Like a Ninja

Ich gucke mir am frühen Morgen Landkarten an, denke über Unterkünfte nach und bespreche mit der Herzdame organisatorische Fragen, dabei wird die erste Etappe der Wanderung denkbar unspektakulär und eher kurz sein, aber es ist eben so – dieses Vorbereitungsdings macht mir Spaß. Selbstverständlich ist meine Idee völlig bekloppt und äußerst unpraktisch umzusetzen, aber egal. Nach neuestem Kenntnisstand kommen übrigens doch beide Söhne mit. Was soll’s, Planung mit Familie, l’art pour l’art, Sie kennen das. Im Kern wird es am Ende darum gehen, dass ich gehe, die Familie kann gerne in wechselnder Besetzung dabei sein.

Ich kaufe in Kürze mal eine Wanderkarte, obwohl ich die eigentlich gar nicht brauchen werde, der Weg wird leicht zu finden sein.

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Ein Mann und ein Wörterbuch.

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Der Duft nach nassem Asphalt.

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Bitte beachten Sie in diesem Text das wunderbare Wort “Impressionsmeisterschaft”.

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Weil der Mensch nun einmal etwas doof ist, kauft er immer noch mehr SUVs. Wobei man hier in unserem kleinen Bahnhofsviertel mittlerweile den Eindruck hat, dass noch mehr SUVs gar nicht in den Stadtteil passen, es ist eben doch irgendwie physikalisch begrenzt, was da geht. Was da fährt. Steht. Egal.

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Vor zwei, drei Wochen dachte ich, es wäre nett und interessant, mehr auf das zu achten, was an den Wänden steht. Die erschütternde Erkenntnis ist leider, dass da echt wenig steht. The words of the prophets are not written on the walls anymore. Aber da mir gerade gestern die Frau mit dem Text auf dem T-Shirt auffiel, achte ich jetzt eben auf diese Texte, vielleicht haben die etwas zu sagen. Immer der Spur folgen, dem weißen Kaninchen, den Hinweisen! Und wenn man erst einmal darauf achtet, dann ist es jedenfalls verblüffend, wie viele Menschen beschriftet herumlaufen. Heute im Fang:

Vor der Kirche steht ein Jogger mit grauen Haaren, ein schlanker Mann im Rentenalter. Er steht da einfach nur in entspannter Grundhaltung und guckt unbestimmt geradeaus. Er hat Sportkleidung an, neu aussehende Laufschuhe, eine kurze Sporthose, er sieht ziemlich einsatzbereit aus, aber er steht eben nur. Er läuft nicht, er schwitzt nicht, er atmet nicht heftig, er sieht auch nicht so aus, als würde er in den nächsten Sekunden losrennen. Auf seinem T-Shirt steht: Unterschätze nie einen alten Mann.

Auf einer Rolltreppe in einer S-Bahnstation kommt mir ein kleiner Junge an der Hand seiner Mutter entgegen, ich fahre nach unten, er fährt nach oben. Er kapriolt etwas herum und der allergeschickteste Rolltreppenturner ist er nicht, das sieht man gleich auf den ersten Blick. Er schwankt, er stolpert, er balanciert mit wedelnden Armen auf der Kante einer Stufe, da reißt ihn die rettende Mutterhand abrupt nach oben, so dass er eine Weile hampelnd in der Luft herumbaumelt wie eine schlecht gespielte Marionette. Auf seinem T-Shirt steht: Like a Ninja.

An einer roten Ampel steht ein junger Mann neben mir, der eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und mich durch sie ansieht, also nehme ich jedenfalls an, man erkennt das dann ja nicht. Seine Mundwinkel weisen unerbittlich nach unten, das erkenne ich immerhin zweifelsfrei. In der Hand hält er ein Smartphone, auf dem er die ganze Zeit herumtippt ohne auch nur einmal hinzusehen. Auf seinem T-Shirt steht: I’m not a human being.

Ich überlege gerade, ich selbst besitze gar keine Kleidung mit Botschaft drauf, nur ein paar T-Shirts mit dem Aufdruck Barcamp. Die Herzdame hat immerhin ein Oberteil, auf dem Swingtanzen verboten steht, dass zieht sie ab und zu zum Swingtanzen an. Logisch.

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Ich lese weiter in Henning Sußebachs “Deutschland ab vom Wege”, und ich glaube, ich sehe da etwas anders als der Autor. Er trifft auf seiner Wandertour nämlich – wie nicht anders zu erwarten – ganz normale Leute, also Leute, die bisher in seiner Journalisten-Bubble nicht so prominent vorkamen. Und er fragt sich dann, ob sich die Medien und ihre Vertreter zu weit von diesen normalen Leuten entfernt haben. Das ist eine gängige Annahme, das liest man in letzter Zeit öfter. Der linksliberale Journalist aus der Großstadt versteht den rechtsaußen wählenden Landwirt in Brandenburg nicht, der wiederum versteht die von den Medien auch nicht und redet irgendwann empört von der bösen Lügenpresse, wie konnte es nur so kommen, die gespaltene Gesellschaft.

