That’s how the light gets in

Ich las hier den einleitenden Satz „Die neuen Nachbarn haben sich nicht vorgestellt“. Wobei mir erst auffiel, dass ich noch aus einer Zeit komme, in der man das tatsächlich noch gemacht hat. Auch in Großstädten, und zwar auch in Häusern mit etlichen Parteien, wie etwa in diesem, in dem ich wohne. Von Tür zu Tür zog man dabei, wie heute etwa ein Parteimitglied in der heißen Phase des Wahlkampfes, und warb um Sympathien. Nur ohne Flyer dabei zu haben. Und weitgehend auch ohne Programm.

Ich weiß nicht, wie viele Jahre es her ist, dass dergleichen hier zum letzten Mal vorkam. Wir wohnen nun seit 19 Jahren hier und die Erinnerung ist ungenau. Es hat sich in dieser Zeitspanne aber auch die Geschwindigkeit erhöht, mit der die Wohnungen in der Stadtmitte gewechselt und durchgetauscht werden. Immer öfter wurde aus- und eingezogen, es kamen auch die Airbnb-Varianten auf und wurden, wie legal auch immer, um uns herum durchgezogen.

Ein beleuchtetes Zimmer-frei-Schild an einem Hotel

Dazu könnte ich vermutlich eine perfekt passende Statistik finden, wenn ich diesen Ehrgeiz denn hätte. Dem ist aber gerade nicht so, denn der Regen auf dem Dachfenster macht bequem, es ist so ein angenehm sedierendes Geräusch.

Nächtlicher Blick durch eine Fensterscheibe im Regen auf Lichter in Häusern gegenüber

Heute würde man jedenfalls den aus der Zeit gefallenen Menschen, der sich von Tür zu Tür klingelnd und dabei vorstellend durchs Haus bewegt, vermutlich gleich für komplett irre halten. Das ist auch so ein Wandel, den man eher nicht mitbekommt, während er passiert. Erst im Rückblick fällt einem so etwas auf. Und wie man es auch finden mag, es ist wieder eine Veränderung, die von sozialen Kontakten im Umfeld wegführt.

Soziologinnen und Soziologen könnten dies aus dem Stand noch weiter, viel weiter ausführen.

Im gleichen Blog, nur einen Absatz weiter, wird noch gefragt, ob es eine Eierkrise gebe, die Regale im Supermarkt seien gerade so leer … In einem Kommentar darunter kommt dazu ein erhellender Hinweis.

Die Frage erinnerte mich an das alte Stichprobenproblem und den Zufall, an ein Thema, zu dem ich auch gerade ein Erlebnis hatte. Und zwar ging ich da durch die Innenstadt und mir kamen Menschen mit Maske entgegen. Wie damals, gestandene Pandemieteilnehmerinnen erinnern sich sicher noch. Wenn auch vielleicht ungern.

Menschen mit Maske sieht man nach wie vor ab und zu in der S- oder U-Bahn, manchmal auch in Geschäften. Zur Grippe-Saison sieht man jeweils einige mehr davon, nach meiner Beobachtung sind es aber nie wirklich viele. Sind sie also nie bildbestimmend, bleiben sie stets eher am Rande vorkommend, eine Splittergruppe.

Jetzt kamen mir aber mehr und mehr Menschen mit Maske entgegen, und zwar auf offener Straße. Nicht gerade Hunderte, aber doch so viele, dass es auf einmal ein nennenswerter Anteil der Passanten war, eine auffallende Deutlichkeit im Stadtbild. Da es keine japanische Reisegruppe war, fragte ich mich kurz und keineswegs nur scherzhaft, ob ich meinen Nachrichtenkonsum in letzter Zeit vielleicht doch etwas zu sehr eingeschränkt hatte, und ob nicht am Ende …

Es war dann aber nichts. Es war nur ein Zufall, es war ein weiterer von vielen, vielen Stichprobenfehlern. Wenn man sich damit schon einmal interessiert beschäftigt hat, merkt man manchmal förmlich, wie das Hirn gegen das nüchterne Faktenwissen und die Erkenntnislage rebelliert. Weil es unbedingt – unbedingt! – möchte, dass die Wirklichkeit so ist, wie es sie gerade hochrechnet. Und zwar jetzt, in diesem Moment, auf diesem Meter Straße. Etwas im Hirn weiß zwar, dass anekdotische Evidenz wenig beweist, aber diese Evidenz hier, die muss irgendwie anders sein. Man sieht es doch!

Und dann muss man wieder als innerer Erklärbär beruhigend auf sich selbst einreden. Weil man es als aufgeklärter Mensch doch etwas besser weiß als das eigene Hirn, und man darf sich dabei um Gottes willen nur am Rande fragen, wer bei diesen Gedankengängen im eigenen Kopf eigentlich gerade mit wem spricht.

Ja, nur am Rande darf man sich das fragen. Man merkt sonst so unangenehm deutlich, dass das berühmte Leonard-Cohen-Zitat vom „crack in everything“ auch für den eigenen Schädel gilt.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Reinlesen, Behalten und Weggeben (3)

Dann las ich etwas in „Das böse Mädchen“ von Mario Vargas Llosa, Deutsch von Elke Wehr. Ein Roman eines würdevollen Nobelpreisträgers immerhin, auf der Einbandrückseite wird er auch erstaunlich euphorisch umjubelt. In der Wikipedia wird die Reaktion der Kritik deutlich anders zusammengefasst: „Zu den Kritikpunkten zählten die flache Zeichnung der Figuren und die mangelnde Darstellung ihrer Motivation. Außerdem wurden die häufigen Wiederholungen bei Personenbeschreibungen und innerhalb der Handlung kritisiert. Die erotischen Szenen seien linkisch und aus der Perspektive eines Biedermanns beschrieben.“

Das Buch "Das böse Mädchen"

Wozu festzustellen ist: Das ist zutreffend. Leider besonders der letzte Satz. Fortschreitendes Fremdschämen beim Lesen, so etwas lese ich sicher nicht bis zum Ende durch. Zumal die Sexszenen immer schlimmer werden und immer peinlicher ausgeführt werden. Sprachlich arg bemüht, aber vollkommen erfolglos. Ein fürchterlich schlechtes Buch. Man wird den Verdacht nicht los, dass der Autor es nur geschrieben hat, um diese Sexszenen tippen zu können, denn das böse Mädchen erfüllt sonst keine Funktion und die Handlung ist mekwürdig sinnlos, trägt nur gerade von Bett zu Bett.

