*düdelüt*

Ein kleiner Nachtrag noch zum Medienexperiment in diesem Haushalt. Ein ziemlich unerfreulicher Nachtrag, um es gleich vorweg zu sagen. Denn gestern ist passiert, womit ich schon länger gerechnet habe. Ich habe nachts ein Geräusch gehört – und zwar so ein Geräusch, das Eltern und Gamer sofort erkennen, so ein *düdelüt* aus einem digitalen Spiel, ein *düdelüt*, das typischerweise bei einem Levelwechsel zu hören ist, ein kurzer Jingle. So kurz, dass man ihn sich nicht einmal merkt und einem bestimmten Spiel zuordnen kann, aber man weiß beim Hören doch augenblicklich und sicher, dass da in der Nähe gerade gespielt wird. Auch in der S-Bahn hört man etwas in der Art ab und zu, da guckt man dann mangels Zuständigkeit vielleicht nicht einmal hin, sollen die da doch alle spielen, was immer sie wollen, man kann ja schließlich nicht die ganze Stadt erziehen.

Ich habe also ein überhaupt nicht zu verkennendes Levelwechsel-Düdelüt gehört. Nur dieses eine Geräusch, sofort danach wurde der Ton abgestellt. Das kenne ich schon von meinen sinnlosen Mittagsschlafversuchen am Wochenende, wenn die Kinder leise sein sollen, versehentlich kurz an unerwarteter Stelle ein Ton aus dem Tablet kommt und sofort wieder abgewürgt wird. Wach bin ich dann natürlich dennoch. Und das klappt eben auch nachts, das ist der leichte Schlaf der Erziehungsverpflichteten, Sie kennen das vielleicht.

Jetzt also digitale Medien in stockdunkler Nacht und damit definitiv weit, weit im roten Bereich, da gab es für mich nichts mehr zu diskutieren. Da war ich sehr schnell sehr wach, denn zu viel ist nun einmal zu viel. Ich kann beim Thema Medien manche Eskalation mit Humor nehmen, auch lange Wochen ganz ohne Regeln. aber nächtliche Sessions mit dem Tablet möchte ich dann definitiv doch nicht – und zwar auf gar keinen Fall. Irgendwann muss man allzu offensichtlichen Suchtgefahren ernsthaft und vehement begegnen. Ich bin also mit erheblicher Wut im Bauch aufgestanden und knurrend zum Kinderzimmer marschiert, ich habe dort die Tür aufgerissen – und zwei friedlich schlafende Kinder vorgefunden.

Das Geräusch kam aber wieder, es war überhaupt nicht zu überhören, es war sogar ganz deutlich und nah. Von vor dem Fenster kam es, wo eine Amsel oder sonst ein verfrühter Vogel auf einem Schornstein saß und *düdelüt* machte. Wer weiß, vielleicht zeigte dieses Geräusch auch bei dem Vogel einen Levelwechsel an, vom Single zum Paar oder so, das kann durchaus sein. Die Uhr auf dem Handy zeigte die äußerst unschöne Zeitangabe 04:25. Die Söhne schliefen dann noch zwei Stunden, die Herzdame noch anderthalb. Tablet und Smartphone lagen unberührt im Wohnzimmer und schliefen auch. Der Vogel machte vor dem Fenster immer weiter und mit hörbar wachsender Begeisterung sein frühlingshaftes *düdelüt*, und ich hatte endlich genug Zeit, einmal gründlich über die Frage nachzudenken, ob diese ganze Mediendiskussion die Eltern nicht vielleicht im wörtlichen Sinne verrückt macht.

39 Kommentare

  1. Sehr schön lieber Herr Buddenbohm – ich werde des frühmorgens jetzt entspannter lauschen können, denn der leichte Schlaf ist uns nicht fremd.

  2. Stare können erstaunlich viele Melodien lernen. Ich hatte (vor langer Zeit) mal einen vorm Fenster, der stolz einen täuschend guten Modem-Connect vorführte.

