Beifang vom 15.05.2017

Nachrichten von der Lieblingsinsel: Meerglas ist wertvoller als Bernstein. Beim nächsten Besuch besser hinsehen! Viel besser. Und ich darf gar nicht daran denken, wieviel von dem Zeug ich damals in Travemünde nicht aufgesammelt habe. War ja nix wert.

Zwischendurch immer wieder und unbedingt: HONY. Etwa mit diesem Eintrag. Ganz groß.

Peter Glaser über Online-Werbung.

Eine Sendung im Deutschlandfunk über Roger Willemsen.

Don über Müßiggang. Ich arbeite ja auch hart daran.

Meike Lobo über die SPD. Im Zusammenhang mit aktueller Politik eine kleine Szene aus der Hamburger Innenstadt. Ich habe wie fast immer ein Rudel Kinder dabei und ziehe durch die Fußgängerzone. An einem CDU-Stand gibt es Gummibärchen, ein älterer Mann im Anzug will den Kindern welche geben. Die Kinder sind aber mit gesunder Skepsis gesegnet und fragen mich erst, welche Partei denn noch einmal die CDU war? “Das ist die mit der Merkel”, sage ich. “Ach die”, sagt das Kind. “Na, wenigstens keine Nazis. Geht ja noch.” Aber Gummibärchen wollten sie dann lieber doch nicht, das Thema Politik war ihnen insgesamt zu verdächtig. Auch interessant.

Und nun noch schnell ein Lied. Unpolitisch. 

Gelesen – Roger Willemsen: Deutschlandreise

Roger Willemsen fährt mit dem Zug durch Deutschland, steigt hier und da mal aus und stellt sich in die Gegend oder setzt sich in die Bahnhofskneipe, ins Bordell oder sonstwohin. Guckt zu und schreibt mit, denkt herum und fährt weiter. Das Buch erschien zuerst 2002, ist also mittlerweile als historisch zu betrachten. Und wenn man z.B. die Passagen liest, die im Osten oder in Bayern spielen, dann merkt man, dass Roger Willemsen verblüffend genau hingesehen hat und man merkt auch, wie vieles abzusehen war. Die Geschichte gab ihm Recht, und zwar geradezu unangenehm gründlich.

Wirklich schlimm ist aber, dass man bei der Lektüre allzu leicht eine Art Fernweh für den Nahbereich bekommt. Man möchte auch so in einen Zug steigen, in irgendeinen, losfahren, irgendwo mal irgendwas nachsehen, ohne den geringsten Plan zu haben. Leute, Orte und Zeugs ansehen, denken, träumen und vielleicht schreiben. Heute aus der Innenstadt von Mannheim, morgen von den Kreideklippen, den Zusammenhang suchen oder verneinen. Beobachten, was die Leute anziehen und was sie machen, zuhören, wie sie reden. Heimat erkunden oder verdrängen, neu lernen oder ignorieren – jedenfalls aber hinsehen. Doch, dazu bekommt man wirklich große Lust, wenn man dieses Buch liest. Aber man kommt ja zu nix.

Ich kaufe Bücher gerne gebraucht, ein Folgeschaden meiner Zeit als Verkäufer im Antiquariat. In diesem Exemplar hat jemand auf den ersten zwanzig Seiten schwierige Wörter angestrichen, “Pykniker” und “Promiskuität” etwa. Dann noch ein zaghaft-dünner Bleistiftstrich bei “makadamisiert”, dann keiner mehr. Aufgegeben? Ob das Schullektüre war? Man weiß es nicht. Ich fand die Lektüre jedenfalls lohnend und erhellend.

Beifang vom 27.01.2017

Jeder konnte es wissen – was heute wieder gerne geleugnet wird. Hier am Beispiel eines Tagebuchs dargestellt, es geht um das Tagebuch eines Mannes, der einfach nicht aufgehört hat, selber zu denken.

Ich lese in Roger Willemsens “Momentum”. Im Tagesspiegel gab es damals eine passende Rezension dazu, auch die dort enthaltene Kritik würde ich so unterschreiben. Interessant ist aber, dass etliche der Einträge ganz wunderbar zur mittlerweile in etlichen Blogs stattfindenden Reihe “Was schön war” passen. Da gibt es Querverbindungen in der Motivation, die man nicht übersehen kann und manche Einträge bei Willemsen lesen sich ausgesprochen bloggish. Das macht die Lektüre dann doch wieder spannend – und es macht auch Lust auf noch mehr Momente, die sich auf diese Art fangen und verdichten lassen, es macht Lust, noch etwas mehr aufzupassen, um nur ja nichts zu verpassen – was auch immer. 

Ansonsten überlege ich, ob wir es hier nicht irgendwie hinbekommen können, dass die Söhne die Herzdame und mich beim nächsten ehelichen Streit fortwährend schweigend umkreisen und dabei immer wieder Musikinstrumente hochreichen. Es ist ja nicht so, dass mich Youtube nicht auf spannende Ideen bringen würde.

Ein paar Bücher

Ein paar Bücher der letzten Zeit kamen hier gar nicht vor, sollen aber kurz erwähnt werden.

