(Die Fortsetzung zu diesem Artikel)

Der Weg zum Strand ist weit. Also natürlich ist er nicht weit, aber wir waren immerhin schon den ganzen Tag unterwegs, wir dürfen den also mit Fug und Recht weit finden und ihn fluchend entlang gehen, jeder Schritt ist einer zuviel, jede Biegung eine gottverdammte Zumutung. Der Weg führt über den ganzen Campingplatz, auch durch den Bereich der Dauercamper, da brauchen wir dann noch etwas länger, weil wir uns alles erst genau ansehen müssen. Dauercamper, so fassen wir dann nach einer Weile unsere Erkenntnis zusammen, sind wie Schrebergärtner, aber mit viel kleineren Parzellen, ohne Garten und “mit alles aus Plastik”, wie der Sohn ganz richtig sagt. Ohne den Dauercampern zu nahe treten zu wollen, auf den ersten Blick erschließt sich uns nicht, was genau daran schön sein soll, dort abends auf einem Stück Kunstrasen in ungeheuer aufgeräumter Umgebung hinter aufgespannten Kunststofffolien in bester Luft zu sitzen und fernzusehen. Vermutlich müsste man dauercampen,um es zu verstehen, aber wer hat denn Zeit für so etwas. Also außer Menschen, die schon in Rente sind, das scheint auf den ersten Blick auch bei den meisten Menschen dort hinzukommen. Einer hat eine Hortensie in die gegabelte Deichsel seines Wohnwagens gepflanzt, “Der macht wenigstens was mit Natur”, sagt der Sohn. “Man muss auch loben können”, sage ich, “ganz genau.”

Am Strand ist noch Betrieb, der Kurkartenkassierer in seinem Kabuff hat aber schon Feierabend, wir kommen umsonst ans Meer. “Ganzen Tag nichts gezahlt!”, sagt der Sohn mit einem gewissen Piratenstolz, was man eben so erbeutet. Ich setze mich in den Sand, der Sohn zieht sich seine Badehose an und stellt sich ins Meer, in die nur müde schwappende Brandung, die man kaum so nennen kann. Das Wasser ist warm, auch für sommerliche Ostseeverhältnisse ist es sehr warm. Uns kommt eine Frau aus dem Wasser entgegen, die kopfschüttelnd sagt: “Ich geh mal kalt duschen, das bringt hier ja nichts.” So warm ist das Wasser.

Dem Sohn ist das egal, Hauptsache Meer. Nach einer Tageswanderung ist Wasser immer super, das merkt er jetzt – und wie er das merkt. Denn im Wasser geschieht etwas mit ihm, es überkommt ihn irgendwie und er hat seinen endgültigen Durchbruch als Wasserratte, er ist eine Stunde eher unter als über dem Wasser, er macht Handstand, Kopfstand und Rollen im Meer, er springt von einem Steg und rennt immer wieder rein und raus, einfach aus Spaß, weil es so schön ist, im Wasser zu rennen. Er wird sogar von einer älteren Dame angesprochen, dass es ja eine helle Freude sei, ihm zuzusehen, so viel Vergnügen! Das würde ja geradezu belebend wirken! Diese ekstatische Art des Badens also, und ich erinnere mich, das kannte ich auch einmal. So zu schwimmen, dass man überhaupt nicht mehr raus will, dass man sich wie ein Meeresbewohner fühlt, dass sich unter und im Wasser alles so dermaßen perfekt anfühlt und auf einmal sogar viel richtiger als an Land, als sei man im Wasser zuhause und endlich zurückgekehrt, als könne das jetzt so bleiben. Und so zu schwimmen, das dauert eben eine ganze Weile, das ist natürlich nicht in zehn Minuten erledigt, auch nicht in zwanzig. Ich sitze im Sand und sehe zu, wir haben Zeit.

Der Sohn sieht aus wie ich damals, darüber habe ich hier schon einmal geschrieben, ich sitze also und fühle seltsam intensiv mit. Erinnern und Beobachten werde eins, ich selbst mache den Handstand, ich selbst mache diese Rollen unter Wasser, ich schwimme da hinten herum und tauche ins Grünblaue ab, habe Salzwasser im Mund und Tang zwischen den Fingern und es ist ganz außerordentlich schön. Ich erfrische mich sozusagen aus zweiter Hand, das geht also auch.

