Paradoxe Intervention

Die Kaltmamsell wies darauf hin, dass auch bei Frau Mutti wieder frische Texte zu finden sind. Ist ja wie bestellt! So muss das.

In dem Blogartikel der Kaltmamsell, in dem ich das sah, ist außerdem ein Film von Jason Pargin verlinkt (es ist der Absatz mit dem Verweis auf TikTok). Das ist ein amerikanischer Autor (Wikipedia-Link), den Sie auch auf YouTube oder Instagram etc. finden können, und das sollten Sie tatsächlich auch, denn es ist oft fortgeschritten interessant, dem Mann beim Denken zuzuhören.

Hier auf YouTube

Und auf Instagram

Dann auf TikTok

Auf Bluesky

(Das Verlinken wird auch nicht gerade einfacher, wie man sieht. Zersplitterung und Entropie im Internet, Unordnung und frühes Leid.)

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Wenn man zu viel zu tun hat und also gar keine Zeit mehr für irgendwas, wenn man auch nicht mehr oder kaum noch zu zweit sein kann, wenn man also auf keinen Fall einen ganzen Nachmittag vermeintlich sinnlos mit Leisure Time verschwenden dürfte – dann wird es eventuell höchste Zeit für eine paradoxe Intervention.

Dachte ich mir so, und buchte also der Herzdame und mir den Afternoon Tea im Hotel mit dem englischen Ambiente um die Ecke: The George (keine bezahlte Werbung, nein). Ein Hotel, in dem ich, es versteht sich fast von selbst, noch nie war, denn die Hotels sind ja für Gäste da.

Für die touristische Perspektive auf unser kleines Bahnhofsviertel muss ich erst gründlich umdenken und als nutznießender Nachbar (so ein spaßiges Verb, lange nicht benutzt) habe ich mich bisher eher nicht verstanden. Aber Komfortzone, out of the box, creative minds, Sie kennen das.

Mein fortwährender Overthinking-Modus ergab jedenfalls im kreisenden Grübeln aus gleich mehreren Perspektiven in letzter Zeit, dass es vielleicht ebenso interessant wie attraktiv und auch anderweitig nützlich sein könnte, nicht nur Gäste Gast spielen zu lassen, sondern da ab und zu auch einmal mitzumischen. Hier und da.

Dieser Afternoon Tea war nun der Startschuss, und es war eine gute Wahl. In der Bar (DaCaio) wird er serviert, man sitzt dort sehr gechillt, wie die Söhne sagen würden. Das Essen war attraktiv und reichlich, die Tee-Auswahl war üppig, kurzum, wir werden das bei Gelegenheit wiederholen. Was für einen Nörgelrentner in der Vorbereitungsphase wie mich ein eher jubelndes Lob ist, also bitte.

Afternoon-Tea, Etagère mit Speisen

Ein Gurkensandwich und eine Tasse Tee

25 Euro pro Person. Ich habe bei einigen anderen Anbietern nachgesehen, um das besser einordnen zu können, das ist ein sehr guter Preis.

Täglich 15:30 bis 18:00, telefonisch reservieren, es war allerdings keineswegs überlaufen.

Kleine Schaken mit sehr guten Oliven

Teekann und -tasse

Eine Teetasse in den Händen der Herzdame

 

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Wenn ich aus dem Fenster sehe, die Tierfilmausgabe

Was ich Ihnen schon länger erzählen wollte, das müssen Sie sich gleich bitte bei den Zeilen, in denen die Vögel vorkommen, mit Tierfilmerzählstimme vorgelesen vorstellen. Dann wirkt es etwas besser und auch passender, nehme ich an. Je nach Alter wird das also verschieden ausfallen, denn wir werden wohl mit einer reichen Auswahl von Sendungen großgeworden sein, Sielmann, Grzimek etc., sie fallen mir gar nicht mehr alle ein.

Also vorausgesetzt, Sie sind noch aus der Zeit des linearen Fernsehens.

Aus den Fenstern der Teenagerzimmer, ich muss leider etwas ausholen, die ich tagsüber als Arbeitszimmer nutze, da in dieser Wohnung kein Raum für mich vorgesehen ist, wie ich nicht ohne einen gewissen Unwillen vermerken kann, blicke ich auf das Dach eines großen Hotels. Auf diesem Dach wehen verlässlich jederzeit Fahnen. Sind Staatsgäste da, wehen dort die Landesfahnen des Besuchs. Die ich dann, öfter als man gerne zugeben möchte, eventuell nachschlagen muss, um der Allgemeinbildung etwas nachzuhelfen. Wo kommt jetzt die oder der schon wieder her, und warum kennt man das nicht. Was sind das für seltsame Farbkombinationen und was sind das für Symbole. Dann sitze ich staunend vor dem Bildschirm und denke: Aha, Usbekistan! Das merke ich mir jetzt aber.

Sie werden es ahnen, ich merke es mir dann aber keineswegs.

