(Die Fortsetzung zu diesem Artikel, der ist mittlerweile etwas länger her, es geht nach wie vor um die Wanderung mit Sohn II an der Ostsee.)

(Kurz vorweg: Ich bin nach wie vor nicht recht schreibfähig und werde damit allmählich zu einem Fall für die Reihe “Der interessante Patient”. Nun, das kann man sich nicht aussuchen. Aber alle zwei Wochen setze ich mich ans Notebook und tippe los, denn ich muss ja mal prüfen, was dann passiert, wenn ich eine Weile getippt habe. Es könnte ja funktionieren. Das tut es nicht, sagt der Eellenbogen, immerhin einen neuen Text gibt es auf diese Art aber dennoch, auch nett. Und weil ich nicht gut schreiben, aber immer noch Leute treffen kann, habe ich mir für den Schluss des Artikels etwas Verstärkung gesucht.)

Am nächsten Morgen bin ich wie immer sehr früh wach, alle anderen auf der Zeltwiese scheinen noch zu schlafen. Der Sohn macht kurz nach mir die Augen auf, springt auf und baut umgehend das Zelt ab, hier haben wir nichts mehr zu tun. Zum Frühstück gibt es nur nebenbei ein paar Kekse, die ich am Vorabend noch bei der Tankstelle neben dem Campingplatz besorgt habe, Kekse mit Schokolade, die müssen eh dringend gegessen werden, bevor es wieder zu heiß wird, dann versauen die uns das ganze Gepäck. Wir rollen Matten und Schlafsäcke ein, verstauen alles in meinem Rucksack und gehen wieder zum Strand zwischen Haffkrug und Scharbeutz.

Da ist noch kein Mensch, zumindest nicht in unserer Nähe. Weiter hinten sehen wir nur einige wenige Spaziergänger, die sich ab und zu nach Steinchen oder Muscheln bücken, aber die sind weit weg, winzige Figuren. Vor uns keiner, neben uns keiner. Die Ostsee liegt im allerfeinsten Morgenlicht, glitzernd wie Glasbruch, Unmengen von Scherben, die man lässig über das Meer gestreut hat, und zwar breitwürfig, wie es oft auf den Packungen von Gemüse-. oder Blumensamen heißt. Es ist zweifellos ein schönes Meer, diese Ostsee, wie sie so geschmückt im Morgenlicht vor uns liegt. Sie erscheint gestandenen Seebären und Nordseefreunden bekanntlich eher als Fake-Meer, um es zeitgemäß auszudrücken, als ein bloßer und bestenfalls kindgemäßer Abklatsch der richtigen Ozeane. Aber andererseits ist sie immerhin da und nicht dauernd mit sich selbst und der Tide beschäftigt, wie ein gewisses anderes Meer. Und wie sie da ist.

Der Sohn steht schon wieder bis zur Hüfte im silbern funkelnden Wasser, ein einzelner kleiner Mensch in der ganzen Weite der Bucht, niemand sonst im Wasser, weit und breit nicht, es sind nicht einmal Segel draußen zu sehen, auch die Möwe vom Dienst schläft wohl noch. “Das ist mal ein Bild”, sage ich. Und der Sohn, der manchmal gerne länger nachdenkt, sagt, dass es schon besonders schön sei, so menschenleer, dass es aber in dem Moment, wo man das feststelle, auch zwingend nicht mehr menschenleer sei. “Denn wir sind ja auch Menschen”, sagt er, “wir stehen hier also im Bild.” Womit er präzise erkannt hat, was daran falsch ist, in unberührte Natur reisen zu wollen, damit ist er immerhin weiter als so mancher semiberufliche Traveller auf Instagram. Im Grunde versaut man als Mensch schon alles, während man es nur betrachtet. Mehr Philosophie ist am frühen Morgen aber beim besten Willen noch nicht zu leisten, wir stehen und sind jetzt erst einmal soweit im Bild. Der Sohn schwimmt natürlich auch eine Runde durchs Bild, denn man schwimmt nicht oft so alleine und zu so einer Uhrzeit im Meer, das muss ausgenutzt werden. Und es wird dann recht lange ausgenutzt.

