffen ist, ist die Nachfrage nun einmal da. Und es stehen dort also obdachlose Menschen an, um eine Dusche benutzen zu können – niedrigschwellig wohlgemerkt, also einfach so.
Präzise ausgerichtete und praktische Hilfe ist das, ein sympathisches Konzept.
In einem der Instagramposts dieser Gruppe las ich, was die Hamburger Sozialbehörde gerade zum so dringend benötigten Winterprogramm für obdachlose Menschen in dieser Stadt beschlossen hat (hier Link zu Instagram): Es wird keine anonymen Übernachtungen mehr geben, es werden Pflichtberatungen eingeführt und Menschen aus anderen Ländern sollen bei der Rückkehr „unterstützt“ werden – die Anführungszeichen habe ich aus dem Posting von Go Banyo übernommen.
Diese Beschlüsse eines immerhin rotgrünen Senats scheinen gut in den allgemeinen Trend zu passen. Kontrolle und Druck sind die Mittel der Wahl für den Umgang mit allem, was aus welcher Perspektive auch immer irgendwie „unten“ zu verorten ist. Es zieht sich durch viele Themenfelder der Politik so durch. Ganz egal, wie die Forschungslage bei bestimmten Fragen und Problemen ist, was Erfahrungsberichte aussagen, was Best Practice ist etc.
Im Grunde ist es eine Art eskalierendes Eltern-Ich, welches wir da gesellschaftlich zelebrieren, und keineswegs nur in diesem Land. Ein Eltern-Ich, dem die anderen seltsam ungezogen und auch unwillig vorkommen und außerdem so, als müsse man dringend die regelnden Erziehungsmaßnahmen intensivieren. Als müssen man permanent korrigieren, strafen, drohen und richten. Wie Kempowski gesagt hätte: „Wind von vorn“, aber als Lösung für alles.
Oder vielleicht sind nicht gerade wir es, die bei diesem Trend mitmachen – aber es ist doch ein entscheidender Teil der Gesellschaft. Nicht eben wenige stimmen dem zu, auch per Wahlzettel.

Die Lage ist währenddessen so, dass es draußen kalt geworden ist. Nass auch, windig und alles, fortgeschritten ungemütlich. Oktober eben. Es wird also wieder erheblich schwerer, auf den Straßen zu schlafen oder sich dort überhaupt lange aufzuhalten.
Das damit verbundene und immer weiter anwachsende Elend ist hier nicht zu übersehen. Man muss nur kurz vor die Tür gehen und sich umsehen. Wobei ich dieses „kurz“ wörtlich meine, denn den ersten Menschen im mehr oder weniger nassen Schlafsack sehe ich verlässlich im Umkreis von nur hundert Metern.
Neu ist in diesem Jahr, dass die Zahl der bettelnden Menschen in der Stadt, zumindest in der Mitte der Stadt, noch einmal deutlich gestiegen ist. Auch die der bettelnden Menschen in deutlich großer Not. Weil sie Hunger haben, weil sie frieren, Drogen brauchen oder auf welche Art auch immer komplett am Ende sind. Der Möglichkeiten sind viele.

