Love and laugh

Endlich mal eine Stellenausschreibung, die mich anspricht. Warum auch immer man da teamorientiert sein soll, warum muss man überhaupt kategorisch teamorientiert sein? Wörter, die einem auf den Geist gehen können.

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Ich habe mir zwei Bücher besorgt, einfach weil mir die Titel gefielen, dann fiel mir erst auf, dass es zwischen ihnen einen Zusammenhang geben könnte. Zum einen Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt. Zum anderen, und es empfiehlt sich vielleicht wirklich, das dann direkt danach zu lesen, Fredrik Sjöberg: Wozu macht man das alles? Deutsch von Paul Berf.

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Neues von der Plastikfront: Beim Edeka hängt jetzt ein Hinweisschild, dass sie da an der Frischetheke gerne auch mitgebrachte Behälter befüllen. So etwas sehe ich zum ersten Mal, das sei hier also festgehalten.

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Auf dem Fußweg in unserem kleinen Bahnhofsviertel steht eine Dame fortgeschrittenen Alters, sie raucht mit einiger Grandezza aus einer Zigarettenspitze, das sieht man heute kaum noch. Sie trägt eine übergroße Sonnenbrille, sie sieht überhaupt aus wie eine alternde Filmdiva aus den Siebzigern. Sie wirft den Kopf zurück, sieht sich um und fragt Passanten, in einem Tonfall, dem man anmerkt, wie wahnsinnig lästig es ihr ist, irgendwelche dahergelaufenen Leute ansprechen zu müssen: “Pardon, wo ist denn hier heute der Bahnhof?” Wobei sie mit der Zigarettenspitze vage in der Gegend herumwedelt. Irgendwo da muss er sein, der Hamburger Hauptbahnhof.

Es ist natürlich nicht so, dass sie ihn nicht gefunden hat, nein. Man wird ihn wieder irgendwohin verschoben haben, was wirklich ungemein enervierend ist, wer würde das nicht verstehen.

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Aus einem Supermarkt kommt mir eine junge Frau entgegen, die ein Sixpack mit großen Plastikwasserflaschen auf dem Kopf trägt. Also freihändig und einfach so, als sei das gar kein besonderes Kunststück. Selbstverständlich geht sie dabei ungemein gerade, es sieht dennoch entspannt und natürlich aus, und man fragt sich sofort, warum nicht alle ihre Einkäufe so wunderschön nach Hause tragen. Es sieht entschieden besser aus als die sonst übliche Methode, dieses schiefe Schleppen, das bei vielen Menschen wie auf orthopädischen Warntafeln anmutet. Warum machen wir das denn nicht auch auf die elegante Art? Natürlich weil uns alles sofort und immer wieder runterfallen würde – aber das ist als Antwort vielleicht doch etwas kurz gegriffen, denn man könnte ja üben. Man könnte schon Kinder üben lassen, dann würden das bald alle können, das dauert doch nur ein, zwei Generationen. Früher, als ich noch viel ferngesehen habe, da haben in Reisereportagen irgendwo aus Afrika Frauen das Wasser vom Brunnen so ins Dorf getragen, und das Kleid, das die Frau mit dem Sixpack auf dem Kopf da vor mir trägt, das passt übrigens hervorragend zu diesen vage erinnerten Bildern. Ob es in unserer Weltgegend überhaupt jemals üblich war, Gegenstände so zu tragen? Ich habe keine Ahnung, das kam in Geschichte nicht vor.

Und ob wohl in Afrika jemals jemand denkt, dass er einmal in irgendeinem Reisebericht im Fernsehen gesehen hat, wie Menschen irgendwo in Europa total malerisch vor einem Brunnen am Dorfrand standen … so ganz ohne auch nur ansatzweise das richtige Land parat zu haben, weil die Länder da oben im Norden doch eh keiner unterscheiden kann? Mazedonien, Dänemark, Portugal, irgendwas? Europa eben. Reicht doch.