Sind keine Staatsgäste da, weht drüben das bekannte Stadtwappen auf dem Dach. Die weiße Burg (mit übrigens jederzeit gut geschlossenem Tor, von wegen weltoffen) auf rotem Grund. Je nach Wind oder Sturm haben diese Fahnen mal einen guten Zustand, mal aber auch arg zerfetzte Ränder. Sie sehen dann etwas nach Drama aus, manchmal auch, wenn ein Orkan von der Nordsee her über die Stadt fegt und wenn die Beleuchtung stimmt, nach Apokalypse.

Ich nehme an, dass sie jeweils nicht sehr lange halten, diese Fahnen, denn an Wind haben wir hier keinen Mangel. Jemand wird also dauernd Fahnen nachkaufen, vielleicht gibt es sogar eine Art Abo.

Worum ging es hier eigentlich. Um das Wehen, genau. Diese Fahnen, sprachfanatische Menschen dürfen übrigens gerne wieder etwas zur Verwendung der Begriffe Fahne oder Flagge kommentieren, diese Fahnen stehen da also das ganze Jahr über recht oft im starken Wind, mit zunehmendem Klimawandel tendenziell immer öfter. Sie werden das Bild kennen, die Fahne steht in einer Brise straff zur Seite, so dass man sie prima sehen und vielleicht doch nicht erkennen kann. Sie schlägt im Wind aber auch aus und um, sie zappelt manchmal, fährt auf einmal zackig zusammen, dass es laut knallt, dengelt zwischendurch immer wieder gegen den Mast, so dass man weithin hafentypische Geräusche hört und sich auch im Bett in Hamburg Mitte sehr maritim fühlen darf, überhaupt kapriolen die Fahnen betont kumpelhaft mit dem Sturm herum.

Das alles besehen sich meine gern gesehenen Balkongäste, die Rabenkrähen. Sie setzen sich auch oben auf die Spitze des Fahnenmastes und lehnen sich kühn in den Wind. Sie schubsen sich manchmal gegenseitig von dieser begehrten Spitze, was dann nach den typischen Rangeleien von Jugendlichen aussieht: Man mackert etwas herum, ey Digga, mach Platz da. Was willstu, komm doch her, wenn du was willst.

Sie flattern aufgeregt um die wehenden Fahnen herum, ihre Flügel schlagen wild, die Fahne schlägt unter ihnen ebenso.

Und, was ich bis vor kurzer Zeit noch nie beobachtet hatte, jetzt aber dauernd, sie setzen sich darauf. Auf diese arg windgebeutelte Fahne. Nämlich auf ihren oberen Saum, der da manchmal so zackig und stramm im Wind steht, als sei er aus Draht und fest verbaut. Der dann aber unberechenbar plötzlich wieder wegknickt und den Vögeln dabei unvermittelt die Füße wegreißt, dass sie fast oder auch tatsächlich einen unfreiwilligen Salto machen, wonach sie sich umgehend wieder niederlassen. Wenn sich nicht zwischendurch schon ein anderer Vogel den besonderen Spaßplatz ergattert hat. Der Andrang ist manchmal etwas größer, denn es ist eine ganze Gang, die da oben Spaß und Tagesfreizeit hat.

Dabei krähen sie alle fortwährend laut, dass es weithin wie heiseres, sich johlend überschlagendes Lachen klingt. Sie kriegen sich gar nicht mehr ein. Es sieht vollkommen überzeugend so aus, als würden sie sich dort oben prächtig im starken Wind amüsieren, mit diesem zappelnden Stadtwappen, das so lustig unter ihnen zuckt.

Es ist selbstverständlich bekannt, was für außerordentlich interessante und intelligente Vögel diese Krähen sind und was sie alles veranstalten. Man findet auch viele Beispiele im Netz, bis hin zu Krähen, die auf vereisten Dächern förmlich rodeln.

Aber diese spielerische Akrobatikvariante auf den Fahnensportgeräten, die kannte ich noch nicht, die wollte ich eben verbreiten.

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Blick über die Außenalster, vom Ufer bei der Kennedybrücke aus

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Dank, Links und ein Lied

Das Bild des Tages wäre der Autor dieses Blogs mit offenem Mund vor dem Bildschirm am sehr frühen Morgen. Was nur begrenzt attraktiv klingt, wie ich sofort zugebe. Es gibt aber den Moment treffend wieder, in dem ich sah, dass gleich zwei, wie soll ich sagen, deutlich sichtbare und ganz und gar ungewöhnliche Summen als Trinkgeld eingeworfen wurden. Was mir Anlass ist, sowohl diesen beiden Leserinnen als auch sämtlichen anderen, ausdrücklich auch denen mit dem Kleingeld natürlich, erneut herzlich zu danken. Denn das begeistert mich schon sehr, es motiviert sogar ausgewiesene Demotivationsexperten wie mich und, ja, es trägt auch.

