Wir fahren zu einem Himbeerhof, da kann man Himbeeren selbst pflücken. Sohn II studiert die Preise der Himbeerschalen und wundert sich, dass die eher über den üblichen Ladenpreisen liegen. Müssten die denn hier nicht billiger sein? Er kommt darauf, dass die vom Hof bestimmt schon mit einkalkulieren, dass die Leute beim Pflücken dauernd heimlich Himbeeren essen, die dann also nicht abgewogen werden, weswegen sich der Preis nicht nur exakt auf die gewogene Menge bezieht, und er schlussfolgert, dass man, um schlauer als die Anbieter zu sein, beim Pflücken wesentlich mehr essen müsse, als die annehmen, was er dann auch energisch in Angriff nimmt, bis für sein ausgeprägtes Zahlengefühl der Preis halbwegs stimmt. Er legt also die herein, denen er unterstellt, dass sie ihn reinlegen wollen, weil sie annehmen, dass er sie reinlegen will, das ist wohl so eines der Grundprobleme unseres Wirtschaftssystems.

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Zum Himbeerhof gehört auch ein Open-Air-Kaffee, wir essen Himbeertorte, was sonst. Einen Tisch weiter sitzt ein Rentnerpaar, das aussieht wie von M. Deix gemalt, beide sind aus der Form geraten und mit Vehemenz unfroh, sie sitzen da und stieren geradeaus in die Himbeerreihen vor ihnen. Er steht auf, geht auf die Toilette, kommt zurück, setzt sich wieder hin. Sie guckt die ganze Zeit weiter stur geradeaus und sagt erst nach einer ganzen Weile in überraschend aggressivem Tonfall: „Du kannst dich hier doch nicht einfach hinsetzen wie ein Elefant! Also wirklich!“ In seinem Gesicht ist keine Reaktion auszumachen, sie starren beide weiter in die Himbeeren. Vermutlich haben sie einen schönen Nachmittag.

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Ich lese in William Trevors: „Der Tod des Professors“, Erzählungen, übersetzt von Hans-Christian Oeser. Dezent, ich glaube, das ist das richtige Wort, das ist dezent erzählt. Behutsam vielleicht auch, aber das ist ein eher schwieriger Begriff, da muss ich an küssende Igel denken, weil die Kinder hier dauernd von denen singen, die müssen beim Küssen ganz, ganz fein behutsam sein. Gefällt mir jedenfalls, sein Tonfall.

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Ich sitze in der Ferienwohnung auf dem Hof am Computer und schreibe, irgendein Kind kommt rein und sucht in der Küche nach Keksen. Es braucht sieben Kekse, sagt es, denn die ganze Bande braucht Kekse. Ich frage, ob ich auch einen Keks bekomme, es sagt „Na klar, du gehörst doch zur Bande.“ Das stimmt mich froh, jetzt kann ich mit der Herzdame wieder gleichziehen. Sie hat einen Fanclub (siehe letzter Eintrag), ich habe eine Bande, da kann man wirklich nicht meckern.

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„Die Erfindung der Leistung“ von Nina Verheyen ist zumindest in der ersten Hälfte eine Geschichte der Leistungsmessung, also der Messung menschlicher Leistungen, das hatte ich so nicht erwartet. Das ist aber auch interessant.

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Ich brauche tatsächlich ganze vier Tage, bis ich nicht mehr zu jeder Tageszeit denke: „Ich könnte mich gut mal hinlegen“ und es dann auch tatsächlich mache. Dann war das mit der Urlaubsreife wohl nicht nur ein vager Verdacht. Ebenfalls vier Tage lang habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, in der Nordsee zu baden, am fünften Tag habe ich es tatsächlich getan. So schnell kann es gehen, wenn man spontan und flippig ist, wie ich es nun einmal bin.

