Post und Erledigungen nach Bachmann-Art

Mittwoch, der 16. August. In den Morgenmedien die Cannabis-Debatte. Ich weiß, einige finden Cannabis entspannend, aber vielleicht ist es sogar noch entspannender, wenn einem die ganze Diskussion ums Thema vollkommen egal ist.

Im Laufe des Tages wird dazu erfolgreich irgendwas beschlossen, ich verfolge es mit nur geringer Aufmerksamkeit. In meinem Alltag kommt Cannabis kaum vor, im Freundeskreis wird es eher nicht konsumiert, was sicher sehr zufallsabhängig ist. Nur die altersgerecht nächtelang herumhängenden Jugendlichen vor der Haustür geben sich damit häufig ab, zumindest dem Geruch nach zu urteilen. Ich meine hier nicht die hauseigenen Jugendlichen, das muss ich vielleicht klarstellen, es sind andere, vor der Tür war immer schon ein Sammelpunkt für sie, denn es gibt eine Überdachung und einen kleinen Vorsprung bei den Schaufenstern, auf dem man gut sitzen kann. Dabei kiffen sie nicht nur, sie trinken auch Energy Drinks, Wodka, Jägermeister oder Rum, man sichert sich in Sachen Rausch hier gerne doppelt ab. Ich sehe am Morgen oft die leeren Flaschen oder die Scherben dort liegen. Interessanterweise ist kaum je Bier dabei, da hat sich doch etwas eindeutig verschoben in den letzten Jahrzehnten. Wir hätten damals noch routinemäßig Sixpacks oder Dosenpaletten geleert, das war so der Standard, denn wir hatten ja nichts. Jägermeister war, wenn ich mich richtig erinnere, zu meiner Zeit noch ein Seniorengetränk und Rum kam damals nur im Winter in den Grog, Energy Drinks mussten erst noch erfunden werden.

Ich kann bei diesem Thema bisher keine Weltverschlechterung feststellen, im Gegenteil. Wir, also meine Generation, aus meiner Gegend da, wir haben wesentlich mehr gesoffen und geraucht, fast dramatisch mehr, und wir haben auch viel früher damit angefangen. Ich habe von etwa zwölf bis achtzehn vieles gemacht, das ich mir bei den Söhnen lieber nicht vorstellen mag. Ich war, wenn ich es aus heutiger Sicht als Vater betrachte, ein Anlass zur Sorge, und zwar ein erheblicher, und ich war dabei normal und kein auffälliger Teenager in meinen Kreisen, andere waren mir weit, weit voraus. Was meine Stichprobe angeht, und ich weiß, dass man das nicht verallgemeinern kann, war es damals übler, nennenswert übler als heute. Meine Söhne sind im Vergleich zu mir und meiner Jugend besonnen und sortiert, und das ist eine Aussage, die ich mir manchmal deutlich vorbeten muss, denn selbstverständlich gibt es auch heute Eskapaden und wilde Szenen, auch solche, die mir zu viel sind. Dann immer wieder denken: Ich war schlimmer. Das hilft.

Im Bild herumhängende Menschen vor Alsterfontäne. Schlimme Zustände überall.

Zwei Menschen sitzen am Ufer der Binnenalster. Jungsernsgtiegseite, im Hintergrund die Alsterfontäne

Ansonsten gibt es an diesem Tag neue Hitzerekorde in der Türkei. Und morgen gibt es sie dann in einem anderen Land, und immer so weiter.

Office-Office. Besorgungen für meine Mutter, Haushaltsaufgaben und Einkauferei, alles ist heute wenig unterhaltsam, kaum beschreibbar und äußerst gering interessant. „Ich tu so vor mich hin, Post und Erledigungen. Es ist alles ziemlich belanglos.“ Ingeborg Bachmann an Max Frisch, 5.12.1962, Uetikon.

Die Herzdame versucht währenddessen, aus Dortmund zurückzukommen, was wegen einer Streckensperrung nicht eben einfach ist. Ich erfahre außerdem, dass sie demnächst eine Dienstreise nach Ulm vor sich hat und überlege, was ich über Ulm weiß. Ich glaube, es ist fast nichts. Ich war nie dort, ich könnte es auf einer leeren Deutschlandkarte auch nicht zielsicher einzeichnen, es ist alles etwas peinlich.

Na, die Herzdame kann mich nach ihrer Reise ja fortbilden.

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Nach der Arbeit im Home-Office fahre ich ins Büro, was zugegebenermaßen etwas widersinnig klingt. Allerdings ist im Büro Post für mich gekommen, und die Neugier ist stark in mir, sehr stark. Post kann also nicht warten bis morgen, nein. Es ist dann erfreuliche Post, die Gesamtausgabe der Briefe von Charles Bukowski, ein Lesergeschenk, nur noch antiquarisch verfügbar. Ich werde die Bukowski-Briefe vermutlich direkt nach den Bachmann-Frisch-Briefen lesen, das ist dann ein dermaßen abrupter Wechsel der Stilrichtung und des Inhalts, das hält das Hirn beweglich. Hoffe ich.

