27, 52

Der morgendliche Blick in den Wetterbericht zeigt keine Hitzetage mehr an, nur noch einmal 27 Grad in der nächsten Woche, das ist für dieses Jahr doch geradezu frisch, da kuschelt man sich schon etwas enger ins Baströckchen. Die grauen Klunker auf den Wetterseiten sind übrigens Wolken, man erinnert sich dunkel.

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Meine Laune erreicht fahrplanmäßig den Jahrestiefpunkt, das ist normal und kein Grund zur Unruhe. Ich habe in der nächsten Woche Geburtstag (52, eine irgendwie angenehm unspektakuläre Zahl), das ist da erwartbar und von self-fulfilling prophecy muss mir keiner was erzählen, weil eh egal. Es gab schon einige wenige Jahre, da blieb dieser Tiefpunkt überraschend aus, ich habe mir aber dummerweise nicht merken können, warum das da so war. Wenn man nicht dauernd aufpasst! Egal, dafür habe ich später dann gewohnheitsmäßig kein Novembertief und gehe an den dunkelsten Tagen des Jahres wieder allen mit ausgeprägtem Frohsinn und morgendlichem Gepfeife auf den Wecker. Auch schön.

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Ich lese Thoreaus “Vom Wandern” (“Walking”), bin mir aber nicht sicher, ob ich einen sinnigen Bezug zu meinen Wanderungen herstellen kann. Er versucht da etwa, wenn er in den Wald geht, nur an den Wald zu denken, also alle anderen Gedanken fallenzulassen, hinter sich zu lassen. Wie setze ich das nun auf meinen Wegen durch Schleswig-Holstein und Hamburg um? Wenn ich durchs Straßenbegleitgrün gehe, dann denke ich nur Straßenbegleitgrün. Nun ja. Stets bemüht.

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Ich habe einen schnellen Blick in die Hobenköök geworfen, wenn Sie aus Hamburg sind, dann wollen Sie das vielleicht auch? Das Essen teste ich dann bei Gelegenheit auch mal und berichte hier. Und die Biere im Verkauf. Und die Joghurtsorten. Und überhaupt. Sehr praktisch übrigens, dass die Hobenköök direkt neben der Parkour-Halle ist, dadurch komme ich da regelmäßig vorbei, denn zumindest ein Sohn geht da nach wie vor oft hin.

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Ich stehe am Küchenfester und sehe runter auf den Spielplatz. Es ist eine Uhrzeit irgendwo dazwischen, es ist nicht früher Abend, es ist nicht später Abend. Es ist nicht mehr hell und es ist noch nicht dunkel, es ist irgendwas dazwischen. Um die Zeit haben da unten die ihren Auftritt, die keine Kinder mehr sind und noch keine Erwachsenen, die sind irgendwas dazwischen, und die hängen da jetzt herum, denn gemäß einer uralten Regel, der wir auch alle einmal gefolgt sind, haben Jugendliche nun einmal irgendwo herumzuhängen. Arme und Beine zu lang, Frisuren seltsam, in den Gesichtern blühen die Hormone, sie sind an Leib und Seele wüst (der Freundeskreis Poesie murmelt an dieser Stelle hystrix grotei Gray und nickt wissend).

Der Spielpatz ist eigentlich eher für Kleinkinder gedacht, es gibt nicht einmal normale Schaukeln, da sind diese Sitzkörbe dran, damit die Ein- und Zweijährigen auch ja nicht rausfallen. Da setzen sich die Jugendlichen rauf und baumeln mit den enormen Beinen, rauchen lässig und schaukeln probeweise, lange nicht mehr gemacht! Einige von denen werden da vor zehn oder mehr Jahren schon einmal gesessen haben, damals hat ihnen noch jemand Anschwung gegeben und sie süß gefunden. Heute macht das keiner mehr, heute hängen sie da in den Seilen und wissen nicht recht, was macht man denn nun genau bei diesem Herumhängen, von dem immer alle reden? Und wie lange? Einer geht zur Sandkiste, da liegt noch Spielzeug, er nimmt sich eine rote Plastikschaufel, mit der schippt er etwas Sand. Zwei, drei Schaufeln. Dann denkt er einen Moment nach, dann setzt er sich hin und schippt jetzt richtig was weg. Hat früher Spaß gemacht, macht immer noch Spaß, guck an. Sitzt da und kichert und schippt.

Auftritt einer Familie mit Kleinkind, was machen die denn hier um diese Uhrzeit? Bestimmt Touristen, die fallen ja schnell mal aus dem Rhythmus. Der in der Schaukel weiß jetzt nicht recht, was er machen soll, wilder Macker oder verständiger Mitbürger sein, schwere Wahl! Er hat eben erst seine Kippe in die Sandkiste geworfen, die sammelt er jedenfalls schon mal wieder auf, der Lütte da soll sich ja nicht verbrennen. Und wenn er schon aufsteht, dann macht er auch die Schaukel frei, ob nun mit Absicht oder nicht, die Mutter dankt jedenfalls freundlich. Da geht es hin, das Mackertum, da macht er schon etwas Smalltalk mit der Mutter des Kleinen, als Jugendlicher hat man es auch nicht immer leicht. Sein Kumpel dahinten backt mittlerweile Kuchen mit einem kleinen Förmchen und wirkt zufrieden mit sich und der Welt. Das wird Kuchen aller Art auch in späteren Jahren noch oft mit sich bringen, so viel könnte man vorhersagen.

Der von der Schaukel lehnt kurz darauf weiter hinten an einer Wand und guckt so in die Gegend, das ist gut. Auf so eine Wand kann man sich nämlich verlassen, die redet nicht, die bringt einen nicht in irgendwelche Situationen, die hält einen einfach nur, Wände sind super. Eine rote Ziegelwand, eine durch und durch vernünftige Sache. Da steht er nun und es wird langsam dunkler. Wenn er noch etwa eine halbe Stunde wartet, er kann im Dunkeln rauchen, so dass es ganz klein rot leuchtet, wo er steht, das wird traditionell als schöner Effekt empfunden, das kommt auch oft in Filmen vor. Der ganze Platz stockdunkel, nur er leuchtet da herum. Und nach der Zigarette ist er dann auch schon wieder eine Zigarette älter. Der Rest findet sich später.

So war das doch alles auch damals, war es nicht? So ist das also immer noch.

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Musik! Ich habe auf dem morgendlichen Weg zum Orthopäden einen Bauarbeiter auf einem Gerüst gesehen, Jeans, weißes Muskelshirt, bei dem ich kurz im Vorbeiradeln dachte, das Bild kennste doch, das Gesicht, die Haltung, aber woher jetzt bloß? Nur eine Stunde später fiel es mir ein. Und hätte er einen anderen Helm aufgehabt, einen silbernen, ich wäre viel schneller gewesen, der sah nämlich so aus wie der Hauptdarsteller aus Domino Dancing. Die Pet Shop Boys ganz damals, das Mädchen im Wahnsinnskleid, das sprach mich an in jenem Jahr. Unordnung und frühes Leid, um es mal milde auszudrücken.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, das wird dann zu Spesen, ich fahre morgen wieder an die Ostsee und wandere weiter.

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