Über all die Jahre ist mir erfreulicherweise diese Straßenmusikfreude geblieben, die gar nicht an der Höhe der Beträge hängt, sondern an der Geste. Man macht oder spielt etwas an einer Straßenecke, man schreibt etwas an irgendeiner Biegung des Internets, jemand kommt vorbei, hört kurz zu oder liest eine Weile mit – und dann klimpert etwas. Man spielt oder schreibt mit einem Lächeln und einem dankenden Nicken weiter – ich mag diesen Ablauf wirklich sehr. Das ist, wie man so sagt, mein Ding.

Und dazu all die Leute, die einfach nur stehenbleiben und zuhören oder mitlesen, die tragen, es versteht sich hoffentlich, ebenfalls signifikant zum Wohlbefinden der Auftretenden bei.

Die nächtliche Beleuchtung an der Reeperbahn im Advent, rote Herzen

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Man bekommt manchmal nicht mit, wenn Bloggerinnen wieder auftauchen, ich kenne das. Deswegen weise ich zwischendurch eben auf Lu hin, bei der wieder ein frischer Text steht. Ich freue mich über alle, die als Wiedergängerinnen in meinem Feedreader erscheinen. Und falls Sie, ja, tatsächlich genau Sie, zu denen gehören, die sich ab und zu und vielleicht auch schon seit etlichen Jahren fragen, ob Sie nicht auch endlich einmal bloggen sollten oder auch nach Jahren der Abstinenz wieder bloggen sollten: Ja, das sollten Sie in der Tat.

Gut, hätten wir das auch geklärt. Weiter im Text.

Kiki passiert etwas Gutes. Und Gutes, das finden wir gut und sollten es teilen.

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Obwohl ich hier meist eher um den Status als Fachblog für traurige Musik bemüht bin, habe auch ich ab und zu Musik in der Heavy Rotation im Kopf und auf den Abspielgeräten, die eher als munter durchgehen kann. So wie bei dem Song „Deep Love“ von Flora Hibberd, welche ich neulich erst entdeckt habe. Eine Engländerin, die in Paris lebt und auch als Übersetzerin arbeitet. Kann man mal hören!

Das Bild hier auf dem Video sieht nicht gerade frohgemut aus, der Song ist es aber doch. Oder er ist es jedenfalls für meine Verhältnisse.


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Am Zauber seitlich vorbeigehen

Am Sonnabend tritt das Erwartbare ein. Zwischen dem Hauptbahnhof und dem Rathaus, auch um das Rathaus herum und bis weit in das Passagenviertel hinein steht eine kompakte Menschenmenge im Glühwein- und Grilldunst. Hunderttausende, gefühlt in Millionenstärke. Wenn die Medien von einem neuen Besucherinnenrekord berichten, mich wird es nicht wundern. Ich sehe die Massen und umkurve sie.

Denn in diesen nicht mehr zu überschauenden Mengen feststecken, das möchte ich doch lieber nicht. Es ist vielmehr eine außerordentlich gruselige Vorstellung für mich. Gnadenlos eingekeilt zwischen all den anderen, kein Vorwärtskommen mehr und kein Gedanke an Flucht. Verdammt zum stundenlangen Dazwischensein, was für ein Albtraum. Ein Zitat dazu fällt mir gerade ein: „Bewegungsunfähig wie ein sowjetischer Marschall.“ Peter Rühmkorf hat das einmal irgendwo so verwendet. Es ist allerdings auch wieder ein Zitat, dessen Bildsprache bei sehr jungen Menschen gar nicht mehr ankommt. Da überträgt sich nichts mehr, nehme ich an, da endet der Assoziationsfluss, wie vermutlich auch schon beim Titel dieses Eintrags.

Ich werde außerdem beim unwilligen Umkurven dieses Konsumentenauflaufs die ganze Zeit eine lästige Zwangsvorstellung nicht los, nämlich dass die dort alle gleichzeitig Glühwein trinken und Wurst essen. Unfassbare Unmengen von Wein und Wurst also, in söderschen Wunschtraum-Dimensionen geradezu, und es kommt mir als Massengeschehen unglaublich ekelhaft vor. Ohne den Einzelnen ihre Wurst oder ihren Wein vorwerfen zu wollen, versteht sich. Denn wer hätte nicht schon einmal Wurst oder Wein konsumiert, so auch ich, so auch Sie. In der Gesamtheit aber sind die dort, sind wir also alle doch eher schauderhaft.

Das Rathaus anm Abend, man sieht Teile der beleuchteten Weihnachtsmarkt-Deko davor

Heuschreckenplage nichts dagegen. Und dann die raublustigen Möwen, in ihrer wenig glanzvollen Rolle als Geier des Nordens: Sie kreisen träge segelnd über der Unzahl von Menschenköpfen und stoßen routiniert nach unten, wenn wieder irgendwo einem Achtlosen ein Wurstzipfel vom Pappteller rutscht. Sie stoßen mit Mut und viel beruflich erworbener Erfahrung noch in das dichteste Gedränge und tauchen kurz darauf flatternd wieder auf, mit Fleisch im Schnabel und manchmal auch mit Ketchupflecken auf weißen Federn.