Dem Buch lag noch ein freundlicher Brief bei, ich danke herzlich! Post zu bekommen kann auch schön sein, ich vergesse das manchmal, wenn zu lange nur Post von Behörden, Krankenkassen oder werbenden Textilkaufhäusern kommt. Ich sehe meist nicht gerne in den Briefkasten, es sind nur Belästigungen und To-Dos darin zu finden. Im Schreiben wurde bei aller Freundlichkeit auch Kritik geäußert, Kritik an meinem 7-Tage-Rückstand nämlich, und wohl begründet, abgerundet mit der Bitte, doch bald wieder aufzuholen. Und ich denke, das gibt sich in Kürze von selbst, dem wird also vermutlich stattgegeben, denn wenn die Ferien vorbei sind und alle Routinen des beinharten Alltags hier wieder greifen, auch die unerfreulichen, werden fast unweigerlich die eher unblogbaren Themen und Probleme das hier Beschreibbare deutlich eingrenzen. Es wird wieder Tage geben, die keinen oder kaum Inhalt für diese Seite hergeben werden. Wind von vorne, wie der olle Kempowski gesagt hätte.

Noch einmal, vielen Dank für Brief und Päckchen!

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Der Storch im Home-Office

Montag, der 14. August. Marokko vermeldet einen weiteren Hitzerekord, in Frankreich brennen die Wälder, in Indien gibt es Überschwemmungen, und zwei Milliardäre debattieren in der nächsten Schlagzeile darunter die Bedingungen ihres Käfigkampfes, allein das Wort schon. Unser Leben in einer Satirewelt.

Ich mache Home-Office in einer immer chaotischer werdenden Wohnung, denn ein Sohn renoviert wie geplant und verteilt daher sämtliche Möbel und Gegenstände aus seinem Zimmer in allen anderen Räumen. Ich arbeite und ignoriere. Zwischendurch wie ein Storch ins Bad staksen, über etliche Dinge schreitend, die lieber nicht umfallen sollten.

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Lars Fischer über die aktuelle Corona-Lage. Gleichzeitig nehme ich nach längerer Zeit wieder mehrere Infektionsmeldungen im Umfeld zur Kenntnis. Wobei es, das ist auch leicht festzustellen, nicht mehr allgemein üblich ist, bei passenden Symptomen einen Corona-Test zu machen. Man hat eben irgendwas, man möchte da auch gar nichts weiter hören, wirklich nicht, don’t mention the war, recht eindeutige Abwehrreaktionen.

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Am Abend gehe ich nach den diversen Berufsausübungen noch mit der Herzdame an die Alster, wie gefühlt alle anderen auch. Formal ist es postkartenmäßig und auch reiseführerkonform schön dort, allerdings ist es mir entschieden zu warm, viel zu laut auch, zu staubig, zu städtisch und zu umtriebig, und dann noch diese Joggerinnen, dazu all diese Hunde an Langlaufleinen quer über den Weg …. Immerhin nur gedachtes Krückstockgefuchtel von mir. Aber gut, auch sehen, was schön war – wir sind gemeinsam herumspaziert und wir haben tiefgründig geredet, das ist nicht nichts.

Ein ansonsten kaum berichtenswerter Tag, das muss nicht immer schlecht sein.

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Dienstag, der 15. August. Die Herzdame fährt wieder einmal ins wilde Dortmund, um dort irgendwas mit Internet zu regeln, es ist eine Dienstreise. Vorsicht bei der Berufswahl! Ich dagegen verbleibe im immer weiter wuchernden Renovierungschaos und sichere mir einen halbwegs sicheren Home-Office-Platz im Wohnzimmer, den ich dann gegen alle weiteren Versuche verteidige, auch dort etwas Zeug abzustellen

Der nicht renovierende Sohn langweilt sich auf einmal trotz verfügbarer Geräte mit Bildschirmen dran, er fragt mich nach einem Tagesausflug und ist dann irritiert, dass ich gar keinen Urlaub mehr habe. Eventuell arbeite ich also schon seit Tagen sehr unauffällig, quasi undercover, und ich erkläre dem Sohn dann Verpflichtungen, die etwa ein Handwerker oder Arzt nie erklären müsste. Schreibtischjobs haben eben auch ihre Nachteile.

Ich sehe ansonsten in den Meldungen der Tagesschau, wie dem DAX heute wieder Eigenschaften und selbständige Aktionen zugeschrieben werden. Ich finde es psychologisch verdächtig, und das ist noch nett ausgedrückt, einen Aktienindex so innig und dermaßen hoffnungsvoll deutend als Gestalt wahrzunehmen, was macht der DAX, wie geht es dem DAX, wie reagiert der denn, es ist vermutlich kurz vor Cargo-Kult. Es muss, es muss, es muss doch ein Wesen sein, welches wir da so forschend beobachten, dass es kurz vor der Anbetung ist.