Es wäre auch gar nichts dagegen einzuwenden, wenn sie wenigstens toll oder sogar aufregend zu lesen wären, diese so angestrengt herbeifantasierten Liebesszenen, aber ach.

Ich hörte danach die Lassie Singers zur Entspannung. Nämlich den wichtigen Song, der das Wort „Körpergebirgsergriffenheitssex“ und die fundamentale Schlussfrage „Liebe – was soll das“ enthält.

Almut Klotz habe ich damals noch live auf Lesungen erlebt, das ist ein reelles Immerhin des Tages, heute einmal aus dem Kulturbereich. Sie gründete auch, es ist ein wunderschöner Bogen zurück zum eingangs erwähnten Buch mit dem bösen, also im patriarchalen Sinne losen Mädchen, das Plattenlabel „Flittchen Records“. Wie passend ist das denn.

Ganz anders ging es danach weiter mit Bernard Cricks Orwell-Biografie. Sie ist leider nicht mehr lieferbar, habe ich gesehen, aber wenn Sie sich für entweder Orwell, für Biografien oder aber für englische Literaturgeschichte interessieren, wird es sich für Sie lohnen, das Buch doch irgendwie aufzutreiben. Denn mit welch beeindruckender Akribie hat der Autor das alles erarbeitet, enorm gründlich ausgebreitet und dabei gut lesbar dargestellt, wie man es so oft bei englischen Sachbüchern findet.

Es geht auch wieder viel um das bei mir im Blog so beliebte Thema „Zeugen und Wirklichkeit“. Etwa wenn es um die Schulzeit von Orwell geht. Die er später als abgrundtief schrecklich beschrieben hat, was diverse Zeugen dann aber heftig und auch argumentreich bestritten haben.

Kann der berühmte Autor es dennoch richtig erzählt haben, ist das möglich? Hat er sich die Wirklichkeit im Nachhinein im unzulässigen Maß zurechtgebogen und wenn ja, wer legt das Maß dafür fest – und macht es überhaupt etwas aus? Macht es uns etwas aus?

Das Buch "George Orwell"

Widersprüche dieser Art werden derart gründlich verhandelt und abgewogen, ich fand es besonders faszinierend. Ganz unerwartet gerne gelesen, dieses Buch.

John Galsworthy (Wikipedia-Link) halte ich, wie schon manchmal erwähnt, für eher zu Unrecht früh vergessen oder zumindest vernachlässigt. Seine Bücher, etwa die Forsyte-Saga, stellte ich beim Wiederreinlesen fest, behalte ich noch, und besonders die Saga würde ich auch nach wie vor in jeden Kanon mit aufnehmen.

Unbekannt war mir dagegen bisher „Der Patrizier“, aber ich mag seine Bücher vermutlich fast alle. Immer her damit, es sind noch welche übrig.

Das Buch "Der Patrizier"

Mein Assoziationsvermögen wirft bei der befremdlichen Kombination des betont feinen Galsworthys einerseits und dem zwielichtigen „Bösen Mädchen“ andererseits eine ferne Plattenerinnerung aus.

An ein altes Album der herrlich verrückten Sparks (Wikipedia-Link), nämlich „Indiscreet“ von 1975, auf dem das abgedrehte Stück „Under the table with her“ war. Welches ich, warum auch immer, nach wie vor mitsingen kann, wie ich gerade feststelle, offensichtlich sind es ewig abrufbare Zeilen für mich. Fantastische Lyrics, damals habe ich sie mir noch mit dem dicken Oxford Dictionary aus der Schule in der Hand übersetzt, wie son Steinzeitmensch:

Nobody misses diminutive offsprings

Not when there’s big wigs there, there

Dinner for twelve is now dinner for ten

Cause I’m under the table with her, her

I give a yelp and they throw me a cutlet

Somebody pets her hair, hair

Everyone’s nice to the subhuman species

I’m under the table with her.

People all around the world are having only rice and tea

Two of them should come and take the place of Laura Lee and me.“

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

Luftig und leicht, liegend und knurrend

Da ich neuerdings, wie man es im Büro so unangenehm ausdrücken würde, ungemein erfolgreich an meiner Say-Do-Ratio arbeite, war ich nach dem Tippen des letzten und deko-orientierten Textes sofort auf einem Flohmarkt.

SOFOCHT, wie Isa es in solchen Momenten auszudrücken pflegt. Und zwar war ich bei dem saisoneröffnenden Flohmarkt am Museum der Arbeit im fernen Barmbek, noch am Ostermontag. Wo es aber entschieden zu voll und zu kalt für mich war, und beides auch sehr.

Der Osterbekkanal in Barmbek

Weswegen ich der Angelegenheit schon nach wenigen Minuten wieder den Rücken kehrte und stattdessen am Osterbekkanal entlang podcasthörend nach Hause ging.

Bei, wie hieß es im Wetterbericht so treffend, „rasch nach Hamburg einfließender Polarluft“. Wonach es sich auch überdeutlich anfühlte, zumal mir diese Luft mit einer solchen Vehemenz entgegenkam, dass sie sich wie ein besonders scharfer Fahrtwind beim Gehen anfühlte. Dabei gehe ich zwar stets zügig, aber so schnell nun auch wieder nicht.

Segelboote auf einem Steg an der Außenalster

Ich ahnte dabei schon, dies könnte vorerst der letzte Kaltlufteffekt dieser Art sein. Vielleicht sogar bis Oktober oder November, man wird ja kurz hoffen dürfen. Und das war es dann erst einmal mit polar und arschkalt und dergleichen. Nachdem dieser Wind durchgefegt hat, kommt hier der tatsächliche Frühlingseintritt, echtjetztmal.

Jedenfalls aber war ich dort gewesen, unter Menschen und auch draußen sowie an einem Ziel, daher war ich ausreichend zufrieden mit mir selbst. Manchmal ist es einfach, man muss im Grunde nur die Genügsamkeit und die Ansprüche passend einpegeln.

Ein blühender Baum an der Außenalster

Am nächsten Tag dann bereits der Triumph der Rechthaberei, denn die Luft war auf einmal anders, das Licht auch deutlich milder. Die Blüten an den Zierkirschen irgendwie schöner, intensiver und leuchtender und die Fußgängerzonen auf einmal voller Übergangsjäckchen in ungewohnter Farbgebung.

