Penstemon, Friedewalde, Appendizitis

Das erste Wort in der Überschrift kommt Ihnen vielleicht rätselhaft vor, das ist verständlich, ich kannte es bis vor ein paar Stunden auch nicht. Es dient mir auch nur als Beispiel für das, was ich gerade durch den verschärften Konsum englischsprachiger Gartenblogs lerne. Denn man hat zwar die gängigen Gemüsesorten, Kräuter und Blumen vielleicht noch als Vokabel parat, wenn es aber etwas spezieller wird, ist es schnell zappenduster, zumindest bei mir. Gärten erreichen Stellen im Hirn, da kam die Schulbildung nie hin. Und oft begegnen mir bei dieser Lektüre sogar Vokabeln, deren Bedeutung ich schnell google – und dann die deutsche Übersetzung auch nur mit “Hä?” ansehe. Weil nie gehört. Penstemon, das jedenfalls ist der Bartfaden, können Sie sich gleich merken, super Vokabel um dezent anzugeben, etwa wenn man bei englischen Gastgebern einen Blick in deren Garten wirft und beiläufig die Schönheit der Penstemons lobt. Da darf man sich dann gleich ein paar andere Fehler im Englischen erlauben, denke ich. Die Penstemons oder Bartfäden kann man sich natürlich auch in der Google-Bildersuche ansehen, die sind gar nicht mal so hässlich! Gleich vorgemerkt (und zwar den Bronze-Bartfaden von hier, das soll ein sehr guter Versand sein, sagen andere Gartenfreunde, aber noch nicht getestet).

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Ansonsten habe ich den Tag größtenteils im Kinderkrankenhaus verbracht, Verdacht auf Blinddarmentzündung, aber eben nur Verdacht, vielleicht auch nicht, die einen sagen so, die anderen sagen so, alle warten auf den Chef, der dann aber gar nichts sagt, und zwischen denen, die da etwas oder nichts sagen, liegen jeweils ein paar Stunden. Das Kind liegt da jetzt noch etwas zur Beobachtung und spielt Nintendo bis zur völligen Umnachtung, so hat die Sache wenigstens einen Vorteil. Also für den Sohn. Ich habe im Krankenhausbistro etwas gegessen, was mich vermutlich noch lange in meinen Träumen verfolgen wird, der Sohn dagegen darf gar nichts essen, weiß aber nicht, wie gut das im Krankenhaus ist. Schwierig.

Gottseidank hatte ich ein Buch dabei: Remo Largo, “Das passende Leben”, das ist ja schon mal ein anziehender Titel, wer hätte das nicht gerne, ein passendes Leben. Remo Largo kennt man vielleicht als Autor von Büchern zur Kindermedizin und kindlichen Entwicklung, in diesem Buch hier geht es um den auch erwachsenen Menschen, um dessen Vielfalt und Möglichkeiten, und nach den ersten hundert Seiten zu urteilen, lohnt die Lektüre. Sie führt natürlich zu den Fragen, die sich auch im Wirtschaftsteil für die GLS Bank (hier die letzte Ausgabe, gute Texte zum Thema Stau!) dauernd stellen: Was machen wir hier eigentlich und warum? Wie gestern bereits festgestellt, sind das gar keine unpassenden Fragen am Jahresanfang, ich lese also mal weiter. Aus gärtnerischen Gründen freut mich zwischendurch schon mal die Erwähnung der genetischen Verwandtschaft des Menschen mit dem Kohlgemüse, da sät man doch gleich mit noch innigeren Gefühlen. Das Buch ist übrigens frei von jedem Esoterikverdacht, der Titel klingt vielleicht danach? Nein, das ist ganz down to earth, es mündet eher in gesellschaftlichen Überlegungen und naheliegenden Fragen nach den Möglichkeiten des menschlichen Glücks, es sind ähnliche Fragen, die neulich bei der Kaltmamsell diskutiert wurden, als es dort um die Entwicklung seit unserer Großelterngeneration ging, Stichwort hedonistische Adaption. Sehr faszinierendes Thema!

