*schmatz*

Vorgestern stand ich in einem Geschäft in der Kassenschlange, die Frau hinter mir telefonierte da gerade mit ihrem Freund, Mann, was auch immer. Nein, es könnte natürlich auch eine Freundin, ihre Frau gewesen sein, egal, jedenfalls ein geliebter Mensch, das war überhaupt nicht zu überhören. Sie waren schon eine ganze Weile dabei, sich zu verabschieden, es wurden aber immer noch weitere Beschwörungen der heftigen Zuneigung ergänzt, das zog sich. Sie sprach dabei schamlos laut, nach Meinung der Umstehenden entschieden zu laut, gehobene Augenbrauen und geschüttelte Köpfe überall. Was auch daran lag, dass die Frau immer wieder Küsschen in Telefon schmatzte, auf eine selten unsympathische Art, feucht aufdringlich und vermutlich mit Bläschenbildung. Ich habe mich natürlich lieber nicht umgedreht, die anderen auch nicht. Aber es hörte einfach nicht auf, noch ein Küsschen und noch eines, wobei die Verkleinerungsform im Grunde gar nicht passt, das waren ausgewachsene Schmatzer von der Art, wie man sie als wehrloses Kind vielleicht von liebenden Tanten oder von großen Familienhunden bekommen hat.

Es standen etwa zehn Leute in der Kassenschlange, die das alles minutenlang mitanhören mussten, um dann vielleicht tagelang selbst keine Lust mehr auf Küsse zu haben, so etwas hat ja Folgen, wenn man immer wieder an dieses furchtbar feuchte Geräusch denken muss, dass man gar nicht schreiben kann. Uns fehlen die richtigen Buchstaben für Kussgeräusche, man kann nur *schmatzschlabber* wie im Comic schreiben, das ist eigentlich schade und ein wenig schwach von der deutschen Sprache, aber andere können das wohl auch nicht, nehme ich an. Oder können sie? Die mit den Klicksprachen, die können das vielleicht, die können ja auch sonst ganz andere Geräusche als wir sinnhaft ausdrücken, aber andererseits haben sie vermutlich wieder keine ältere Schriftsprache. Irgendwas ist eben immer, Probleme überall. Wie es eben auch problematisch ist, dass Menschen dauernd so telefonieren, dass jeder alles hören muss, ich habe mich da in all den Handyjahren nie dran gewöhnen können, nicht bei den Businesskaspern mit Projekterfolgen im ICE, nicht bei den schmachtenden Liebenden in der S-Bahn, nicht bei den desorientierten Einkaufenden im Supermarkt. “Welchen Käse essen wir denn so?”

Wenn die Herzdame mich anruft, dann sage ich “Jo”, nachdem ich ihre Wünsche oder Weisungen entgegengenommen habe, dann lege ich wieder auf. Das passt in fast allen Fällen, das ist zeitsparend, zumutbar für die Umgebung und gut für die Beziehung. Ich halte mich ja selten für vorbildhaft, aber wenn ich so darüber nachdenke – manchmal doch. 

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Ein Tiny House mit Kletterwand, das wäre vermutlich ein Wohntraum der Söhne.

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Mir ist Handke eher suspekt, aber die Stelle mit dem Preis, die ist schön. Als ich noch im Antiquariat gearbeitet habe, fand ich dieses Feilschen immer furchtbar, schon weil es in der Regel immer die sichtlich Wohlhabenden waren, die besonders verbissen handeln wollten, gerne auch um geringste Beträge. Schlimm. 

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Es gibt gerade ein Sonderheft der ohnehin stets lesenswerten Hamburger Obdachlosenzeitschrift “Hinz und Kunzt”, es geht um Gärten.

13 Kommentare

  1. Dass ein signifikanter Anteil der verbissen feilschenden Kunden wohlhabend ist, kann ich aus meiner Zeit als Optikerin bestätigen.
    Laut meiner (unbewiesenen) Theorie, sind diese speziellen Menschen überhaupt nur deshalb wohlhabend, weil sie dieses unangenehme und schamlose, jedoch häufig erfolgreiche, Verhalten überall an den Tag legen.

  2. Businesskasper. Ein Fall für meine Liste noch nicht gekannter und augenblicklicher geschätzter Wörter.
    Und die Feilscherfahrung aus dem Antiquariat kann ich bestätigen. Genau so. Gerne praktiziert von sehr selbstbewussten und dabei sehr lauten Herren, die ihrer hübschen, aber schweigenden Begleitung – lautstark und empört! – erklären, warum dieses Buch nachgerade unverschämt zu teuer sei und man ja im Internet… Oder die mit der linken Hand telefonieren, während sie mit der rechten die alte Bibel zerrupfen. Schmatz!

  3. Kann die Feilscherei der sichtlich Wohlhabenden mit eigenen Erinnerungen an eine ganz spezielle Klientel in Stuttgart bestätigen: Niemand feilscht erbitterter und erbarmungsloser um einen Preisnachlass von einem Euro wegen eines nicht ganz fest angenähten Hosenknopfes an einer Jungshose in Größe 116 von H&M, die auf 5 Öre reduziert ist, als offensichtliche Gattinnen von Männern, die „beim Daimler schaffe.“

    P.S. Die schönen Texte hier, die ich seit Wochen mit großer Freude lesen darf (und zwar immer, auch die von der Herzdame und von den Jungs), spülen diese Seite nun in meine Blogroll. Danke!

  4. Muss einschränkend feststellen, „spülen diese Seite nun in meine Blogroll, sobald ich herausgefunden habe, wie das bei WordPress aktuell geht.“ Habe wohl schon lange nicht mehr an der Blogroll gebastelt. Aber ich bleibe dran!

  5. ich misch mich neuerdings mal ein, wenn es gar zu gefühlig mit wird dem öffentlichen verhandeln von privaten problemen. das hilft, die leute sind dann zumindest kurz ruhig! im prinzip ist es ja nicht störend, jeder kann ja sagen was er will in dieser welt. aber die leute vergessen am telefon leide wieviele mithören.

  6. Die richtigen Buchstaben für Kussgeräusche: Kuh, die durch den Matsch läuft. Passt, macht die richtigen Bilder im Kopf und ist genauso lecker.

  7. Ich sage schon mal der Telefonierende soll einen schönen Gruß von mir bestellen- die Gesichter sind wunderbar!

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