„Das Aktienbarometer bleibt in einer Seitwärtsphase gefangen“, heißt es im Text dann noch in einem weiteren schrägen Bild, aber das immerhin kann ich durchaus nachvollziehen, so geht es mir selbst auch oft genug, und das droht auch mir wieder in den nächsten Wochen voller Alltag.

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“

„In einer Seitwärtsbewegung gefangen.“

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Im Bild heute ein Bär im Stadtteil Hamm, durch den ich immer auf dem Weg in den Garten komme. Interessante Tierwelt dort.

Ein vermutlich ausgesetzter Plüschteddy auf einem Stapel Sperrmüll, Bretter und Leisten

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Grundschritterinnerungen

Sonnabend, der 12. August. Sie haben es auch gemerkt, nicht wahr, nach diesem Wochenende war dann auf einmal schon der 14. August, also ein wenig aufgerundet bereits Mitte August, und eben erst war doch der 1. August, vor zwei, drei Tagen etwa war das, ich meine, es fällt doch wirklich auf, dass das nicht linear verläuft?

Die Vögel, die sich ihre Erdnüsse von unserem Balkon holen, die Rabenkrähen, die Elstern, Eichelhäher und Kohlmeisen, sie scheinen alle gerade in der Mauser zu sein und sehen arg zerrupft und zerzaust aus. Es zeichnet sich da wohl ein Saisonwechsel ab, Wochen bevor wir Menschen die Kollektionen wechseln.

Tropischer Regen bei großer Wärme den ganzen Tag über, mein Kreislauf verabschiedet sich schon am frühen Morgen und hält dies wiederum für einen guten Herumliegetag. Das wird hier noch zur Gewohnheit, wenn es so weitergeht, und am Ende entwickele ich eine sommerliche Nachlässigkeit, Trägheit und Tiefenentspanntheit, ganz so wie einige Hauptfiguren in den Erzählungen von Somerset Maugham, die ein paar Jahre zu lange in den südlichen Kolonien waren.

Ich arbeite immerhin etwas auf dem Bett, ich gebe außerdem stundenlang gründliches Nachdenken vor, ich schreibe Mails, ich sehe Friends. Ich bin mit der Serie mittlerweile fast durch und sympathisiere sehr mit Chandler Bing, sowohl mit der Figur als auch mit dem Schauspieler. „My name is Chandler and I make jokes when I ‘m uncomfortable.“ Wessen Humor würde sich nicht so erklären? Ich werde mir wohl auch das Buch von Matthew Perry besorgen und es demnächst lesen.

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Sonntag, der 13. August, wieder beflissen einen Tag aufholen. Die Herzdame und ich waren gestern gemeinsam aus, es wurde Lindy-Hop gespielt, es wurde getanzt, und ich war erst zu der Zeit im Bett, zu der ich sonst aufstehe. Die Verlotterung schreitet hier mit anderen Worten in großen Schritten voran, stelle ich zufrieden fest. Und während ich nach etwa fünf Jahren Tanzpause durchgehend als Hanseatenstatue am Rand der Tanzfläche stand und dem wummernden Takt nur in aller Dezenz mit den großen Zehen folgte, wirbelte die Herzdame da zeitweise als Mittelpunkt der Veranstaltung in einer Weise herum – also es war mir eine helle Freude, das zu sehen, aber wie kann man denn bitte nicht alles vergessen, nach so langer Zeit? Ich kann gerade noch den Grundschritt, glaube ich, und auch den nur von Lindy-Hop, kein Gedanke an Shag oder Balboa. Jedenfalls wenn ich etwas darüber nachdenken würde, wüsste ich den Grundschritt. Ich würde auch, so viel Einsatzbereitschaft muss sein, nicht vollkommen ausschließen, diesen bei Gelegenheit im Wohnzimmer mit der Herzdame noch einmal zu rekonstruieren, so sie sich denn großmütig auf mein Niveau herablassen würde.

Egal. Es gab jedenfalls gute Musik, ich fand es schön. Im Morgengrauen erst sind wir nach Hause gekommen, das habe ich schon lange nicht mehr erlebt und ich kann jetzt also eine Weile berechtigt auf diesen Tag verweisen, wenn mir wieder jemand mit diesem Komfortzonenunfug kommt. Okay, ich war da draußen.

Nachmittags wieder im Garten, mit der Herzdame und mit erheblicher Postparty-Schlagseite auf der Hollywoodschaukel. Dann gab es dort noch Besuch von sehr geschätzten Freunden, es gab außerdem Kaffee und Kuchen.

Bei der Gelegenheit habe ich gemerkt, dass wir aus dem Heimatdorf der Herzdame auch Tassen mit Füßchen geerbt haben, das wusste ich gar nicht. Ich denke, ich bin jetzt ein Fan von Tassen mit Füßchen.

Ein Stück Schokoladenkuchen auf einem altmodischen Teller, daneben eine Tasse mit Füßchen

Ein herausragend gutes Wochenende war das unterm Strich, auch mal Bestnoten vergeben.

Gerne wieder.

