Hochsommernotate

Vorweg wieder ein Nachtrag zu gestern, ich fand auf Youtube noch eine Doku zu den Gärten der Finzi Cortini, eine sehenswerte Aufbereitung der Themen von Film und Roman und der Garten- oder Parksymbolik, ansprechend bebildert:

Nebenbei beschließe ich, noch während diese Doku läuft, das lange Überlegen in diesem Jahr radikal abzukürzen und im Sommerurlaub, der in wenigen Wochen beginnen wird, einfach nur Bücher italienischer Autorinnen zu lesen. That was easy!

In der Wikipedia werden für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg 22 wichtige Autoren und vier Autorinnen genannt, dieses Verhältnis wird mit Sicherheit diskutabel sein. Es gibt jedenfalls mehr als genug Bücher von dort, die ich nicht kenne, eine reiche Auswahl gibt es. Und es wird dann vielleicht auch vom Wetter her passen, zum ausklingenden Juli hin. Ja, mach nur einen Plan.

***

Und eine Kleinigkeit zur Saison noch. Ich erwähnte gestern den Hochsommer, und die Kaltmamsell tat es am gleichen Tag auch, sogar bereits in der Überschrift, mit ähnlichen Einschränkungen im Text wie ich, der Regen, der Sturm. Damit haben wir den Hochsommer also gemeinschaftlich für Nord und Süd festgestellt, das ist damit meiner Kenntnis nach sofort, unverzüglich.

***

Am Sonntag machten wir wieder einen Spaziergang am Hafen, die Herzdame und ich, und weil alle Menschen, welche die Schlagzeile „Der Tourismus erholt sich“ für diese Stadt bunt illustrieren, auch gerade da waren, bogen wir am Michel ab und zogen quer durch die etwas leereren Straßen der Innenstadt, die nicht in jedem Reiseführer stehen. An einem Café kamen wir vorbei, in dem es schon Pflaumenkuchen gab. Kann es denn schon so weit sein? Ich lese das mit den Pflaumen später skeptisch wie immer nach: Frühe Sorten ab Juli. Na gut, dann will ich das durchgehen lassen.

***

Und noch Weiteres zum phänologischen Kalender der großen Stadt. Ich hätte es schon vor einigen Tagen notieren müssen, vor dem erneuten Regen, denn es kommt bildlich nicht richtig hin, wenn es gerade schüttet. Die Eindrücke sind fast schon veraltet, ich müsste deutlich zügiger bloggen, wenn es um die Natur geht. Sie eilt doch recht flott durch die Jahreszeiten, diese Natur, wenn man genauer auf sie achtet.

Die Linden blühen jedenfalls bei uns wieder und die Blattläuse im Laub sondern wie immer unablässig klebriges Zeug ab und tropfen und ferkeln alles am Boden voll. Sie verwandeln zuverlässig etwa die unter ihnen parkenden Autos schon nach kurzer Zeit in etwas, das nach drastischem Wertverlust aussieht, nach Verwahrlosung auch, nach bald abzuholendem Schrott gar. Stumpf der Lack und blind die Scheiben. Das autobezogene Gegenstück zu „geteert und gefedert“, so sehen diese besudelten Wagen aus. Ein Anblick grässlich und gemein.

Ich sah hier fast rührende Szenen, als stolze SUV-Besitzer ihr Prachtstück nach einer oder nach sogar mehreren Nächten, in denen es unter den falschen Bäumen stand und kein Starkregen hilfreich die dicke Schicht abwusch, derart verwandelt wiederfanden. So viel Schmerz in den Blicken. Es war manchmal schon schön und mir auf die boshafteste Art angenehm. Besonders bei denen, die ihre Ungetüme in den Feuerwehrzufahrten etc. geparkt hatten. Und wenig sind das in diesem Stadtteil nicht, weil Freiheit etc. Man kennt das, wie allzu gut man es mittlerweile kennt.

Die Lindenblüte, das wissen wir jetzt, zeigt den Hochsommer an. Wann ist die nächste Stufe erreicht, der Spätsommer? Wenn wir mehr Libellen sehen, lese ich. Das müsste ich im Garten an der Bille bei Gelegenheit verifizieren, Libellen fliegen nicht um den Hauptbahnhof. Wenn die ersten Äpfel reif sind, das gehört auch zu den sicheren Spätsommerzeichen, und auch das würde ich im Garten merken. Wenn die Vogelbeeren reifen und die Mirabellen. Die immerhin habe ich vor der Haustür, die Mirabellen.

Nach denen werde ich also gehen können und dann berichten. Ich merke uns das vor, damit wir stets Bescheid wissen.

Ansonsten ist Montagmorgen und Element of Crime hat den Wetterbericht.


***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Schlagt nach bei Hoddis

Der Sonnabend ein weiterer Tag mit einem Wetter, das es früher meiner Erinnerung nach gar nicht gab. Diese schräge Mischung aus unfassbar schwül und dabei doch wild stürmisch. An der Nordsee wehte es sogar in Orkanstärke, mitten im Hochsommer. Welchen wir daran zu erkennen haben, dass die Linden blühen. Aber das nur am Rande, dazu eventuell morgen mehr.