Am Rande die Beete, in denen die Hunde nun zwischen aufblühende Tulpen kackten, so schnell kann es nämlich gehen.

Blicm auf die Binnenalster durch blühende Kirschzweige

Sichtbar zunehmende Leichtigkeit und Luftigkeit also im Stadtbild. Ich aber plagte mich mit dem herum, was man früher Lumbago genannt hat. Das sagt allerdings kein Mensch mehr, glaube ich, obwohl es viel besser und auch würdevoller ist ist als die Bezeichnung Hexenschuss. Laut Wikipedia auch als Albschoss oder Mahrschuss bekannt, beides habe ich sicher noch nie gehört. Lumbago kommt von lateinisch lumbus, die Lende, und lumbus, das klingt doch zweifelsfrei wie ein lateinisches Schimpfwort. Du elender Lumbus.

Ich assoziiere Lumbago vage mit den Romanen von Eric Malpass, damals in der Kindheit habe ich die gelesen, mit dreizehn Jahren vielleicht. „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ und die Folgebände. Ich weiß aber nicht, ob diese Assoziation tatsächlich eine verlässliche Brücke ist oder eher in die Irre führt.

Englische Greise jedenfalls, die grummelnd und fluchend den Tee bockig in ihrem Zimmer trinken und partout nicht zur sorgenden Familie herauskommen wollen. Die auch nicht mit den Enkeln spielen wollen und vollkommen ungehemmt übellaunig sind, denn sie haben ja ihr Lumbago, und das berechtigt zu so etwas. Gepöbel durch geschlossene Türen, und man hat allgemein Verständnis dafür.

Bettruhe wird bei Lumbago nicht empfohlen, lese ich noch eben nach, als ob ich das noch nie gehabt hätte. Wohl aber „lockeres Gehen“. Woraufhin ich am frühen Abend einen Dennoch-Spaziergang der mühsamen Art runter zur Alster unternehme. Einen kleinen Gang, auf dem ich etlichen Menschen begegne, die sich vermutlich, kaum dass sie mich passiert hatten, so etwas sagten wie etwa:

Der sah aber nicht sehr locker aus, der krumme alte Mann da! Und dazu dieses garstige Gegrummel! Wie bei Waldorf und Statler, so sah der aus, nur leider ohne die Komik. Ganz schlimm, diese Typen, so möchte man ja auch nicht werden!“

Fluchend ging ich nach überschaubarer Wegeleistung wieder nach Hause und ächzend ab in die ausdrücklich nicht empfohlene Bettruhe. Aber eben als Trotzhandlung, und dann macht es bekanntlich gleich noch mehr Spaß. Und vielleicht, dachte ich, nachdem ich eine allerdings etwas seltsam anmutende Haltung gefunden hatte, in der endlich nichts mehr wehtat, macht es auf diese Art auch viel mehr Spaß als sonst. Als jemals!

Denn die Reaktanz hat bei mir eine Wirksamkeit, die kann kein Motivationstrainer jemals ereichen.

***

Dieser Text wurde liegend und knurrend geschrieben. Wenn er anders klingt als sonst, wird es sicher nur darauf zurückzuführen sein.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Die Deko für die nächsten Jahre

Neulich, als ich auf der Suche nach mehr oder auch neuem Sinn wieder bei der Raufaser direkt vor mir begann, fiel mir auf, dass dort auch ein Bild hängen könnte. Genau dort, wo die weiße, körnige Wirklichkeit begann. Und zwar eines, welches womöglich noch zu erwerben, zu finden sei. Umdekorieren und anders, irgendwie optimiert handeln in Lebenskrisen und Umbrüchen aller Art. Es naht immerhin auch ein Geburtstag mit markanter Null: Man kennt das.

Eddingschrift an einem Verkehrsschildmast: "Sad n happy"

In meinem Alter muss man nur unbedingt von den Eingriffen à la Aschenbach bei Thomas Mann absehen. Die gefärbten Haare und die Reisen nach Venedig, das exaltierte Gebaren lasse ich also bewusst und bemüht aus, ebenso wie die gegenteilige Variante des allzu lässigen Gehenlassens.

Obwohl ich zu der eine gewisse, situativ erklärbare Neigung spüre. Wenn ich ihr auch nicht nachzugeben gedenke. Zeilen wie die von Nick Lowe aber, in seinem Song „Lately I’ve let things slide“, ich fühle sie durchaus:

„Smoking I once quit

Now I got one lit …”

Wüsste ich nicht, dass die Nikotinsucht bei mir ein äußerst schwer zu bekämpfendes Monster war, ich wäre gerade erheblich in Versuchung.


„That untouched take-away

I brought home the other day

Has quite a lot to say“

Doch, ich mag den Text des Songs und ich stimme dem YouTube-Kommentar unter dieser Performance zu: „The kind of effortless brilliance it takes a lifetime to achieve.“

Aber wie auch immer, diese beiden Varianten sind also nicht anzustreben, okay. So ein Bild an der Wand dagegen, an jener Wand, die ein Sohn gerade erst frisch gestrichen hat, mit bemerkenswert gutem Ergebnis sogar … Das kann man doch machen. Dachte ich.

Ich fuhr daher nacheinander zu den beiden Stilbruchläden. Das sind die Geschäfte, in denen die Hamburger Müllabfuhr das verkauft, was man früher, die Älteren erinnern sich, noch mit etwas Glück auf dem Sperrmüll gefunden und bejubelt hat. Lange Zeit noch habe ich Gegenstände und Möbel aus diesem Fundus direkt am Straßenrand besessen, und es waren nicht die schlechtesten im Haushalt. Aber gut, es war auch Zeug vom Sperrmüll in Eppendorf, Ende der Achtziger Jahre. Das waren aus heutiger Sicht paradiesische Zustände, das war ein El Dorado der gebrauchten Gegenstände, in dem man dort mit wenig Suche viel finden konnte.

Heute findet man zweifellos Großartiges bei Stilbruch, und enorm günstig ist es teils auch, was besonders für die Möbel gilt (keine bezahlte Werbung, nein). Man muss nur oft genug hingehen, um etwas mitnehmen zu können. Passende Bilder für mich gab es diesmal aber nicht.