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Gemischte Ergebnisse

Freitag, der 11. August. Ich sehe mir am Morgen Bilder von Lahaina an, der so radikal abgebrannten Stadt auf Maui. Hübsch war es da. Ich habe von dem Ort nie vorher gehört, aber auch hier gilt: Man kennt vermutlich jemanden, der jemanden kennt, der dort wohnt oder arbeitet oder Verwandte hat etc. Diesmal kommt es bei mir gleich doppelt hin. Die Verlässlichkeit, mit der das bei Nachrichten von wo auch immer funktioniert, auch bei Meldungen aus den letzten Winkeln der Welt, sie ist immer wieder beeindruckend, und ich kenne doch gar nicht besonders viele Leute, glaube ich, wie muss es da erst anderen gehen. Ich gebe mir immerhin nicht die geringste Mühe, Leute kennenzulernen, eher im Gegenteil, und dennoch greift diese Logik so oft. Gruselig faszinierend.

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Home Office. Der erste Tag, an dem mir im Job etwas wieder halbwegs Spaß macht. Ich brauche eben etwas Anlaufzeit nach dem Urlaub, und erst am Abend fällt mir ein, dass ich bei der zwischendurch vergnüglich anmutenden Arbeit vermutlich einen grandiosen Fehler gemacht habe. Nun ja. Gemischte Ergebnisse.

Am Nachmittag fahre ich in den Garten, um der Herzdame, die schon den ganzen Tag dort ist, Gemüsesuppe zu kochen, mit spontan geerntetem Zeug aus den Beeten und gekauftem Ziegenfrischkäse. Baguette dazu. Es ist trotz des guten Wetters sehr wenig los in den Gärten ringsum, die ganze Insel ist so gut wie menschenleer. Es ist immer noch Ferienzeit in Hamburg, man sieht es überall, und da auch die Vögel in den Hecken und Büschen immer stiller werden, ist die Stimmung so, als habe man bei einer Gartenszene in einem Film versehentlich den Ton ausgestellt. Irgendetwas stimmt nicht, man sitzt da und erwartet immer mehr von etwas, von Gezwitscher, von Gerede, von irgendwas, mach das doch mal lauter.

Gartenstühle unter Bäumen in einem regennassen Garten

Auf den Wegen gehört: Das Sommerinterview der Lage der Nation mit Robert Habeck. Wobei sich die Herren da diesmal an einigen Stellen nicht ausreden lassen, so etwas finde ich immer anstrengend beim Zuhören, mehrmals war ich kurz vorm Abschalten (Abschalten ist auch schon so ein Steinzeitwort geworden, nicht wahr, es klingt nach einem Drehknopf an einem alten Gerät aus dem letzten Jahrhundert, es müsste eher wegklicken heißen, weiterscrollen, als gehört markieren, wie auch immer). Mir kam es jedenfalls vor, als müssten die beiden Interviewenden mit einiger Dringlichkeit beweisen, dass sie auch alles wissen, ich wartete immer ein wenig auf ihr Fingerschnippen beim Melden. Sorry, ich höre die beiden sonst gerne und oft. Interessant war es dennoch.

Ansonsten gab es heute noch eine traurige Premiere auf dem Rückweg von der Parzelle. Erstmal seit etlichen Jahren sah ich wieder ein Drogenopfer im Hauptbahnhof liegen, das sehr jung war, viel zu jung, vielleicht im Alter von Sohn I, ja, es hätte ein Klassenkamerad von ihm sein können. Ein Teenager, ein Kind noch. Grauenvoll. Eine Gestalt wie achtlos in eine Ecke geworfen, in komatöser Bewusstlosigkeit, das Zubehör der Sucht noch in der Hand. Es riefen andere schon nach Rettungsdiensten, als ich vorbeiging, nach den Diensten, die am Bahnhof ohnehin in diesen Wochen im Dauereinsatz sind. Am nächsten Tag und nur ein paar Meter weiter, ich füge hier ein späteres Update ein, schon der nächste Junkie in diesem Alter.

Es wird zusehends herausfordernd hier, das kann ich nicht anders sagen, die Eskalation ist erschütternd.

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In Eintracht mit den Verhältnisssen

Donnerstag, der 10. August. Gestern noch gehört: Seneca, Vom glücklichen Leben. „Glücklich ist, wer in Eintracht mit seinen Verhältnissen lebt“, schreibt er, und da klappt man dann das Notebook zur Home-Office-Zeit doch gleich viel seliger auf, wenn nicht sogar happy. Nein, im Ernst, ich finde bei seinen Texten eher die Sprache attraktiv, weniger den Inhalt, fürchte ich.

Das Gekränkel der Herzdame kommt mit etwas Verspätung auch bei mir an, ich hänge auf halbmast vor den Meetings, knapp an der Krankmeldung vorbei. Nach der Arbeit lege ich mich lieber hin und denke, dass ich mich heute überzeugend so fühle, als hätte mich eine Walze überfahren, daher bleibe ich erst einmal liegen und mache und denke gar nichts mehr. Das immerhin fühlt sich richtig an.