Man geht jedenfalls um den Block, könnte nach hundert Metern bei 27 Grad schon wieder und am besten kalt duschen und hat nach zwei Windstößen keine Frisur mehr. Man hat nur noch Haare.

Es ist ein meteorologischer Mix, der sich für mich immer noch nach Katastrophenfilm anfühlt. „Dieses Wetter ist nicht von hier“, könnte ich den ganzen Tag murmeln. Und ich frage mich grübelnd , wieso es denn bloß nicht alle dauernd und deutlich beunruhigt feststellen. Ich fühle mich in aller Ausdrücklichkeit wie bei „Don’t look up“ und verstehe die Lage nicht mehr recht.

Fortwährender Sturm ohne jede Frische als Zeichen der Zeit und des Wandels also. Und nicht einmal die neu erworbene Kopfbedeckung kann ich bei diesem Wetter tragen, denn dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut.

Schlagt nach bei Hoddis, möchte ich mahnend ergänzen, und achtet außerdem auf Eure Dachdecker. Wir z.B. haben so einen in der Familie, und, weil so viele Scherze kaum noch in Arglosigkeit aufgehen, gab es da doch gerade etwas bei der Tageschau zu denen. Moment, ich sehe nach: Der Beruf und der Klimawandel.

„Schlagt die Pointe entzwei

Sie macht unsere Kinder nicht frei“

Seit Tagen habe ich, ganz unabhängig von diesem Text hier, ein Kreisler-Stück als ausgeprägt festsitzenden Ohrwurm. Nach der ersten Wahl in Frankreich fing es an und geht gar nicht mehr weg, sein vorletztes Lied. Vielleicht hilft es mir noch einmal, den Song zu posten, vielleicht hilft es auch, eine Interpretation nachzulesen, in einem feinen Blog, das ich soeben gefunden habe.


***

Gesehen: Der Garten der Finzi Contini, auf arte. Ein Film von Vittorio de Sica, nach dem Roman von Giorgio Bassani,. Ein Roman, von dem ich genau weiß, dass er in der Piper-Taschenbuch-Ausgabe lange bei mir im Regal stand, allerdings nicht mehr genau weiß, ob ich ihn auch gelesen habe oder nur jahrelang lesen wollte. Egal, heute steht das Buch jedenfalls nicht mehr im Regal, wie ich gerade verifiziert habe. Warum und wann auch immer es verschwunden ist, das entzieht sich meiner Kenntnis. Bücher führen manchmal ein seltsames Eigenleben, sie kommen und gehen, ganz wie es ihnen beliebt.

Zu dem Film drängt sich mir zunächst eine wenig feuilletongeeignete Beobachtung auf, denn wie irritierend ist bitte die Ähnlichkeit des Schauspielers Fabio Testi mit dem jungen Sascha Hehn. Ich muss dauernd bemüht darüber hinwegsehen und eine dezente Klausjürgen-Wussow-Erwartung für die nächsten Szenen niederkämpfen. Schlimm ist das, und vollkommen unangemessen bei dem Ernst der Handlung und des Themas ist es auch.

Es geht um den Faschismus in Italien, um die Entrechtung und Verfolgung der Juden und um die Lage in Frankreich und Deutschland.

[Einschub zu Frankreich: Nils Minkmar aktuell zur Situation, Christine mit dem letzten Update vor vier Tagen und ich hoffe inständig, dass meine Kolleginnen in Paris (ich arbeite für Ipsos, wenn ich auch mit Wahlforschung vor vielen Jahren zuletzt etwas zu tun hatte) auch diesmal richtig liegen.]

Wo war ich. Die Bezüge zur Gegenwart basteln sich bei dem Film wie von selbst, das wollte ich noch ergänzen. Ob man diese Bezüge sehen will oder nicht, und eigentlich möchte man doch wirklich nicht mehr. Aber wenn man etwa den eben erwähnten Fabio Testi aus Neugier nachliest, der in dem Film noch einen dem Kommunismus nahestehenden Gegner der Faschisten spielt, sieht man, dass er später Anhänger von Berlusconi und Forza Italia wurde …

Wie die Geschichte immer wieder mischt und alles durcheinanderwirft. Es ist auf die gruseligste Art faszinierend.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Alles geben die Götter

Ich lese abends weiter im erfreulich dicken „Tagebuch mit Menschen“ von Georg Stefan Troller, seine Einträge aus den Sechzigern, in denen er oft auch recht giftige Bemerkungen über andere notiert. Das Buch läuft nicht gerade über vor Wohlwollen, aber das nur am Rande.