Unten, zu Füßen der mampfenden Menschen, bewegen sich hier und da Schattentiere in der Dunkelheit des Beinwaldes. Sie fallen einem erst auf, wenn man genauer hinsieht. Aber dann kann man kaum noch anders, als immer wieder hinzusehen. Kaum sind sie zu erkennen, diese erdgebundenen Gestalten, sind es Tauben, sind es Ratten, sind es Mäuse. Aber was sie auch sein mögen, sie nehmen zweifellos ebenfalls mit saisonal angemessener Freude und Dankbarkeit am Festbankett teil, auf ihre eher dezente und doch erfolgreiche Art.

Die weiteren Konsumenten, es wird sicher noch kleinere geben, die aber ohne Frage mit dem gleichen Eifer vorgehen und also auf die gleichen Würste losgehen, erkennt man als Beobachter ohne Hilfsmittel nicht mehr. Man kann das Gewimmel höchstens ahnen. Und schöner wird das Bild dadurch auch nicht.

In der Vorweihnachtszeit, so heißt es beim NDR, wo man es doch mit einiger Sicherheit wissen muss, hat die Stadt einen ganz besonderen Zauber.

Nun.

Vermutlich stimmt mit meiner Einstellung etwas nicht, das mag sein. Das muss man, sagt die Lebenserfahrung, eigentlich immer und ausdrücklich für möglich halten.

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We may never find out what it means

Ich habe der Playlist auf YouTube „Extra blankets für the cold“, die Wintersongs ohne Weihnachten beinhaltet, nach Veröffentlichung nur eine Ergänzung hinzugefügt. Das ist wenig, so vieles begegnet mir zu diesem Thema also nicht. Oder zumindest nicht in der passenden Saison. Dafür beginnt diese Ergänzung, „Hard Year“ von Jeffrey Martin, tadellos passend mit „It feels like snow again“. Und hat einige vielleicht anschlussfähige Zeilen. A hard year, in der Tat. Die Melodie passt außerdem noch zum letzten Tag des Novembers, wie man sofort hört. Und wenn man es braucht, kann man die Zeile mit „climbing out“ immerhin als Hoffnungszeichen nehmen.

“It’s been a hard year
But I don’t wanna talk about it here
It’s been a long fall
But I’m climbing out.”

***

Zum anderen jährt sich heute ein Todestag, der für den Freundeskreis „Songwriting und bewegte Lebensführung“ von einiger Bedeutung ist. An diesem Tag verstarb nämlich vor zwei Jahren Shane MacGowan.

Von dessen Beerdigung wir zwei beeindruckende Aufnahmen der musikalischen Beiträge haben, die hier ruhig noch einmal vorkommen können. Zum einen Nick Cave, der ein enger Freund des Verstorbenen war. Und der es gerade eben schafft, an den Tränen vorbei „Rainy night in Soho“ zu singen. Einen Song, den es, wenn ich mich da richtig erinnere, nur gibt, weil Nick Cave irgendwann einen weggeworfenen Zettel mit den hingekritzelten Lyrics vom Fußboden in Shane MacGowans Wohnung aufgesammelt hat. Und dann darauf bestand, dass aus diesen Zeilen unbedingt ein Lied werden müsse.

“Now this song is nearly over
We may never find out what it means.”

Dann das heute passend auf den Dezember verweisende „Fairytale of New York“. Womit man dann schon bei den Weihnachtsplaylists ankommt, zu denen ich allerdings in diesem Jahr weniger Neigung als ohnehin schon verspüre. Glen Hansard und Lisa O’Neill diesmal in den Hauptrollen.

In beiden Videos entdeckt man vielleicht weitere bekannte Gesichter unter den Darbietenden und auch im Publikum. Es war eine Beerdigung, und wann sagt man das schon, bei der man gerne dabei gewesen wäre.

Bei 3:56, wenn das Publikum anfängt zu tanzen – es ist schon etwas schwierig, dabei nicht emotional mitgerissen zu werden. Aber warum sollte man sich auch dagegen wehren? Lass fahren dahin, was so spät im Jahr an zu wahrender Form und seelischem Zusammenriss überhaupt noch übrig sein mag.

Beim Schreiben und Nachlesen fand ich außerdem eine Coverversion von Lisa O’Neill (stellt sich raus, dank eines Kommentars, das ist gar nicht Lisa, das ist Susann – aber was soll’s, Hauptsache o’Neill), in der sie „The Book of Love“ von den Magnetic Fields nachsingt. Im Video steht fälschlicherweise, dass es ein Peter-Gabriel-Cover sei, das stimmt nicht. Der Herr Gabriel hat es vielmehr auch „nur“ gecovert, auch hörenswert übrigens.

„The Book of Love“ hat einen fantastischen Text, wenn Sie den nicht kennen sollten, lesen Sie ihn bitte unbedingt nach. Es lohnt sich.

“The book of love is long and boring
And written very long ago
It’s full of flowers and heart-shaped boxes
And things we’re all too young to know.”


