Essen in Südtirol

Zmailerhof Schenna Kaiserschmarrn

Das ist natürlich auch so etwas, das man vorher dauernd gesagt bekommt, wenn man da hinreist: “Oh, Südtirol – sehr gutes Essen da!” Wobei dieser Ausruf manchmal mit einem Nachsatz versehen wird, der ein warnendes “Aber nicht ganz billig!” ist. Um die Erkenntnis unserer Reise vorwegzunehmen, der erste Satz stimmt, der zweite nicht. Wobei man das mit den Preisen vielleicht relativieren muss, was ich auch gleich noch machen werde, das mit dem Geschmack kann man aber komplett und ohne Einschränkungen stehen lassen. Wir haben nichts gegessen, was nicht ziemlich gut war, und vieles war wirklich hervorragend. Über die Preise können wir anhand dieser Tafel etwas besser nachdenken, es handelt sich um die Mittagskarte auf dem Zmailerhof in Schenna. Zmailerhof

Wobei die Anfahrt zum Zmailerhof etwas speziell war. Der liegt nämlich hoch, aus Hamburger Sicht möchte man fast sagen, er liegt unsinnig hoch, man könnte es auch spektakulär hoch nennen. Also wenn man aus dem Flachland kommt jedenfalls. Man kann allerdings noch mit dem Auto hinfahren, es ist keine Hütte an einem einsamen alpinen Wanderweg, das nun auch nicht. Wenn man ein Navi oder eine gute Karte hat, wenn man keine Höhenangst hat, dann kommt man da gut hin. Wenn man sich da oben dezent verfährt, so wie wir, und wenn man deswegen einmal kurz wenden muss, dann kann es allerdings passieren, dass rechts neben dem Auto plötzlich überhaupt nichts mehr ist, davon aber sehr, sehr viel.

Mit anderen Worten, die Herzdame ist gefahren, das mit der Höhenangst ist nämlich gar nicht so einfach, wenn man in den Bergen am Steuer sitzt. Ich habe mich während der Fahrt einfach in den Beifahrersitz gekrallt, das Leder des Mietwagens durchlöchert und krampfhaft etwas von schöner Landschaft gemurmelt, währen der Blick enorm weit über Wälder und Dörfer hinweg ging, direkt in die Wolken. Der Blick ging dabei angestrengt über das Nichts hinweg, das neben mir immer wieder sein Maul aufriss und nach dem Auto und der Familie schnappte. Als Wanderer hätte mich das gar nicht so erschüttert, glaube ich, aber aus dem Auto heraus vertrage ich diesen Blick definitiv nicht so gut.

Ich würde jederzeit wieder nach Südtirol fahren, aber vor den Straßen dort habe ich großen Respekt. Der Herzdame geht es da ganz ähnlich, sie gibt es nur nicht so offen zu wie ich.

Wenn man von Meran nach Schenna fährt, ist die Straßenführung jedenfalls, Höhenangst hin oder her, beeindruckend. Hat man ein Navi, auf dem man die Straßenkarte vor sich sieht, sieht man auf dem Display irgendwann eine höchst unwahrscheinlich anmutende Route vor sich, die aussieht, als hätte ein Kleinkind mit ruckartigen Bewegungen etwas auf Papier gekritzelt. Eines dieser Bildchen, die man als Elternteil dankend entgegennimmt und irgendwann dann klammheimlich wieder entsorgt. Es sieht nach einem Fehler aus, was man da auf dem Display sieht, es kann kaum ernstgemeint sein, irgendein Softwareproblem. Bis man an der nächsten Kurve merkt, dass die Straßenbauingenieure offensichtlich genau wie ein Kleinkind gekritzelt haben. Es wird selbstverständlich gute Gründe dafür gegeben haben. Nein, es sind nicht irgendwelche Kurven, durch die man da fährt, es sind nicht irgendwelche Brücken und es sind auch nicht irgendwelche Über- und Unterführungen. Man versteht plötzlich, dass ein Teil von Südtirol noch gar nicht so lange für den Verkehr erschlossen ist, wenn man es geschichtlich betrachtet. Sogar Sohn I, der übrigens während der Fahrt auf einem Handy spielte und nur ab und zu gelangweilt hochsah, als sei er schon weit in der Pubertät, fand es zwischendurch doch spannend, aus dem Fenster zu sehen. Und er murmelte nach einer der vielen Kurven anerkennend zu seiner Mutter: “Cool, haste noch ein Level geschafft.”