Es waren Ölgemälde da, darunter beträchtlich große, die ganz okay gewesen wären, wenn ich sie geerbt hätte. Wenn also irgendein nachvollziehbarer Bezug dabei gewesen wäre, von mir zum abgebildeten Fachwerkhaus in attraktiver Landschaft, zum röhrenden Hirsch, zum würdevollen Großonkel, zum Dreimaster im Sturm oder zum abenddunklen Teich am Dorfrand, komplett mit Mondspiegelung im schwarzen Wasser und Sternengefunkel darüber.

Aber das sagte mir alles nichts. Das wäre wie die Deko in einer Fernsehserie gewesen, wo einfach irgendwas an den Wänden hängt, mit der lapidaren Anweisung im Drehbuch: Ölbilder, alt. Das wollte ich so nicht. Und erinnerte mich noch beim Betrachten der Gemälde dieser Art an meine Antiquariatszeit, in der es manchmal Requisiteurinnen als Kundinnen gab. Die große Mengen Bücher kauften, gerne auch die teuren, vielbändigen Gesamtausgaben in Leder, auf denen man sonst Jahrzehnte sitzenbleiben konnte. Und die beim Preis nicht einmal zuckten, höchstens kurz spöttisch lächelten.

Es brachte uns dringend benötigtes Geld, denen das Zeug zu verkaufen, aber es tat auch ein wenig weh. Denn man war doch, wenn man in einem solchen Laden arbeitete, kulturell ein wenig ambitioniert. Das fanden sie erheiternd, diese biestigen Requisiteurinnen, diese zynischen Ausgeburten der Gegenwartsunkultur. Als solche kamen sie uns zumindest vor, Varianten von Cruella de Vil aus der Deko-Abteilung waren es für uns. Den Goethe, den Lessing und den Novalis haben wir ihnen aber dennoch eingepackt, versteht sich, und die Scheine haben wir dafür gerne angenommen. All die schönen und teils wertvollen Bände haben wir ihnen eingepackt, in große Bananenkartons. Buchrücken, die dann viel später in einem Fernsehkrimi zwei Minuten lang zu sehen waren, im Hintergrund einer Landhausszene.

Es gab auch Ölgemälde in den Stilbruchläden, die ich ironisch hätte aufhängen können. Aber man wächst irgendwann aus dem Alter raus, in dem man Räume noch ironisch dekoriert. Ich möchte auch hierbei annehmen, Sie kennen das.

Und es waren einige Ölgemälde da, die hatten einen Rechtsdrall. Nicht in der Pinselführung, wohl aber in der ideologischen Ausrichtung: Sehr strammer Bauer in besonders aufrechter Haltung mit flachsblondem Sohn an der schützenden Hand, und ernst winkt die Mutter am Feldrand, auf den hölzernen Rechen gestützt. So etwas.

Ein schlechtes Ölbild, eine Puppe neben einem Blumenstrauß darstellend

Dann waren viele Fotos in großem Format da. Plakate gab es, die waren das Beste aus den Achtzigern, Neunzigern und Nullern. Und zwar waren sie das Beste aus den damaligen Plakatabteilungen bei Ikea, Karstadt etc. und womöglich auch noch von Quelle, Otto, Neckermann. Und was es noch alles gab.

Es wäre auch interessant, fiel mir dann beim Durchblättern ein, unser Land aus abgelegter Deko zu rekonstruieren. Wenn man in Läden wie Stilbruch das anlandende Angebot jahrelang mitschreiben, mitfotografieren und natürlich auch verschlagworten würde, welche Rückschlüsse auf uns alle ließe das wohl zu und welche Fragen würde das aufwerfen.

Warum hatten wir etwa, wo es doch hunderttausend Künstlerinnen und Künstler aus der so vielfältigen Kulturgeschichte zur Auswahl gab, ausgerechnet diesen unübersehbaren, etwas wahnhaften Van-Gogh-Fimmel. Und was sagt das eigentlich über uns aus.

Und warum richteten wir unsere Küchen stets den schnell wechselnden Moden folgend ein, einen Farb- und Materialtrend nach dem anderen dabei abarbeitend, hängten aber quer durch die Jahrzehnte immer wieder die gleichen schwarzweißen Bilder von kleinen französischen oder manchmal auch italienischen Bistros an die Wände über der Arbeitsplatte und dem Küchentisch. Wonach haben wir uns da gesehnt.

Auch das Aufkommen, Hochbranden und Abebben der Verehrung US-amerikanischer Unterhaltungskultur könnte man so darstellen: Elvis, die Beatles, James Dean, Marilyn Monroe, Tom Cruise, Springsteen und Madonna.

Und wäre es nicht auch interessant zu wissen, durch was das Amerikanische jetzt allmählich ersetzt wird? K-Pop und was noch?

Na, wie auch immer. Ich habe dann jedenfalls bei meinem Besuch entschieden zu viel gedacht und gar nichts gekauft. Es ist recht billig, auf diese Art zum Shopping zu gehen, aber es dekoriert dummerweise nichts. Und zuhause dann wieder lediglich die Raufaser an der einen Stelle, die durch meinen steten, bohrenden Blick schon ganz abgenutzt ist.

Ich gehe demnächst noch einmal dort nach Bildern gucken, glaube ich. Oder ich gehe auch einmal wieder auf Flohmärkte. Da war ich seit Ewigkeiten nicht mehr, das Thema hatte ich schon ganz abgehakt.

Aber anders und irgendwie neu handeln in Lebenskrisen, ich sage es ja.

“I got an urban dictionary

I got an MPC

So I can be young if I want to be

And I’m gonna need that shit obviously

If I’m to take on this hopeless world”

 

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Bienen, Kühe, Menschen und Esel

Am Sonnabendnachmittag gab es unerwartet den ersten Kaffee draußen, unter freiem Himmel, mit blendender Sonneneinwirkung, summender Bienenbegleitung und gefälligen Temperaturen. Der Wetterbericht hatte das vorher so nicht verheißen wollen, der Wetterbericht lag falsch.

Noch einmal gab es Torte von der Schwiegermutter für uns. Diesmal mit gleißendem Tageslicht auf den großen Kuchenstücken und Vogelsang aus den Büschen in der Nähe. Passend für einen Feiertag im Frühjahr.