So dass es jetzt gerade normal wird – und deswegen berichte ich es –, dass man bei einem Gang durch die Innenstadt oder durch unser Viertel, und zwar auch bei einem Gang mit überschaubarer Länge, einer zweistelligen Zahl von bettelnden Menschen begegnet. Die ich deswegen einmal beispielhaft schildern möchte, weil nicht alle so etwas mitbekommen können. Je nach Wohnort etc. leben wir eben in verschiedenen Welten.
Stellen Sie sich also bitte vor, Sie gehen hier irgendwo längs, sagen wir durch eine Fußgängerzone und auch eben durch den Hauptbahnhof, und es steht Ihnen nach ein paar Metern schon ein Mensch dezent im Weg. Das klingt erst einmal wie ein Widerspruch in sich, aber das geht. Man kann auf eine zurückhaltende Art im Weg stehen. Nur so halb im Weg, nur angedeutet im Weg, wie versuchsweise. Zögerliche und zurückhaltende Zudringlichkeiten, so kann man es wahrnehmen.
Der Mensch da vor Ihnen ist vermutlich als obdachlos zu erkennen. Zumindest meinen Sie das. Vielleicht auch als Junkie, wofür es gewisse körperliche Anzeichen gibt, bestimmte typische Bewegungsmuster auch.
In der Mitte des Körpers ist er leicht eingekrümmt: Er macht sich klein. Er sieht vielleicht auf den ersten Blick schon verzweifelt aus, er weint vielleicht und das nicht eben selten. Er ist vielleicht auf eine Art in einer Notlage, dass sein Gesichtsausdruck die Verzweiflung so deutlich spiegelt, als würde er das Elend in einem Stummfilm darstellen.
Und er oder sie spricht sie an.
Betont freundlich werden Sie da angesprochen, überaus freundlich, teils mit seltsam altmodisch wirkenden Höflichkeitsformen. Männer, die sich vor einem verbeugen oder die ihre Hand ans Herz legen. Frauen, die in marienhafter Geste bittend die zusammengelegten Hände heben. So etwas.

Fast immer sprechen sie leise, diese Menschen am Wegesrand. Denn sie wollen eigentlich gar nicht stören und auch nicht auffallen. Oder doch nur gerade so viel, dass sie von einigen wenigstens wahrgenommen werden, von einigen aus dem endlosen Strom der Passanten. Vielleicht von jeder fünfzigsten oder hundertsten Person oder dergleichen, ich weiß es nicht.
So leise sprechen sie jedenfalls oft, dass man, wenn man selbst vielleicht gerade in einem Gespräch mit der Begleitung ist oder auch über Kopfhörer und Smartphone telefoniert, wenn man vielleicht auch nicht einmal genau hinsieht, weil man sich auf anderes konzentriert, nur so etwas wie eine raunende Gespensterstimme mitbekommt. Ein schnell verwehendes Flehen im Vorbeigehen.
Und es ist durchaus möglich, dass Sie erst fünf Meter später realisieren, was das gerade war. Diese merkwürdig undeutlich wirkende Erscheinung, die Sie da von der Seite her angesprochen hat.
Ich notiere dies, weil es in dieser Ausprägung neu ist und weil es weiter eskaliert. Bettelnde Menschen, das waren lange Zeit in meinem Erleben fast ausschließlich die, welche am Rand des Weges saßen oder knieten, Becherchen und Pappschild daneben. Das war so ein Standardbild.
Außerdem jene, welche in der S- oder U-Bahn mehr oder weniger gelungene Musik machten.
Aber es ändert sich gerade gründlich. Und ich nehme an, es gehört zu diesen Veränderungen, die einem oft erst im Rückblick bewusst werden. Bei denen man eher irgendwann plötzlich die Erkenntnis hat, dass es doch früher nicht so war. Und dann erst überlegt man, wann dieses Früher eigentlich war und wie lange und auch wo genau es gegolten hat.
In diesem speziellen Fall kann ich das Früher sogar benennen. Und ich nehme stark an, wir alle im Stadtteil können es. Denn eindeutigerweise gab es zu dem sprunghaften Anstieg der Verelendung mit Beginn der Pandemie niemals einen Gegentrend. Es wird seitdem zuverlässig schlechter, es geht seit etwa sechs Jahren eher steil bergab.
Und Entwicklungen wie die oben geschilderten Beschlüsse der Sozialbehörde scheinen mir nicht in eine Richtung zu weisen, in der es für die Betroffenen bald wieder aufwärtsgeht.
Mein Pessimismus oder Fatalismus ist aber nicht umfassend, denn ich denke weiterhin: Es könnte die Richtung aufwärts geben. Es gibt Möglichkeiten.

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