Danke auch für mehrere Hinweise auf Mastodon zur zeitlichen Korrektheit der Corona-Tests, aber wir haben viele und zu allen möglichen Zeitpunkten gemacht, es blieb alles bei allen negativ und man kann sich also weiterhin und auch im Sommer einfach mal mit anderen, wie sagt man, konventionelleren Viren amüsieren.

Die Herzdame fährt währenddessen mit einem Sohn zum Baumarkt und kauft Farbe, denn ihm gefällt eine Wand in seinem Zimmer nicht mehr und er ist alt genug, um das selbst zu ändern. Erfreulich! Ich bleibe ein überzeugter Anhänger dieses Großwerdens.

Es kommt ein Brief vom Finanzamt, er ist drei Seiten lang und ich verstehe auch beim dritten Lesen so gut wie nichts, abgesehen von der Anrede. Ich bin voller Bewunderung, denn man muss es auch erst einmal hinbekommen, einen Sachverhalt, der am Ende sicherlich wie immer pappeinfach ist, dermaßen sprachlich zu verkomplizieren – man kann es vielleicht auch als Kunstwerk verstehen, aber das denke ich nur, um, wie hieß es, in Eintracht mit meinen Verhältnissen zu leben. Denn man kann es drehen und wenden wie man will, auch mit dem Finanzamt hat man nun einmal ein Verhältnis, und ich loche den Brief also und lege ihn sorgsam ab, am Ende ist er für irgendwas wichtig. Ich stelle den Ordner ins Regal zurück, adrett in die Reihe, die Optik stimmt. Immerhin.

Concordia domi, wie es in meiner Hauptstadt hieß.

Am Abend geht es mir spontan wieder besser, ich gehe noch eine Runde. Zum ersten Mal nach der Reise streife ich wieder durch die City, um nachzusehen, ob alles noch da ist und wie vertraut aussieht. Es gibt einen neuen Laden, in dem irgendwas mit viel Zimt verkauft wird, Kuchen oder etwas noch Spezielleres, das sicher nicht mehr banal Kuchen genannt wird, dieses Geschäft trägt auch im Namen irgendwas mit Zimt. Ich habe es schon wieder vergessen, wie es genau hieß, dachte im Vorbeigehen aber immerhin kurz an Bruno Schulz, denn man hat auch als lesender Mensch Leserin Verpflichtungen.

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Besser zuhause

Mittwoch, der 9. August. Gestern am Abend weiter im Briefwechsel Bachmann-Frisch gelesen. Ihren Briefen merkt man oft das Dichterische an, die Lust am Beschreiben und Schildern, am Erzeugen von Stimmungen, man liest auch großes Talent zweifelsfrei aus ihren Briefen heraus, meine ich jedenfalls, aus seinen dagegen nicht. Das sagt nichts über die Bücher der beiden aus, versteht sich, aber interessant ist es doch.

Es ist schon der dritte Werktag nach dem Urlaub, ein weiterer Sturm- und Herbsttag wird es, wieder gibt es die üblichen 12 Grad am Morgen, die hier in jeden Monat passen. Im immer noch frischen Wind wehen an einigen Fenstern im kleinen Bahnhofsviertel noch die Regenbogenflaggen vom CSD, im Kopfsteinpflaster sieht man hier und da auch noch eingetretene Reste vom Fest, Konfetti und Glitter, zerrissene Flyer, zerfetze Aufkleber mit Forderungen und Parolen. Ich bin nicht sicher, ob die Reihe der Großveranstaltungen für dieses Jahr nun durch ist, abgesehen von den Weihnachtsmärkten, aber ich denke schon.

Vor dem Hauptbahnhof geht eine ältere Frau hin und her, die nicht bei Sinnen ist und ebenso schrill wie laut nach ihrer Mutter ruft, aus Leibeskräften, immer wieder „Mama! Mama!“, man hört es sehr weit und mag sich nicht vorstellen, wie lange sie schon vergeblich nach der so sehr fehlenden Mutter schreien mag, Stunden, Tage oder sogar Jahre. Auf jedem Weg hier gibt es eine Begegnung mit dem Elend in irgendeiner Ausprägung, mit seelischem Elend, geistigem Elend, körperlichem Elend, sozialem Elend, und obwohl ich sonst nicht zur Relativierung neige – es geht mir doch gut, so vergleichsweise, es wird mir quasi stündlich neu bewiesen, ich muss nur einmal kurz vor die Tür gehen, ach was, ich muss nur den Kopf etwas drehen und aus dem Fenster sehen.

Während ich am Morgen eine Station mit der S-Bahn fahre, shuffelt mir der Streamingdienst den Titelsong von „Bilitis“ auf die Ohren, das sorgt für eine Erwartungshaltung, der die Mitreisenden an diesem Morgen kaum gerecht werden können. Niemand sieht hier nach der Besetzung eines David-Hamilton-Films aus und für Weichzeichnereffekte bin ich nicht müde genug, ich sehe viel zu klar.

