Und jetzt…

Die Herzdame hat, wie hier berichtet, tausend Dinge im Kopf, die man in den Ferien endlich machen könnte, also muss man sie, wenn man Ruhe haben möchte, und das möchte ich einigermaßen dringend, irgendwie auf ein Abstellgleis befördern. Das geht am einfachsten, in dem wir in ihr Heimatdorf fahren. Denn die Erfahrung zeigt: Nordostwestfalen in Gruppensituationen unternehmen nichts, weil sie sich gemeinsam zu nichts entscheiden können. Dieses Volk hier ist sowohl willensstark als auch entscheidungsschwach, eine eigentümliche, faszinierende Mischung. Der Nordostwestfale als solcher kommuniziert auch nicht übermäßig gerne über seine felsenfesten Absichten, weswegen Gespräche zur Tagesplanung am frühen Morgen hier etwa so verlaufen:

Die Herzdame: “Und jetzt…”

Schwiegermutter: “Man könnte ja.”

Die Herzdame: “Oder aber.”

Schwiegermutter: “Jo.”

Wie man unschwer erkennt, folgt darauf keine direkte Aktion, nein, darauf folgt eher längeres Schweigen, in dessen Verlauf alle etwas unzufrieden werden, weil ja wieder niemand etwas entscheidet oder gar macht. Jeder trifft insgeheim gewisse Annahmen über die Vorhaben der anderen. Einen Austausch lehnt man aber eher ab, man könnte dabei immerhin in Gefahr geraten, den eigenen Plan ändern zu müssen. Jeder schweigt gegen die mutmaßlich abwegigen Ideen der anderen an. Man kann sich ganz gut entspannen dabei. Stunden und Stunden vergehen, es passiert rein gar nichts. Im Grunde stellt man sich Ferien genau so vor, ich habe mich damit arrangiert. Ich kann das sogar mitspielen, man lernt ja in Beziehungen auch immer etwas. “Und jetzt?” “Jo.”

Heute morgen wäre die Familie fast zum Einkaufen gefahren, das war wirklich knapp, aber gerade noch rechtzeitig fiel jemandem ein, dass niemand weiß, was man einkaufen soll. Und da niemand Lust hatte, dazu etwas zu sagen, blieben alle sitzen und da sitzen sie immer noch. Es ist heiß im Garten, man sitzt im Schatten, das kann so bleiben.

Ich fühle mich wieder in meiner Grundannahme bestärkt, dass die Gegend hier damals nur besiedelt wurde, weil irgendein versprengter Trupp der Westfalen bei der Völkerwanderung eines Morgens aufwachte und sich dann einfach nicht entscheiden konnte, in welche Richtung man denn mal weiterziehen könnte. Sie standen da so herum und niemand machte den ersten Schritt. Und sie standen und standen. Nach ein paar Wochen wüsten Schmollens ob der Unentschlossenheit der jeweils anderen dachte der erste Westfale, ach, wenn ich hier schon so herumlungere, rode ich doch schnell ein wenig Wald und baue mir ein Haus. Was man eben so macht, wenn man sich als Germane langweilt. Die anderen kamen dann nach und nach auf ähnliche Gedanken. Irgendwann sah das Ganze aus wie ein Dorf. Und auf diesen Grundstücken, in diesen Dörfern rings um den ehemaligen Rastplatz unweit der Weser leben die Familien noch heute. Die Weltgeschichte wogte jahrhundertelang hin und her, Grenzen wurden verschoben, Regierungen kamen und gingen, der Nordostwestfale blieb.  Ab und zu stehen die Nachfahren der ersten Siedler am Ackerrand und sehen mal in die eine, dann in die andere Richtung. Dann schütteln sie wieder den Kopf und machen Abendessen.

“Was essen wir denn heute?”

“Jo.”

Ich glaube, wir bleiben noch ein paar Tage.

Landstraße

Der Krieg, das Wir und das Kind

St. Nikolai

“Was wollt ihr denn Schönes machen?” habe ich die Kinder gefragt und Sohn II wollte die Kirche Sankt Nikolai besuchen und aus der Nähe ansehen. Die Kirche, die keine mehr ist, die Hamburger Gedächtniskirche. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, nicht wieder aufgebaut, mühsam in Ruinen erhalten, ein Denkmal. Die hatte er schon ein paar Mal aus der U-Bahn gesehen, die ließ ihm keine Ruhe.