Mir wird jedenfalls erneut bewusst, wie in diesem Jahrzehnt, in dem ich auf die Welt kam, die Trümmer des Zweiten Weltkriegs im realen und im übertragenen Sinne noch das Leben prägten. Die Kultur auch. Er trifft für seine Interviews so viele Überlebende, halb oder ganz Vergessene, Versehrte, Verirrte, Wiedergefundene und Zurückgekehrte. Es lohnt sich, das nachzulesen, es erweitert mein Bild dieses Jahrzehnts.

Wie präsent das große Grauen damals noch war. Fast nichts davon habe ich in meiner Kindheit bemerkt, abgesehen vielleicht von der Grundangst der Erwachsenen um mich herum, die Russen könnten doch noch kommen. Und diesmal dann bis Lübeck und noch weit darüber hinaus. Diese Vorstellung wurde oft deutlich.

Bei Gewittergrollen und ähnlichen Geräuschen immer der Satz: „Die Russen kommen.“ Ein Satz, den wir Kinder übernommen haben. Normaler Sprachgebrauch war das, und als Kind habe ich selbstverständlich nie bedacht, welche Inhalte aus früherem Erleben viele Erwachsenen damit verbunden haben müssen.

Es hört nicht auf, dass ich mich darüber wundern kann, wie wenig die geschichtliche Vergangenheit in meiner eigenen Vergangenheit stattfand. Und wie spät ich dieses generalisierte Schweigen über die Geschichte erst als solches wahrgenommen und verstanden habe. Wenn es interessiert, bei Radiowissen gibt es passend dazu auch eine hörenswerte Folge über das kollektive Gedächtnis.

Ich lerne bei der Lektüre auch etwas darüber, wie diese Interviews damals für das Fernsehen inszeniert wurden, mit welchen Tricks manchmal gearbeitet wurde. Vielleicht erinnern Sie sich noch, ich hatte hier vor längerer Zeit einmal einen Clip im Blog, in dem der Schriftsteller Somerset Maugham Verse von Goethe zitierte, auf Deutsch:

„Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“

Ich wusste damals vermutlich nicht, dass es ein Ausschnitt aus einem Troller-Interview war.

Hier kommt gleich mehr dazu im Video. Bei den Aufnahmen zu Beginn ist Troller neunzig Jahre alt, während er über den damals neunzigjährigen Somerset Maugham spricht, das ist dabei bitte auch zu beachten. Alte Männer sind ja gerade hier und da Thema auch in den Nachrichten.


***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Wie erwachsene Menschen

Donnerstagmorgen. Es regnet, es regnet, es regnet seinen Lauf. Wenn es gerade nicht regnet, dann schüttet oder nieselt es. Und das seltsame Gefühl direkt nach dem Aufstehen im Bad, es war wohl im Ernst ein kleines Frösteln. Eine Stunde später sehe ich am Schreibtisch Terminanfragen für den, und ich sehe dann genauer hin, Oktober und November. Die kommen etwas unerwartet, passen aber gut ins allgemeine Bild dieses Tages, so fühlt es sich alles an. Auf dem Handy poppen dann noch die Windwarnungen auf, Stärke acht aus Südwest. Mary-Poppins-Verschnittfiguren, die mit solchen Winden reisen, sind ziemlich flott unterwegs.

Egal. Im Home-Office arbeite ich mich in gewohnter Emsigkeit wieder warm und quer durch die Juliroutinen auf die nächsten heißen Tage zu, die fraglos kommen werden. Und bald schon.

***

Ein kleines Update zu meinem Hinweis vor zwei Tagen auf die aktuelle Corona-Welle: Jetzt sehe ich Krankmeldungen aus allen Richtungen, und viele davon. Man kann es eigentlich beim besten Willen nicht mehr übersehen. Irgendwo in der Wohnung bellt ein Sohn, noch während ich dies notiere. Den dann auch mal einen Test machen lassen.

***

Die Herzdame und ich hatten einen Termin bei einem Notar, es ging um unser Testament und war ungemein lehr- und hilfreich. Solche Termine lohnen sich auch für den Gefühlshaushalt, wir kamen uns hinterher wenigstens für einen Moment wie erwachsene Menschen vor, die Dinge ernsthaft und zielstrebig geregelt bekommen. Ein angenehmer Zustand ist das, wie kurz er auch anhalten mag.

Termine dieser Art sind immer noch die weiteren Nachwirkungen unserer im Winter begonnenen administrativen Aufräumarbeiten. Man braucht doch erstaunlich lange für alles. Jedenfalls dann, wenn man einigermaßen gründlich sein möchte und sich auch jene obskuren Themen vornimmt, die man in Gedanken stets unter G wie Gott weiß wann abgelegt hat.

Und fertig sind wir, soweit ich es absehen kann, mit den ganzen Angelegenheiten noch lange nicht. Also wenn man damit jemals fertig werden kann. Ich habe allmählich leise und vermutlich berechtigte Zweifel. Man sucht den Sinn des Lebens in der Ablage, administriert sich vermutlich bis zum Tode und muss direkt danach sicher erst einmal einen weiteren Account anlegen, für die nächste Dimension. Und man wird dann auch eine Vorgangsnummer erhalten, die man sich merken oder die man wiederauffindbar abheften muss, und dann immer so weiter in Ewigkeit, Amen.

