Gelesen: Rüdiger Safranski: Goethe – Kunstwerk des Lebens

Daran habe ich eine halbe Ewigkeit gelesen, immer nur ein paar Seiten am Abend, das Buch ist kiloschwer. Es hebt sehr auf die Ideengeschichte des Herrn Goethe ab, auf die Gestaltung des Lebens nach mehr oder weniger selbstgeschaffenen Maximen, es geht darum, “wie Goethe sich zu Goethe gemacht hat”. Die Themen sind teils nicht gerade einfach, entsprechend bin ich ab und zu dabei eingeschlafen, was mir überhaupt nicht peinlich ist, denn das wird dem Geheimrat selbst auch so gegangen sein.

Das private Leben wird eher kurz abgehandelt, das ist vielleicht ein wenig schade, aber das mag an meinen Interessen liegen, ich lese so etwas gerne. Goethes Ehe kommt sogar etwas arg knapp vor, obwohl sie so unwichtig nun auch nicht war. Es gibt aber dennoch auch für Menschen, die zu Goethe schon ein, zwei Bücher gelesen haben, noch reichlich Details zu entdecken. Dass etwa Goethe der erste deutsche Autor war, der sein Urheberrecht durchgesetzt hat, war mir neu.

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Und das Ganze lässt mich mit dem etwas unangenehmen Verdacht zurück, dass man vielleicht doch etwas zu wenig nachdenkt. So insgesamt und unterm Strich. Denn das hat Goethe zweifellos getan, stundenlang, tagelang, ach was, lebenslang. Hochkonzentriert und immer mit Ehrgeiz und Einsatz. Man muss nun sicher beim Grübeln nicht gerade das Niveau Goethes erreichen, er galt nicht umsonst als Genie, aber die Frage, ob die Brettchen eigentlich angemessen dick sind, an denen man so herumbohrt – es schadet ja nicht, die Frage einmal zuzulassen. Ich stelle da etwa fest, um im Prozess ganz vorne anzufangen, dass die Zeit, die ich zum ungestützten Denken überhaupt zur Verfügung habe, also mir zur Verfügung lasse, eher knapp bemessen ist. Ich meine die Phasen ohne Bildschirm, Handy, Gespräche, Arbeit, Hausarbeit, Ablenkung, die Phasen, in denen ich einen Gedanken etwas länger spinnen kann – sie sind sehr, sehr kurz. Das ist eventuell gar nicht richtig so, darüber könnte ich ja auch mal nachdenken, wenn ich mich nur mal zum Nachdenken kommen lassen würde. Wofür ich wieder mehr herumgehen müsste, also um die Alster oder sonstwohin, sonst wird das sowieso nichts, ich muss Gegend angucken, um nicht auf Bildschirme zu gucken, soweit ist es dann doch mittlerweile.

Und so ging der Herr Buddenbohm nach 700 Seiten Goethe also feierlich einmal um den Block, wobei er ernst guckte und sich auch sonst alle Mühe gab, einen sinnenden Eindruck zu erwecken. Immerhin! Wer immer strebend sich bemüht! Ja, da geht noch was, schon klar. Aber um auf solche Gedanken überhaupt erst zu kommen, ist das Lesen von Biographien jedenfalls ganz gut geeignet. 

4 Kommentare

  1. Wenn Sie das Private noch interessiert, und sie vor lauter Denken und Wandeln noch Zeit haben (und es noch nicht kennen), empfehle ich immer gerne „Christiane und Goethe“ von Sigrid Damm. Der Herr Goethe wird einem da nicht unbedingt sehr sympathisch, aber es ist ein sehr lesenswertes Buch.

  2. Also am liebsten lese ich alles, was Goethe selbst geschrieben hat (in meinem Kopf schwirrt ein ganzer Kalender von geliebten Goethe-Zitaten). Und Mensch JA dazu, sich ab und an mal absichtlich und kopflos ins Gedankenleere zu stürzen. Seither (also dank des Land- und Gartenlebens) erkenne ich gelegentlich, welche Gedanken da so einfach durch mich durchrauschen (die mich denken) und welche ich selbst aktiv denke und sehr, sehr manchmal, wann ein Gedanke in mich gelegt wird. Und das sind alles riesige Qualitätsunterschiede – man glaubts erst, wenn man es erlebt hat…

  3. Ich kenne mich mit Goethe nun gar nicht aus, aber ich war neulich etwas überrascht, dass der gute Goethe etwas über die Deutschen gespottethaben soll, dass sie über alles so viel nachdenken wollten, anstatt sich an einer Sache zu erfreuen. Ich glaube, es war in der Sendung mit dem Historiker Christopher Clarke über die Deutschen, in dem das gesagt wurde. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber es war halt gegen meine Erwartung. Also vielleicht weiterhin denken, aber nicht so grüblerisch, oder mit Pausen?

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