Sohn II wird bald 5, nach meinen Erfahrungen ist es nicht unüblich, dass Kinder etwa in dem Alter nach dem Krieg fragen. Nach dem Krieg an sich, nach dem letzten Krieg in Deutschland, nach dem Krieg, den sie gerade im Radio, im Fernsehen, im Internet zufällig mitbekommen haben, in Israel, in der Ukraine, in Syrien. Warum? Und wie genau? Sterben die in echt? Alle? Auch die Kinder? Was ist mit den Kindern, wenn die Eltern sterben? Wann ist hier wieder Krieg? Hast du Krieg erlebt?

Vielleicht liegt es an den Reaktionen der Erwachsenen, vielleicht liegt es an der Art, wie die Kinder das Wort erwähnt hören, es ist jedem Kind klar, dass Krieg ein Monsterwort ist, ein Begriff für das Grauen schlechthin. Nicht irgendein Wort, nicht irgendein Umstand. Was sie nicht wissen, ist die Art, in der das Wort einen Bezug zu ihnen haben könnte. Das Grauen ist in der Welt, aber wie weit ist es weg in Raum und Zeit? Beruhigend weit weg?

Viele Eltern scheinen das herstellen zu wollen, dieses Gefühl, dass die Welt immer nur am anderen Ende untergeht. In der Annahme, die Kinder seien nicht alt genug für die Erkenntnis der Wahrheit. Ich gehe davon aus, dass ein Kind, das fragt, eine ehrliche Antwort verdient hat. Es gibt Elend in der Welt, es gibt Krankheit, Armut, Krieg, nichts davon ist wirklich weit weg. Die Armen liegen nachts im ganz wörtlichen Sinne vor unserer Haustür, das wissen die Jungs, das sehen sie. Die Kranken sind neben uns, die Opfer des Krieges im Stadtteil. Vielleicht ist die Dame, die gerade neben uns Obst kauft und seltsam entstellt ist, aus Syrien. Ich leugne so etwas nicht, ich wüsste auch keinen geeigneten Zeitpunkt, zu dem man den Vorhang dann doch noch heben sollte. In zwei Jahren, in drei Jahren, wann denn? “Und übrigens, mein Kind, ist die Welt ganz anders, gar nicht so toll…”

Nein, das geht doch nicht. Ich beginne gleich mit der Wahrheit, ich reduziere nur so kindgerecht wie ich kann. Man kann sagen, dass es hier Krieg gab, dass es jetzt anderswo Krieg gibt, man sollte aber ganz sicher bei Fünfjährigen nicht gerade mit den grauenvollsten Aspekten und Details beginnen.

Übrigens verstehen Kinder Krieg, den Vorgang können sie nachvollziehen. Kinder sind keine Friedensengel, sie sind oft genug selber Krieger und sie können sich ganz gut ausmalen, was passiert, wenn man genug funktionierende Waffen zur Verfügung hat und wütend ist, sehr, sehr wütend – und wenn dann keine Erzieherin rettend eingreift und energisch erklärt, dass es jetzt aber mal gut ist.

Die Gedächtniskirche ist jedenfalls so etwas von kaputt, die Kirche ist gar nicht mehr da. Da stehen Reste von Außenmauern, zumindest teilweise, da steht der Turm, der ist gerade komplett eingerüstet. “Wird er wieder aufgebaut?” Nein, er wird nur erhalten, das ist wohl gar nicht so einfach. “Starben hier Menschen bei dem Angriff?” Das beantwortet er sich dann murmelnd selber, denn wenn etwas so Großes wie die Kirche zerschossen wird und zusammenfällt – natürlich.