***

Wie vorgehabt: Am Abend „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 auf arte angesehen. Der Film ist nur noch fünf Tage verfügbar und es lohnt sich, ihn zu sehen. Es ist ein Erlebnis, so beeindruckende Bilder. Diverse höchste Einstufungen sind auch bei der Wikipedia nachzulesen, und vollkommen Recht haben sie.

Was gucke ich jetzt? Naheliegend wäre die Doku über Peter Lorre – Hinter der Maske des Bösen, auch bei arte, 54 Minuten. Ja, so mache ich das.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

 

Nieselregen und Werktagsdinge

Bei Spektrum las ich einen Artikel über Extremwetter und „freak-events“. Währenddessen sterben hier in der Alster und in den Kanälen gerade die Fische. Was ich allerdings nur in den lokalen Medien sehe, nicht als Zeuge am Ufer stehend. Sie sterben, weil der Starkregen neulich so viel organisches Material eingeschwemmt hat, und der Abbau dieses Zeugs nun zu Sauerstoffmangel führt.

Man lernt nebenbei und eher unwillig auch solche Zusammenhänge noch einmal neu, die Nachrichten als Biobuchnachlieferung.

***

Im Vorbeigehen habe ich ein Plakat gesehen, es war Werbung für die Bundeswehr. Die allgegenwärtige Personalnot, selbstverständlich auch bei denen. Ob man allerdings noch ganz bei Groschen sein kann (ich weiß gar nicht, aus welchen Tiefen der Erinnerung mir dieser Ausdruck gerade wieder einfiel, Ewigkeiten habe ich das nicht gehört oder verwendet, aber es ist doch ein absolut zauberhafter Boomer-Ausdruck, nicht wahr), wenn man auf ein Poster für die Armee unseres Landes „Hol Dir den Win bei der Bundeswehr“ schreibt – ich habe doch deutliche Zweifel.

Kopfschüttelnd und „Alle bekloppt“ murmelnd weitergehen. Ich freue mich weiterhin ungemein auf das spätere Krückstockgefuchtel im Rentenalter, es wird dann schon passen.

Ungemein gut wird es passen.

***

Ansonsten war es ein gewöhnlicher Bürotag in Hammerbrook, es fiel nichts Blogbares an. Nieselregen und Werktagsdinge, immerhin harmonisch passend zur durchgehend freudlosen Stadtteilgestaltung und den sich dort jahrelang hinziehenden Großbaustellen, bei denen unfassbar viele Absperrungen alle paar Tage überraschend neu aufgestellt werden. Wie bei einem Brettspiel mit Gegenwartsbezug, finde Deinen Weg durch den Verkehr der Millionenstadt. Auf dem Lieferwagen vor dem Bürofenster aber steht der Slogan „Barrierefrei leben“, als ob das schon jemals auch nur einem Menschen gegeben war.

Der Mittwoch zieht sich zäh und fühlt sich früh ausgereizt an.

***

Gehört: Eine Folge Radiowissen über Reich-Ranicki, mit Erinnerungen an den legendären Grass-Streit damals, 1995 war das. Als es in Feuilletons spannend zuging und es noch Leitmedien gab, die „man“ eben las und auf deren nächste Ausgabe man sich vielleicht sogar freute. Lange ist es her, und kaum noch kann man es den Jüngeren erklären. Tempi passati.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Und so schlecht ist es nicht

Wenn die Timelines als Indikator zu verwenden sind, und ich habe keinen Zweifel, dass sie es sind, gibt es gerade eine weitere Corona-Welle. Und ich staune noch einmal über die beträchtliche geistige Abwehrleistung der Menschen auch in meinem Umfeld, die das nicht wahrhaben wollen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das Verbiegen der Realität als Volkssport. Dabei muss man doch nur die Meldungen im eigenen Kreis flüchtig mitzählen, es reicht ja schon.

Wie hat es sich alles seltsam entwickelt.

***

Draußen findet währenddessen das Revival der Herbstmode statt. All die Trenchcoats und Lederjacken aus dem letzten Jahr sehen immer noch wie eben gekauft aus. Sie werden etwa eine Woche lang erneut eingetragen, im in jeder Hinsicht überzeugenden Oktoberwetterimitat dieser Woche. Auf dem Spielplatz vor der Haustür etliche Kinder in bunter Regenkleidung und in Gummistiefeln, die mit leuchtenden Farben und kindgerechten Mustern auch an solchen Tagen fröhlich wirken sollen. Zögernd stehen die Kleinen am Rand der Sandkiste und wissen dann nicht recht weiter. Unbenutzte Schaufeln halten sie in den Händen, während die Eltern sich weiter hinten mehr oder weniger geduldig unterstellen. Sie sehen auf ihre Handys sehen und warten ab.