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Der Turm der Dreieinigkeitskirche bei Nachtm mit leuchtendem Weihnachtsstern am Fenster

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Abnovembern

“Einen schönen ersten Advent”, wünscht mir die Kollegin am Freitagnachmittag, zum Abschluss einer wiederum wahnwitzigen Arbeitswoche. Sie klingt dabei so, als sei das ganz selbstverständlich, das jetzt zu wünschen, was mich kurz irritiert. Ist es doch schon wieder so weit. Okay.

Wir müssen also an diesem Wochenende endgültig abnovembern. Was ich ein wenig bedauere, da ich dem Monat und seiner Atmosphäre gegenüber eine freundliche Haltung pflege, aber was nützt es. Weihnachten steht schon in den Kartons im Flur unserer Wohnung bereit, in einigen Läden hier sind die Adventskalender ausverkauft und in der Grand Hall im Hauptbahnhof haben sie in diesem Jahr so viel Leuchtzeug montiert, dass für andere kaum noch etwas übrig sein kann.

Die üppige Weihnachtsdeko in der Wandelhalle

Der nächste Werktag ist dann also schon im Dezember. So richtig glaubwürdig klingt es für mich nach wie vor nicht, der gefühlte Monat weicht ab.

Auf meinem Nachmittagsspaziergang in der frühen Dämmerung kommt mir Spider-Man entgegen. Im bekannten rotblauen Kostüm, sonst könnte ich ihn ja nicht erkennen. Die Szene gibt uns allerdings keinen Aufschluss darüber, warum da ein Mann im Spider-Man-Kostüm durch die Stadt geht. Es ist wie so oft: Es ist einfach so.

Er wird trotz seines auffälligen Aussehens kaum beachtet. Denn auch als Superheld fällt man hier noch lange nicht auf, da muss man schon anderes veranstalten, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu gewinnen, als nur in exzentrischen Klamotten durch die Fußgängerzone zu gehen. Denn ein anspruchsvolles Publikum sind sie stets, die entertainmentverwöhnten Menschen in den großen Städten.

Spider-Man geht, wenn man genauer hinsieht, nicht eben dynamisch. Spider-Man schlurft eher etwas unmotiviert dahin, und er scheint auch deutlich hängende Schultern zu haben. In den Comics, die ich als Kind gelesen habe, sah das anders aus, in den Kinofilmen, die ich allerdings nicht kenne, sicher auch.

Es ist ein Novembersuperheld, den wir hier sehen, mit etwas trauriger, energieloser und melancholischer Anmutung. Ich sehe ihm einen Moment nach, aber er macht weiterhin nichts. Er geht da einfach nur und verschwindet schließlich zwischen den heimelig sein sollenden Holzhütten auf einem der vielen Weihnachtsmärkte aus unserem Blickfeld.

Er verschwindet dort in etwa so, wie der November mit seinem stabilen Grau und seiner immerhin verlässlichen, berechenbar gedrückten Stimmung im rotgoldenen, rauschenden Dezemberweihnachtswahn vergehen wird.

Womit er dann also doch etwas gemacht hat, dieser Spider-Man, nämlich immerhin einen Eindruck. Und das kann ich nicht an jedem Tag von mir behaupten.

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Like the back of my hand

Eine Randbemerkung nur zum Thema Aufmerksamkeit. Meine Mutter, bei der ich wieder vorbeiging und mobile Onlinedienstleistungen anbot, bat mich, die Öffnungszeiten eines Optikers in der Innenstadt für sie nachzusehen, sie nannte mir die Straße. „Da ist kein Optiker“, sagte ich im routinierten Auskennertonfall. Denn das war eine dieser Adressen, an denen ich an so ziemlich jedem Tag des Jahres mindestens zweimal vorbeigehe.

Ich kenne mich da also definitiv aus: „I know this town like the back of my hand“. Diese Zeile aus einem Song von Jeff Talmadge hatte ich neulich erst auf Instagram verwendet. Ein gutes Album ist auch dieses, um kurz noch einen Satz am gestrigen Text anzulegen.

Allerdings lag ich da gründlich falsch. Denn da ist ein Optiker, meine Mutter hatte recht. Ich dagegen kenne mich keineswegs aus, and I don’t know this town, wie es aussieht. Ich stand dann kurz darauf etwas fassungslos auf dem fälligen Kontrollgang durch die Fußgängerzone vor dem Schaufenster dieses Optikers, welches mir völlig unbekannt war. Auch den Namen darüber kannte ich nicht, obwohl er in dieser Jahreszeit verlässlich ab etwa 16 Uhr jeden Tag an meinem Wegesrand leuchtet, wie ich jetzt widerstrebend zur Kenntnis genommen habe.

Ich hätte aber vermutlich noch Stunden vorher unter Eid ausgesagt, dass es dort kein solches Schaufenster gibt und jener Name in dieser Straße sicher nicht vorkommt. Auf dieser Stufe der verblendeten Sicherheit war ich.