“Die Bomben wurden aus Ninjaflugzeugen geworfen. Nachts. Sehr viele. Die Menschen sind in so Bunker gerannt.” So erklärt Sohn I das seinem kleinen Bruder, während er über die Ruinen klettert, die er übrigens schön findet. Er redet noch weiter und mir wird beim Zuhören klar, dass sie in der Kita oder in der Vorschule schon Wissen gesammelt haben. Die Kinder haben zusammengetragen, was sie über den Krieg wissen, was sie im Fernsehen gesehen haben, was die Eltern erzählt haben, die Großeltern, sie haben das diskutiert und sich ein Bild gemacht. So etwas wird dann den Eltern nicht erzählt, das merkt man nur zufällig.

“Das sieht gut aus, so wie das hier noch steht.” Sohn I sieht sich um und zeigt auf die Trümmer. Ich zeige nach oben, wo man den Himmel sieht und erkläre, dass da das Kirchendach war. Ich zeige ihnen die Bilder auf den Schautafeln, die zeigen, wie das hier einmal ausgesehen hat. Sohn II sieht zum Turm hinauf und lässt sich die Inschriften auf den Denkmälern in allen Sprachen vorlesen, Gebet für den Frieden, Prayer for peace und so weiter. “Hier ist viel mit Gebet und so”, erklärt Sohn I, “aber nicht, weil es eine Kirche ist. Sondern weil es eine war.” Dann prüft er, wie gut man in den Ruinen klettern kann. Gegenüber wird gebaut, es sieht ein wenig so aus, als würde man heute noch Trümmer wegräumen.

Hopfenmarkt

Die Glocke im Turm schlägt und beide Kinder sind überrascht, mit einer Glocke haben sie nicht gerechnet, schon gar nicht mit einer,die so auffallend schön klingt. Das freut sie, denn von dem etwas unheimlichen Gedenkding einmal abgesehen, hat dieser Kirchturm also noch einen erfreulichen Sinn, das finden sie toll.

“Wer hat den Krieg gewonnen?” fragt Sohn II, “wir?”
Und das ist dann der Zeitpunkt, an dem man mal eben einen Abriss der deutschen Geschichte im Zwanzigsten Jahrhundert herunterleiern müsste, was man natürlich nicht kann, zumindest nicht ad usum delphini. Man ist nie genug vorbereitet, um den Fragen von Fünfjährigen standzuhalten, das kann man vergessen, Aber was man doch sagen kann, weil es nun einmal die Wahrheit ist, an der es nichts zu rütteln gibt, und weil alles andere eine Lüge wäre: dass wir nicht gewonnen haben. Dass die anderen gewonnen haben und dass das auch noch gut so war. Weil das, was die Deutschen damals gemacht haben, nicht gut war, das waren nicht die edlen Ritter, im Gegenteil. Das ist für ein Kind überraschend und schwer zu verstehen, aber das Wir, das große, glückliche Wir, das vor ein paar Tagen gerade noch freudestrahlend Fußballweltmeister geworden ist, dieses Wir hat eben eine lange Geschichte und besteht aus Menschen, die mal schuldig waren und mal nicht. Das Wir besteht aus ganz normalen Menschen, zu allem fähig. Das Wir steht nicht unbedingt immer für die Krone der Schöpfung. Es wäre schön, wenn “wir” auch in der Vergangenheit alles so heiter und sportlich erreicht hätten, wie diesen WM-Titel da, aber so ist es nun einmal nicht. Das ist nicht einfach und auch überraschend, aber der Sohn denkt nach und man soll das Nachdenken der Fünfjährigen niemals unterschätzen. Das mit dem “ mal Schuld haben und mal nicht”, das findet er dann auch vollkommen einleuchtend, das kennt er nämlich ganz gut. Und irgendwo muss Verständnis eben anfangen.

“Gibt es hier wieder Krieg? Wann? Kann den immer irgendwer anfangen?”