Blühende Magnolie

Auch einen Spaziergang ohne Jacke unternahm ich direkt danach. Erstmalig in dieser Saison, wieder staunend über die Anzahl und Größe der Greifvögel, die in Nordostwestfalen über den Feldern patrouillierten. Auf den letzten Metern steigerte ich sicherheitshalber meine Geschwindigkeit, um der Abendkühle noch zu entkommen und die stimmungshebende Mai-Illusion des Tages nicht zu beschädigen.

Landstraße unter dunklen Wolken

Knapp habe ich es geschafft und kurz vor der rettenden Haustür habe ich mir das österliche Goethe-Zitat etwas umgewandelt und situativ angepasst: „Hier bin ich Mensch, hier lauf ich ein.

Schrift auf Asphalt: Ziel

In einer Ecke des Dorfes, in der ich noch nie war, habe ich dabei doch noch im Vorbeigehen einige Kühe gesehen. Da hat man es wieder, die Sache mit dem Wirklichkeitsausschnitt. Denn auch bei einem eher kleinen Dorf kennt man oft nicht das ganze Dorf. Ob die Kühe aber dort wohnhaft waren oder nur zwischen zwei Verkäufen dort standen, etwas seltsam zusammengetrieben in einem kleinen Hofstück, das weiß ich nicht.

Einen langen Text habe ich dann noch geschrieben. Der eher kein gutes Ende fand, der auch keine gute Stimmung verbreiten konnte und im Grunde auch keine gute Idee beinhaltete. Das brauchbare Ende dieses Gedankenganges, das ich zu Beginn der Niederschrift noch vage im Sinn gehabt hatte, es löste sich im Laufe meiner Schreibzeit auf und war schließlich nur ein Scheinriese von Wegweiser durch die Absätze.

Von dem fast nichts blieb, wie es bei Scheinriesen so ist, abgesehen von einem eher nüchternen, lapidaren letzten Satz.

Diesen Text habe ich am Abend dann versehentlich komplett gelöscht. Das Unterbewusstsein zog bei dieser Formulierung soeben kurz eine innere Augenbraue hoch, ich merkte es deutlich, aber mit wachem Verstand kann ich es mir jedenfalls immer noch nicht erklären, wo der Text geblieben ist. Und wieso er mit den normalen Methoden auch nicht wiederherstellbar ist.

Ich schreibe öfter Texte und meine, mich da ein wenig auszukennen. So etwas ist mir seit etlichen Jahren nicht mehr passiert, der unwiederbringliche Verlust von ganzen Seiten.

Aber weg ist weg, und dann soll das wohl so sein. Sagt man sich in solchen Momenten schließlich auch als eher nichtreligiöser Mensch. Der dem Numinosen auf diese leise Art heimlich doch ein wenig Platz einräumt. Hier und da, und auch nur bei passender Gelegenheit, versteht sich.

Aber unterm Strich eben doch. Darüber vielleicht auch mal länger nachdenken.

Einen Simenon aus dem öffentlichen Bücherschrank in Hamburg habe ich durchgelesen, „Der Mörder“. Ein besonders guter Non-Maigret-Roman, ein besonders bitterer auch. Ein verheerendes Lehrstück über den Einzelnen und die Gesellschaft, wenn man sich auf die Stimmung einlässt, braucht man seelisch ein Geländer. Es war jedenfalls ein passendes Gegengewicht zu den schokoladigen Ostersüßigkeiten, denn man muss es sich bekanntlich immer alles passend zusammensuchen.

Das Buch "Der Mörder"

 

Dann habe ich „Buridans Esel“ angefangen, ein Buch von 1968, Günter de Bruyn. Natürlich habe ich zunächst die Sache mit dem Esel sicherheitshalber nachgelesen, wobei ich aber feststellte, dass die berühmte Denkfigur Buridans Esel gar nicht von Buridan ist, wohl sogar eher gegen Buridan gedacht war.

Das Buch "Buridans Esel"

So zerfällt, was man halbwegs sicher zu wissen meint, kaum dass man bei irgendetwas genauer hinsieht, kaum dass man eine Minute lang recherchiert.

Und schon wird es wieder deep wie sonst etwas. Dabei hat man von dem Roman noch keine Seite gelesen.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Wie fast immer die arte-Dokus zuerst. Beginnend mit Joe Cocker, „Mad dog with soul”. Mit ihm verhält es sich etwas merkwürdig, denn ich würde seine Songs nicht bewusst auswählen und hören, aber im Bewegtbild finde ich ihn immer wieder beeindruckend. Eines seiner Konzerte hätte ich damals vielleicht besuchen sollen, aber zu retten, ach, zu spät. Das gilt so auch für manch andere Menschen auf großen Bühnen, die ich nun nicht mehr erleben kann.

Und, aber das nur nebenbei bemerkt, je älter ich werde, desto faszinierender und auch anziehender finde ich ohnehin das Jahrzehnt, aus dem ich komme, und in dem er bekannt wurde, die Sechziger. Von denen wir mittlerweile kulturell etwa zweihundert Jahre entfernt sind. Und gut ist das nicht, ganz und gar nicht.

Danach etwas im viel ernsthafteren Bereich, die Doku über Simone de Beauvoir und „Das andere Geschlecht“. Gelernt, wie außerordentlich pionierhaft ihr Buch war, das war mir in diesem Ausmaß peinlicherweise nicht bewusst. Und ich fand es folgerichtig, in der Sendung auch die Rassismusthemen aufzugreifen.

Ein Sticker an einem Briefkasten: "Akteurinnen für urbanen Ungehorsam"

***

Gehört: Im Musik-Podcast „Alles Interpretationssache eine schöne Folge über „The girl from Ipanema“ (33 Minuten).

Thematisch unerfreulich, aber immerhin interessant das Kalenderblatt zu Charles Manson, 15 Minuten.

Dann einige längere Stücke im Blomcast, das ist der Podcast des Historikers Philipp Blom. Ein Gespräch mit Ralph Janik über das Völkerrecht und den Krieg mit dem Iran, besonders ausführlich und gründlich, ausdrückliche Empfehlung. YouTube-Link (1:23). Außerdem die Folge über Innovationen, genauer über Gesellschaften in der Geschichte und ihre Haltung zur Innovation – hier entlang, 30 Min.

Eine Folge Radiowissen gab es noch: „Provokation in der Kunst – Vom Sinn des Tabubruchs“ (23 Min). Sie war informativer als angenommen, auch diese Sendung ist eine Empfehlung.

