Ich lese in Ralf Konersmanns „Die Unruhe der Welt“. Das ist nicht unbedingt die fluffigste Urlaubslektüre, denn der Herr ist hauptberuflicher Philosoph, ganz ähnlich wie bei Verwaltungsbeamten ist das ein Job, der wohl unweigerlich auf die Sprache durchschlägt. Es gibt da also eine gewisse Neigung, sich nicht allzu süffig auszudrücken, oder, um im sprachlichen Duktus Konermanns zu schreiben, wir werden in unserer Eigenschaft als Rezipient einer gewissen Gestelztheit des Ausdrucksgefüges gewahr. Macht aber nichts, interessant ist das dennoch. Das Buch ist kein Slow-Irgendwas Buch, kein Ratgeber, der zur Besinnung und zur Langsamkeit drängt, es ist ein Aufklärungsbuch. Und Aufklärung definiert er wunderschön zitierbar:

„Aufklärung heute heißt demjenigen nachzuforschen, was oft gesagt und tausendmal wiederholt worden ist, ohne jemals begründet worden zu sein – Überzeugungen, Erwartungen und Behauptungen, die nicht deshalb Bestand haben, weil sie in einem rationalen Verständnis des Wortes wahr wären, sondern weil sie den Zeitgenossen unbestreitbar erscheinen.“

Die altvertraute Definition von Kant ist natürlich auch okay, aber den Konersmann kann man doch dekorativ danebenstellen. Den guten alten Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, den musste ich im Geschichtsunterricht auf dem Gymnasium noch auswendig hersagen können, was damals genauso ging wie im neunzehnten Jahrhundert oder auch noch bei Thomas Mann, der überaus gefürchtete Herr Dr. S. bellte einen Namen, man sprang auf und ratterte los, unmündig wie ein Soldat in der Grundausbildung, aber egal. Selbstverständlich kann ich den Satz heute noch, das muss man immer dazusagen.

Haben wir das also ausdefiniert, fein. Soviel zum Bildungsfunk.

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Die Familie schläft noch, es ist unanständig früh. Ich kann wie immer nicht lange schlafen, ich sitze in der Küche einer Ferienwohnung auf einem Hof in Nordfriesland auf der Halbinsel Eiderstedt und bechere Kaffee. Fliegenumsummt, denn das gehört auf einem Bauernhof dazu, das geht hier allen so, den Menschen wie dem Vieh. Denke ich mir jedenfalls, denn sonst würde es ja an mir liegen, diesen Gedanken lehne ich ab.

Es gibt hier sogar ein wenig WLAN, mehr jedenfalls als im letzten Jahr, ich schreibe dennoch offline. Denn das Warten auf langsam ladende Seiten, es fühlt sich so dermaßen nach den Neunzigern an, so retro, ich möchte das nicht, Männer, die auf Ladebalken starren. Unterm Strich waren die Neunziger auch gar nicht mein Lieblingsjahrzehnt. Nein, ich verzichte einfach ganz auf das Internet und schreibe nur mit Word, wie so ein konzentrierter, bewusster Typ. Also wenn da nicht die Fliege zwischen mir und dem Bildschirm wäre, die lenkt schon etwas ab. Hat man kein Netz und kein Twitter, hat man eben etwas anderes, aus dem Zwitschern wird sofort ein Summen, die Lücke ist gefüllt, die Unruhe der Welt, da haben wir sie wieder.

„Jahrhundertelang hat der Mensch seelische Ruhe als Idealzustand empfunden“, erkläre ich der Fliege, denn ich lerne ja etwas aus dem Buch, ich lese das schließlich nicht aus Spaß. Die Fliege fasst sich dahin, wo vielleicht auch bei Fliegen der Arsch ist, ich weiß es aber nicht genau, denn in Bio mussten wir damals nicht so höllisch gut aufpassen, der Lehrer war jünger und netter als der in Geschichte. Das hat man nun davon.

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„Ursprünglich ist nichts in uns gewesen, was uns zu ständiger und schmerzhafter Anstrengung angestachelt hätte“, zitiert Konersmann den Soziologen Émile Durckheim. Auch ein Satz, den man sich merken könnte, denke ich und plane dann das Tagesprogramm für den Ferientag, man wird an den Strand müssen.

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Am zweiten Urlaubstag habe ich sieben Nickerchen gemacht. Aber satt war ich noch immer nicht.

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Ich gehe zwischendurch kurz in den Stall und streichele ein Lamm. Ich gucke kurz auf Instagram, da streichelt Angela Merkel ein Kalb. Was man eben so macht, wenn man im Sommer mal aufs Land fährt, es geht den Kanzlerinnen wie den Leuten.

