Die Herzdame experimentiert: Plastikfrei

Sohn 2 liebt Experimente und war sofort Feuer und Flamme von der Idee, eine Woche plastikfrei einzukaufen. Und wenn Sohn 2 was will, müssen alle mitziehen. Da hilft nichts. Leider.

Große Lust hatte ich ja nicht, aber wenn ich so eine Aufgabe gestellt bekomme, nehme ich sie auch ernst. Nun haben wir schon drei Tage des Experiments hinter uns und ich sag mal so: gut läuft das nicht.

Am Montagmorgen bin ich schon daran gescheitert, weil ich vergessen hatte, mirveine Tupperdose für mein Pausenbrot mit zum Bäcker zu nehmen und somit das Brot in einer Plastiktüte mitnahm. Ich hätte wahrscheinlich auch um eine Papiertüte bitten können, aber dann ist das ja schon mittags ausgetrocknet und ich hätte es weggeworfen. Also musste ich mich entscheiden: mein halbes Brot in Plastik oder den Rest wegwerfen. Und jeden Tag neues Brot kaufen, dafür habe ich auch einfach keine Zeit.

Wie gut, dass ich noch Butter und Aufschnitt von der letzten Woche hatte und damit kein weiteres Plastik kaufen musste. Über mein Einkaufserlebnis an der Fleischtheke am Montagabend hat der Gatte schon hier berichtet. Das fand ich auch schon sehr enttäuschend. Am Dienstag sind wir nachmittags in den Garten gefahren und ich wollte gerne noch ein paar Süßigkeiten für die Kinder kaufen. Ohne Plastik und auch ohne Alufolie. Probiert das mal!

Auf meinem Weg kam ich nur an einer Drogerie vorbei, die aber auch viele Bioprodukte haben und ich war deshalb optimistisch, irgendetwas Süßes zu bekommen. Egal, ob die Kinder das nun mögen würden oder nicht, aber Hauptsache ohne Plastik.

Ich habe mich wirklich redlich bemüht was zu finden und habe bestimmt zehn Minuten alle Regal abgesucht. Leider Fehlanzeige. Dann bin ich zur Verkäuferin und habe sie gefragt, ob sie noch eine Idee hätte, was ich ohne Plastik und Folie kaufen könnte. Geschmack egal. Erst hat sich mich angesehen, als wäre ich nicht ganz dicht. Zusammen haben wir dann auch noch mal 5 Minuten die Regale durchgescannt. Und dann war sie selbst ziemlich schockiert, dass sie wirklich gar nichts ohne Plastik im Angebot haben. Wir haben sogar mehrere Schokoladen halb ausgepackt, um dann festzustellen, dass selbst die teuren Bioschokoladen unter ihrem Einwickelpapier noch Alufolie haben. Gummibären, Kekse, Reiswaffeln, Chips – alles in Tüten.

Am Ende habe ich ohne Einkauf den Laden verlassen und eine etwas verstörte Verkäuferin zurückgelassen, die diesen haltlosen Umstand auch sofort ihrem Vorgesetzten weiterleiten wollte.

Ich bin dann zum Bäcker gegangen und habe Kuchen gekauft. Leider für den dreifachen Preis, im Vergleich zu einer Packung Kekse. Beim Einpacken des Kuchens fragte ich dann auch vorsichtshalber nochmal, ob die Zwischenlegefolien auch plastikfrei sind. Die Zwischenlegefolien sind aus beschichtetem Papier und die Verkäuferin fand meine Frage auch ganz schön dämlich. Immerhin stand neben mir ein Kunde, der viel Verständnis für meinen Wunsch zeigte und mich dann ungefragt mit 1000 weiteren Informationen und Tipps versorgte, die er irgendwo im Fernsehen mal gesehen hatte.

Unser Abendbrot war dann etwas karg, da der Gatte nur Fladenbrot und so einen vegetarischen Brotaufstrich im Glas gefunden hat (Details dazu berichtet er selbst.) Und ich hasse vegetarischen Brotaufstrich. Für das Kochen war keine Zeit mehr, da wir bis um 22 Uhr im Garten waren. Mir scheint, der Versuch plastikfrei zu leben hat den Effekt, dass man am Ende gar nichts mehr isst, er ist damit noch besser für die Figur als zuckerfrei zu leben.

Gestern sind wir gleich nach der Arbeit in den Garten gefahren, weil wir da einen Termin mit den Laubenbauern hatten. Das heißt, es musste schnell gehen und weil da auch noch ein spätes Mittagessen, Kuchenessen und Abendessen geplant war, mussten wir das auf dem Weg mal eben im Supermarkt kaufen.

Leider hatte dieser Supermarkt weder einen Bäcker noch eine Frischetheke. Deshalb bin ich kurz zum Bäcker rübergegangen und habe die letzten zwei labberigen, ekeligen Pizzastangen und eine Platte Butterkuchen gekauft. Alles in Papier und mit Papierfolie getrennt. Und ein Brot für das Abendessen, leider wieder in Plastik.

