Eine Verschwörungstheorie.

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Während ich bei dem Roman (Der Feigenbaum) immer noch nicht recht weiß, wie ich ihn finde (jetzt aber auch einen Feigenbaum haben will), kann ich bei diesen Kurzgeschichten hier schon einmal anmerken: Verdammt gut.

Titelseite Anthony Doerr

(Anthony Doerr: Die Tiefe, übers. von Werner Löcher-Lawrence)

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Die ebenfalls gestern angesprochene Sache mit der Berufsbezeichnung hat sich übrigens ganz einfach gelöst, dank der Hilfe von Sohn I im Gespräch und von Paula im Kommentar zum letzten Artikel. Die wiesen mich nämlich beide noch einmal darauf hin, dass grundsätzlich und ausschließlich englische Bezeichnungen als cool durchgehen können und dann fiel mir ein, dass ich meine Texte ja gerade spreche und nicht schreibe! Weswegen “Dictator” doch ganz hervorragend passt. That was easy! Man ist aber auch manchmal ein Dummerchen.

Graffiti Putin und Erdogan

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Es wird hier wohl eine schöne Tradition, dass ich die Texte mit Antworten auf die Kommentare zum Vortag beginne. Da fragte etwa Richard, ob ich Laurence Sterne kenne, das ist selbstverständlich der Fall. Denn ein Autor, der ein Leben erzählen möchte, dabei aber bei der Geburt für ein paar 100 Seiten und mehrere Bände vom Thema abkommt, der gilt mir natürlich als Großmeister, zu ihm ist unbedingt aufzusehen. Sollte jemand das Leben und die Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman, versehentlich nicht kennen: Es ist Herbst, es regnet, es wird früh dunkel, man kann schon Herzensternenbrezeln kaufen, die Gelegenheit ist wirklich günstig, genau jetzt damit zu beginnen. Und dann hat man ein paar gepflegte Abende lang etwas zu tun.

 

Thalia-Plakat: Gegenwarten

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Aber zurück zur Tedx. Der erste Redner dort war Paul Bethke, der Gründer von Lemonaid, Sie haben vielleicht mitbekommen, die Firma war im Sommer in den Schlagzeilen, weil ein großer Discounter deren Produkte ziemlich schamlos gefälscht hat, eine Sauerei erster Klasse.

Hier muss kurz ein alberner Exkurs hin, pardon. Denn diese Diktiersoftware ist zwar dahingehend erstaunlich, dass sie fast alles versteht, aber doch nicht ganz alles, und die verbleibenden Fehler sind manchmal schon schön. So stand hier bis eben gerade, dass Paul Bethke an Lemon litt, was sicher eine ganz neue Sicht auf sein Leben ist. Und gestern wurde in einem anderen Text durch einen Fehler das Wort Pointe durch Kroate ersetzt, weswegen mein seltsames Hirn jetzt dauernd Sätze wie :”Er konnte meisterhaft Kroaten setzen” und “Ein Kroate jagte den anderen” abspult, so ist man als Diktierender manchmal auch höchst eigenwillig beschäftigt. Bitte um Vergebung für die Albernheit, Exkursende.

Jener Paul Bethke also hat in den auf der Tedx üblichen 15 Minuten sein Leben und sein Projekt umrissen, also sein größtes Projekt, die bekannte Limonadenfirma mit dem karitativen Aspekt, auch sein Leben wird sicher aus mehreren Projekten bestehen, nehme ich an. Der Film dazu ist noch nicht online, den muss ich irgendwann nachreichen, es dauert immer eine ganze Weile, bis die auf Youtube erscheinen. An Paul Bethke haben mich zwei Aspekte irritiert, und nein, es folgt jetzt weder Kritik an seiner Person noch an seiner Firma, er dient mir hier nur als bloßer Stichwortgeber. Zum einen habe ich ziemlich weit hinten gesessen und nicht die besten Augen, aus dieser Beobachtungssituation heraus sah er ziemlich überzeugend aus wie Frank Zappa, das war sehr merkwürdig. Schon aufgrund dieser Ähnlichkeit konnte er gar keinen normalen Lebenslauf haben. Wobei eine Limonadenfirma mit Wohltätigkeit und Fairtrade-Zutaten in Bioqualität vielleicht auch gut zu Frank Zappa gepasst hätte. Also wenn schon Brause, dann so.


Zum anderen schweife ich aber nicht nur als Autor, sondern auch als Zuhörer gerne und ausgiebig ab, was mir bei Paul Bethke zum Beispiel gleich zu Anfang passierte, weil ich über dieses von ihm vermutlich selbst gewählte und mit den ersten Sätzen klar werdende Format „Mein Leben in 15 Minuten“ nachdenken musste.

Denn 15 Minuten sind denkbar knapp, das wären sie sogar für ein ziemlich ereignisloses Leben. Man bricht sich in so einer Situation als Vortragender auf wenige Eckpunkte herunter, man zeichnet sich mit nur ein paar Linien, man zeichnet sich selbst wie ein Karikaturist, natürlich aber ohne jede beleidigende Absicht. Da sind dann nur die vermeintlich prägenden Merkmale übrig, die Highlights. Dazu dann noch einige sinnvolle Übertreibungen, es soll ja auch werben, und alles mit großem Schwung verbunden. Fast alles aus dem Lebenslauf lässt man aber weg, man entnimmt dem üppigen Material an Jahren und Jahrzehnten nur eine Handvoll Momente – und dann hat man sich als very short story, als prägnante Skizze.