Schaukeln schwingen leer im Regen, ganz sacht nur.

Obdachlose schieben tropfnasses Hab und Gut in lädierten Einkaufswagen an der Kirche vorbei. Vor den Cafés und Restaurants die zusammengeklappten Sonnenschirme, die leeren Tische und die zusammengeschobenen oder aufgestapelten Stühle. Kleine Pfützen auf Holz- und Plastikflächen. Über die teils noch ausliegenden laminierten Speisekarten ziehen Schauer hinweg, noch einer und noch einer, und dann immer so weiter. Ttagelang wird es noch so gehen. Das Programm ist insgesamt wenig originell und gut absehbar, aber ich finde es okay.

Sich auch mal bescheiden geben, genügsam sein. Immerhin ist es nicht zu heiß in dieser Stadt. Auch einmal das Positive unter dem Regenschirm sehen, in stoischer Selbstermunterung pfeifen und weitergehen. So beginnt hier der Juli, so beginnt bei uns das zweite Halbjahr, und so schlecht ist es nicht.

Am Nachmittag habe ich einen Termin mit der Herzdame in Winterhude. Ich verlasse also wie programmgemäß schon wieder unser Quartier. Wie so ein Mensch, der regelmäßig in der Stadt herumkommt. Im vollen Bus, der sich ruckelnd durch den zähen, stockenden Feierabendverkehr schiebt, riecht es intensiv nach nassen Hunden, Klamotten und Menschen.

Eine schwer mit Einkäufen bepackte Mutter schimpft laut, zeternd und anhaltend mit ihrem kleinen Sohn. Der hört überhaupt nicht hin, sieht vielmehr die ganze Zeit konzentriert aus dem Fenster in den sich stauenden Verkehr da draußen und träumt von etwas anderem.

Und wenn man sich die erwachsenen Passagiere mit ihren matten Werktagsgesichtern und den Blicken ins Leere so ansieht: Wer weiß, wer noch.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Hinter den sieben Bergen

Vorweg schnell ein Service-Hinweis in Bezug auf den so sehr geschätzten Sender arte, der Film-Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist noch acht Tage verfügbar. Sie wollen das vielleicht einplanen? Ich schaffe das auch noch, so jedenfalls das Vorhaben. Yes, we can.

***

Am Montagmorgen trommelt wie erwartet schon beim Aufwachen der Regen auf die Dachfenster, es ist mir überaus angenehm. Ein guter Wochenstart ist das für mich, zumindest was das Wetter betrifft. Und gut temperiert ist an diesem Tag alles. Es gibt wieder die übersaisonalen 12 Grad am Morgen, die Gradzahl meiner klimatischen Heimat.

Doch, ein recht angenehmer Start ist das. Nach einem feinen Sonntag auch, den wir hier, und das ist keineswegs selbstverständlich, erstaunlich entspannt zugebracht haben. Es war fast schon ein Wellness-Tag, also für meine Verhältnisse jedenfalls, und da kann man eher bescheidene Erwartungen ansetzen. Vielleicht war es der halbwegs faire Ausgleich für den vollkommen vergurkten und schwer verspannten Freitag der letzten Woche, ich berichtete.

Auf dem Bett habe ich stundenlang müßig gelegen und im Troller weitergelesen, in seinem Tagebuch mit Menschen. Auch einen Film habe ich gesehen (auf Filmfriend), der mir nicht weiter empfehlenswert vorkam, und es machte aber nichts. Es ärgerte mich nicht und es kam mir nicht wie verschwendete Zeit vor, eher wie eine lässige Spielerei mit der Zeit, und zu dieser Einstellung finde ich nicht immer leicht.

Eine französische Märchenadaption habe ich mir da angesehen, „Weiß wie Schnee – wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Regie Anne Fontaine. Eine faszinierend wilde Landschaft war es immerhin, in der das alles dort spielte. Eine wunderbare Hauptdarstellerin (Lou de Laâge) spielte die sich unerwartet freudig an Männer aller Art verausgebende Tochter von besonderer Schönheit. Außerdem war es eine bekannte Story, nett in die Gegenwart versetzt. Es kamen exzentrische Nebenfiguren als moderne Variante der sieben Zwerge vor, und dazu war noch Isabelle Huppert sehenswert als böse Stiefmutter nach Art der Cruella de Vil, es stand ihr ausgezeichnet. Der Prinz fehlte, und niemand hat ihn vermisst. Also es ging schon.

Aber man wird sich an den Film andererseits auch nicht erinnern müssen.

Kurz habe ich danach noch etwas gestaunt, wie leicht diese Geschichte von Schneewittchen für die Gegenwart zu adaptieren war. Das ging so faszinierend gut auf. Dann habe ich weiter überlegt, mit welchen anderen Märchen das wohl ebenso leicht möglich wäre, wie aus denen ein moderner Film oder Roman mit höchstens mäßigem Einsatz von Fantasy-Elementen zu machen wäre. Worüber natürlich enorm viele andere auch schon nachgedacht haben, teils mit Ergebnissen.