Das ist die naheliegende Frage, die sich ihm aufdrängt und ich erkläre ihm, dass es im Moment nicht so aussieht und wir großes Glück mit diesem Land und dieser Zeit haben. Dass es aber andere Kriege gibt. Jetzt gerade, er weiß es ohnehin, was soll ich da verschweigen oder vertuschen. Ich erkläre auch, dass es auf jeden ankommt, dass es immer auch eine Entscheidung der Einzelnen ist, ob etwas zum Krieg führt. Das ist ihm klar, da muss ich gar nicht weiter reden. “Man muss in der Mannschaft der lieben Menschen sein” sagt er und nickt, das kennt er nämlich auch aus dem Kindergarten, “das ist wichtig. Wenn nur genug in der Mannschaft der lieben Menschen sind, dann gibt es auch keinen Krieg.” Und das ist prinzipiell natürlich nicht falsch. Man könnte es ebenso gut bibliotheksfüllend ausformulieren, aber egal, es passt schon. Dann will er ein Eis und sieht sich um,ob in den Trümmern nicht vielleicht ein Kiosk zu finden ist. Kinder neigen nicht zum Pathos und sind oft nur sekundenlang von etwas beeindruckt.

Friedensforschung für Anfänger, so kann man also auch einen Ferientag verbringen.

Woanders – der Wirtschaftsteil

Man wirft dieser Kolumne ganz gerne mal vor, in irgendeiner Richtung tendenziös zu sein. Entweder zu sehr gegen die böse Industrie oder zu sehr dafür, zu lieb zu Greenpeace oder zu Fairtrade, richtig macht man es offenkundig nie. Da machen wir uns doch gleich weiter unbeliebt und verlinken auf zwei Artikel zu dem bösen Aluminium im bösen Deo, Sie wissen schon. Eventuell, wer weiß, ist das Aluminium nämlich doch gar nicht so böse. Sehen Sie mal hier und hier. Verwirrend, was? Heute so, morgen so. Das können wir noch steigern, Bio-Lebensmittel etwa sind jetzt doch plötzlich wieder gesünder als andere, neulich wurde es noch ganz anders verbreitet, das ist gar nicht lange her.

Es bleibt kompliziert, der erste Gedanke ist nicht immer der richtige, die erste Meldung natürlich auch nicht. Oder sagen wir so: Der erste Gedanke sollte nicht der einzige Gedanke bleiben. Denkt man z.B an ausgebeutete Textilarbeiterinnen, dann denkt man unweigerlich an Bangladesch, nicht wahr. Man kann aber auch an ein beliebtes Urlaubsland denken, es liegt fast um die Ecke, der Reiseprospekt dazu liegt evtl. im Wohnzimmer.

Aber wir würden ja so produzierte Kleidung eh nicht kaufen, wir stehen nämlich auf bio. Das kann man auch hier in der Zeit nachlesen, wobei man allerdings den letzten Absatz nicht auslassen sollte. Noch mehr zu diesen paar Sätzen dann in der FAZ.

Wir schmeißen hier gerne und viel weg, um noch einmal die Zeit zu verlinken. Trost finden wir in dem Artikel nur bei dem Hinweis, dass die Dänen noch mehr wegschmeißen als wir, es ist doch immer gut, nicht der Erzschurke zu sein. Apropos Dänen: die bauen wiederum interessantere Radwege als wir. Wenn man sich vorstellt, über diese Brücke zu radeln – und wenn man sich vorstellt, eine Tageszeit zu erwischen, zu der man vielleicht alleine unterwegs ist? Das muss eine gespenstische, bewegende Erfahrung sein.

Bewegen lassen sich andere auch in Kirchen, das passt normalerweise nicht hierher. Es sei denn, dass Gebäude ist konzeptionell einigermaßen ungewöhnlich und wird per Crowdfunding finanziert, dann passt das auch.

Ungewöhnliche Gebäude stehen nach der WM auch in Brasilien sowohl herum als auch leer. Aber auch dafür kann man Ideen entwickeln.

Was noch? Wir lesen kurz nach, was Roger Willemsen zu unserem parlamentarischen System zu sagen hat, es ist ein klein wenig ernüchternd. Jedenfalls wenn man noch irgendwelche Illusionen im Kopf hatte. Und wer ernüchtert ist, der braucht neue Hoffnung, weswegen wir ausnahmsweise auch mal wieder zu einer amerikanischen Quelle linken, die machen das ja immer ganz gut, mit den frohgestimmten Vibrations. Alles wird gut mit dem Food! Fast schamhaft legen wir da dann doch noch einen deutschen Miesepeterlink an, es tut uns auch irgendwie leid.

GLS Bank mit Sinn

 

Kurz und klein