Am Abend William Faulkner gelesen (“Eine Rose für Emily”), das war natürlich eine Schnapsidee, wenn man gerade genug vom Rassismus hat. Heute weiter mit James Joyce (immer noch in der Anthologie “Der Spatz meiner Herrin ist tot”).

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Beim morgendlichen Linkfischen das Sommerloch gefunden, es erscheinen deutlich weniger Blogartikel als ohnehin schon, die Meldungen in den Medien sind noch monothematischer als sonst, es ist einfach nichts los. Der Feedreader bei Ebbe, ein Bildschirm mit sehr viel Weißraum, sogar die Twittertimeline rückt langsamer nach unten und bei Nuzzel lohnt F5 nicht mehr. Auch mal schön.

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Ich habe den Eindruck, dass immer weniger Alltagsszenen in Blogs erscheinen, diese kleine Geschichten, die Beobachtungen. Das ist tatsächlich nur ein Eindruck, ich habe nichts gemessen oder gezählt, vielleicht sehen das andere ganz anders. Vielleicht hat auch mein Feedreader wieder eigenmächtig Blogs abbestellt, das macht er gerne mal, ich merke das dann immer erst nach Wochen, wenn mir auffällt, dass die Kaltmamsell oder wer auch immer schon wochenlang nichts mehr geschrieben hat und ob das denn wohl sein kann. Dann sehe ich nach, ärgere mich und lese rückwärts. Jedenfalls: Der Kleinkram fehlt mir, ich mag diese Form. Rausgehen und beobachten, na, was ich früher immer Blogsport nannte. Und wenn das keiner macht, dann mache ich das eben wieder mehr. Nehmen wir gestern:

An einer Bushaltestelle steht eine ältere Dame und wartet, als ich mich da auch hinstelle. Sie guckt auf die Uhr, sie guckt auf die Straße, sie stöhnt. “Wissen sie”, fragt sie, “ob der Bus Verspätung hat? Oder was mit dem ist?” Ich weiß überhaupt nichts. Die Dame sieht auf ihre Uhr und sieht auf die Straße. “Wo sind wir denn”, sagt sie, “also wo sind wir denn hier. Dass der nicht kommt.” Ich frage, wie lange sie da schon steht, ich sehe auf dem Plan, dass der Bus alle zehn Minuten kommt. “Fünf Minuten!” So unfassbar lange steht sie da schon. Sie sieht auf die Uhr und sie sieht auf die Straße, wo der Bus jetzt brav auftaucht. “Wo sind wir denn hier!” Sie schüttelt den Kopf, sie sieht beim Einsteigen den Busfahrer so strafend an, andere würden sofort alles zugeben. Aber Hamburger Busfahrer sind bekanntlich harte Hunde.

Wo sind wir denn hier. Wir sind in einem Land, das ins Chaos stürzt, wir sind in einem Land, mit dem es bergab geht, wir sind in einem Land, in dem Busse ganze fünf Minuten zu spät kommen, so sieht es doch aus. Es herrscht quasi schon Anarchie. Die Dame sitzt mir im Bus gegenüber, atmet schwer und empört sich still weiter.

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Der Bus hält vor einem Hotel, das kein Hotel mehr ist, das ist jetzt ein Haus, in dem Leute untergebracht sind. Die Zimmer sind etwas wild mit Möbeln vollgestellt, da wurden auch Bettlaken quer durch Räume gespannt, da wurden Schränke vor Fenster geschoben, ein guter Zustand geht anders. Im ersten Stock guckt ein Mädchen aus dem offenen Fenster. Die Kleine ist vielleicht drei Jahre alt und sie winkt den Leuten im Bus da unten mit vollem Einsatz, die schwarzen Locken fliegen nur so, das ganze Kind bebt vor lauter Winken. Und sie strahlt und ruft etwas, das man nicht verstehen kann, also ich jedenfalls nicht, die Umstände lege aber nahe, dass es so etwas wie “Hallo!” ist. Hallo in irgendeiner Sprache eben. Der Busfahrer guckt hoch, grinst und winkt zurück, so ein harter Hund ist das dann also doch nicht, guck an. Und das Mädchen freut sich wie ein Stint, dass da endlich jemand winkt, denn die Straße ist eher nicht so stark befahren und Fußgänger sind da leider auch kaum, das ist dort eher Industriegebiet. Ihre einzige Chance ist der Bus alle zehn Minuten, deswegen winkt sie auch mit vollem Einsatz und nicht nur nebenbei.

Ich nehme stark an, dass Mädchen ist neu in der Stadt, die Indizien sprechen dafür. Sie ist neu in einer Stadt, in der man sich, und das spricht doch sehr für die Stadt, in Frieden wie ein Stint freuen kann, wenn ein Busfahrer winkt. Im Rest des Landes geht das ja eher nicht, schon weil da diese Redewendung keiner kennt, da freut man sich nämlich anders, wie ein Schneekönig oder so. Ob das Mädchen aber überhaupt weiß, was Schnee ist? Und es soll auch Städte geben, da sind die Busfahrer noch härtere Hunde, ich grüße an dieser Stelle meine Berliner Leserinnen. 

Sich wie ein Stint freuen, norddeutsch für: Sich wie ein Schneekönig oder wie Bolle freuen. Man lernt hier ja was! Und wenn das Mädchen hier bleibt, dann kennt es diese Wendung vielleicht auch irgendwann.

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Was noch? Man müsste ein Instrument spielen können.

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Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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