  3. Tipp: das wlan im router zu nachtschlafender zeit deaktivieren, dann kann das nur ein vogel sein und niemand wird falsch verdächtigt oder bei geschlossenem fenster nächtigen.

  4. … es gab da mal ein schönes Stück vom United Jazz & Rock Ensemble: „Meise vorm Fenster“. Zitat aus der Ansage: „ Jetzt kann man ja so ein Tier nicht einfach umbringen und wo ich dann schon mal wach war, da hab ich getan, was ein Musiker tun muss und ich hab das aufgeschrieben und fürs Ensemble ein paar Akkorde dazu erfunden“

  5. Oh, wie LIEBE ich diesen Beitrag zur Medienzeit-Diskussion, ich kann gar nicht genug Herzen geben <3 Es geht um ein nächtliches Phantom-Levelaufstieg-Düdelüt

  6. Das erste zaghafte *düdelüt* habe ich schon Anfang Februar gehört. Aber jetzt sind die Herren Amseln wohl verstärkt auf Brautschau und sie werden lauter. Ischa nun auch Frühling, jedenfalls nach dem Kalender.

  7. Als Kind wollte ich immer gern einen Beo haben, weil die so hübsch aussehen und so intelligent sind. Das hatte sich dann erledigt, als ich einen kennenlernte. Der konnte neben sprechen noch sehr viele unterschiedliche Geräusche, dagegen ist der Levelwechsel harmlos.

  8. Ich hatte natürlich Sohn 1 oder Sohn 2 sofort in Verdacht und stellte mir genüßlich vor, wie jetzt das Tablet für, nun sagen wir mal, 14 Tage in der abschließbaren Schreibtischschublade verschwindet, weit gefehlt, *düdelüt*, herrlich!!! Eine schönen Frühlingsanfang und viel Freude im Garten.

  9. Vor ein paar Jahren hatten wir auf der Arbeit in der Nachbarschaft eine klassisches-Nokia-Handyklingeln-Amsel. Das war für den Redakteur, der sein Nokia nicht umzustellen in der Lage war, sehr frustrierend.

  10. Über den Modem-Star und die Nokia-Amsel habe ich sehr gelacht. Zum Glück verkneifen sich die Stare und Amseln, die meinen Balkon besuchen, sich solche Scherze.

  11. Eine Bekannte hatte im Büro einen Beo, der das Fax-Geräusch könnte, da sind dann alle losgesprintet um nach wichtiger Post zu sehen… Der müsste allerdings umziehen, nachdem eine Baustelle in der Nähe war und das Tier danach im Presslufthammer-Modus war…

  12. Einer unserer Stare versteht es vortrefflich, den ebenfalls häufig anwesenden Milan zu imitieren.
    Ich schätze, dem macht das ordentlich Blutdruck, einen „unsichtbaren“ Konkurrenten zu haben. Ich habe mich mittlerweile dran gewöhnt und mein suchender Blick geht dann vom leeren Himmel schnell zu Nachbars Dachrinne. Wo der kleine virtuose Sänger mit buntschillernder und stolzgeschwellter Brust allzu gerne sitzt…

  13. Vögel sind schon was Tolles. Ich kannte mal einen Beo, der konnte die quietschende Restauranttür nachahmen. Aber was die Amseln und anderen Singvögel angeht: Ihre Lautstärke ist mit den Jahren immer mehr gestiegen, um den Verkehrslärm zu übertönen – und so klingen sie um einige Dezibel lauter als ihre Artgenossen auf dem Land.

  14. zu den tönenden amseln kenn ich auch zwei: vorletztes jahr ertönte aus den bäumen immer wieder ein telefonklingeln, letztes jahr der quietschball vom jungen nachbarshund. bin gespannt welches geräusch dieses jahr dran ist… *düdelüt* und danke fürs lachen!

  15. oh klasse! düdelüt. mal sehn welche unsrer viertelsvögel nach ende der osterkirmes diverse geräusche weiterdüdeln…. köstlicher text herr buddenbohm!

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