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Ich lese außerdem „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ von Uwe Kopf, bei dessen Namen ich natürlich an eine Zeit denken muss, in der man sich noch auf das Erscheinen von Zeitschriften gefreut hat, die Zeit von Tempo und Wiener. Wie gründlich etwas vorbei sein kann. Beim Lesen fehlt mir dann doch das Internet ein wenig, ich kann nicht alles sofort nachschlagen, wie ich es sonst immer mache. Der Protagonist hört etwa dauernd Rory Gallagher, ich müsste den jetzt auch hören, das geht aber nicht. Wie war nochmal Rory Gallagher? Egal, das Buch ist nicht recht mein Fall, ich lege es nach einem Viertel wieder weg. Ich frage die Herzdame, wie noch einmal Rory Gallagher war, sie fragt „Wer?“ So lange ist der also schon her, denke ich.

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Ich sitze in einem Strandkorb und gucke auf weidende Schafe, neben mir steht ein Dreijähriger, der sehr gerne redet. Ich hatte auch einmal dreijährige Kinder, das ist hundert Jahre her, es fühlt sich ganz fremd an, mit Dreijährigen zu reden.

„Ich wünsche mir einen Portosaurus, eine E-Gitarre und ein Motorrad. Aber alles in echt“, sagt der Kleine und guckt so verwegen, wie es nur Dreijährige können.

„Ich wünsche mir einen Bagger“, sagt die Herzdame, die neben mir sitzt, „aber auch in echt.“

„Das“, sagt der Dreijährige und guckt so ehrlich beeindruckt, wie es nur Dreijährige können, „ist auch nicht schlecht.“

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Sohn I ist jetzt das größte Kind auf dem Hof, das wollte er jahrelang sein, das hat er endlich geschafft. Jetzt folgen ihm all die kleinen Kinder wie eine Entenschar, himmeln ihn an und machen ihm alles nach, das ist aber auch wieder nicht recht, wenn ich seine irritierten Blicke richtig deute. Vorsicht vor Wünschen, die in Erfüllung gehen, das gilt auch für Zehnjährige.

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Das Land auf Eiderstedt ist trocken wie nie, die Entwässerungsgräben führen kein Wasser mehr. In einem steht noch ein Rinnsal, darauf dümpeln ein paar Enten, die aber schon mit den Füßen auf Grund kommen, wie der oben erwähnte Dreijährige im Nichtschwimmerbecken. Die Gräben um die Vennen, wie hier die Weiden heißen, sie trennen normalerweise wie Zäune, da stehen Schafe, da stehen Kühe, da Bullen, da Pferde. Die Tiere bleiben weiter brav auf ihren Vennen stehen, obwohl sie eine einigermaßen spektakuläre Wanderung anfangen könnten, denn durch die Gräben könnten sie jetzt einfach durchgehen. Aber das machen sie nicht, weil da ja immer Gräben waren, sie merken das nicht einmal, das da etwas anders ist, dass da die große Freiheit ist. Die Freiheit kann nicht da sein, wo immer ein Graben war, Kafka und die Nutzviehhaltung, wer käme nicht darauf.

Für Schafe gilt das übrigens nicht. Schafe sinken im modrigen Boden der Gräben ein, kommen dann nicht mehr raus und müssen mit Seilen mühsam gerettet werden. Schafe sind also entschuldigt. Der Bauer geht seine Vennen ab und guckt nach den Schafen, er geht sie alle ab, das sind mehr als 10 km. Vorsicht bei der Berufswahl!

Die Söhne helfen, Wasser zum Vieh zu bringen, sie fahren mit dem ganz großen Trecker mit und transportieren Wasser in riesigen Tonnen. Das Land ist nicht saftig grün, wie es gehört, das Land ist staubig gelb wie im spanischen Binnenland, das Wetter ist herrlich, sagen die Touristen am Strand.

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Ich lese außerdem „Die Erfindung der Leistung“ von Nina Verheyen, im Urlaub schafft man ja mal was.