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Wir liegen in Böhl am Strand herum, hier ist der Strand ziemlich leer, außerdem unendlich weit und von der gleißenden Sonne so dermaßen überstrahlt, man sieht fast nichts, wenn man nicht gerade eine sehr dunkle Sonnenbrille trägt. Ich habe keine Sonnenbrille, ich habe nie eine besessen. Ich kneife die Augen zusammen wie schneeblind, ich sehe nur noch die verstreut aufgebauten Strandmuscheln in knalligen Farben, Farbtupfer hier und da, bis zum Horizont, wo immer genau der sein mag, er ist nicht auszumachen, aber irgendwo muss er ja sein, bisher war das immer so. Vor den Farbtupfern sitzen ziemlich nackte Menschen wie Einsiedlerkrustentiere, madengleich und gefährdet. Wären die Möwen nur groß genug, die wären alle weg, denke ich, all die fleischigen, schutzlosen Wesen vor den Strandmuscheln, ruckzuck wären die aufgepickt, die sonnengegarten Leckerbissen in Öl.

Wenn man da am Strand herumliegt und nur lange genug guckt, verschwindet der Unterschied zwischen Himmel, Strand und Wasser komplett, alles geht ineinander über, die Strandmuscheln wurden irgendwo willkürlich hingepunktet in eine weiße Science-Fiction-Landschaft ohne Oben und Unten, ohne Ende oder Anfang. Links neben mir in der flirrenden Luft steht oder schwebt eine mintgrüne Muschel, aus der kommt eine Jugendliche, streckt die Arme nach oben, wo aller Wahrscheinlichkeit nach der Himmel ist, stürzt sich dann nach vorne und nach unten, direkt in den Handstand. Und geht auf Händen einmal um ihre Muschel herum, in der sie dann wieder wortlos verschwindet. Andere müssen erst auf Trip sein, um so etwas zu sehen, man kann aber auch einfach an einem heißen Tag in Böhl an den Strand fahren.

Sohn II fängt eine tote Qualle in einem Eimer, den Eimer parkt er neben meinem Handtuch und verschwindet sofort wieder im strahlenden Weiß des Julistrandtages. Alle Menschen, die danach an meinem Handtuch vorbeikommen, beugen sich über den Eimer und sagen „Ah, eine Qualle.“ Alle. Vielleicht muss man das so sagen, überlege ich, vielleicht ist das Pflicht, aber das mit dem Überlegen ist so eine Sache, wenn einem die Sonne so dermaßen auf den Kopf scheint, dass es sich schon nach zehn Minuten eindeutig nicht mehr gesund anfühlt.

Ich beschließe ins Wasser zu gehen und ich gehe und gehe, aber es wird einfach nicht tiefer. Es ist knöcheltief, wadentief, knietief und mehr nicht, dann wird es sogar wieder flacher. Vor mir gehen noch andere Leute, einige sind schon weit weg von mir, fast außer Rufweite, sie gehen irgendwo zwischen Wasser und Himmel und das Meer ist bei ihnen dahinten oberschenkeltief, mehr nicht. Mehr kommt da also nicht, tiefer wird es erst Gott weiß wo, hinter Amrum vielleicht oder kurz vor Helgoland, so weit möchte ich dann doch nicht gehen, da brauche ich ja Stunden. Ich bleibe stehen, ich lege mich einfach hin, wo ich gerade bin, mein Bauch guckt deprimierend weit aus dem Wasser, die Hallig Buddenbohm. Ich wedele mit den Armen und sage: „Schwimm, schwimm.“

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Am nächsten Tag kaufe ich den Kindern einen aufblasbaren X-Fighter, so ein Star-Wars-Ding als Luftmatratze. Wir fahren nach Lundbergsand, das vielleicht auch Lundenbergsand heißt, ich kann hier gerade nicht googeln. Wir fahren jedenfalls dahin, das ist kurz vor Husum im Ort Simonsberg, da kann man parken und baden und auf dem Deich herumliegen, während andere Touristen und Schafe unentwegt blökend vorbeiziehen, die einen fast gar nicht, die anderen ungeheuer bekleidet.