Zmailerhof Schenna Knödel

Auf der oben abgebildeten Karte also einige Südtiroler Spezialitäten, keine einzige davon ist ausgesprochen teuer, wie man auf den ersten Blick sieht. Am meisten kostet “Schöpsernes”, dabei handelt es sich um Schaffleisch. Der Herr vom Roten Hahn, mit dem wir uns dort zum Mittagessen verabredet hatten, sprach das Wort aus wie etwas Religiöses, er hatte sich offensichtlich seit Tagen darauf gefreut. Schöpsernes, das war mehr geseufzt als gesprochen, das Wort wurde gefolgt von einem ganz unironischen “das gibt’s ja heute kaum noch”. Ich habe es probiert, ich konnte seine Begeisterung nachvollziehen. Und vielleicht versuche ich einmal, es auch nachzumachen, das entsprechende Kochbuch dafür liegt hier schon vor.

In der Küche stand eine Frau mit weißer Schürze, die so dermaßen nett und herzlich wirkte, als sei sie einem Kinderbuch entsprungen, eine dieser Köchinnen, bei denen traurige Gestalten wie Klara aus Frankfurt oder das schwindsüchtige Nesthäkchen dann doch noch erfolgreich wieder aufgepäppelt werden.

Zmailerhof Schenna Knödel

Wir haben Brennessel- und Käseknödel und Speckknödel und Kaiserschmarrn gegessen, das war alles sensationell. Ich habe noch nie vorher Brennesselknödel gegessen, ich möchte das sehr dringend empfehlen, das ist eine großartige Sache. Man verzeiht den Brennesseln plötzlich alles, wenn man erst weiß, wie sie in Knödeln schmecken. Für 8,50! Das ist aus Hamburger Sicht lachhaft günstig, das würde hier umgerechet mit Hipster-, Regio-, Bio- und Szene- und Veggie-Zuschlag etwa vier bis sechs Euro mehr kosten, und dann wäre die Portion immer noch deutlich kleiner als beim Original in den Bergen – und man ginge nicht pappsatt nach Hause. Zmailerhof Schenna Knödel

Nichts auf dieser Karte war teuer, aber alles war sehr gut. Das ist ein Satz, den man als Hamburger ganz gewiss nicht nach jedem Restaurantgang notieren möchte (es sei denn, man war z.B.im Trific, wie wir neulich wieder gemerkt haben). Ich fand angenehm, dass die Auswahl klein war, dass sie äußerst fein war, dass mir alle Preise ausgesprochen fair erschienen. Also entweder leben wir hier in Hamburg auf einem absurd hohen Preisniveau, was natürlich gut sein kann, oder Südtirol ist längst nicht so teuer, wie man dauernd hört. Denn viel besser als auf diesem Hof wird die regionale Küche dort auch anderswo nicht sein, dazu schmeckte das einfach zu perfekt.

Und auch an den anderen Tagen ist uns dort nirgendwo etwas begegnet, das mir überteuert erschien. In keinem Restaurant, keiner Pizzeria, keinem Imbiss. Bis mir hier bei uns etwas überteuert vorkommt, muss ich allerdings nur etwa hundert Meter gehen. Ganz egal, in welche Richtung.

Zmailerhof Schenna

Roter Hahn

2 Kommentare

  1. Erst den Mund wässrig machen und dann nicht liefern. *maul*

    (Ich hätte angesichts fehlender Herzdamenbilder gleich misstrauisch werden sollen, aber der knurrende Magen schaut ja wieder nur aufs eine…)

  2. Brennesselknödel gewinnen ungemein, wenn man die Brennesseln durch Spinat ersetzt.. 😉 Dem Zeug konnte ich noch nie was abgewinnen, ansonsten unterschreibe ich das. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Bergbauernhof in Südtirol keine Hamburger Ladenmiete und Ökobioeinkaufspreise zahlt. Aber ich kenne den Effekt auch aus anderen (ländlichen) Gegenden.. man zückt nach zwei Kaffee und ein bisschen Kleinkram den 50-Euro-Schein, und das Gegenüber sagt irgendwas wie“Vierzehnfuffzich“ und man wundert sich still … 🙂 sehr schön, macht Laune, sich mal wieder da runter zu verirren. Und das Essen ist wirklich fabelhaft, fast überall.

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