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Im Freibad in Tönning fallen mir viele beschriftete Menschen auf, das sind die Tätowierten, von denen einige gar nicht so wenig Text auf der Brust, auf dem Rücken oder auf den Oberarmen haben. Bei einigen steht so viel Text, dass die Schrift recht klein ausfällt, das kann man dann im Vorbeigehen gar nicht mehr mal eben so lesen, sehr unangenehm. Man kann ja schlecht stehenbleiben, näher rangehen, die Gleitsichtbrille zurechtruckeln und „Moment“ sagen, „ich habe Sie noch nicht durch.“

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Ich lese außerdem „Ein fauler Gottt“ von Stephan Lohse, das ist sehr gut geschrieben und sehr schwer, denn es geht um ein Kind, dessen Bruder gestorben ist. So etwas kann ich, wie unlängst schon einmal erwähnt, nicht gut ab. Das lese ich aber weiter, weil es wirklich gut ist. Der Autor gehört zu meiner Generation, die dort beschriebene Kindheit passt zu meiner Kindheit, also von Kulisse und Requisite her. Beim Lesen stellt sich ein unerwartetes Gefühl der Zugehörigkeit ein, das ist die in der heutigen Öffentlichkeit empörend wenig vorkommende Westdeutschlandnostalgie. In einem Land vor unserer Zeit.

Ich lese das Buch unter anderem in der Dünentherme, dem Schwimmbad von Sankt Peter-Ording, wo ich mich kurz freue, dass die Söhne in einem Alter sind, in dem man ihnen nicht mehr dauernd hinterherrennen muss, auch nicht im Schwimmbad. Bis mir einfällt, dass ich gerade ein Buch lese, dessen Initialzündung der Tod eines Kindes ist, der wiederum durch einen Krampfanfall in einem Freibad eingeleitet wird. Gehe dann doch mal gucken, was die Jungs so machen.

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Am Hof fährt ein seltsamer LKW vorbei, der hinten einen riesigen silbernen Kasten als Aufbau hat, dessen Zweck wir uns zunächst nicht erklären können. Ein Wassertank? Sind Tanks nicht immer rund? Der LKW hält abrupt und wendet staubumwölkt in der Hofeinfahrt, dann bleibt er stehen. Der Fahrer steigt aus, der Motor läuft weiter. Der Fahrer geht um den Wagen herum und betätigt Schalter, da fährt ein Greifarm aus dem Heck des Fahrzeugs und der riesige silberne Kasten öffnet sich oben. Ein infernalischer Gestank weht heraus und heran, brechreizerregend, schwer und schlimm. Der Fahrer drückt an den Hebeln, der Greifarm schnappt sich ein totes Schaf, das am Straßenrand gelegen hat, seltsam, dass es keiner von uns dort gesehen hat. Das Schaf wird an einem Bein hochgezogen, der Greifarm dreht über den geöffneten Kasten und lässt es fallen, es fällt wie ein nasses Tuch, wie ein nasses Lammfell vielmehr, und man muss wohl vermuten, dass es auf etliche andere tote Tiere fällt. Der Kasten geht wieder zu, der Fahrer springt auf seinen Sitz und braust weiter, der hat es eilig, noch viel zu tun. Wo das Schaf gelegen hat, da liegen Wollreste im Gras, große Flocken, die im Laufe des Nachmittages allmählich verwehen. Stunden später sehen wir den LKW ein paar Dörfer weiter, er hält da gerade am Straßenrand, der Fahrer steigt aus. Wir fahren an ihm vorbei, wir haben wegen der Hitze alle Fenster auf, der atemraubende Geruch füllt sofort unser Auto. Wir halten die Luft an, solange wir können, und lange genug ist das nicht.

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Mein Bruder schickt mir Ergebnisse aus seiner Ahnenforschung, ich kann die angehängten Dateien allerdings nicht öffnen, es gibt nicht genug Netz. Ich entnehme seiner Mail immerhin, dass wir von der Abstammung her auch Verbindungen zu den britischen Inseln haben.

Ich muss schon sagen, das ist ein starkes Stück, ist es nicht? Gute Güte. Plötzlich Lust auf Tee.

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Ich lese außerdem in Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das haben natürlich alle schon gelesen, nur ich wieder nicht. Unterm Strich, denke ich zwischendurch, habe ich da unwillkürlich durch die Bank recht unfrohe Lektüre eingepackt. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Dass ich etwas unfroh bin? Und wie flach ist das denn, bitte? Andere haben ein Unterbewusstsein, das unentwegt total subtile Botschaften sendet, kunstvoll verschlüsselt und durch elegante Symbolik ausgedrückt, daraus kann man Romane machen, die große Preise gewinnen. Und mein Unterbewusstsein so: „Batsch, nimm das, hier guckstu, alles Großbuchstaben. Du Trottel.“

Na, vielen Dank.

In der Nacht träume ich von Toten, die ich einmal gut gekannt habe, die sagen mir sogar Botschaften auf und was soll ich sagen, stimmungsaufhellend ist es auch nicht gerade, von Toten zu träumen und mit ihnen ernsthaft zu reden. Für den nächsten Urlaub doch besser heitere Familienromane vormerken.

