Beifang vom 30.04.2017

Der letzte Beifang im April, bevor wir morgen wieder alle sinnend in den dann schon wieder grauen Himmel sehen und die einzig vernünftige Bauernregel murmeln: “Regen im Mai, April vorbei.” Die mir übrigens tatsächlich ein nordostwestfälischer Bauer auf einem Feld erzählt hat. Natürlich todernst.

Das deutsche Pen-Zentrum hat eine neue Präsidentin. Und wer hat sie gerade interviewt? Genau.

In der Zeit lobt man die Konzentration. Meine Rede, bzw. mein gebetsmühlenhaft häufig wiederholtes Genörgel: “Ich will meine Ruhe.” In Ruhe denken zu können, das ist schon ganz nett, man muss es auch nicht unbedingt “deep work” nennen. Man möchte vielleicht einfach nur nicht belästigt werden, ich finde das in Ordnung und statthaft. Was machst Du da? Ich worke deep. Herrje. Passend dazu schreibt Peter Glaser über das Abschalten im wörtlichen Sinne.

Ich kann übrigens, das ergibt sich aus der Familiensituation, für eine kurze Zeit recht gut arbeiten, wenn um mich herum Chaos herrscht, ich aber dabei über Kopfhörer Musik hören kann. Sie darf nur keinen Text haben. Oder sie muss unverständlich sein. Und da habe ich gerade eine feine Entdeckung gemacht, auf Spotify gibt es von Fabrizio de André das Album “In Direzione Ostinate et Contrario”. Der Herr war italienischer Liedermacher, seine Texte klingen so, als seien sie ungeheuer intelligent, obwohl ich natürlich überhaupt kein Wort verstehe. Doch, gelegentlich verstehe ich immerhin “amore”. Dann ziehe ich an meiner nur imaginären Pfeife, lehne mich zurück und denke kraft meiner Lebenserfahrung: “Ja, ja, amore.” De André erzählt mit sonorer Stimme, langsam und in melancholischem Tonfall, und man kann gedanklich nirgendwo einhaken. Dennoch hat man dabei das Gefühl, gehoben unterhalten zu werden. Perfekt, so muss das sein. Zum Reinhören etwa “La Ballata dell’eroe nehmen”. Oder “Via del campo”.

Apropos Familienchaos. In Richtung Nieselpriem ein herzliches “I feel you.”

Zwischendurch mal schnell Schmetterlinge legen. Hilft nicht gegen Familienchaos, aber sonst gegen alles.

Hier wird ein Trennungssong interpretiert, das kommt jetzt aber nur zufällig direkt hinter dem Familienchaos.

Und hier wird ein Buch über den Querido-Verlag vorgestellt. Querido, das war so ein Name, bei dem wir damals im Antiquariat immer etwas wacher wurden, wenn ihn ein Mensch mit Verkaufsabsichten am Telefon erwähnte. Wacher nicht nur wegen der Preise, sondern auch aus Interesse. Feine Bücher.

Gefunden via Nassrasur: Ein Wiedersehen mit The Commitments. Mustang Sally! Der Film ist auch schon etwa hundert Jahre her.

Zausel 2017

Ich bin etwas aufgeregt, ich habe tatsächlich einen Friseurtermin. Der ist zwar erst in zwei Wochen, aber Vorfreude ist angebracht. Das ist immerhin der erste Friseurtermin etwa seit dem Jahr 2002, das ist eine Weile her. Da waren einige mir näher bekannte Menschen noch gar nicht auf der Welt! So lange habe ich mir die Haare von der Herzdame mit einem Maschinchen jeweils raspelkurz oder ganz abschneiden lassen, die Älteren erinnern sich in diesem Zusammenhang vielleicht noch an die Szene mit dem Heiratsantrag, die vorübergehend zu vollständiger Glatze führte.

Und nun, im Jubiläumsjahr des Summer of love, ist es an der Zeit, wieder einmal den Look zu ändern, finde und beschließe ich. Also lasse ich wachsen und werde das von einem Profi in irgendeine Form bringen lassen. Der Weg zum Hippie führt über den Seitenscheitel. Das kann ich natürlich nicht erwähnen, ohne schnell an Maike Rosa Vogel zu erinnern, übrigens immer noch ein gutes Lied:

Wie bereits irgendwann erwähnt, muss man sich in meinem Alter ohnehin dauernd fragen, ob man noch einen persönlichen Stil pflegt oder längst altersstarrsinnig geworden ist. Daher ist es ganz gesund, hier und da etwas an den Grundeinstellungen herumzuspielen.