Und ich habe es mir dann abgeleitet: Auf dieser nur vermeintlich sicheren Stufe meiner stets ach so aufmerksamen, so besonders bemüht bloggeschulten Wahrnehmung war ich nämlich, weil mich die Geschäfte der Optik-Branche kategorisch nicht interessieren. Und zwar überhaupt nicht. Ich habe in einem anderen Teil der Stadt seit vielen Jahren eine ausgezeichnete Optikerin meines Vertrauens. Solange die ihren Laden weiterbetreibt, was hoffentlich noch lange der Fall sein wird, muss und will ich mich mit dem Thema sonst nicht weiter befassen.

Was dazu führt, dass ich die Läden anderer Optiker in einem erstaunlich wörtlichen Sinne kategorisch keines Blickes würdige. Teile meines Hirns treiben dies, wie mir jetzt wieder klar wurde, bis zur Verleugnung der Wirklichkeit. Und selbstverständlich auch so, dass der Rest vom Ich das nicht mitbekommt und also wenigstens gewarnt sein könnte.

Wie gesagt, dies nur als kleines Update am Rande. Zu immerhin wichtigen Themen wie Wirklichkeitswahrnehmung, Zeugenaussagen, Aufmerksamkeit und sogar, Vorsicht, Achtsamkeit. Auch zum Thema Zuverlässigkeit, die man ja von Chronistinnen, Kolumnistinnen, Bloggerinnen, Large Language Models und anderen vermeintlichen Top-Checkerinnen der Gegenwartswahrnehmung jederzeit erwartet.

Mind the gap, wie man einer anderen Großstadt zurecht dauernd betont.

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Der vorhin eingespielte Jeff Talmadge ist übrigens auch sonst ein Hinhören wert. Wenn man etwa gerade den eher ruhigen, winterlich-besinnlichen Teil der Singer-Songwriter-Schublade durchkramt.

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Eine Möwe auf einem Geländer an der Binnenalster, Blick Richtung Fernsehturm

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Hund, Katze, Plattenspieler

Da ich gestern gerade das analoge Leben bzw. analoge Beschäftigungen erwähnte: Ich habe eher erfreulich selten materielle Wünsche. Im Moment wäre mir aber sehr nach einer vernünftigen, altmodischen Ausstattung, um wie damals Musik hören zu können. Mit einem guten und angenehm designten Plattenspieler und mit all den mir sympathischen Alben im Regal daneben. Selbstverständlich in beträchtlicher Auswahl und bestens gepflegt.

Mit einem urgemütlichen Sessel vor diesem Plattenspieler und mit bereitliegender Mittagsschlafdecke. Mit einer üppig besetzten Bücherwand neben mir, gerne auch mit noch glühendem Kamin in der Nähe. Alte Teppiche und antike Möbel im Raum, dazu Blick auf den Park, also auf welchen Park auch immer. Sowie mit einem attraktiven Hund, um den ich mich aber, sonst ist es keine Wunschvorstellung mehr, nicht kümmern muss, der vielmehr einfach nur dekorativ da ist und ab und zu im Schlaf wohlig stöhnt. Dito Katzen, die dort ab und zu und nach unergründlichen Katzenrhythmen unverbindlich vorbeikommen. Ansprechende Schnurrvisiten, aber bitte ausdrücklich ohne nachfolgende Katzenklo-Pflichten, ohne Kotze auf dem Teppich, Tierarzttermine und dergleichen. Been there, done that, got the t-shirt etc., mein Bedarf ist bei diesen Themen fürs Leben gedeckt. Siehe auch Hunde, die bei Unwettern aller Art vor die Tür gezogen werden müssen.

Ein Schild vor einem Restaurant: "Comfortable Seating inside available"

Das sind jedenfalls Wunschbilder, mit denen sich die übliche Jahresenderschöpfung bei mir deutlich ankündigt. Was auch in Ordnung ist und terminlich immerhin passend. Es ist nun allmählich gut, eine längere Pause ist längst überfällig, ach was, ein Sabbatical, wenn nicht sogar mehr, aber egal. Wir wollen nicht übertreiben.

Es gibt dort, um gedanklich in den oben skizzierten Raum zurückzukehren, ein Regal mit letzten Alben. Mit all den Werken, welche die von mir geschätzten Musikerinnen und Musiker final eingespielt haben, mit ihren abschließenden Aufnahmen. Was vielleicht etwas morbide klingt, aber auch eine Art ist, stattgehabtes Leben, Meisterschaften und Feinheiten zu feiern. Denn auf diesen Aufnahmen, das berühmteste Beispiel ist wohl das Spätwerk von Johnny Cash, hört man die Erfahrung, den Reifegrad, oft auch eine gewisse Ruhe und Abgeklärtheit.

Vor allem aber hört man ein manchmal anziehend lässig wirkendes Können, das sich so nur aus Jahrzehnten des Schaffens ergeben haben kann. Es gibt daher Songs auf diesen Alben, die eine manchmal mildernde Wirkung auf überbordende Alltäglichkeiten haben können, und das eben kommt mir nicht morbide vor. Eher lebensratgebend, auf eine erfreulich subtile Art.