„Besser zuhause!“ steht dann groß auf der Seitentür eines Lieferwagens, der während der ganzen Arbeitszeit direkt vor meinem Bürofenster parkt, das ist ein wenig gemein und leider auch inhaltlich überzeugend. Mit etwas Ach und Weh gearbeitet. Aber so geht ja in der ersten Woche nach dem Urlaub häufig zu, das ist nicht schlimm.

Mittags mit Kollegen auf dem Wochenmarkt Essen am Imbiss. Wir stehen im Regen und im Wind, wir frieren, es ist nach Beweislage eindeutig Oktober. „Das wird schon noch“, sagt die Imbissverkäuferin mit Blick zum Himmel, und sie sagt es in dem Tonfall, in dem auch die Strandkorbvermieter an der Küste an solchen Tagen mit ihren zögernden Kunden reden.

Auf den Wegen weiter den Fallada gehört, die Erzählungen, Lilly und ihr Sklave.

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In Österreich, so lese ich und bleibe bei dem Thema Tourismus einfach noch etwas dran, brechen die Buchungszahlen in Kärnten und in der Steiermark nach den Unwettern schon deutlich ein. In der Ticker-Meldung direkt darunter geht es dann um die vielen Erdrutsche in Norwegen, und das kann man sich mittlerweile vielleicht als eine Art Lotteriespiel vorstellen, welches Land oder welche Region da noch heil durchkommt und von der reiseplanenden Mehrheit als sicher fürs nächste Jahr betrachtet wird. Man könnte auf einer Landkarte markieren, was vermutlich wegfallen wird.

Währenddessen gibt es in Südtirol den ersten See, für den man vor dem Besuch ein Ticket buchen muss, außerdem darf man dort nur noch mit dem ÖPNV, per Rad oder zu Fuß anreisen: Italiens Kampf gegen den Massentourismus.

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Wir winken ferner Sixto Rodriguez, er hat gerade die Bühne verlassen. In meinen Playlists wird er bleiben.

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Irgendwo hinten, irgendwo unten

Dienstag, der 8. August. Nur 12 Grad sind es am Morgen, es könnte jeder Monat sein. In der frühen S-Bahn sehe ich Menschen mit schnell improvisierter Herbstmode, aus Restbeständen und Kleiderschranktiefen zusammengesucht. Man trägt im August noch keine neuen Kollektionen für die dunkleren Jahreszeiten, man trägt nur, was sich so anfindet. Der Mann neben mir trägt einen warmen Mantel, der arg zerdrückt aussieht, der wird irgendwo hinten, irgendwo unten gelegen haben, der war sicher noch wegsortiert für Oktober, November.

Auch mal wieder ins Büro gehen, gutes altes Hammerbrook. Na ja. Wie man auf dem Foto deutlich sehen kann: Da hinten wird es heller, das norddeutsche Mantra, da haben wir es schon wieder.

Die S-Bahnstation Hammerbrook im Morgenlicht

Auf dem halben Weg ins Büro fällt mir ein, dass ich die notwendigen Schlüssel und Tür-Chips gar nicht dabeihabe, die waren noch urlaubsmäßig aus der Sicht und einigermaßen gründlich weggelegt. Ich kehre also ergeben wieder um, ich gehe noch einmal in die Wohnung zurück, in der alle anderen Familienmitglieder selig weiterschlafen. Ich suche leise fluchend mein Zeug zusammen. Es dauert eben, bis man im Hirn und im Alltag alles werktagsmäßig zum zweiten Halbjahr hochgefahren hat und wieder voll in seinen mehr oder weniger geliebten Routinen aufgehen kann. Meine Begeisterung hält sich im Moment noch in allzu engen Grenzen, denn die Option, bei Regen ganztägig auf dem Bett zu liegen und zu lesen, mit hier und da eingestreuten Spontannickerchen, sie hat mir doch gut gefallen.

Es ist jetzt später Nachmittag, und ich tippe dies, während draußen der immer wilder werdende Wind das Laub von den Bäumen fetzt und wirbelnd herumtreibt. Jagende Wolken sehe ich hinter dem Kirchturm. Wie irritiert kann man jahreszeitlich sein, wie weit ist der Sommer?

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Auf den Wegen gehört: Ein WDR-Zeitzeichen zum Geburtstag von Ringelnatz, darin auch eine kurze Sequenz mit seiner Original-Stimme, und ich denke, die kannte ich bisher nicht.

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Währenddessen in den Blogs

Mit diesem Satz noch einmal sehr weit im Kreis herum denken.

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Christian im ersten Teil des Textes über Inklusion und Faschismus, mit einer Schlussfolgerung zum Thema, die ich leider teile. Vielleicht demnächst noch etwas mehr dazu.

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Die Kaltmamsell hat den Barbie-Film gesehen. Das haben wir auch noch vor, aber mir fällt gerade auf, dass wir das wohl auch praktisch angehen müssten, damit es stattfindet, und hier scheint mir ein Problem zu liegen. Das mal angehen!