Danach sitzt er frierend im Sand und guckt sich noch ein wenig den Morgen an, das ist auch so etwas, dass man im Alltag eher nicht macht. Im Alltag findet der Morgen einfach jeden Tag statt und passiert so nebenbei, hier ist der Morgen dagegen eine erlesen schöne Vorführung und will ausdrücklich gewürdigt werden, deswegen sitzen wir da und gucken. Was aber irgendwann auch gewürdigt werden muss, das ist unser Hunger, weswegen wir kurz darauf trotz aller Schönheit vor uns aufbrechen. Es wird ja irgendwo eine Bäckerei geben. Das denke ich zumindest, aber nach ein paar hundert Metern merke ich schon, dass ich das nur als Hamburger routinemäßig denke, weil es in der Großstadt in jedem Häuserblock einen Bäcker oder zwei gibt, die Franchise-Läden sind mittlerweile überall. In Küstenorten ist das aber anders, da gibt es verlässlich nur alle paar hundert Meter einen anderen Strandkorbvermieter, andere Gewerbe sind deutlich spannender. Wir ziehen suchend durch den noch schlafenden Ort umher, aber einfach so herumzugehen, das ist heute ganz und gar nicht nach dem Geschmack des Sohnes, das merke ich schnell, da wirkt die lange Tour von gestern doch nach nach.

Als wir endlich eine Bäckerei finden, stehen dort Menschen in langer Schlange an, bis weit vor die Tür sogar. Der Sohn setzt sich fluchend an einen Tisch auf der Terrasse, lange Wartezeiten vor blöden Läden hatte er heute auch nicht im Programm. Ich stehe an, und zwar ausdauernd. Es dauert wirklich enorm lange, weil die Bedienung alle Brötchen erst auf Zuruf schmiert, es liegen keine fertigen herum, warum auch immer, vielleicht ist das Konzept hier nicht bekannt. Ein Stöhnen bei jeder Bestellung, das jetzt auch noch! Es ist brutal heiß im Verkaufsraum, es muss eine Zumutung sein, da zu arbeiten, ich verstehe immerhin die Laune, mir wäre das auch zu heiß für alles. Andere Kunden verstehen das nur bedingt und äußern das auch, die Stimmung ist gereizt. Zwei Kundinnen weigern sich, für ihre Getränkeflaschen Pfand zu zahlen, das müssen sie ja auch sonst nie, sie kommen doch öfter! Lange Diskussionen, man merkt, es geht um Gewohnheitsrechte, die sind bei allen Touristen enorm wichtig, denn die Gewohnheitsrechte belegen den mühsam erworbenen Stammkundenstatus, und an dem hängt viel. Ich bin hier öfter, ich kenne mich aus, ich darf das, das ist mein Revier. 

Auf der Terrasse des Laden essen wir Brötchen und trinken Kakao und schlechten Kaffee, denn das mit dem guten Kaffee, das ist an der Küste nach wie vor nicht ganz einfach. Aber ich will da nicht als verwöhnter Großstädter herummäkeln, denke ich, was für eine blöde Attitüde. Ich trinke schlechten Kaffee, mit dem wir immerhin alle groß geworden sind, der  ging doch damals auch und wenn wir ehrlich sind, es hat ja gar keiner gemerkt, das mit dem etwas nicht stimmte. Filterkaffee aus Maschinen, so war das eben. Und nur weil irgendwelche besonders coolen Bevölkerungsgruppen in den letzten paar Jahren Spezialwissen und Sondergeschmack erworben haben, ist der Rest noch lange nicht ins Banausentum abgerutscht, der ist einfach nur normal geblieben, der hat einfach nur eine Modewelle ausgelassen, und es ist nichts falsch daran, normal zu sein und sich normal zu verhalten. Wobei dieser Gedankengang am Beispiel des Kaffees allerdings kein gutes Ende nimmt, denn dann ist normal gleichbedeutend mit ziemlich bitter, das kann man so auch nicht stehen lassen. Aber eine andere Kurve bekomme ich gedanklich noch nicht hin, es ist nach wie vor zu früh und der Koffeinpegel ist beklagenswert niedrig. Mit einem anständigen Espresso wäre ich natürlich längst weiter. 

Danach diskutieren wir, ob wir Sierksdorf in Richtung Norden verlassen, um heute noch etwas zu schaffen. Oder ob wir doch eine längere Pause einlegen? Wir gehen unschlüssig am Strand entlang. Es klingt sehr gut, etwas zu schaffen, man könnte immerhin hinterher damit angeben. So weit sind wir gekommen! 25 Kilometer oder mehr wären das dann insgesamt. Das können wir uns gut vorstellen, das so zu erzählen, und der Gedanke gefällt uns auch beiden. Andererseits beziehen rechts neben uns jetzt die ersten Touristen ihre Strandkörbe, das ist auch nicht schlecht, findet der Sohn. In einem Strandkorb war er schon lange nicht mehr, das ist an der Nordsee auch etwas ganz anderes und an der Ostsee waren wir eben in den letzten Jahren viel seltener. Also so ein Ostseestrandkorb mit dem überaus verlockenden Meer in nur ein paar Metern Entfernung … es ist wirklich nicht einfach, sich zu entscheiden. Währenddessen macht die Sonne deutlich, dass es auch heute unfassbar heiß werden wird, wir nehmen das als Argument zur Kenntnis und grübeln im Gehen immer weiter.