Bei Lesart hörte ich eine kurze (9 Min.) Sendung über „Healing Fiction“, eine Literaturgattung, die mir nicht bekannt war. Und die, es fiel Ihnen vielleicht auch gleich auf, von der Bezeichnung her ähnlich wie Romantasy zu meinen Third-Wave-Anglizismen passt. Ich nehme das für die nachste Sammelausgabe mit auf.

Schließlich eine Stunde bei der Zeit über die aktuelle Lage in Kuba: „Hier ist kaum noch Alltag möglich.

Ein Che-Guevara-Grafitti

Gelesen:

Zwei weitere Texte zur klassischen Musik und zu Konzerten, zum einen noch ein Besuch in der Elphi, zum anderen Fragen zum Deutschem Requiem von Brahms, die Patricia stellt. Viele Fragen hat sie, einige werden in den Kommentaren gleich beantwortet.

Und überhaupt ist es schön, dass sie wieder bloggt.

Ansonsten: Der Odenwald und der Mond. Da staunt man!

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Durch das Labyrinth

Die Fahrt nach Nordostwestfalen diesmal in mildgrauer Langeweile. Die Landschaft zeigte keinen Winter mehr und noch keinen rechten Frühling. Ein mäßiges Dazwischen links und rechts neben der Autobahn, ein landschaftliches Mittelmaß, das beklagenswert unambitioniert wirkte. Es war nicht warm und nicht richtig kalt, es war weder sonnig noch dunkel bedeckt. Norddeutschland war an diesem Tag nur eine vage Gegend und sonst gar nichts. Ab Achim immerhin wurde es geringfügig grüner am Straßenrand und zwischen den Spuren. Aber auch das nur zurückhaltend, in aller Dezenz, man musste schon genauer hinsehen. Ab Achim begann ein klein wenig Süden. Aber nur für die, welche aus dem Norden kamen.

Überraschend war, dass wir, dem Navi folgend, wiederum durch Dörfer fuhren, in denen wir vorher noch nie gewesen waren. Man sollte meinen, nach etwa 26 Jahren auf dieser Strecke müssten wir doch alle Wegvarianten allmählich absolviert haben? Dem ist nach wie vor nicht so. Niedersachsen zeigte sich vielmehr erneut als unendliches Labyrinth dörflicher Nebenstrecken. Das Navi legte mir wieder den Faden als moderne und wenig liebenswerte Version der Ariadne und ich fuhr ihm diesmal als unmotiviertester Theseus der Geschichte nach. Dabei hätte ich nicht einmal umreißen können, was in meiner eigenen, eher bescheiden ausfallenden Heldensaga gerade als Minotaurus zu definieren sein könnte.

Aber durchs Labyrinth kam ich schließlich dennoch heil durch. Und wie in Heldensagen üblich, zählt am Ende wohl nur das. Im Heimatdorf der Herzdame gab es dann zur Belohnung, denn Helden müssen etwas gewinnen, den von Schwiegermutter gebackenen Kuchen und auch Torte. Eine Tradition der besseren Art.

Ein Stück Torte auf altmodischem Teller

Danach ging ich durchs Dorf und sah mit dem wehen Staunen des Zeitzeugen, der es noch alles anders gekannt hat, dass es hier nun keine Kühe mehr gibt. Und es werden auch keine mehr nachkommen. Leer der Stall, verschlossen die Gebäude, verrammelt die Tore. Der Hof wird keinen Nachfolger mehr finden, die Viehhaltung hat hier, wie gerade in so vielen Dörfern, damit nun ein Ende gefunden. Nach wer weiß wie vielen Jahrhunderten.

Die Söhne gehörten zur letzten Generation, in der man als Kind noch mal eben beim Bauern nebenan hinterm Feld in den Stall gehen konnte. Sie waren die letzten, die dort noch Milch bekommen oder Futter verteilt haben, die dort Kälber direkt nach der Geburt gesehen und Mist, Tiere und Stroh unter kreisenden Schwalben gerochen haben. Die dort riesige Kühe mit zagen Händen gestreichelt haben und von ihnen dafür mit enthusiastischer Freundlichkeit und ungeheuren Zungen abgeleckt worden sind. All das.

Tempi passati. In diesem Dorf habe ich in den letzten Jahren die Gastronomie verschwinden sehen, die Läden, den Bäcker, die Apotheke, die Bank, die Poststelle.

Ein Stück Landstraße in leerer Gegend im Weitwinkel

Heu in Folie am Rand eines Ackers

Ein angegammelter Gartrentisch vor freiem Feld

Ein knallgelbes Dekoschaf in einem Busch

Aber Kartoffeln, Mais und Raps werden noch angebaut, soweit ich weiß. Und Rüben.

Vor der Kirche sah ich ein blühendes Kreuz aus Stiefmütterchen im Rasen. Falls auch das einer Tradition folgt, Blumen zu Ostern so zu pflanzen, ist sie mir nicht bekannt.

Aber ich kenne mich mit Kirchendingen auch nicht gut aus.

Ein Stiefmütterchenkreuz auf Rasen vor Kirche

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Wal, Wolf, Schwan und wir

Als es neulich so seltsam alliterierend wie sonst nur in gewissen Medien „Wal vor Wismar“ und „Wölfe im Hamburger Westen“ hieß, endete der eine Teil der Story damit, dass man einen Wolf am Jungfernstieg eingefangen hat, an der Binnenalster. Das ist hier um die Ecke, das liegt auf meiner täglichen Spazierstrecke. Nachdem das Tier vorher in Altona auf der Chaussee angeblich eine Frau gebissen hat, was mittlerweile aber bezweifelt wird. Er hat sie vielleicht lediglich umgerannt. Man weiß es also nicht genau, aber Wolf und Frau, sie stießen jedenfalls irgendwie zusammen.

Immerhin kam bisher in den Medien, soweit ich es gesehen habe, niemand darauf, dass der wilde Wolf womöglich eine Art schwarzer Schwan war, die Alliterationen hatten gewisse Grenzen. Noch.