Die Herzdame bläst den X-Fighter auf, das dauert erstaunlich lange. Ich will sie sicherheitshalber irgendwann ablösen, weil sie erst knallrot und dann sehr blass wird, aber sie ist nicht ansprechbar, sie besteht nur noch aus konzentrierter Atmung. Jedem seinen Weg zur Erlösung, denke ich, und die Herzdame pustet mit geschlossenen Augen immer weiter und veratmet vermutlich den ganzen Stress des ersten Halbjahres, ich warte, dass der X-Fighter platzt. Früher, als wir beide noch geraucht haben, wir hätten nicht einmal die Flügelchen vollbekommen.

Dann ziehen die Söhne endlich johlend mit dem X-Fighter in die Nordsee, sie setzen sich beide darauf und ich hänge mich hintendran, ich bin der getunte Motor und treibe sie so durch die Badestelle. Die Söhne sind schwer beeindruckt, wie schnell ihr Vater schwimmen kann, ich sage ihnen nicht, dass ich da die ganze Zeit auf Grund komme und also heimlich laufe, man muss ja auch mal Punkte sammeln.

Dann lasse ich sie schließlich los und schwimme ein paar Meter ins Tiefere, wobei mir aber der linke und dauerentzündete Ellenbogen so dermaßen durchdreht, ich bin ganz froh, dass ich nicht weiter draußen bin. Schwimmen ist erst einmal gestrichen.

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Wenn man vier, fünf oder sechs Tage mal nicht online ist, wenn man weder FB noch Twitter noch SPON oder sonst etwas liest, dann merkt man, wenn man plötzlich wieder Netz hat, wie erstaunlich weit weg vom Offline-Alltag das alles mittlerweile ist. Da im Online ist es so fürchterlich überhitzt und dauereskaliert, so extremverliebt und süchtelnd polarisiert, es ist eine fortwährende Schulhofisierung der Kommunikationskultur, man möchte wie bei streitenden Kindern dauernd alle auseinanderziehen.

Und ich möchte hier mit einem Missverständnis aufräumen, es ist nämlich gar nicht primär so, dass man selbst ruhiger wird, wenn man offline ist, das ist keine seelische Angelegenheit. Die ganze Offline-Welt an sich ist ruhiger, ist friedlicher, ist zurückhaltender. Das wird selbstverständlich auch vom Standort des Betrachters abhängen, aber es stimmt immerhin für alle Standorte, die ich kenne. Da draußen ist nichts, keine Aufregung, kein Skandal, kein Gebrüll, kein wütender Mob, die Leute gehen ganz normal miteinander um und machen so Alltagszeug. Wenn man Twitter liest, denkt man, es brennen schon überall die Mülltonnen und auf den Kreuzungen werden bald Barrikaden errichtet.

Selbstverständlich ist die Lage nicht problemlos, das ist sie ja nie, es ist sinnvoll und richtig und notwendig, gegen Rassismus vorzugehen, gegen die Nazis, gegen Ungerechtigkeiten und Schweinereien aller Art, auch ich denke, es ist Zeit für Parteieintritte und Bewegung, für Protest und Politisierung, aber für enorm viele Menschen wird schlicht gelten, was die Söhne so formulieren würden: „Ey, checkt mal euren gechillten Alltag.“

Auf den ersten Blick habe ich gar keine Lust, online wieder mitzuspielen. Na klar, man kommt sicher wieder rein, man hat ja auch immer schon mitgemacht und es gibt da auch Spaß, aber meine Güte. Die sozialen oder anderen Medien sind im Moment sicher kein Teil der Lösung.

Ich lese „Die Welt im Zwiespalt“, eine Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts von Edgar Wolfrum. Beim Lesen fällt mir auf, was für ein grotesk falsches Bild der Wirklichkeit des Jahres 2018 in Deutschland man zeichnen würde, wenn man sich ausschließlich auf soziale Medien als Quelle verlassen würde, wie parteipolitisch ausgewogen auch immer man sie zusammenstellen würde. Das Jahr ist so nicht, wie es sich online anfühlt.