Dabei bin ich eingeschlafen und habe abgefahren und fortgeschritten unheimlich geträumt, ausgeprägte Grusel-Grimm-Momente gab es in dieser Nacht.

Jeder ist seines Horrorfilmes Schmied und Märchen vor dem Schlafengehen sind vielleicht doch eher nicht so empfehlenswert, jedenfalls nicht für Erwachsene. Man hat ab einem gewissen Alter einfach zu viel Assoziationsballast.

***

Beim Kochen gehört: Eine Folge Radiowissen über Jakob Michael Reinhold Lenz und eine über Sturm und Drang. Ich war kurz etwas weiter zurück orientiert.

***

Es starb Ismail Kadare. Ich sehe nach, was er alles geschrieben hat, und ich komme nicht mehr darauf, welche Bücher oder welches Buch ich von ihm kenne. Die Cover passen alle nicht recht zu dem, was ich meine zu kennen, die Inhaltsangaben auch nicht. Aber ich weiß noch, ich war beim Lesen etwa dreißig Jahre alt und die Geschichte hat mein Bild von Albanien dauerhaft geprägt und mich schwer beeindruckt.

Literatur wirkt, auch lange, und selbst ohne präzise Erinnerungen.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Vom Liegen und Atmen

Am Sonnabend habe ich Menschen aus dem Internet getroffen und dabei einen weiteren Avatar endlich mit einem Gesicht verbinden können. Erfreulich ist so etwas, immer noch. Nach all den Jahren, die ich, die wir so etwas schon machen.

Zwar fühlen sich Dates dieser Art immer mehr wie Treffen von Altgedienten an und man redet unweigerlich länger über frühere Zeiten, man erwähnt mehrfach Vergangenes, Verpasstes und vielleicht auch Verstorbene, man hat auch diese typischen „Was wurde eigentlich aus XY“-Momente, wie man sie wohl von großen Familienfesten etc. kennt, es kann kaum anders sein. Aber es ist doch immer noch Neues möglich und auch verlässlich zu erwarten. Neue Menschen und neue Geschichten, neue Situationen, neue Vorhaben auch.

Für dieses Treffen bin ich für meine Verhältnisse weit weg gewesen, in Barmbek, das ist immerhin mehr als zwei Stadtteile entfernt. Gefühlt alles außer der Gegend vor der Haustür habe ich in dieser Stadt ewig nicht gesehen, habe ich wieder gemerkt, überall überrascht mich der Anblick. Staunend durch die Straßen. Ich weiß, ich stellte es neulich bereits fest, es beschäftigt mich eben nachhaltig. Ich muss das viel ernsthafter angehen, dieses Rauskommen, echtjetztmal.

Denn ich weiß doch, wie man diese Wohnung verlässt. Da vorne ist die Tür, ich kann sie von hier aus beim Schreiben sogar sehen. „Dieser Ausgang war nur für dich bestimmt“, wird es sonst am Ende unweigerlich heißen, um das Kafka-Jahr leicht verdreht noch einmal anklingen zu lassen.

Ich weiß auch, wie ich aus dem kleinen Bahnhofsviertel herausfinde. Ich muss dieses Wissen nur umsetzen. Quasi Kinderspiel.

Erzählerstimme aus dem Off: „Am Nachmittag, als er vor die Tür gehen wollte, regnete es dann sehr stark.“

***

Am Sonntag kühlt es ab, und wenn sie keine heiße, fast glühende Dachgeschosswohnung haben, dann ahnen Sie vielleicht gar nicht, wie lange man mehr oder weniger unbekleidet im etwas frischeren Durchzug sitzen oder liegen kann, nur genießend, dass sich alles auf einmal wieder überlebbarer anfühlt. Das kann ein stundenfüllendes Programm sein, dieses Liegen und Atmen. Und wäre man nicht ein halbwegs beherrschter Mensch, man würde jauchzen und frohlocken dabei, in diesem leichten, fast Gänsehaut auslösenden Wehen durch die Wohnung, zwischen den weit geöffneten Fenstern in sämtlichen Zimmern.

Vom Balkon aus sehe ich es auch bei den Häusern gegenüber. Alles wird aufgerissen, Fenster, Türen und Klappen in Dächern. Als würden die Wohnungen japsend und gierig wieder atmen nach den erstickenden Hitzetagen. Wenn der Wetterbericht stimmt, können wir nun eine Woche Luft holen und durch Regen spazieren, es soll mir recht sein.

***

Gehört: Eine Folge Radiowissen über Rilke und eine über Iwan Bunin. Den Bunin schon vormerken für den Herbst, Russen lesen sich besser in der dunkleren Jahreshälfte. Der Rilke läuft einem eh rechtzeitig in den Timelines über den Weg, wenn es wieder Zeit wird und der Sommer irgendwann groß genug gewesen sein wird. Momentan ist das noch nicht absehbar.