Walter Moers: “Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär”. Das lese ich gerade den Söhnen abends vor, es ist etwas ergiebiger (700 Seiten) und hält eine Weile, das ist auch einmal schön. Ich lese den Blaubär in Hamburger Aussprache, betont norddeutsch, breit und mit spitzem s-t und s-p wie damals bei Helmut Schmidt, die Söhne haben Spaß. Und ich auch.

Jim Holt: “Gibt es alles oder nicht? Eine philosophische Detektivgeschichte” Deutsch von Hainer Kober. Der Titel klingt etwas unterhaltsamer als das Buch dann ist, tatsächlich ist es zwischendurch sogar erheblich anstrengend. Zumindest wenn man versucht, den Gedankengängen ernsthaft zu folgen, das erfordert nämlich stellenweise verschärft sportliches Denken. Das Hirn kommt gerne mal an seine Grenzen, wenn man über die Anfänge der Zeit oder von allem nachdenkt. Was war vor dem Urknall, wieso gab es den überhaupt und war der nicht sehr, sehr unwahrscheinlich, fast unmöglich? Was heißt das für uns? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass es nichts gibt? Warum gibt es dann etwas und wieviel davon? Was war vor der Zeit? Ich habe das gerne gelesen, bin zwischendurch allerdings geistig etwas ausgestiegen (Wittgenstein! Heidegger! In diesem Leben bitte nicht mehr) und habe ein paar am Rande erwähnte Themen von unerwarteter Seite aus durchdacht, es geht z.B. auch um Zahlen und Mathematik. Gott kommt ebenfalls in dem Buch vor, als philosophische Option. Und die Art, wie er vorkommt, oder wie sie vorkommt, bitte, ganz nach Belieben, die ist für religiöse und nicht religiöse Menschen gleichermaßen von Interesse. Beim Lesen können überraschende Gedanken nicht ganz ausgeschlossen werden.

Iwan S. Turgenjew: “Väter und Söhne”. Deutsch von Annelore Nitschke. Vor längerer Zeit schon einmal angefangen, jetzt wieder fortgesetzt. Das ist diese Art von klassischer Weltliteratur, bei der einem nach ein paar Seiten schon einleuchtet, dass das Buch auf jeden Fall und zweifelsfrei in diesen Kanon gehört. Die Art von Literatur, bei der man ab und zu zurückblättert und sich fragt: “Wie hat er das jetzt wieder gemacht? Da steht doch nur, dass sie durch den Garten gehen, wieso wirkt das denn bloß so?” Ich lese die üppig illustrierte Ausgabe mit den großartigen Zeichnungen von Matthias Beckmann aus der Büchergilde.

Roger Willemsen: “Gute Tage. Begegnungen mit Menschen und Orten.” Hervorragende Reiselektüre, ich habe es in einem Zug im Zug durchgelesen, von Stadt zu Stadt immer ein Kapitel. Berichte über Gespräche mit berühmten Menschen, darunter mehrere Interviews, die einen noch etwas länger beschäftigen, etwa das mit Margaret Thatcher, unheimlich und intensiv. Interessant sind alle Gespräche, sogar die, die man sich als gescheitert vorstellen muss (etwa mit Madonna), weil Interviewer und Zielperson wegen geradezu dramatischer Wesensfremdheit einfach nicht zueinander fanden. Mit beträchtlichem Genuss gelesen, eines der besten Bücher der letzten Zeit.

Beifang vom 19.01.2017

In Hamburg hat der erste Unverpackt-Laden eröffnet, da muss ich demnächst auch hin. Weil die Söhne schon seit Wochen fragen, wann man da endlich einkaufen kann, sie finden das wichtig und richtig und zur Abwechslung habe ich nicht herausfinden können, wie sie auf dieses Thema eigentlich gekommen sind. Egal, beiden ist jedenfalls klar: Verpackungen gehören abgeschafft. Wie man ohne einkaufen kann, das können sie sich überhaupt nicht vorstellen, das wollen sie selbst sehen.

Ich habe neulich “Wer wir waren” von Roger Willemsen durchgelesen, hier gab es eine treffende Rezension dazu. Es ist ein besonders schmales Buch, dabei niederschmetternd und mit einem Ende, das man noch etwas länger in der Magengrube merkt. Aber es lässt einen nicht hoffnungslos zurück, das auch nicht. Es ist ein gut zu lesendes Buch, das ist ein wenig wie bei einem wirklich guten Blues. Man hört zu, man findet ihn interessant, man hört sich rein, man merkt, dass da etwas wirkt. Man rauscht etwas talwärts, man findet das alles richtig so – sonst würde man es ja nicht hören. Und man hört irgendwann auch wieder andere Musik.


Nur noch schnell ein Lied für heute, wenn auch nicht aus der Blues-Linie, eher Folk/Country. Und oh, ich sehe gerade erst: Der Sänger ist soeben verstorben. Nach dem in dieser Hinsicht etwas seltsamen Jahr 2016 ist das übrigens eine Standardfrage der Söhne, wenn ich Musik höre und irgendwen gut finde: “Und der ist bestimmt auch tot, oder?” Passt schon.