Auch Blogs sind Quellen, auch dieses Blog, vielleicht sollte ich das noch mehr bedenken, einfach aus Spaß am Chronistenspiel. Noch mehr schreiben, was da draußen ist, noch mehr beobachten. Mehr besuchen, Veranstaltungen, Termine, Orte, Menschen, Events, auch solche, zu denen ich bisher keinen Bezug hatte. Immer wieder selbst nachsehen, wie es ist. Heute noch sehe ich in Nordostwestfalen nach, nächste Woche in Berlin und danach auf der Wanderschaft mit Sohn II in Schleswig-Holstein.

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In der Dünentherme in Sankt Peter-Ording gucke ich mir zwei Stunden die Menschen an, die da baden. Einige wenige sind mit religiösen Merkmalen versehen, tragen muslimische Badekleidung für Frauen oder silberne Kreuzchen um den Hals, die baden aber dennoch alle durcheinander und ein Problem ist nicht zu erkennen. Viel öfter als die religiösen Erkennungszeichen kommt der Anker vor, der ist nahezu überall drauf. Auf Rucksäcken und Badehandtüchern, auf Badeanzügen und Badehosen, auf T-Shirts, Shorts, Pullovern, Bechern und sogar auf Taschenbüchern, man liest hier Küstenromane. Der Anker ist das Symbol der Saison, gefolgt vom Leuchtturm und vom Schiffssteuerrad. Wie das wohl geht, dass plötzlich in einem Frühjahr überall das gleiche Zeichen drauf ist, wer spricht sich denn da ab? Und wann, drei Jahre im Voraus? 2021 machen wir mal Quallen. Oder liegt ein Hersteller irgendwann uneinholbar vorne und alle anderen ziehen hektisch mit, haltet die Maschinen an, Anker! 2018 sind es die Anker! Und in den Grafikbüros zeichnen sie dann Anker bis tief in die Nacht.

Früher waren viel mehr Fische, Seesterne, Rettungsringe und Robben überall drauf, auch Symbole haben ihre Moden, auch Symbole sind irgendwann durch. Wer jetzt in den ach so echten Norden fährt – oder wie das hier gerade marketingtechnisch korrekt heißt -, der trägt Anker oder hat den Anker überall, es gibt, kein Scherz, Toilettenpapier mit Ankern drauf. Na, wem es Halt oder ein nordisches Gefühl gibt …

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Die Herzdame: „Wir haben hier die Kurkarten …“

Angestellter der Stadt Sankt Peter-Ording: „Das heißt jetzt Gästekarten. Weil alles heute anders heißen muss.“

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Die Kaltmamsell erwähnt die Münchner Spatzen, was mich daran erinnert, dass ich längst schon schreiben wollte, dass es in Hamburg wieder mehr Spatzen gibt. Wie auch immer das nun möglich sein kann, denn das Verschwinden der Spatzen soll ja an mangelnden Nistgelegenheiten gelegen haben, an den glatten Glasfassaden überall. Es ist nun nicht so, dass auf einmal wieder mehr Fachwerkhäuser in Hamburg gebaut werden, aber es ist nicht zu übersehen, dass die Vögel wieder da sind. Ich sah neulich sogar dieses Bild, das mir sonst nur aus Berlin bekannt ist: Ein Restauranttisch auf einem Fußweg in der Stadtmitte, die Leute zahlen und gehen weg, eine Horde Spatzen inspiziert sofort gründlich die Reste auf den noch nicht abgeräumten Tellern. In Berlin völlig normal, in Hamburg habe ich das jahrelang nicht gesehen. Oder noch nie.

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Aber es ist nur alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

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Gestern Blutmond über Eiderstedt, in der Tat eine dolle Sache.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, auf dem Sie sich bitte unbedingt einen Anker denken. Man will ja mit der Zeit gehen.

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