Der nächste Herbst, er ist bald komplett verplant, was Literatur angeht. Und so soll es auch sein.

Dann hörte ich eine Folge über Adelheid Duvanel, „Schweizer Schriftstellerin im Schatten“, von der ich noch nie gehört hatte. In der Sendung heißt es beruhigend, so gehe es vielen. Es fehle der Autorin allgemein an Anerkennung im Literaturbetrieb und beim Publikum. Die Duvanel später also auch einmal nachlesen, Gerechtigkeit für Übersehene.

Auf Amazon sehe ich eine kurze Rezension zu einem Band mit Erzählungen von ihr, sie besteht nur aus einer Zeile: „Meiner Schwiegermutter gefallen die Geschichten darin.“ Ob das ein Lob ist? Ist es ein argloser oder ist es eher ein abgründiger Satz?

Man weiß es wieder nicht.

***

Und sonst? Hier noch ein weiteres Update zu den Wahlen in Frankreich. Warten Sie kurz, ich lege Musik dazu auf.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Man macht was mit

Den Freitag habe ich planmäßig in der bei mir üblichen, wenn nicht sogar unausweichlichen Anspannung verbracht, der Halbjahresschluss im Büro. Die Tür fiel final ins Schloss, man macht was mit. Vorsicht bei der Berufswahl, ich sage es ja immer.

Passend dazu gab es eine Radiosendung: „Seit wann wir für die Arbeit brennen.“ Ein geschichtlicher Abriss unserer Einsatzbereitschaft, unseres Interesses an Challenges und unserer anderen Verwirrungen für Lohn und Brot.

Nach Feierabend gab es dann dummerweise statt der erhofften Entspannung immer weiter steigende Anspannung durch Vorfälle der familiären Art. Jemand kippte in der Hitze um und es war entgegen aller Erwartung nicht ich. Dadurch aber umfassende Änderung der Wochenendpläne, und ich bin nicht der Kandidat der Wahl, wenn es um lockere Spontaneität geht. Ich bin eher der Typ Schienenfahrzeug.

Insgesamt war es ein Tag zum Wegwerfen. Der Versuch, mich später noch seelisch am Jahresmittelpunkt wieder aufzurichten, er scheiterte grandios. Ein halbes Jahr ist vorbei, ist fast vorbei, und ich kann es mir gerade nicht recht ins Positive drehen.

Hier habe ich etwas nicht geschafft, dort habe ich etwas nicht erreicht, dies und das ist nicht so, wie ich es jetzt gerne haben wollte. Verschiedenes fühlt sich außerdem nicht richtig an. Dazu die Gesamtsituation, mit der man bekanntlich nicht zufrieden sein kann, wenn man noch halbwegs bei Verstand ist.

Na, es gibt solche Tage, man findet dann nichts.

Nicht lange immer weiter sinnlos suchen und ziellos in seelischen Schubladen kramen, stattdessen vor die Tür gehen und die richtige Musik hören. Stücke, die mich gerade erstaunlich zuverlässig und schnell aufmuntern, wie albern es einem auch vorkommen mag.

Hauptsache, es funktioniert, man muss sich nicht alles erklären können.

Die Herzdame übernachtete dann mit einem Sohn im Garten, was nicht erwähnenswert wäre, wenn es nicht ihre erste Gartenübernachtung in diesem Jahr gewesen wäre. Das gab es noch nie bei uns, ihr Einsatz so spät.

Sie hat in manchen Jahren an diesem Punkt der Saison längst gewissermaßen im Garten gewohnt. Aber das Wetter, es war hier einfach nicht so, all die Wochen war es nicht so, und wenn es doch einmal so war, dann war es etwas anderes, das sie aufhielt. Ihre Reisen nach Dortmund oder was auch immer. Und plötzlich ist es schon zehn Minuten vor Juli und wir wissen nicht, wie das zuging.

Auch in dieser Hinsicht ist es ein merkwürdiges, ein schräges, ein nicht ganz richtig laufendes Jahr. Diesen Sommer gewinnen wir nicht mehr, um das auch einmal ausdrücklich aufzuschreiben, damit der weitere Verlauf mich noch rechtzeitig widerlegen kann. Die nur gedachten Göttinnen des Alltags neigen an solchen Stellen immerhin lebhaft zum Widerspruch, wie die Erfahrung zeigt.

***

Beim Einkaufen gehört: Eine Folge Radiowissen über Henry Ford und eine über Karl May. Man bildet sich so vor sich hin.

***

Die Kaltmamsell teilte auf Mastodon einen Link zu diesem Text über eher unerwartete Hochwasserfolgen. Er enthält den bemerkenswerten Begriff „Faunenverfälscher“, den habe ich sicher zum ersten Mal gesehen.