Ich beginne also das Projekt Frisur, ich kann sowieso nicht leben ohne irgendwelche Projekte. Und dieses hat einen wirklich charmanten Vorteil, man muss nämlich überhaupt nichts dabei machen. Man sitzt einfach so herum und verändert sich, wie deep ist das denn.

Und der Content wächst einem nebenbei auch noch zu, man kann über die Kleinigkeiten zwischendurch schreiben. So lachen sich die Söhne neuerdings jeden Morgen kaputt , nur weil ihr Vater sich die Haare bürstet. Ein Anblick, der ihnen bis vor einigen Wochen natürlich völlig unbekannt war. Es erschließt sich mir zwar nicht, was daran so witzig ist, aber bitte – Hauptsache Heiterkeit im Haus. Laut Sohn II sehe ich mit den schon etwas längeren Haaren im Moment aus wie eine haarige Melone. Ich bin gespannt, welch charmanter Vergleich ihm dann in einem halben Jahr einfallen wird. Sollte mir vor ihm eine weitere seltsame Ähnlichkeit mit Gemüse, Obst oder Viehzeug einfallen, breche ich das Projekt womöglich ab. 

Ich selbst lache eher darüber, dass ich mir mit Sohn I jetzt das Shampoo teile. Es handelt sich um ???-Shampoo, also Merchandisingzeug mit Bezug zur Hörspielserie. Nach dem Gebrauch, so steht es vielversprechend auf der Plastikflasche, löst man “aktiviert, erfrischt und mit wachen Sinnen” den nächsten Fall. Ich gehe daher jetzt morgens mit einem ganz neuen Lebensgefühl zum Schrottplatz, wollte sagen zur Arbeit. Aber im Grunde interessieren mich die drei Fragezeichen natürlich überhaupt nicht. Ich wäre eher ein dankbarer Abnehmer für literarisch gebrandetes Shampoo. Marcel Proust Hair & Body, natürlich mit leichter Feingebäcknote, und danach schreibt man dann entspannt den nächsten Band, so etwas in der Art. Doch, das würde ich kaufen. Thomas-Mann-Lotion für schönes Haar und Schachtelsätze. Oder Kafka-Conditioner für gar keinen Halt mehr, das wäre doch interessant? Aber ich repräsentiere bestimmt wieder keinen vielversprechenden Markt, schon klar. Will ich auch gar nicht, Märkte sind eh nichts für Hippies.

Egal. Peace. 

Beifang vom 25.04.2017

Gut erzählte Geschichten findet man auch an ungewöhnlichen Orten, etwa in einer Analyse der von Melania T. geposteten Fotos.

Ein Text über das Eistauchen in Finnland. Schön lang.

Da hier neulich der Polizeibericht Nordfriesland vorkam und manche vielleicht noch zweifeln, warum der Unterhaltungswert haben soll – bitte.

Frau Schmitt fährt Zug und sitzt ganz vorne. Ein Protokoll von Nora Gomringer.

Ein Interview mit Reinhard Mey.

Generell muss man auch die Wochenberichte bei Vierpluseins empfehlen. Diesmal mit einem Absatz über offensive Väter, wozu ich anmerken möchte, dass ich gerade mit einem kranken Kind eine Woche zu Hause war und damit jetzt die Mutter aller offensiven Väter bin. Nämlich.

Passend zum Wetter lese ich kühle Literatur: Agnes von Peter Stamm. Ein Buch bei dem man ausgezeichnet frieren kann, wirklich passend. Es ist ein seltsames Kompliment, aber doch, es kommt hin, denn manchmal ist ein kaltes, präzise konstruiertes Buch genau richtig, besonders wenn Kälte darin eine Rolle spielt. Dabei habe ich übrigens eine Bildungslücke geschlossen, es war mir gar nicht klar, dass es bei der Wikipedia so dermaßen detaillierte Buchbeschreibungen gibt. Abgefahren.