Ich kam erneut darauf, als ich gestern das letzte Album von Shirley Horn hörte. Bei dem ich auch wieder merkte, dass es sich doch auszahlt, ganze Alben zu hören, nicht immer nur geshuffelte Streaming-Fragmente und selbstmontierte Playlists. Die allerdings auch ihren Reiz haben, so ist es nicht.

„May the music never end”, aus dem Jahr 2003 jedenfalls. Zwei Jahre später ist sie dann gestorben. Darauf zum Beispiel eine Version von Yesterday, die sich von den üblichen Covern unterscheidet. Auf eine betont novembrige Art, ganz passend zu diesen Tagen. Was sich schon am Anfang zeigt: Wer steigt denn so in diesen Song ein und wie langsam kommt er daher. Wie kann man dafür zwei Minuten mehr als die Beatles damals brauchen.

Nun, bei älteren Menschen kann es etwas länger dauern, man kennt das, und manchmal ist es auch gut so. Am Klavier sitzt bei diesen letzten Studiobesuchen nicht sie selbst, sie konnte zu dieser Zeit nicht mehr, was man ihrer Stimme allerdings überhaupt nicht anhört. Es spielt George Mesterhazy.

Man kann das auf YouTube oder bei einem anderen Streamingdienst hören, auch das ganze Album ist dort verfügbar, und es lohnt sich auch. Aber in dem Sessel, vor dem Kamin und dem Plattenspieler, auf dem alten Teppich, neben dem Hund und dem Regal mit den letzten Alben, mit den vorbeikommenden Katzen – also es würde sich dort vielleicht noch ein wenig mehr lohnen. Könnte sein!

Aber, und auch das ist dann ein Glück, es reicht mir als Gelegenheitswunschtraum vollkommen aus. Mehr Energie muss ich in dieses Thema nicht investieren. Sonst wäre es auch nur ein weiteres To-Do, und wer könnte freiwillig noch eines haben wollen.

Ich gewiss nicht.

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Maßnahmen in der Beschäftigungstherapie

Ein Artikel, mit dem ich heftig sympathisiere, und der, wie seltsam, wiederum zu der gar nicht beabsichtigten Reihe der Texte über verrissene Prozesse passt: Needy Programs: „Newer programs (which are called apps now, yes, I know) started to want things from you.

Gefunden via Ligne Claire.

Ich wechsle bei dem privaten Notebook gerade Hardware und System. Ich kämpfe außerdem sowohl im Brotberuf als auch in meiner anderen Nutzung von Bürotechnik mit diversen, mir vollkommen sinnlos vorkommenden Updates. Mit Updates also, nach denen zwar irgendetwas anders und nichts besser ist, aber mindestens ein wichtiger Teilaspekt mit hundertprozentiger Sicherheit auf einmal komplizierter wird.

Gegen Jahresende neige ich ohnehin dummerweise zum Aufräumen, auch in digitaler Hinsicht.  Ein Gefummel an allen Fronten ist es, ein schier endloses Nachdenken über Accounts, Passwörter, Datenschutzeinstellungsklimbim, Zweifaktorgedöns und den ganzen Rest. Und da ist die Zeit noch gar nicht eingerechnet, die ich aufbringen müsste, um mich in Sachen Datensicherheit wirklich up to date zu befähigen, und die ich gar nicht habe. Denn viel zu schnell fällt man bei diesem Thema zurück und bleibt es dann auch mit einiger, haha, Sicherheit.

Ein Update für das Smartphone erscheint. Nur Stunden später gibt es die ersten Expertinnen-Videos dazu auf YouTube: „Ändern Sie nach dem Update sofort diese 28 Einstellungen!“ Was man an den langen Winterabenden so macht.

Nichts davon hat irgendetwas mit dem zu tun, was ich eigentlich an diesem Schreibtisch machen möchte. Es sind alles nur Verwaltungstätigkeiten der eigenen Beschäftigung, es ist Existenzadministration. Ich möchte hier nur sitzen, lesen und schreiben. Was ist das bitte mittlerweile für ein absurder Aufwand geworden, wenn man es online betreibt und nicht einfach einen Roman aus dem Regal und ein Notizbuch sowie einen Kugelschreiber dazu nimmt. Was eine allmählich doch wieder recht verlockende Vorstellung wird, wie auch diverse Ergebnisse aus der Trendforschung bestätigen.

Auch bei diesem Thema ist das alles, sind wir alle nämlich irgendwann falsch abgebogen. Auch dabei kann und kann es so nicht mehr richtig sein, stellt das alles längst keinen Fortschritt mehr dar, wie wir ihn einmal verstanden haben. Sondern lediglich noch eine hysterisch herbeigetextete und bramarbasierend beschworene Innovationsimitation.

„Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind.“

Pardon, es geht gleich wieder. Ich gehe kurz um den Block, das Notebook möchte ohnehin gerne neu starten, wie originell und situativ passend. Bitte sehr, bitte gleich.

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Das Bildmotiv des Tages sah ich auf dem Weg vom Büro zurück ins kleine Bahnhofsviertel. Das ist nicht meine Handschrift, ich besitze keine Spraydosen und ich war zur fraglichen Uhrzeit, welche auch immer es war, woanders. Versteht sich.