***

Einige Erfahrungen aus dem letzten Jahrhunderts bei Vanessa, die Hollywoodschaukel neben der Datsche. Ich war vor der Wende nie in der DDR, mir fehlt da ein Stück Erfahrung. Der Freundeskreis „Kuchen am Wochenende“ beachte bitte auch die Nennungen in den Kommentaren: Prophetenkuchen war mir unbekannt, aber schon das Wort ist gut. Und Wikipedia sagt: Er stammt aus Lübeck. Nanu.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Das rettende Gewitter

Aus der Reihe „Lebensreise mit Blogs“ hier wieder Gedanken zur Pflege und auch zur Statistik. Neulich habe ich übrigens in einer Folge Radiowissen über Florence Nightingale gelernt, dass sie Statistikerin war und diesen so überaus nützlichen Abzweig der Mathematik für die Gesundheitsfürsorge mit nutzbar gemacht hat. Guck an.

Und hier, auch das steht einigen von uns noch bevor, hat jemand das Licht gefunden. Und da hatte ich doch einmal eine Version des Songs, welche war das noch …

(der Autor sieht kurz etwas nach und verliert sich an dieser Stelle zwei Stunden gänzlich ungeplant in Playlists, taucht dann wieder auf und guckt leicht verwirrt auf die Uhr)

Don Shirley war es, der hier. Schöne Version.


***

Dann also, nach einem wahrlich bunten und üppigen Strauß an Unwetterwarnungen auf allen Kanälen, das rettende Gewitter. Mit großem Knall wurde die übermäßige Hitze, 32 Grad waren es hier, vorerst beendet. Es konnte sich alles sehen und hören lassen, was da am Himmel inszeniert wurde. Hamburg soff an einigen Stellen gründlich ab, sah ich online, und der Verkehr auf Straße und Schiene gab wie immer schnell und effektreich nach. Wie ich lese, entsprach die Regenmenge an einigen Stellen Ahrtaldimensionen, aber dafür ging es dann noch gut aus.

Bei uns im kleinen Bahnhofsviertel war es nur ein hochwillkommenes Sommergewitter. Immerhin aber eines der besonders theatralischen und langen Art. Mit geschickt eingebauten retardierenden Momenten, nach denen es dann doch noch einmal unerwartet heftig schepperte und blitzte. Gut gemacht war das.

Ein Sohn, der im Garten war und vorn dort flüchtete, als das Wasser um die Laube ungewöhnlich schnell anstieg, kam zwischendurch, schnell wie ein Hase durch den anhaltenden Wolkenbruch laufend, duschnass nach Hause. Der andere Sohn, der bei einem gründlich und pünktlich ins Wasser fallenden Schulsommerfest war und von dort eilig flüchtete, kam kurz nach ihm triefend herein.

Und nach diesem Sohn dann, es war wieder wie in einem Drehbuch zu einem Sketch, klingelte es noch mehrfach und es kamen nach und nach sieben oder mehr Jugendliche, Freunde der Söhne, ich habe irgendwann nicht mehr gezählt. Alle gleichermaßen zum Auswringen klitschnass.

Große Pfützen bildeten sich um sie herum auf dem Laminat im Flur. Die Luftfeuchtigkeit in den mollig warmen Räumen stieg und stieg, die nassen Klamotten und Schuhe dampften in unserer Slow-Cooker-Wohnung und rochen teils wenig erfreulich. Das Treppenhaus und der Fahrstuhl sahen durch den stark tropfenden Besuch wie geflutet aus.

Ich stand zwischen meinen Einsätzen als Doorman lange an der offenen Balkontür in den feinen Regenspritzern, die von den Blumenkästen und den Blättern der Buntnesseln darin zu mir sprangen. Ich wurde dabei auf angenehmste Art angefeuchtet, kühlte endlich etwas ab und sah den flüchtenden Menschen unten auf der Straße zu, die durch den Regen rannten und über Pfützen sprangen. Eine schöne und ausgedehnte Vorführung war das alles.

Später, als es wieder aufklarte und die Sonne doch wieder durchkam, saßen am frühen Abend lachgaskonsumierende Jugendliche auf dem Spielplatz vor der Haustür. Immerhin waren es keine, die ich kannte. Das immer bei allen Beobachtungen dieser Art mitdenken, in unserer Lebensphase.

Aber gut, habe ich das jetzt auch einmal gesehen, diese Variante mit den Luftballons. Die Kartusche und die Ballons waren nennenswert größer, als ich es angenommen hatte. Ich hatte mir das alles viel bescheidener vorgestellt, mehr wie kleines Silvesterpartyzubehör, da lag ich falsch. Das, was ich sah, reichte für längeren Konsum, nicht nur für ein wenig nebenbei.

Gesehen und gestaunt also. So sieht das dann aus, so geht das dann zu, ich kannte es bisher nur aus den Medien. Und verboten ist es nach wie vor nicht. Weswegen sie da einfach so sitzen können, in aller Öffentlichkeit, mit der ganzen Ausrüstung. Nun, sie würden, was weiß ich, vermutlich auch so sitzen, wenn es verboten wäre.

Aber das Wetter, wie gesagt, war gut, vom Balkon aus betrachtet. Das ist nicht nichts.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.