Für das Abendbrot im Garten, wo wir mangels Laube noch kein ausreichendes Geschirr hatten, haben wir dann die reinste Plastikschlacht veranstaltet. Frischkäse zum Dippen, Würstchen und Kartoffelsalat (ein Pott und eine Gabel für alle). Und für das gute Gewissen eine Melone ohne Plastik, die dann aber mangels Messer niemand gegessen hat.

Fazit dieser Tage: ich ernähre mich hauptsächlich von Resten oder gar nicht, weil ich nichts ohne Plastik kaufen kann oder mit schlechtem Gewissen, weil es nichts ohne Plastik gibt. Unterm Strich habe ich deshalb aber insgesamt deutlich weniger Müll produziert, weil ich einfach weniger gekauft und nichts gegessen habe.

Die Milch der frommen Denkart

Falls da jemand gerade gestolpert ist, es heißt im Original bei Schiller tatsächlich Denkart, nicht Denkungsart, wie alle immer sagen, ich natürlich auch bis gerade eben. Immer Zitate googeln, bevor man sie schreibt, dann merkt man so etwas. Aber sowieso geht es heute um Milch, nicht um Klassiker.

Adelhaid schreibt hier auch über Plastik und Einkauf, das ist natürlich immer großartig, wenn andere da so mitspielen, “Wie früher!”möchte ich da immer rufen, “Wie früher!”. Blogstöckchen, die Älteren erinnern sich. 

Bei Sven ist die Milch auch noch einmal Thema, und die Milch haben wir familienintern reichlich diskutiert, denn der Rahm in der Flaschenmilch stört die Kinder hier auch. Was etwas seltsam ist, denn im Heimatdorf der Herzdame trinken sie die Milch ganz frisch, sehr fett und quasi euterwarm auf dem Hof nebenan, aber egal. Milch in der Flasche ist jedenfalls schwierig. Und schwer.

Und weil es alles so schwierig ist, habe ich gestern einen Experten befragt, das soll ab und zu ja weiterhelfen. Ulf Schönheim ist auch als Regionalulf bekannt, ferner Vorstand der nördlichen Regionalwert AG (nein, keine Werbekooperation) und er war auch schon einmal bei “Was machen die da”.

MB: Das Tetrapak-Dilemma – hat der laienhafte Privatkonsument eine Chance, bei Themen wie Milchverpackung etc. etwas richtig zu machen – oder reicht das Richtigmachen nur bis zur Regionalentscheidung, weil man weiter einfach nicht kommt?

US: Grundsätzlich gilt: Je näher dran, desto besser ist Mehrweg. Denn Glas und Flüssigkeiten durch die Gegend zu fahren verbraucht viel Energie. Man muss dabei auch berücksichtigen, dass große Molkereien auch große Einzugsgebiete haben. Das heißt, die Milch fährt im Extremfall schon mal 200 Kilometer, bevor sie überhaupt in der Molkerei ist. Und: Die Pfandflaschen müssen ja auch zurück.

Mein persönlicher Tipp für Normalkäuferinnen und Normalkäufer in Hamburg, die keinen Hofladen und keine Milchtankstelle um die Ecke haben, ist die Vier-Jahreszeiten-Milch von De Öko Melkburen. Die ist zwar im Tetrapak, kommt aber von drei Bio-Höfen direkt vor der Stadt und wird in der Meierei Horst abgefüllt. Leider hat die Meierei keine Flaschenabfüllung, aber das kann sich eines Tages bestimmt ändern. So lange finde ich es wichtig, kleine regionale Projekte zu unterstützen, die ziemlich viel richtig machen, bis hin zur muttergebundenen Kälberaufzucht.

Und mein allgemeiner Tipp für andere Regionen: Möglichst bio, möglichst nah, möglichst kleine Molkerei, möglichst Mehrweg. In Hessen zum Beispiel von der Upländer Bauernmolkerei, in Schwaben und Franken von den Schrozberger Milchbauern, im Norden von der Meierei Horst, den genannten Öko-Melkburen oder von der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof. Und noch ein Tipp: Viele der genannten Erzeuger bieten Besichtigungen und Veranstaltungen an. Dort kann man direkt mit den Menschen sprechen und ein Gefühl dafür bekommen, wieso sie so arbeiten wie sie es tun.

MB: Hat das Regionalthema mit dem Unverpackt-Thema und dem Plastikfrei-Thema überhaupt einen Sinnzusammenhang?

US: Naja, Sinn kann man sich ja überall basteln, sagt der Soziologe in mir. Aber ja, natürlich: je verpackungsärmer desto besser, und je plastikfreier desto besser. Denn bei Lebensmitteln und insbesondere bei Flüssigkeiten, die sich länger in Plastik aufhalten wie etwa Säften, ist eine Glasverpackung auch aus geschmacklicher und gesundheitlicher Sicht in der Regel besser. Und meistens kommt die Verpackung ja auch nicht aus der Region, das sollte man beachten im Sinne einer regionalen Ernährungssouveränität – was ja ein Ziel der Regionalwert-Bewegung ist.