Der Weg macht unerwartet einen Knick vom Strand weg, es sieht so aus, als könne man direkt am Meer nicht weitergehen. Das, was da wegknickt, das sieht außerdem nach Landstraße aus und geht auch noch eindeutig bergauf. Ich könnte auf dem Handy nachsehen, wohin welche Wege führen und wie lange man wo braucht, aber das Handy ist nicht geladen, das Handy nützt heute gar nichts und ist einfach nur ein Stück Gewicht. Wir könnten unten am Meer entlang eine Weile durch den tiefen Sand laufen und nachsehen, ob da wieder ein Weg kommt, wir könnten auch ein paar hundert Meter lang nachsehen, was es mit dieser Landstraße auf sich hat, aber eigentlich ist uns so gar nicht nach womöglich sinnlosen Versuchen zumute. Der Rucksack ist zu schwer, der Vortag war zu anstrengend, die Sonne ist schon zu hoch, das passt alles nicht. Ich miete uns einfach an der nächstbesten Bude einen Strandkorb, den ich sofort so drehe, dass ich im Schatten sitzen kann. Die anderen Badegäste gucken mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost, man sonnt sich hier noch wie 1985, bronzebraun jeder Rücken. Das ist mir egal, ich bin froh um jede Schattenminute, ich hätte auch nichts gegen den ruckartigsten Herbsteintritt aller Zeiten, mit Hitze bin ich bedient. Der Sohn ist da toleranter, der Sohn ist schon wieder im Meer verschwunden.

Ich gehe doch noch einmal los und suche mir eine Zeitung, wobei ich die Damen, die vorhin das Pfand aufgrund ihrer Privilegien nicht zahlen wollten, statusmäßig locker überholen kann – ich kaufe eine Zeitung, in der eine Kolumne von mir steht. Da ich das im Laden selbstverständlich nicht laut verkünde, ist es zwar ein eher stilles Vergnügen, aber es ist doch eines.

Der Sohn schwimmt, der Sohn steht am Meer, der Sohn sammelt Steine und setzt sich kurz neben mich. Der Sohn macht Strandjugenddinge, denke ich, es ist ganz schön, dass er das einmal so kennenlernen kann. Frierend aus der Ostsee kommen und in der prallen Sonne langsam wieder warmglühen. Auf dem Bauch im Sand liegen und in die Gegend sehen, sonst nichts. Am Meer stehen und Schiffe ansehen, wie sie von Travemünde aus nach Norden fahren. Und immer wieder auch ins Meer gehen, einmal, zehnmal, zwanzigmal an nur einem Vormittag. Er kommt zwischendurch zu mir und will wissen, ob es hier Feuerquallen gibt, die Frau aus dem Nachbarstrandkorb hört das und verneint: “Hier gibt es gar nichts. Also außer Tang.” Sie sagt es, als sei das eine gute Nachricht, dass es im Meer nichts gibt, nicht nur keine gemeingefährliche Feuerquallen, sondern auch keine Krebse oder andere Untiere, im Meer ist einfach nur Wasser. 

Soweit die erste Tageshälfte in Sierksdorf, die Fortsetzung wird wieder etwas dauern, hat dafür aber auch etwas mit Sergio Leone zu tun, das ist doch was. Das leere Meer hat mir aber keine Ruhe gelassen, dazu also noch zwei Fragen an Hannah Sophia Weber (Foto: Rainer Kant), sie ist Meeresbiologin und arbeitet bei dem Umweltschutzverein Baltic Environmental Forum für den Meeresschutz. Gerade koordiniert sie im Rahmen des Projektes ResponSEAble die internationale Kampagne #KeepTheBalticBlue, um auf das Problem der Eutrophierung der Ostsee aufmerksam zu machen. Die Kampagne läuft über 18 Umweltschutzorganisationen, in 10 Ländern und in 7 Sprachen.

Hannah Sophia Weber, Foto Rainer Kant

Was siehst Du, wenn Du auf die Ostsee siehst?