Die Sonne steht tief, es wird dennoch nicht kühler. Es sind noch ungewöhnlich viele Menschen am Strand, Touristen, die längst den Punkt verpasst haben, an dem man normalerweise in der Touristenrolle ins Hotel geht. Da ist der Mensch wie ein Tier, wenn es kühler wird, dann geht er irgendwann in seinen Bau, wenn es aber nicht kühler wird, dann liegt er immer weiter da, wo eben noch die Sonne war, und irgendwann wirkt er da fehl am Platz. Es wird nur zögerlich ruhiger am Strand, es bleibt immer weiter warm, es ist die ideale Nacht, um einmal im Leben am Strand zu schlafen, aber wir haben das Zelt ja schon auf dem Campingplatz aufgebaut und das muss natürlich auch dort getestet werden. “Hunger”, sage ich schließlich. “Kein bisschen”, sagt der Sohn, denn der der läuft bei Hitze im Sparbetrieb und verbraucht fast nichts. Das kenne ich auch so von früher, das gibt sich aber dummerweise mit den Jahren.

Wir suchen uns einen Imbiss, in der nächstbesten Bude gibt es Gerichte aus dem Wok. Der Wok steht an der Ostsee auch nicht gerade für die traditionelle und regionale Küche, andererseit kann man mit Curryhuhn aber nicht viel falsch machen, wenn man nur genug Curry nimmt. Es ist also eine ziemlich sichere Sache. Wir essen wespenumsummt, ich sehr viel und der Sohn sehr wenig. Wir gehen dann ungeheuer müde den auf einmal noch viel weiteren Weg zum Campingplatz zurück, wo wir merken, dass einer von uns beiden seine Schuhe bei der Imbissbude gelassen hat, weswegen wir noch einmal zurück müssen. Es sind die Kleinigkeiten auf Reisen, die wirklich Kraft kosten, das stelle ich immer wieder fest. Die Schuhe stehen noch ordentlich unter dem Tisch, an dem wir gesessen haben, der Wokbudenmann winkt freundlich aus seinem Bedienfenster, der hat uns schon erwartet. Wir werfen noch einen letzten Blick auf die See, verbunden mit der Überlegung, ob man nicht doch noch einmal ganz kurz – aber nein. Die Kraft ist jetzt wirklich gründlich verbraucht.

Die Sache mit dem Duschchip müssen wir aber doch noch austesten, ein Chip für fünf Minuten, so hatte es der Mann an der Rezeption gesagt. Wie lang sind fünf Minuten unter der Dusche, ist das lang, ist das kurz? Wie lange duscht man eigentlich normalerweise? Fünf Minuten, das finden wir dann heraus, reichen locker für zwei Personen, und dann läuft sogar immer noch ziemlich lange Wasser, wir hätten noch jemanden einladen können. Nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit unter der Dusche gestanden haben, wird uns klar, dass die Sache mit den fünf Minuten nicht stimmen kann. Vielleicht ist das Ding kaputt oder ein Chip reicht für 15 oder für 25 Minuten, das Wasser läuft jedenfalls immer weiter und weiter und wir sind längst die allergeduschtesten Menschen weit und breit, so viel steht fest. Irgendwann stellen wir das Wasser einfach ab und gehen, wie bei jeder anderen Dusche auch.

Auf der Zeltwiese sammelt sich währenddessen eine größere Kinderschar, das gehört wohl zu den Gepflogenheiten dort, dass der Nachwuchs aller Altersstufen sich abends zuammenrottet, wenn die Damen und Herren Eltern wieder irgendwelche Erwachsenendinge in den Zelten machen, herumräumen, kochen oder mit Handtuch über der Schulter zum Duschhaus ziehen. Wildfremde Kinder bilden da ein Rudel, die brauchen etwa zwei Minuten, bis sie gemeinsam etwas machen können, das ist immer wieder faszinierend. Wie unendlich lahm man als Erwachsener mit so etwas wird, wie sehr man irgendwann wieder fremdelt. Die ganze Schar verschwindet Richtung Spielplatz und bleibt dort auch eine ganze Weile, es ist längst stockdunkel. Ab und zu hört man Kinderrufe, es klingt nicht so, als ob man da hingehen müsste.

“Wollen wir nochmal besprechen, was wir heute alles erlebt haben?” frage ich den Sohn, als er endlich neben mir im Zelt auf dem Schlafsack liegt. “Ja”, sagt er und schläft in derselben Sekunde ein, während ringsum ein verblüffend vielfältiges Schnarchen einsetzt.

Fortsetzung hier.

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