Das kann man leicht zu Hause einmal nachspielen, diese 15-Minuten-Sache, ich glaube, dass daran mindestens zwei Sachen höchst interessant sind. Zum einen natürlich das, was man weglässt, denn das ist vielleicht nicht unbedingt das, was andere auch weglassen würden, wenn sie uns beschreiben müssten. Da ist man dann wieder und wie so oft bei der Selbstbild/Fremdbild–Sollbruchstelle der menschlichen Intelligenz, das ist immer ein höchst spannender Abgrund, über den man gar nicht genug nachdenken kann. Andere würden eine andere Karikatur von uns zeichnen, vermutlich eine, die uns in Teilen überraschen würde.

Zum anderen, und da komme ich wieder auf den gestern verlinkten Text zur Erzähltheorie – obwohl ich den beim Besuch der Tedx noch gar nicht kannte -, ist es aber bedenkenswert, dass man diese 15-Minuten-Version von sich selbst normalerweise und mit bestem Gewissen für die Wahrheit hält. Denn wenn mich meine Psychologiekenntnisse nicht täuschen, spricht einiges dafür, dass genau dies nicht die Wahrheit ist. Ich hatte dazu vor ein paar Tagen auch einen Text über die Täuschungen des Gedächtnisses verlinkt, es gibt aber noch mehr Gründe, sich selbst nicht alles zu glauben, wer einmal eine Therapie gemacht hat, der nickt jetzt wissend. Wenn man das nun ernst nimmt, dann muss man eigentlich enorm vorsichtig mit diesen Kurzfassungen von sich selbst umgehen, ganz egal, ob man sich nun elaboriert einem Auditorium oder nur nebenbei einem Gesprächspartner auf einer Party vorstellt. Noch einmal, damit meine ich nicht speziell den Vortrag von Paul Bethke, der war nur der Auslöser für diese Gedanken, der kann gar nichts dafür.

Das bin also nicht ich, was ich da von mir berichte, das ist nur die von mir zu repräsentativen Zwecken erdachte Geschichte von mir. Was wiederum auch deswegen spannend ist, weil man Geschichten meistens fortschreiben möchte. Und da man dabei nicht irgendwas schreiben, sondern die Geschichte möglichst sinnvoll fortsetzen möchte, verhält man sich permanent so, dass die nächsten 15 Erzählminuten vor Publikum, zu denen es jetzt noch gar keinen Inhalt gibt, möglichst gut zu den ersten 15 Minuten passen werden. Die Erzählung bestimmt das Verhalten.

Da kann man, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, noch sehr viele Gedanken anschließen, da passt ja auch die gestern bereits diskutierte Sache mit der Berufsbezeichnung und ihrer erstaunlichen Wirkung auf andere, da kann man sich immer weiter hervorragend in Grübeleien zu Lebensgestaltung, Lebenslauf und Lebenssituation verlieren. Das habe ich dann selbstverständlich auch getan, weswegen ich von Paul Bethke nicht alles mitbekommen habe. Er hat sich aber wiederholt vehement gegen Rassismus und für Wohltätigkeit ausgesprochen, so viel habe ich mitbekommen, das fand ich alle sehr sympathisch. Darauf eine Limo!

Stühle vor einer Kneipe im Regen

Wenn man über solche Aspekte zu lange nachdenkt, dann wird es aber auch schwierig. Ich habe gerade eine Kolumne für eine österreichische Frauenzeitschrift geschrieben, nein, diktiert (wie es dazu kam, das muss ich auch noch einmal erzählen, das war ganz amüsant), und bei so etwas reicht man immer auch eine kurze Bio ein, also zwei, drei, vier Zeilen über sich selbst. Da habe ich einigermaßen ratlos vor dem Bildschirm gesessen und bin nicht darauf gekommen, was ich schreiben sollte. “Kommt aus Lübeck”, das stand da bisher immer am Anfang – aber ist dieser Umstand denn so wichtig, dass er in einer ganz kurzen Reihe von Fakten über mich wirklich unbedingt genannt werden muss? Ist nicht irgendwas anderes, was weiß ich, “War in der Grundschule schon der Klassenclown” oder so etwas, vielleicht viel wichtiger? Da sitzt man dann und denkt sich fest, so etwas kommt von so etwas.

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Mit der nächsten Rednerin auf der Tedx hat sich die biografische Zuspitzung durch ihre Selbstbeschreibung sogar noch verschärft. Dazu morgen mehr. Oder übermorgen. Oder so.

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Sohn I bittet um Veröffentlichung eines Terminhinweises aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater, es geht um das zweisprachige Stück “Glück hatt?! – Glück gehabt?!” – da spielt er nämlich mit und probt gerade jeden Tag.

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Heute keine Musik, heute die Frage: Woher nimmt die Ente die Kraft?

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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An der Finkenau