Der Musikclip fällt heute etwas länger aus. Erst singen Al Jarreau und Nancy Wilson, auch schon keine schlechte Besetzung, dann kommt Ella Fitzgerald auf die Bühne und singt nach ein paar Sätzen ebenfalls. Man sieht einigen prominenten Menschen im Publikum die fortschreitende Verzückung deutlich an – und man kann es auch nachvollziehen.

Hier eine schöne, interessante und treffende Überschrift

Ich mache mit Sohn I Deutsch, da er in dieser Woche nicht in die Schule gehen konnte, es muss aber dennoch etwas gelernt werden. Er sitzt neben mir und schreibt mit Bleistift in sein Heft. Ich sehe, dass sie in der dritten Klasse schon am Schreibstil arbeiten. Sie sollen passende Überschriften finden. Sie sollen nicht jeden Satz gleich anfangen, sie sollen zumindest ab und zu Satzzeichen verwenden, sie sollen Adjektive einbauen und unbekannte Wörter nachschlagen. Der Pirat vergräbt einen Schatz, der Pirat vergräbt einen wertvollen Schatz. Einen kostbaren, goldenen, großen, riesigen, tollen Schatz, was auch immer. “Ich habe ein Theaterstück gesehen.” “Ich habe ein interessantes Theaterstück gesehen.”

Das Wort interessant hätte mir ein gewisser Lehrer auf dem Gymnasium damals als Ausdrucksfehler angemerkt, sinnloses Fremdwort. “Was war denn interessant an dem Theaterstück? Haben Sie dabei vielleicht etwas gelernt, was Ihnen übrigens kaum schaden könnte? Dann war es lehrreich! Nicht interessant! Sprachfaulheit ist das! Denken Sie nach, denken Sie länger nach! Dann erst schreiben!“ Das klingt heute wie etwas aus der Feuerzangenbowle, das war aber so. Derselbe Lehrer im Geschichtsunterricht: “Sie wissen nichts von Demokratie, junger Mann, Sie faseln doch nur davon!” Aus heutiger Sicht wird dieser Satz mit jedem Jahr immer, äh, interessanter.

Die Aufforderung, Adjektive irgendwo einzubauen, ist natürlich seltsam, wenn man schon einmal ein Manuskript irgendwo eingereicht hat, aus dem dann etliche Adjektiv rausgeflogen sind. Zu blumig! Schlichter! “Es war eine dunkle und stürmische Nacht.”

Und ich sagte, er sagte, sie sagte, wir sagten. Im Deutschunterricht muss das gewandelt werden, das ist so zu langweilig, ich flüsterte, er murmelte, sie flehte, wir stellten fest und so weiter, mit beiden Händen in den Wortschatz und dann ordentlich herumwühlen. Alle modernen Romanautoren murmeln währenddessen im warnenden Chor: “Sagte, sagte, sagte.”

Aber schon richtig, erst einbauen, dann ausbauen, man bastelt so am Text herum. Mal klingt es so, mal klingt es so. Welcher Text klingt besser und warum? Lies nochmal vor. Was will man überhaupt sagen? Wie war es denn nun wirklich im Theater, worauf kam es an? Für wen schreiben wir überhaupt? Ich bin sicher, das haben wir in der dritten Klasse noch nicht so gemacht. Und ich finde es hervorragend, wie sie das heute angehen, es ist anders als bei uns, die Kinder werden mehr zum Denken verleitet. Wir haben damals in Deutsch Nacherzählungen geübt, man bekam eine 1, wenn der eigene Text genau der vorgelesen Geschichte entsprach. Einmal sollten wir uns dann doch eine Geschichte ausdenken, irgendwas, ganz ohne Vorlage. Da stand bei mir in roter Schrift drunter: “Zu viel Phantasie”. Kein Scherz. Im Grunde bin ich heute noch deswegen beleidigt.

“Papa, jetzt tippe ich meinen Text eben in Word ab, okay?”

“Nanu, warum das denn noch?”

“Hallo? Da hab ich dann doch die Rechtschreibkorrektur?”

Doch, sie lernen heute wirklich ziemlich anders. Ich finde das ja spannend.