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Heiter weiter: In einer Fischbude in Sankt Peter-Ording stehen eine Verkäuferin und eine männliche Küchenhilfe einigermaßen schlechtgelaunt hinter der Theke und warten auf Kundschaft. Es ist unfassbar heiß, sogar für Nordfriesland gibt es heute Unwetterwarnungen wegen Hitze. Die Luft in dem Laden ist kompakt und backfischdick, wenn man länger als zehn Minuten da drin war, man fühlt sich selbst wie in siedendem Öl ausgebraten. Die Verkäuferin und die Küchenhilfe stehen und gucken ausdruckslos auf den endlosen Strom der Touristen, die draußen vorbeiziehen und Touristendinge machen, die also zum Strand hingehen oder vom Strand weggehen, die Strandzubehör kaufen oder nörgelnde Kinder auf bunte Plastikdelfine setzen, die für 50 Cent lustig hin- und herwackeln. Im Radio, das ziemlich laut läuft, kommt ein Lied, es ist eines dieser alten Lieder, die jeder kennt, denn da läuft ein Oldiesender. Opamusik, wie die Herzdame sagen würde, wobei sie mit Opa allerdings nicht ihren Vater oder ihren Großvater, sondern ausdrücklich mich meint, weil ich immer die ganzen Texte kann. Pardon, ich komme aus den Jahrzehnten, die da immer wieder abgespult werden. Die Verkäuferin und die Küchenhilfe lächeln plötzlich beide als hätte man auch bei ihnen 50 Cent eingeworfen, sie singen gemeinsam die ersten Zeilen mit und sie schunkeln sogar ein ganz wenig, wobei sich ihren Schultern kurz berühren. Sie singen: „You talk like Marlene Dietrich and you dance like Zizi Jeanmaire …“ aber weiter kommen sie nicht, denn da kommt ein Kunde in den Laden und bestellt zwei Kräutermatjesbrötchen und zwei Bier.

Und wäre dieser Kunde nicht gekommen, genauso hätte ein Musical anfangen können, mit diesem singenden, schunkelnden Verkaufspersonal in einer Fischbude am Strand. Ich hatte mich schon gefreut, denn ein Musical ist mir da draußen in der Wirklichkeit noch gar nicht begegnet, das hätte ich aber entschieden gut gefunden. Ich würde es ausdrücklich begrüßen, wenn die Menschen um mich herum zur Verdeutlichung ihrer Absichten und Stimmungen singen und tanzen würden.

„Where do you go to my lovely …“

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Ich spiele mit der Herzdame Tischtennis, was etwas schwierig ist, da sie Tischtennis nicht mag und aufgrund eines unkontrollierbaren Reflexes dauernd die Bälle fängt, statt sie mit dem Schläger zu treffen. Vielleicht liegt es daran, dass sie aus einer Handballgegend kommt? Die Herkunft wirkt sich eben auf alles aus, in diesem Lichte muss ich auch die Ahnenforschung meines Bruders noch einmal neu bedenken. Egal, wir spielen jedenfalls dennoch weiter. Nach ein paar Minuten und einigen äußerst seltsamen Ballwechseln wachsen neben der Herzdame drei Knirpse aus dem Boden, und meine sind das nicht. Irgendwelche Feriengastkinder, die uns fasziniert zusehen. „Ich bin für die Frau“, sagt einer, nachdem sie eine Weile stoisch beobachtet haben, welches Desaster sich da abspielt. „Ich auch“, sagt der nächste und „Ich auch“ schließt sich der Dritte an, der kaum über die Platte gucken kann. Sie stehen alle drei neben der Herzdame, so dass sie keine Rückhand mehr spielen kann, sie würde sonst einem Kind den Schläger um die Ohren hauen. „Das ist schön und recht von euch, dass ihr euch auf diese Art für die Schwachen und Chancenlosen einsetzt“, sage ich, denn soziales Engagement soll man immer früh fördern. Die drei Knirpse gucken mich böse an und machen Furzgeräusche mit dem Mund. Der größte von ihnen erklärt der Herzdame, dass sie jetzt einen Fanclub habe.

Ich lasse die Becker-Faust nach dem Spiel weg, junge Seelen darf man nie zu sehr erschüttern. Die Herzdame zieht geschlagen aber mit immerhin mit Fanclub ab. So kommt man auch im Urlaub zu kleinen Erfolgen und bewahrt sich das Leistungsdenken, womit ich wieder zu meinen Büchern zurückkehre.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann sehe ich mich demnächst in weiteren Fischbuden nach Musicals um. Wer weiß!

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