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Aus der Reihe words of the prophets: In einer Bäckerei in Eppendorf steht eine Frau vor der Theke mit den Brötchen und Kuchenstücken, sie guckt akut verstimmt und geht die Reihen der Auslage wieder und wieder durch, der Blick geht von links nach rechts und von oben nach unten, sie liest Kuchen, aber es gefällt ihr alles nicht. Sie schüttelt energisch den Kopf, verzieht leicht angewidert den Mund und sagt, als sie endlich drankommt: “Das ist ja jetzt nicht so einfach!” Sie sagt es scharf und ganz so, als könne die Verkäuferin etwas dafür und müsse daher erst einmal zusammengefaltet werden. Auf dem T-Shirt dieser Kundin steht: love and laugh.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Was noch? Musik! Luftgitarren raus!

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie müssen aber nicht. Aber wenn Sie wollen und auch können – nichts möge Sie aufhalten, Sie feiner Mensch.

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Like a Ninja

Ich gucke mir am frühen Morgen Landkarten an, denke über Unterkünfte nach und bespreche mit der Herzdame organisatorische Fragen, dabei wird die erste Etappe der Wanderung denkbar unspektakulär und eher kurz sein, aber es ist eben so – dieses Vorbereitungsdings macht mir Spaß. Selbstverständlich ist meine Idee völlig bekloppt und äußerst unpraktisch umzusetzen, aber egal. Nach neuestem Kenntnisstand kommen übrigens doch beide Söhne mit. Was soll’s, Planung mit Familie, l’art pour l’art, Sie kennen das. Im Kern wird es am Ende darum gehen, dass ich gehe, die Familie kann gerne in wechselnder Besetzung dabei sein.

Ich kaufe in Kürze mal eine Wanderkarte, obwohl ich die eigentlich gar nicht brauchen werde, der Weg wird leicht zu finden sein.

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Ein Mann und ein Wörterbuch.

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Der Duft nach nassem Asphalt.

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Bitte beachten Sie in diesem Text das wunderbare Wort “Impressionsmeisterschaft”.

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Weil der Mensch nun einmal etwas doof ist, kauft er immer noch mehr SUVs. Wobei man hier in unserem kleinen Bahnhofsviertel mittlerweile den Eindruck hat, dass noch mehr SUVs gar nicht in den Stadtteil passen, es ist eben doch irgendwie physikalisch begrenzt, was da geht. Was da fährt. Steht. Egal.

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Vor zwei, drei Wochen dachte ich, es wäre nett und interessant, mehr auf das zu achten, was an den Wänden steht. Die erschütternde Erkenntnis ist leider, dass da echt wenig steht. The words of the prophets are not written on the walls anymore. Aber da mir gerade gestern die Frau mit dem Text auf dem T-Shirt auffiel, achte ich jetzt eben auf diese Texte, vielleicht haben die etwas zu sagen. Immer der Spur folgen, dem weißen Kaninchen, den Hinweisen! Und wenn man erst einmal darauf achtet, dann ist es jedenfalls verblüffend, wie viele Menschen beschriftet herumlaufen. Heute im Fang:

Vor der Kirche steht ein Jogger mit grauen Haaren, ein schlanker Mann im Rentenalter. Er steht da einfach nur in entspannter Grundhaltung und guckt unbestimmt geradeaus. Er hat Sportkleidung an, neu aussehende Laufschuhe, eine kurze Sporthose, er sieht ziemlich einsatzbereit aus, aber er steht eben nur. Er läuft nicht, er schwitzt nicht, er atmet nicht heftig, er sieht auch nicht so aus, als würde er in den nächsten Sekunden losrennen. Auf seinem T-Shirt steht: Unterschätze nie einen alten Mann.

Auf einer Rolltreppe in einer S-Bahnstation kommt mir ein kleiner Junge an der Hand seiner Mutter entgegen, ich fahre nach unten, er fährt nach oben. Er kapriolt etwas herum und der allergeschickteste Rolltreppenturner ist er nicht, das sieht man gleich auf den ersten Blick. Er schwankt, er stolpert, er balanciert mit wedelnden Armen auf der Kante einer Stufe, da reißt ihn die rettende Mutterhand abrupt nach oben, so dass er eine Weile hampelnd in der Luft herumbaumelt wie eine schlecht gespielte Marionette. Auf seinem T-Shirt steht: Like a Ninja.