Langfristig sollte es möglich sein, auch Verpackungen bio-regional zu erzeugen, zum Beispiel aus Abfällen der Lebensmittelproduktion. Die Forschung ist da schon recht weit – unter anderem mit Milchfasern  Dann sorgt die Milch nachher womöglich für ihre eigene Verpackung. Aber natürlich braucht man dann erstmal die Produktionskapazitäten. Und die kosten ziemlich viel Geld. Aber auch da wollen wir ja mithelfen.

MB: Warum eigentlich gibt es nicht mehr Märkte mit regionalen Zulieferern in der Stadt und gibt es dazu irgendwo Modellprojekte?

US: Ja, bald im Hamburger Oberhafen. Dazu kann ich in zwei, drei Wochen mehr erzählen. Oder in der Markthalle Neun in Berlin.

Aber grundsätzlich: Die klassischen Wochenmärkte leiden unter drei Dingen. Erstens: sozialer Wandel. Freitags und sonnabends funktionieren Wochenmärkte nach wie vor gut. Aber wer hat heute noch Zeit, zum Beispiel dienstagsvormittags auf den Markt zu gehen? Selbst auf dem Hamburger Isemarkt gibt es zu dieser Zeit Lücken, weil zu wenig Kunden kommen. Zweitens: Die Anbieter auf dem Wochenmarkt oder in Markthallen haben relativ hohe Personalkosten. Insbesondere im Vergleich zum normalen Supermarkt, der auf großen Flächen mit wenig Personal hohe Umsätze erzielt. Und: Wochenmarktstände müssen ihren kompletten Umsatz mit Lebensmitteln machen. Für viele Supermärkte sind frische Lebensmittel dagegen häufig nur noch Sonderangebotswerbung, damit die Kunden in den Laden kommen. Ihr Geld verdienen sie dann mit Convenienceprodukten, Aktionsware, Duschgel oder Kosmetik. Da kann eigentlich kein Wochenmarktstand mithalten, es sei denn, er kauft beim billigsten Großhändler.

Bei Markthallen kommt drittens dazu, dass die Mieten an guten Standorten in der Regel so hoch sind, dass sie kein kleiner Standinhaber zusätzlich zu den Personalkosten bezahlen kann. Oder dass die Lebensmittel dann furchtbar teuer werden. Eigentlich wäre das eine städtische Aufgabe: Neben sozialem Wohnungsbau für sozialen Markthallenbau zu sorgen, wo sich die Bewohnerinnen und Bewohner zu vernünftigen Preisen bei kleinen Erzeugern eindecken können. Solange das nicht der Fall ist, muss man es eben selber machen, zum Beispiel über Marktschwärmereien, Solawis und Mitgliederläden oder im größeren Zusammenhang über die Regionalwert-AGs, die es bald in fünf Regionen Deutschlands gibt. Und weitere Regionen haben Interesse.

Nach dem Interview fiel noch ein Satz, den ich hier mit aufnehme, weil er auch für die Experimentzeit bei uns wichtig ist:

US: Persönliches Engagement ist immer super. Aber man sollte sich damit nicht überlasten und nicht versuchen perfekt zu sein. Das macht nämlich unglücklich. Letztlich wäre das Plastikproblem auch eine Aufgabe der Politik. Irgendwo habe ich mal den Vorschlag gelesen, Kraftstoffpreise im Vorhinein langsam und berechenbar steigend festzusetzen. Liegen die realen Preise drunter, geht das Geld in einen Fonds. Liegen sie drüber, nimmt man Geld wieder raus. Dann wissen Verbraucher und Wirtschaft Bescheid und können sich darauf einstellen. Das sollte man dann praktischerweise nicht nur für Kraftstoffe, sondern gleich für alle Mineralölprodukte machen.

Soweit Ulf Schönheim. Wir halten währenddessen für die Mich das Zitat fest: “Möglichst bio, möglichst nah, möglichst kleine Molkerei, möglichst Mehrweg.” Das sage ich dann am Regal einfach auf und zähle ab. Easy.

Es wurde Regen für den Nachmittag angekündigt, vielleicht komme ich dann noch einmal zum Schreiben, denn es fehlt hier weiterhin der Dienstag, es fehlt mittlerweile auch der Mittwoch, es fehlt die Antwort auf die Frage, wo die Kartoffeln hin sind, was eine Knoblauchsrauke ist, warum ich mittlerweile fast gar nichts mehr einkaufe und warum das sehr erhellend ist, ich möchte fast sagen, es ist erschreckend erhellend. Aber keine Sorge, ich habe gestern und vorgestern alles stichwortartig mitgeschrieben, kommt alles.

Währenddessen wird im Garten die Laube gebaut, wir sind daher ein wenig abgelenkt, pardon. Immerhin aber ist die Laube nicht aus Plastik, Schwein gehabt! Allerdings: Die Holzstapel waren in Plastik verpackt. Schlimm.