ÖPNV

Wenn ich morgens doch einmal mit der S-Bahn zur Arbeit fahre und nicht zu Fuß gehe, weil es etwa regnet oder kalt ist oder noch dunkel oder neblig oder mir ein klein wenig zu grau, wenn es also irgendein furchtbar extremes Wetterereignis gibt, das mich vom Frühsport bedauerlicherweise abhält, dann sind die Bahnsteige im Hamburger Hauptbahnhof immer brechend voll. Wenn Sie Hamburg vielleicht nicht so gut kennen, die sind voller, wesentlich voller, als Sie sich das jetzt vielleicht vorstellen. Sie müssen etwas mehr Richtung Tokio denken, nicht Richtung Berlin oder so. Sie sind oft sogar so voll, dass man, wenn man sie von oben sieht und die Treppen zu den sich dort unten stauenden Massen staunend hinuntergeht, denkt: “Oha!” Das ist natürlich nicht sehr geistreich, was man da denkt, aber es ist eben auch noch verdammt früh und es trifft immerhin den Kern.

Der Hamburger Hauptbahnhof ist zu Stoßzeiten also dramatisch überfüllt. Wie man das baulich irgendwie auffangen kann, das wird seit Jahren thematisiert, mehr passiert ist bisher aber nicht. Die meisten Menschen in dieser Masse da auf dem Bahnsteig sind außerdem mörderisch schlecht gelaunt, denn sie müssen zur Arbeit, und die Szenen, die sich abspielen, wenn eine Bahn einfährt und die Türen aufgehen, die sind nicht immer schön. Denn obwohl die Bahnen alle zwei oder drei Minuten fahren, es müssen natürlich ausnahmslos alle genau die nehmen, die da jetzt gerade kommt, in drei Minuten ist alles rettungslos zu spät, ist alles vorbei.

Neuerdings stehen da jetzt, das wollte ich eigentlich nur sagen, Türlotsen auf dem Bahnsteig. Menschen mit signalgelben Westen , auf denen hinten groß “Türlotse” steht. Schülerlotsen lotsen Schüler, Türlotsen aber keine Türen, man möchte Deutsch auch lieber nicht als Fremdsprache lernen. Die Türlotsen stehen jedenfalls auf dem Bahnsteig und an der Bahnsteigkante herum und wenn die S-Bahn abfährt, dann stellen sie sich in die zugehenden Türen, damit niemand mehr in letzter Sekunde hineinhechtet und auch damit keine weiteren Ringkämpfe mehr in den sich schließenden Türen stattfinden. Mehr machen die Westenträger nicht, das ist wohl der Job. Die Bahn fährt ab, sie machen einen Ausfallschritt in die Tür, ansonsten stehen sie da eben und sind da. In Tokio schieben und drücken sie bekanntlich auch Menschen in Bahnen, das ist in Hamburg nicht so, sie fassen niemanden an. Aber Menschen, die so gucken wie Hamburger auf dem Weg zur Arbeit, die möchte auch niemand anfassen, das ist soweit verständlich.

Das ist nun einer der wenigen Fälle, in denen Jobs neu entstehen, für die man vermutlich keinen hochkomplexen Ausbildungsweg braucht, was ich überhaupt nicht beleidigend meine, denn es ist ja erstrebenswert, dass es von diesen Jobs viele gibt. Und weil man immer nur davon liest, wo und wie diese Jobs mit eher geringer Qualifikationsschwelle überall verschwinden, durch die Globalisierung, die Digitalisierung und weiß der Kuckuck welche -ungen noch, muss man doch auch einmal zur Kenntnis nehmen, wo diese Jobs offensichtlich neu entstehen, nämlich bei der Verkehrswende.

Denn je mehr Menschen den ÖPNV nutzen, desto mehr Menschen brauchen wir wohl, die uns daran hindern, uns beim Ein- und Aussteigen umzubringen. Weil der Mensch als solcher eben doof und rücksichtslos ist und Platz da jetzt, ich bin stärker als du – das Problem kennen wir ja von der Autobahn, das verlagert sich also auch in den ÖPNV.

Faszinierend.

11 Kommentare

  1. Oh verehrter Herr Buddenbohm, kommen Sie doch mal nach München und fahren zur besten Stoßzeit (sic!!!) mit der U-Bahn, das ist ein wahrhaftes Erlebnis! Vor allem verkehren die Teile bei uns beileibe nicht alle 2-3 Minuten, sondern so alle 5-10 und dann fallen die auch manchmal wegen Altersschwäche/Signalstörung/Personenschaden/Weichenschaden etc etc aus, was dazu führt, dass man im Innern des Waggons dann den Erstickungstod zu sterben droht ….. Von den verschiedenen wabernden Aromen bei nassem Wetter spreche ich jetzt mal nicht, da muss man eben durch.

  2. in münchen ist ja ein älterer mann tatsächlich an den folgen einer solchen drängelei gestorben. solltest also lieber weiter laufen, auch bei nebel! —— allerdings glaub ich dass die türlotsen auf jeden fall eine ausbidlung brauchen. oder über spezielle persönliche eigenschaftgen verfügen sollten. wie soll man sonst mit den massen zurechtkommen, die man von der tür abhalten soll …

  3. Da kann ich mich wirklich glücklich schätzen, in einer kleineren Stadt zu wohnen, in der ich alles mit dem Rad erreichen kann!!!
    Viele Grüße von
    Margit

  4. ‚Wer so guckt wie Hamburger auf dem Weg zur Arbeit‘ Ich lache immer noch.
    Am Münchner Hauptbahnhof gibt es auch solche Türlotsen an der U-Bahn.

  5. Wenn man Bahnfahrer ist, gibt´s auch immer Gedränge, die Angst, nicht den besten Sitzplatz zu bekommen, treibt manche zu abenteuerlichen Aktionen. Aber Bahnfahren ist immer noch um Längen besser als Autofahren am Morgen in der Stadt (von der Parkplatzsuche mal ganz zu schweigen)! Die Ampelschlangen! Das Gehupe! Die 20 cm Abstand zur nächsten Stoßstange! Nene, dann lieber Bahn und Fahrrad.

  6. Wie oben schon erwähnt, hat auch München Türlotsen. Allerdings steht das nicht auf deren Westen, daher heißen sie hier vielleicht auch ganz anders. Außerdem haben sie scheinbar Zusatzaufgaben, denn ich wurde neulich, auf die Ubahn wartend, von einem der Lotsen sehr vehement darauf hingewisen, dass ich nicht in dem Bereich (Mitte des Bahnsteigs) stehen darf, den ich mir zum Warten ausgesucht hatte. Das wäre nämlich die Ausstiegszone, die müsse frei bleiben. Erklärt vielleicht, warum der gemeine Münchner eher selten in die mittleren Waggons der Ubahn einsteigt, sondern sich lieber vorne und hinten am Zug in ebendiesen hineindrängt. Was wiederum Auswirkungen auf die Verweildauer der Ubahn im Bahnhof hat und dazu führt, dass man auf der Weiterfahrt oft eine Predigt des Ubahnfahrers über die allgemeinen Unsitten der Fahrgäste über den Lautsprecher bekommt. Auf bayrisch, versteht sich.

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