Ich glaube, dass es keine Entfremdung gab. Es kann auch gar keine gegeben haben, weil es doch überhaupt nie Nähe gab. Es gab kein ideales Zeitalter der Medien, in dem sich alle glücklich verstanden haben, wir wollten sein ein einig Volk von Zeitleserinnen und -lesern. Jede Lektüre eines Romans aus dem Neunzehnten Jahrhundert weist doch nach, dass es auch da schon diese Distanz gab, dass es auch da schon die Blasen gab, dass die in den Städten auch da schon abgehoben über die Provinzblätter und die Trampel vom Lande gelacht haben.

Und immer schon, seit ich Leser bin, gab es in den großen Zeitungen vereinzelt, drei- viermal im Jahr oder so, großartige Reportagen von außerhalb der Bubble, ganz nahe an den anderen Lebenswirklichkeiten. Und die gewannen dann die ganzen Preise, diese Reportagen, die wurden herumgereicht und geshared und als Buch gedruckt, die wurden immer wieder lobend erwähnt, verbunden mit dem Ausdruck “Empathie”. Da hat also mal wer den Bauern verstanden, den Schuhverkäufer, die Krankenschwester.

Aber wirklich und wie nebenbei verstehen – das können oder konnten vielleicht immer nur Lokaljournalisten, also die mit den bis heute vielverspotteten Karnickelzüchterjahreshauptsersammlungsberichten. Vielleicht ist es auch einfach deren Beruf, dieses Verständnis zu haben, während der Feuilletonist bei einem Blatt (meine Söhne würden jetzt sagen: wieso heißt das denn Blatt?) in der Millionenstadt schlichtweg einen ganz anderen Beruf hat. Könnte ja sein.

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Der Musiktipp kommt heute wieder von Sohn I, es handelt sich um ein Video, dass seine Klasse im Kunstunterricht gesehen hat. Nanu!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, es ist ein wenig wie bei einer Jukebox. Nur kommt eben Text raus, keine Musik. Na gut, es kommt auch jeden Tag ein anderer Text, nicht immer wieder eine exakte Kopie. Na gut, es kommt auch Text, wenn Sie gar nichts einwerfen. Na gut, es ist wohl nicht wie bei einer Jukebox. War ein Versuch.

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6 Kommentare

  1. „Ein Mann und ein Wörterbuch“ – bei diesen Worten musste ich an den großartigen Roman „Der Mann, der die Wörter liebte“ von Simon Winchester denken. Angenehme Lektüre. Das Taschenbuch passt auch in den Wanderrucksack.

  2. “Ein Mann und ein Wörterbuch“. Das darf doch nicht wahr sein und macht traurig – ein Gruß ist doch wohl das Mindeste, was einem abverlangt werden kann, Privatsphäre hin oder her…..in diesem Fall scheint der Beruf verfehlt.

    Die gern benutzte Floskel “ in meiner Eigenschaft als….“, hat mich übrigens schon immer gestört und misstrauisch gemacht. Eine Spaltung der Persönlichkeit?

  3. Das Video in der 4. Klasse? Hmmm … War der blaue Rauch Thema?
    Beschriftete Hemden, T-Shirts usw.: Ich frage mich immer, warum Leute so was tragen, was oft offenbar überhaupt nichts mit ihnen zu tun hat (fiktive Golf-/Surfclubs usw.) Oft finde ich diese Aufschriften einfach hässlich.
    Oft scheinen sie auch meilenweit zu brüllen: Nimm mich blooooß nicht ernst! (bei irgendwelchen Glitzer-Tussi-Klischees auf Frauensachen besonders, aber nicht nur da)
    Und dann habe ich auch schon 10- oder 12jährige Mädchen mit englischsprachiger Glitzeraufschrift auf dem T-Shirt gesehen, die auf Deutsch einen Aufruf zur sexuellen Belästigung gleichkam – wieso (ver)kauft jemand so was???

  4. Kesslers Expedition kann ich zur Einstimmung aufs Wandern empfehlen.
    Es wird nicht unbedingt gewandert, aber auf ziemlich ungewöhnliche weise Deutschland bereist (z.B. mit dem Esel von Berlin an die Ostsee).

  5. Ich wünsche schöne Wege, Zeit zum Reden und Schweigen und Entdecken, egal, wer gerade mitwandert. Und viel Spaß mit der Wanderkarte (das Rascheln von Karten ist für mich ein Geräusch, von dem es schade ist, dass es verloren ging… wobei ich den Luxus, mich nicht mehr verlaufen zu müssen, weil ein Gerät die Karte für mich liest, durchaus auch zu schätzen weiß).
    Sonnige Grüße aus dem schon wieder völlig ausgetrockneten Vorgebirge.

  6. Aus der Zeit in Japan hätte ich großartige T-Shirt-Stories beizutragen… Aber mein echtes Highlight war vor ein paar Tagen eine wirklich saucoole, ältere Dame, auf deren Shirt „too old to die Young“ prangte, sie trug das mit beneidenswerter Haltung und freute sich wie ein Schnitzel, als ich es meiner Tochter zeigte und übersetzte und die herzlich lachte. Das war schön! Für Kleider-Spaß empfehle ich die engrish.com Seite, unter der Rubrik clothing…

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