Der Anleger am Jungfernstieg mit Booten der weißen Flotte

Nebenbei ist der Vorfall eine gute Gelegenheit, an jemanden zu erinnern, nämlich an Ludwig Hirsch. Der auch einen Wolf besungen hat. In einem Lied, mindestens so traurig wie die Geschichte dieses überaus bedauernswerten Wolfs, der sich da gerade im Hamburger Passagenviertel und in den Fußgängerzonen verirrt hat und lange durch die nicht nur für ihn sinnlose Konsumwelt trabte. Bis ans Ufer der Binnenalster, bis vor das Alsterhaus, ganz wie irgendein beliebiger, orientierungsloser Tourist.

Nur steigen die dort meist nicht in das Wasser, wie das Tier. Zumindest nicht nüchtern.

Das alles hatte ich, wie ein gewisser Kollege es formulieren würde, nicht auf meiner Bingokarte für dieses Jahr. Und wenn ich geistig versuchsweise einmal zurückschalte, sagen wir etwa bis zum Jahr meines Abiturs, 1987, und mir vorstelle, wir hätten damals einen Aufsatz schreiben sollen über eine fiktive künftige Wirklichkeit, welche diese beiden Schlagzeilen, die mit dem Wolf und die mit dem Wal, ermöglicht hätte – machen Sie sich einen Begriff davon, wie viel Fantasie wir mühsam hätten aufbringen müssen? Wal vor Wismar? Wölfe im Hamburger Westen? Isegrim in der Innenstadt?

Die Gegenwart ist in vielerlei Hinsicht doch enorm weit weg von meinen damaligen Erwartungen. Das ist auch, siehe fast beliebiges Geschichtsbuch, kaum anders zu erwarten. Schon mit einer eher groben Fünfzigjahresregel kann man das nachweisen: Alle 50 Jahre (spätestens) ist die Welt durch Innovation, Politik oder kulturellen Wechsel eine andere, wechselt das Kapitel im Geschichtsbuch, titelt eine andere Epochenbezeichnung. Seit langer Zeit schon.

Aber manchmal staunt man doch noch, wie unerwartet und wie schnell alles kommt. Ich hätte im Schulaufsatz vermutlich ein fortgeschritten apokalyptisches Szenario entworfen. Denn wie sonst sollte das mit den wilden Tieren zu erreichen sein, besonders das mit den Wölfen. Andererseits ist die Feststellung, dass wir gerade in einem besonders apokalyptischen Szenario leben, im Moment auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Nur wurde alles anders ausgestaltet, als es uns vor einigen Jahrzehnten noch plausibel und ableitbar vorkam.

Als hätten wir irgendwann kollektiv zur allmächtigen Zeit und zum ewigen Schicksal „Na los, überrascht uns!“ gesagt.

Und das haben wir nun davon.

***

Im Bild, ohne Zusammenhang zum Text, wohl aber zum Datum, die Kreuzigungsgruppe vor der Kirche nebenan. Ein Kunstwerk, das unter freiem Himmel steht.

Kreuzigungsgruppe

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Sondervergnügen am Sonntag

Meine Erinnerung hätte mich wieder einmal betrogen, aber meine Begleitung und ich haben es dann nachgelesen: 2017 wurde die Elbphilharmonie fertiggestellt und eröffnet. Ich hätte aber auch eine Reihe von anderen Jahreszahlen geglaubt.

Damals, also 2017, sagte ich jedenfalls, dass ich erst einmal die anderen alle vorlassen würde, bis ich mir das da später auch einmal ansehe. Genau genommen sagte ich vermutlich in einem Anflug vollkommen ungerechtfertigter Stadtmitte-Arroganz so etwas wie: „Erst einmal die Pinneberger durchlassen.“ Ich habe nicht nachgesehen, ich sehe fast nie etwas bei mir selbst nach, aber womöglich bloggte ich auch etwas in der Art. Ich habe ein ungutes Gefühl, was das betrifft.

Aber egal, das sind Jugendsünden. Das war nämlich damals, das ist lange her, das war präpandemisch. Da waren wir alle noch jung und pausenlos im unkontrollierten Überschwang. Glaube ich.

Die Elphi, Frontalanansicht

Nun sind mittlerweile einige Jahre vergangen, und eine freundliche Stimme mit süddeutschem Einschlag im Tonfall sagte etwas wie: „It is time“. Man kennt es auch aus Filmen. Allerdings hat sie, weil ich hier mit meinen Einträgen nicht so schnell bin, wie ich mich sonst gerne gebe, und weil meist nur einer davon pro Tag erscheint, vieles schon vor mir geschildert.

Sogar den Aspekt mit der formellen Kleidung erwähnt sie. Der Aspekt, bei dem wir beide offensichtlich die letzten Menschen sind, die noch etwas rückwärtsgewandte Vorstellungen haben. Aber ich denke, es darf oder sollte sogar einige ausgesuchte Themen geben, bei denen man entschlossen rückwärtsgewandt ist. Und es auch konsequent bleibt. Mit einem bunten T-Shirt wird man mich in keinem Konzertsaal oder Theater etc. erleben.

Okay, mit einem bunten T-Shirt wird man mich nirgendwo erleben. Ich gebe es zu.

Der große Konzertsaal in der Elphi

Wir waren also beide zum ersten Mal im Gebäude, meine Begleitung und ich, wir staunten beide etwa gleichermaßen. Lediglich vor dem Gebäude hatte ich einen deutlichen Vorsprung im Beeindrucktsein. Denn dort gehe ich dauernd auf meinen Spaziergängen vorbei und habe den Anblick daher seit Jahren schon alltagsintegriert. Aber ich verstehe schon noch, dass man staunend davorstehen kann. Es ist nun einmal ein sehr abgefahrenes Bauwerk.

Ausblick aus der Elphi mit Dackonstruktionsteilen

Ausblick aus der Elphi

Ausblick aus der Elpjhi mit getönten Fenstern

Ausblick aus der Elphi

Ein Bauwerk, das mir und manchen anderen in dieser Stadt nebenbei auch als Mahnmal dienen kann, nämlich als Mahnmal zur Erinnerung an das Nichtrechthaben. Das ist in der Bildungsgeschichte und für die Charakterentwicklung des Menschen wichtig, dass es so etwas gibt. Auch geistiges Scheitern will registriert werden. Ich gehörte jedenfalls im Jahr der Fertigstellung zu den vielen in dieser Stadt, die nicht recht an den Erfolg des Konzepts geglaubt haben. Die eher dachten: Da geht doch später kein Schwein mehr hin. Es wird dort leer bleiben, nachdem alle einmal zum Gucken da waren. Bei den hohen Preisen und bei der ernsten Musik, das kann doch nicht laufen.