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Nächtliche Panzerknackerbegegnungen

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Ein Bericht aus China (auch in den Texten davor mehr dazu)

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Der Bericht des Torwächters

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Man kann Blog auch lesen, um fremde Welten kennenzulernen, sei es nun örtlich oder auf einer etwas anderen Ebene, mehr inhaltlich, so geht es mir zumindest, wenn ich etwa Berichte von Menschen lesen, die sich mit Karaoke beschäftigen. Viel fremder kann es kaum werden, ich finde das mit erheblichem Grusel interessant. Es gibt ja immer diese theoretische Frage, für wieviel Geld man etwas machen würde, und mein Preis bei Karaoke wäre so hoch, Sie würden staunen. Es ist für mich vollkommen unvorstellbar, dermaßen abwegig und absurd – und andere leben das einfach so. Ich aber denke schon beim Hören des Wortes Karaoke sofort: „Dann doch lieber ins Büro“, und das will etwas heißen.

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Noch etwas über Trauerrituale in Jordanien lernen, man kommt auch mit Blogs viel herum.

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Ich nehme das Fernsehen und daher auch Typen wie Lanz oder Precht kaum noch zur Kenntnis, schon seit vielen Jahren nicht mehr, ich hatte aber doch Spaß an diesem Text.

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Über Negativspiralen

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Herbstapril im Sommer

Montag, der 7. August, der stets so schwere erste Werktag nach dem Urlaub. Morgens das Firmen-Notebook aus dem Schrank kramen, die verdrehten und verknoteten Kabel zusammensuchen und sortieren, das richtige Headset etc., Home-Office. Arbeitsbeginn bei künstlichem Licht, so spät im Jahr ist es also schon, stelle ich wie immer etwas überrascht nach dem Sommerurlaub fest. Ein grauer Morgen ist es, eher kühl, Sturm aus Nordwest ist deutlich im Anflug, „schwere Windwarnung“, sagt die Wetter-App sogar. Die Herzdame, die diesmal mit einem Sohn im Garten geschlafen hat, wird dort einen recht frischen Morgen haben, bei Standard-12-Grad. Hoffentlich bleiben die Birnen am Baum, die armen Früchtchen.

Bunte Kreideschrift auf einem Gehweg: "Frei Sein", daneben eine Plastikblumengirlande

Im Laufe des Vormittages sehe ich quertreibenden Regen über dem menschenleeren Spielplatz vor dem Balkon, es ist Herbstapril im Sommer, wie wildgeworden ist dieses Wetter. Es ist heute alles dabei, sogar eine diesmal echte Sturmflutwarnung, die doch eindeutig überhaupt nicht in diese Jahreszeit gehört, und ich bin zwischendurch kurz in Versuchung, mir einen wärmenden Pullover übers Hemd zu ziehen. Eskalationen!

Die Menschen, die in den letzten Wochen keinen Urlaub hatten, sondern nur besonders grauen und nassen Alltag in dirty old Hamburg, sie wirken etwas angeschlagen, was die Stimmung betrifft, es ist kaum zu übersehen. Man merkt es überall, ich bin in meiner Umgebung vergleichsweise gut gelaunt, und das passiert mir auch nicht gerade regelmäßig. „Du machst ja ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter“, man kann diesen Satz in Hamburg in diesen Tagen ganz neu ableiten.

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Bezüglich der Auswanderung bei rechter Machtübernahme fielen in den Timelines bisher die Staaten Dänemark, Irland und Neuseeland, mit deutlichem Vorsprung Dänemark, obwohl das in Bezug auf rechte Politik auch nicht ganz ohne Umtriebe ist, wenn ich mich recht erinnere. Egal, wir bleiben da dran, wir beobachten das und verzeichnen nebenbei auch schon einmal das Biedermeier als Ziel, immer kreativ bei der Lösungsfindung bleiben.

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Der Rest des Tages geht für die Einrichtung eines neuen Notebooks drauf und verbleibt daher vollkommen ereignislos und erlebnisfrei. Sitzen und klicken und scrollen und neu starten. Alle Einstellungen passend zurechtbiegen, Passwörter memorieren, das dauert erstaunlich lange, und dabei dann auch die ganze Zeit überlegen, was man bei einer solchen Gelegenheit loslassen und löschen könnte.

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Gehört auf den Einkaufswegen: Hans Fallada, Lilly und ihr Sklave, Erzählungen aus dem Nachlass. Gelesen von Jennipher Antoni.

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Äpfel, die auf Tische fallen

Sonntag, der 6. August, in der Laube.

Am Morgen gelesen: Wieso die deutsche Wirtschaft nicht in der Krise steckt.

Ich bin kein VWL-Experte, finde viele Krisenberichte aber zurzeit ganz erstaunlich flach, also so flach, dass sogar mir sofort Gegenargumente einfallen und ich denke, das sollte so nicht sein. Deswegen hier der Link zur abweichenden Meinung, die ist auch einmal interessant. Faszinierend finde ich auch, wie sehr einzelne Argumente aus den Wirtschaftsmeldungen und Schlagzeilen oft im Smalltalk als Verankerung für politische Positionen genutzt werden, das ist womöglich auch ein Mechanismus, der besonders in diesem Land gut funktioniert. Also der Autoindustrie geht es schlecht (was schon einmal ein sehr schwaches Statement ist, aber egal), daher müssen wir jetzt … und dann kommt ein Parteiprogramm. Erstaunlich.