Graffiti an einr Brücke in der Hafencity "Fickt Euch Alle!"

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Die Weltoffenheit in Person

Die Kaltmamsell erwähnt hier einen Artikel in der SZ über „Kollektivitis“. Ich denke, es gibt da einen Zusammenhang mit den vorgestern von mir erwähnten vergurkten Prozessen. Man muss es gemeinsam betrachten, denn hinter jedem vergeigten Vorhaben stehen sicher viel Abstimmung und Absicherung. Mit einiger Wahrscheinlichkeit mehr denn je.

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Im Rahmen meiner am Sonntag befremdlich aufgelockerten Stimmung, ich berichtete, betrat ich einen Coffee-Shop und bestellte etwas, das ich noch nie bestellt hatte. Wie son spontaner Mensch, wie die Weltoffenheit in Person oder aber wie ein willenloser Konsument, der nach pawlowscher Manier auf das Spezialangebot der Woche anspringt. Man kann sich auch nicht immer im Griff haben.

Christmas-Latte jedenfalls, wozu man einerseits pubertäre Weihnachtswitze machen könnte. Wobei allerdings vielen Menschen mittlerweile vermutlich die assoziative Brücke zu „Warum liegen hier überall Tannennadeln herum?“ fehlt, aber das nur am Rande. Wenn Sie den Scherz nicht verstanden haben, erfreuen Sie sich bitte weiter Ihrer Jugend.

Andererseits kann ich es auch ernsthaft erklären, was das ist. Das ist hier immerhin eine serviceorientierte Veranstaltung, und Sie wollen das am Ende auch einmal trinken? Bitte sehr.

Christmas-Latte schmeckt, als hätte man ein Lebkuchenhaus aus dem Kinderzimmer entwendet, gemeinsam mit einem Schuss gemäßigten Espressos in heißer Milch püriert und dann sicherheitshalber noch reichlich nachgezuckert. Wobei man vermutlich, einer alten Internet-Tradition folgend, noch in Zauberermanier „Will it blend?“ gemurmelt hat. Wenn Sie auch diesen Scherz nicht verstanden haben … ach, egal (wir werden in den Seniorenheimen alle mit unseren albernen Meme-Erinnerungen in den Wahnsinn treiben).

Wie auch immer, es stellt sich heraus, dass man das tatsächlich trinken kann. Jedenfalls wenn es draußen sehr, sehr kalt ist und man in den nächsten drei, vier Stunden sicher kein anderes Essen bekommt.

In diesen Coffee-Shop ging ich eigentlich zum Zwecke der Entspannung. Nur um dann festzustellen, dass die Frau neben mir am Notebook lateinische Texte bearbeitete. Und ein Mann in der Nähe eine Partitur las, wobei er mit verhaltenen Gesten, aber doch gut sichtbar, ein imaginäres Orchester dirigierte. Eine Gruppe junger, wenn nicht sogar sehr junger Menschen diskutierte außerdem angeregt in englischer Sprache ein Projekt. Es fielen business-orientierte Fachvokabeln in großer Zahl. Von traditionellem Freizeitverhalten in meiner Nähe keine Spur.

Ich habe mir das alles eine Weile angesehen. Dann habe ich mein Notizbuch herausgeholt und nach Kräften „Ich bin Autor und skizziere künftige Kolumnen“ inszeniert. Man kennt es aus Tierfilmen, als Beobachter muss man sich immer ein wenig ans Umfeld anpassen, um nicht alles durch die eigene Präsenz zu versauen.

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Als Mensch mit Interesse an Stadtplanung und -entwicklung war ich außerdem wieder in dem neuen Rieseneinkaufsding am Hafen. Ich wollte dort nachsehen, wie die Weihnachtsdeko ausfällt. Alles mal vergleichen! Hier die olle Innenstadt, dort das shiny Einkaufszentrum. Diese Beobachtung fiel allerdings ernüchternd aus, denn man hat dort, nun ja, ein paar Lichterketten aufgehängt. Wenn der Dekorationsaufwand der Betreiber einen Bezug zum wirtschaftlichen Erfolg hat, ich würde ungefähr jetzt anfangen, mir Sorgen um die Zukunft dieses Standorts zu machen.

Blick auf das Westfielzentrum

Ich meine, ich habe hier Balkone in der Nachbarschaft, die wurden mit mehr Liebe und Aufwand dekoriert als die riesigen Hallen dort. Seltsam, seltsam.

Und nachdem ich jetzt dreimal und bewusst zu verschiedenen Zeiten sowohl dort als auch in den Fußgängerzonen ums Rathaus war, kann ich in Bezug auf die Besucherinnenmengen ein recht klares Ergebnis vermelden: Innenstadt versus Hafencity 3:0.

Aber schon klar, dieses Spiel ist noch lange nicht zu Ende.

Die Stahlglasstruktur der Station Elbbrücken (U-Bahn)

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