Nun. Wir lagen dezent falsch.

Eine Treppe in der Elphi

Treppen in der Elphi

Ein schmaler Gang in der Elphi

Ein weiteres Bemerknis war die Erheiterung meiner Begleitung über meine Reaktion auf das Gebäude von innen und den Ausblick von oben. Denn wenn ich ein wirklich bemerkenswertes Stück Architektur sehe, verbunden mit einer unzweifelhaft prachtvollen Postkartenaussicht, die auch ich nicht alle Tage habe, dann kann es sein, dass mich das seelisch ein wenig bewegt. Und ich daher sowohl dieses emotionale Aufwallen wie auch das feine Panorama mit der für unsere Gegend typischen Eloquenz anerkennend mit einem bedachten „Jo“ kommentiere.

Dies entspricht nicht ganz dem Enthusiasmus, den Menschen aus anderen Landesteilen in solchen Situationen ausdrücken. Man gibt sich dort wortreicher, wenn nicht enthusiastisch sprudelnder.

Und wie viel Gefühl in einem Jo stecken kann, es ist auch nicht eben einfach zu vermitteln.

Panoramablick von der Elphi

Panoramablick von der Elphi

Panoramablick von der Elphi

Die Mischung aus angenehmster Begleitung, die nicht eben jeden Tag in der Stadt ist, und einem besonderen Gebäude, das ich noch nicht von innen kannte, sowie bewährter und verlässlicher Musik (Tschaikowski) und einem bestens gelaunten Solisten (Alexander Melnikow) ergab einen Sonntag der besonderen Art. Der sich viel eher nach Pause, Alltagsferne, Ausbruch und Sondervergnügen anfühlte als andere.

Und an so etwas, stellte ich dabei fest, habe ich womöglich Bedarf. Etwas mehr Bedarf auf jeden Fall, als ich mir das an vielen anderen Sonntagen, an denen ich aufgrund der Erdenschwere und diverser anderer Probleme doch wieder nichts unternehme, zuzugestehen bereit bin. Aber auch dabei möchte ich fast annehmen: Sie kennen das.

Wie ich drüben bei der Begleitung lese, hat der Mensch, der für die Akustik des Gebäudes zuständig war, auch in München etwas mit Philharmonie gemacht. Vielleicht sollte ich einen Gegenbesuch …

Aber wie auch immer. Nächsten Sonntag etwa kann ich nicht, alles Schritt für Schritt.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

22

Das Blog wird heute 22 Jahre alt. Wie immer der Hinweis für die neuen Gäste, es handelt sich hierbei nicht um einen Aprilscherz. Allerdings habe ich es damals an einem ersten April gestartet, um es zur Not, also bei eklatantem Misserfolg, immer noch kurz darauf als Aprilscherz deklarieren zu können. Dazu kam es dann aber nicht.

Es könnte allmählich eine neue Adresse gebrauchen, dieses Blog. Ein Rebranding, einen Relaunch, einige meiner Kolleginnen im Brotberuf wären da zielsicherer und fachkundiger als ich in der Wortwahl. Da geht es der Seite jedenfalls nicht anders als dem Autor dahinter. Für beide Aspekte fehlt mir aber noch die zündende, die genau richtige Idee. Denn es reicht natürlich nicht aus, nur festzustellen, dass irgendetwas nicht mehr recht passt oder ausgedient hat, aus der Zeit fällt und unübersehbaren Veränderungs- oder wenigstens Renovierungsbedarf hat.

Man müsste im Idealfall auch eine neue Idee entwickeln. Oder ein Ziel, einen Möglichkeitsraum, einen Traum gar oder zumindest eine grobe Richtung. So etwas in der Art.

Buddenbohm und Söhne hat noch diesen mittlerweile überholten Klang des Familienblogs. Dabei ist Familie hier längst kein prominentes Thema mehr. Dabei sind die Söhne den Eltern längst weit über den Kopf gewachsen, sind sie fast schon flügge, werden sie teils kaum noch gesichtet. Und auch für die Eltern ist das mit der Familie gerade eher schwierig, wie neulich bereits erwähnt. Auch bei uns wird neu sortiert, gewichtet und befunden.

Als Overthinker von Format fragt man sich in solchen Lebenssituationen manchmal, ob man nun noch mehr nachdenken sollte, besser vielleicht oder noch tiefer, irgendwie anders als bisher oder auf welche Art auch immer origineller. Wobei man dann leider schnell Managementstimmen im Kopf hat, die irgendetwas mit out of the box faseln, und das macht dann wieder vollkommen unangemessen aggressiv. Aber wie genau hat man nun zu denken?

Man erreicht leicht neue Dimensionen des Overthinkings, die keine frühere Ausgabe des Ichs je betreten hat. Und im Soundtrack läuft leise die alte Enterprise-Melodie. Aber auf diese Art hat die Angelegenheit immerhin einen anständigen Leistungsaspekt. Das ist bei Menschen mit tiefsitzender protestantischer Arbeitsethik auch nicht unwichtig.

Nichtdenken, das wäre selbstverständlich eine weitere Option, auch daran dachte ich bereits. Handeln wäre eine weitere, und haben Sie es gerade auch gehört oder sind es wirklich nur die Stimmen in meinem Kopf, die hier einige Kalauer mit Komfortzone einfordern möchten?

Eine Haftnotiz an einem Briefkasten: Warum bist du hier

Ein Aufkleber an einer Brücke: Was soll das

Schrift auf einem Brückengeländer: Save me from my mind

Aber wie auch immer. Die Stimmung steigt nach längerer Durchwanderung interessanter Täler tendenziell wieder, und ich wollte eigentlich nur eben andeuten, dass mein Leben im Computerzeitalter mir womöglich eine vollkommen falsche Vorstellung von der Dauer eines Resets vermittelt hat.

In den nächsten 23 Jahren – so viele habe ich rein statistisch gesehen etwa noch vor mir – wird es sicher noch Raum für etliche Entscheidungen, vermutlich sogar für Neustarts etc. geben. Wichtiger für die Leserinnen und Leser wird aber sein, dass nach allem, was ich von hier aus schon sehen kann, in diesen Jahren auch viel Raum für Notizen sein wird.

Ich werde also berichten.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.