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“Na, schreibste da Lügengeschichten, Papa?”

“Mir widerstrebt dieser zunehmend laxe Umgangston hier, in dem sich familieninterne Imageprobleme unschön spiegeln, junger Mann.”

“Äh, was?”

“Schon gut. Ich blogge.”

Beifang vom 24.05.2017

Ich bin mir nicht mehr sicher, wie ich darauf kam, aber ein Gedankengang, irgendein Gedankengang endete bei mir in der Wikipedia und dort beim dänischen Protestschwein. Das ist doch mal ein Begriff, den man sich merken sollte. Im Wikipediatext steht natürlich auch, was das Tier mit dem Protest zu tun hat.

Außerdem bin ich gestern mit dem Zug nach Husum und gleich wieder zurück nach Hamburg gefahren, Zwischenaufenthalt vielleicht 40 Minuten. Aus Gründen, versteht sich, ich bin ja nicht irre, oder zumindest noch nicht so sehr. Dabei habe ich jedenfalls Alexander Pechmanns “Bibliothek der verlorenen Bücher” gelesen. Das ist eine nette Zuglektüre über Bücher bekannter AutorInnen, die aus welchen Gründen auch immer verschollen sind, gestohlene Manuskripte, verbrannte Entwürfe, vernichtete Tagebücher usw. Man kann beim Lesen hier und da zwanglos ein paar Gramm Allgemeinbildung im Bereich Literaturgeschichte ergänzen, das ist ja immer nett. Wenn man von Hamburg nach Husum fährt, reicht das schmale Werk allerdings nicht mehr für die Rückfahrt. Da muss man dann aus dem Fenster sehen, wo neben den Gleisen entweder Landschaft oder aber Gegend in erheblicher Menge und schier endloser Folge abgespult wird, in einer endlosen Folge wohlgemerkt, bei der man Wiederholungen nicht ganz ausschließen kann. Kam der Acker da nicht vorhin schon einmal vor? Und das einsam gelegene Bauernhaus da nicht mindestens dreimal? Wenn man von Husum bis Hamburg aus einem Zugfenster sieht, braucht man hinterher wochenlang keine weitere Landschaft mehr, nicht einmal blühende Rapsfelder.

Wie Twitter Bestandteil der Sekundärliteratur wird – T.C. Boyle und seine Straßenfotos. Das ist ja auch nicht schön für die späteren Studenten der Literaturwissenschaften, dass sie sich schier endlos durch Twitter-, Instagram und Facebookarchive wühlen werden müssen, das kann einem schon etwas leid tun. Und dann schreiben sie Doktorarbeiten mit furchtbar schlau klingenden Titeln und müssen in den Fußnoten darauf eingehen, warum der Gegenstand ihrer Forschung bei der Arbeit an seinem berühmten dritten Novellenband irgendwann kontextlos nachts “Penis” twitterte (678 Likes, 38 Retweets, aber das ist jetzt natürlich fiktiv, Sie müssen bitte nicht beim Herrn Boyle suchen gehen).

Remo Largo in einem Interview über quasi alles. Mit dem bösen K-Wort! Hurz!

Eine Lobeshymne auf die Strudlhofstiege. Die habe ich irgendwann auch einmal angefangen und doch wieder weggelegt, die probiere ich dann demnächst aber noch einmal, so etwas macht neugierig.

Hier geht es um Spielräume in der Stadt und um Kinder, die nicht draußen spielen können.

Dazu äußerst passend ein Song, der hier vor längerer Zeit schon einmal vorkam, aber ich merke gerade, es gibt mittlerweile eine Live-Aufnahme. Von den ganz großen Dingen und vom Herrn Danzer, auch schon nicht mehr unter uns. “Mittlerweile hat sich das alles sozusagen relativiert …”