An einer roten Ampel steht ein junger Mann neben mir, der eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und mich durch sie ansieht, also nehme ich jedenfalls an, man erkennt das dann ja nicht. Seine Mundwinkel weisen unerbittlich nach unten, das erkenne ich immerhin zweifelsfrei. In der Hand hält er ein Smartphone, auf dem er die ganze Zeit herumtippt ohne auch nur einmal hinzusehen. Auf seinem T-Shirt steht: I’m not a human being.

Ich überlege gerade, ich selbst besitze gar keine Kleidung mit Botschaft drauf, nur ein paar T-Shirts mit dem Aufdruck Barcamp. Die Herzdame hat immerhin ein Oberteil, auf dem Swingtanzen verboten steht, dass zieht sie ab und zu zum Swingtanzen an. Logisch.

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Ich lese weiter in Henning Sußebachs “Deutschland ab vom Wege”, und ich glaube, ich sehe da etwas anders als der Autor. Er trifft auf seiner Wandertour nämlich – wie nicht anders zu erwarten – ganz normale Leute, also Leute, die bisher in seiner Journalisten-Bubble nicht so prominent vorkamen. Und er fragt sich dann, ob sich die Medien und ihre Vertreter zu weit von diesen normalen Leuten entfernt haben. Das ist eine gängige Annahme, das liest man in letzter Zeit öfter. Der linksliberale Journalist aus der Großstadt versteht den rechtsaußen wählenden Landwirt in Brandenburg nicht, der wiederum versteht die von den Medien auch nicht und redet irgendwann empört von der bösen Lügenpresse, wie konnte es nur so kommen, die gespaltene Gesellschaft.

Ich glaube, dass es keine Entfremdung gab. Es kann auch gar keine gegeben haben, weil es doch überhaupt nie Nähe gab. Es gab kein ideales Zeitalter der Medien, in dem sich alle glücklich verstanden haben, wir wollten sein ein einig Volk von Zeitleserinnen und -lesern. Jede Lektüre eines Romans aus dem Neunzehnten Jahrhundert weist doch nach, dass es auch da schon diese Distanz gab, dass es auch da schon die Blasen gab, dass die in den Städten auch da schon abgehoben über die Provinzblätter und die Trampel vom Lande gelacht haben.

Und immer schon, seit ich Leser bin, gab es in den großen Zeitungen vereinzelt, drei- viermal im Jahr oder so, großartige Reportagen von außerhalb der Bubble, ganz nahe an den anderen Lebenswirklichkeiten. Und die gewannen dann die ganzen Preise, diese Reportagen, die wurden herumgereicht und geshared und als Buch gedruckt, die wurden immer wieder lobend erwähnt, verbunden mit dem Ausdruck “Empathie”. Da hat also mal wer den Bauern verstanden, den Schuhverkäufer, die Krankenschwester.

Aber wirklich und wie nebenbei verstehen – das können oder konnten vielleicht immer nur Lokaljournalisten, also die mit den bis heute vielverspotteten Karnickelzüchterjahreshauptsersammlungsberichten. Vielleicht ist es auch einfach deren Beruf, dieses Verständnis zu haben, während der Feuilletonist bei einem Blatt (meine Söhne würden jetzt sagen: wieso heißt das denn Blatt?) in der Millionenstadt schlichtweg einen ganz anderen Beruf hat. Könnte ja sein.

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Der Musiktipp kommt heute wieder von Sohn I, es handelt sich um ein Video, dass seine Klasse im Kunstunterricht gesehen hat. Nanu!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, es ist ein wenig wie bei einer Jukebox. Nur kommt eben Text raus, keine Musik. Na gut, es kommt auch jeden Tag ein anderer Text, nicht immer wieder eine exakte Kopie. Na gut, es kommt auch Text, wenn Sie gar nichts einwerfen. Na gut, es ist wohl nicht wie bei einer Jukebox. War ein Versuch.

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