Und über die posttraumatische Belastungsstörung der Gesellschaft. Ich sehe einen deutlichen Bezug zur Lage hier im Stadtteil, wenn nicht sogar in der Familie, in der Timeline etc. Und um bei der Wortwahl zu bleiben, die ich hier im Blog oft verwende, geht es nach Hurrelmann bei der Bewältigung des Ganzen also nicht nur ums Weitermachen, sondern um gelingendes Weitermachen. Vielleicht sollte ich meine Formulierungen auch dahingehend überprüfen, immer lernfähig bleiben.

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Am Morgen ist es in der Laube gerade eben warm genug, dass ich nicht frierend am Tisch sitze. 15 Grad sind es draußen, vermutlich auch drinnen, die Fenster waren geöffnet. Mit einem Kaffee in der Hand geht es, der Sandwichmaker glüht auch schon vor. Der Sohn schläft lange, ab und zu dreht er sich knurrend um. Er scheint gerade zu wachsen, jedenfalls leite ich das aus der Tatsache ab, dass er gestern drei Hauptmahlzeiten und danach ein halbes Vollkornbrot gegessen und spätabends dann noch die Laube nach Essbarem abgesucht hat, ich hörte es im Halbschlaf. Da muss man dann vermutlich auch lange schlafen, um alles in Ruhe zu verarbeiten.

Ich sitze am Tisch und tippe mich warm. Regen auf dem Dach, leises Taubengurren aus der alten Weide, selten nur eine verhalten zeternde Meise in der Magnolie, die wie immer als erster Baum im Garten schon ein paar gelbe Blätter hat, sie streicht besonders früh im Jahr die Segel. Die Amsel vom Dienst huscht lautlos über den Rasen vor der Hütte und sucht Würmer, ernst und emsig, ohne Zeit für Unterhaltungen. Eine Rabenkrähe landet gerade auf dem Dach, ich sehe ihren Anflugschatten aus dem Augenwinkel, ich höre ihre hüpfenden Schritte über mir, wie ein sachtes Abtasten der Dachpappe.

Um halb zehn höre ich Kirchenglocken, ich weiß gar nicht genau, woher die genau kommen, die Töne wehen aus West heran. Der Regen hört auf, ich setze mich vor die Laube. Aus dem Apfelbaum fallen mir zwei reife Äpfel auf den Tisch und möchten bitte gegessen werden, es geht hier schlaraffig zu. Auch auf dem kleinen Tisch neben der Hollywoodschaukel liegt schon Obst für mich bereit, von den Bäumen freundlich dort abgelegt.

Zwei Augustäpfel auf einem alten Gartentisch

Mehr passiert nicht, und das ist auch schön. In der Ferne, um einen alten Gag aufzugreifen, bellen währenddessen immer Hunde, muss man sich vorstellen, da das Tierheim nicht weit entfernt liegt. Je nach Wind hört man es mehr oder weniger laut. Das Tierheim ist gerade voll, lese ich später, rappelvoll, es werden keine Tiere mehr aufgenommen. Das gab es noch nie, so steht es in den Artikeln, eine Folge der Coronajahre und der Sommerferien.

Ich gehe die Blogtexte für die letzten sieben Tage noch einmal durch. Das ist nun seit etlichen Wochen mein Morgenritual und es hat sich bewährt wie kaum ein anderes. Ich habe mich selten sortierter gefühlt, ich werde für mein Gefühl immer besser darin, mir mein Leben zurecht zu schreiben, und ich halte es mittlerweile für eine herausragende Maßnahme der Psychohygiene, für Therapiesurrogatextrakt. Ich denke über die nächsten Kolumnen nach, ich denke über andere Texte nach, es ist ein ausgesprochen entspannter Morgen vor dem ersten Werktag nach dem Sommerurlaub. Vermutlich war es eine gute Entscheidung, hier im Garten zu schlafen, trotz des eher schlechten Wetters. Die Herzdame, die es vorgeschlagen hat, wird wie fast immer richtig gelegen haben. Sie wiederum ging aus und schlug sich die Nacht um die Ohren, tanzend hoffentlich, und das wird für sie auch richtig gewesen sein.

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In den Foodblogs und in den Bäckereien sehe ich bei der Morgenlektüre die Pflaumenkuchen. Das Jahr schreitet voran, ich sehe auch erste Kürbis- und Muschelrezepte.

Es gibt bei uns später Kartoffel-Kohlrabi-Suppe (eigene Ernte, eh klar).

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„Hamburg ist eine kühle regnerische Stadt, die wo im Norden liegt.“ Ingeborg Bachmann in einem Brief an Max Frisch, 3. Juli 1962. Das hat sie damals gegenüber im Hotel Atlantic geschrieben, wenige Meter von dem Sofa entfernt, auf dem ich gerade sitze und die letzten Zeilen dieses Textes schreibe.

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