Wenn ich auf das blaue Nass blicke, wie es manchmal sanft, manchmal tosend die Küste umspielt, dann sehe ich die Grundlage allen Lebens auf diesem Planeten. Das erste Leben entstand in den Meeren und seitdem haben diese eine unfassbare Fülle und Vielfalt an Lebensformen hervorgebracht. Die Ostsee ist ein ganz besonders Meer. Es ist klein und relativ jung, vor allem aber: nur über eine einzige Verbindung tauscht die Ostsee Wasser mit der Nordsee aus und steht so mit den restlichen Weltmeeren in Verbindung. Das kleine Meer ist also tatsächlich eines der größten Brackwasserssysteme der Erde. Salzwasser aus der Nordsee trifft auf gewaltige Süßwassermengen, die über die großen Flüsse der Ostseeländer fließen. Die westliche Ostsee ist also salzhaltiger als die östliche. Dieser Gradient und die Schwankungen der Salzkonzentrationen sind echte Herausforderungen für Flora und Fauna. So ist die Ostsee ein fragiles Ökosystem mit einer relativ geringen Artenvielfalt.

Doch ich sehe noch etwas anderes. Lasse ich meinen Blick Richtung Horizont schweifen, da kommt da nicht die unendliche Weite, die mich bei anderen Meeren abenteuerlustig und freiheitssüchtig macht. Bei der Ostsee stößt mein Blick stets auf Land, überall Land. Und dieses meist dicht beackert, landwirtschaftlich genutzt. Der Ostseeraum ist die Kornkammer Europas. Wie passt das zusammen: ein sehr sensibles Ökosystem inmitten menschlicher Aktivitäten? Gar nicht gut! Die Ostsee ist stark verschmutzt. Dünger fließt in großen Mengen von den Feldern in das Wasser und nährt die Algen, die zuhauf wachsen und uns im Sommer die grünen, oft giftigen Algenblüten bescheren. Der Prozess heißt Eutrophierung. Haben wir schon so oft auf grünes Wasser geschaut – statt auf blaues – dass wir es als Normalzustand empfinden? Aber auch Algen sterben irgendwann und der grüne Teppich verschwindet – und die Katastrophe geht weiter: Mikroorganismen auf dem Grund verspeisen die herunter rieselnde Nahrungsquelle und zehren dabei Sauerstoff, bis er nicht mehr vorhanden ist. So entstehenden Todeszonen: weitläufige Gebiete, in denen Tiere nicht überleben können. Und so wird die sowieso schon geringe Artenvielfalt noch weiter dezimiert. Und was ist eigentlich mit dem Klimawandel? Oder dem Plastik, welches mittlerweile in den entlegensten Meeresräumen gefunden wird? Beides setzen auch der Ostsee stark zu, wieder zu Ungunsten der Lebensräume und Artenvielfalt….die Ostsee braucht unsere Hilfe!

Wer ist zuständig, um einen besseren Zustand herzustellen?

Wir alle, jeder einzelne von uns! Der Mensch und das Meer sind eng miteinander verwoben, wir stehen ständig miteinander im Austausch. Und so sollten wir uns genauso für die Gesundheit der Meere einsetzen, wie wir unsere eigene. Wie? Konsumverhalten hinterfragen, das eigene, ganz individuelle und das globale. Sich bewusst mit der Frage auseinandersetzen: wieviel und was brauche ich für ein erfülltes Leben? Was die Ostsee betrifft: 70% der Ernte wird an Zuchtvieh verfüttert, nur 30% essen wir Menschen direkt. Das heißt konkret: den Verzehr von Fleisch- und Milchprodukten zu verringern (Gesundheitsinstitutionen empfehlen sowieso nicht mehr als 300 – 500 g Fleisch pro Woche zu essen) hilft, die Eutrophierung in der Ostsee einzudämmen und ist gleichzeitig gut für das Klima.

Leider reicht das aber nicht. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der es normal geworden ist Waren und Lebensmittel permanent um den ganzen Erdball zu schicken. Dahinter stecken politische und wirtschaftliche Entscheidungen, die wir als Bürger und Bürgerinnen in Frage stellen sollten. Und Entscheidungsträger und -trägerinnen, die wir daran erinnern müssen, dass auch unsere Kinder und Enkel noch eine Lebensgrundlage brauchen.

Banner BEV "Keep the Baltic blue"

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ich gehe dann demnächst mal weiter, ob mit Schreibvermögen oder ohne. Irgendwann klappt das wieder alles, wie es sich gehört.

Hier die Fortsetzung der Wanderung.