Ich schreibe irgendwas

Danke für die Kommentare zum letzten Artikel – ich glaube, Jazzrock ist nichts für mich, aber das Buch “Machandel” merke ich mir doch glatt mal vor. Ferner wurde gefragt, ob der gerade von mir gelesene Roman (Der Feigenbaum von  Goran Vojnovic, übersetzt von Klaus Dieter Olof) gut sei. Schwer zu sagen, ich bin nach Sachbuchphasen immer etwas ratlos im literarischen Urteil. Gut genug, dass ich schon auf Seite 100 bin jedenfalls. Ich stelle fest, das hat aber mit “gut” als Geschmacksurteil nichts zu tun, dass es mir gefällt, eine Handlung aus Europa zu lesen. Also im Gegensatz zu: Handlung in den USA. Nichts gegen die USA, schon gar nicht literarisch, aber Europa ist eben auch mal dran und sagt mir gerade wesentlich mehr.

***

Die spannende Frage, ob die Post eine gesellschaftliche Aufgabe ist.

***

Nachdenken über Geschichten (es ist kompliziert). Ein paar Gedanken dabei, die mir auch schon kamen, das freut einen ja immer. Ein paar Gedanken dabei, die ich haarsträubend daneben finde. Es wird noch mehr dazu zu sagen sein, merke ich gerade. Das im Artikel erwähnte Buch von Albrecht Koschorke besorge ich mir mal.

***

Kirche im Regen durch Fensterglas

***

Neulich war ich auf der Tedx in Hamburg. Denn ich bin zwar gerade nicht recht schreibtischfähig, aber zuhören kann ich ja trotzdem. Es gab auch einmal Zeiten, da hätte ich dort ein paar Bloggerinnen oder Blogger getroffen, das ist aber heute nicht mehr der Fall. Dafür habe ich Kolleginnen aus dem Büro getroffen, auch eine interessante Wandlung.

Auf einer Tedx ist es so, dass man nach alter Tradition seine Sitznachbarn kennenzulernen hat, das wird auch immer so anmoderiert, jetzt hier, zack, mal zehn Minuten Socialising. Man stellt sich also kurz vor, sagt vielleicht seinen Beruf, wo man herkommt, ob man schon einmal auf so einer Veranstaltung war. So etwa in der Art. Dann wendet man sich wieder nach vorne und hört den Vorträgen zu, die in der Regel, selbst wenn einen das Thema überhaupt nicht interessiert, doch irgendeinen Aspekt haben, über den man hinterher länger nachdenken kann oder muss. Dazu später mehr. Ich fragte also den Herren neben mir nach seinem Beruf, in der Erwartung, er würde irgendwas mit Business oder Medien oder beidem machen, denn das war so die Blase da, dachte ich, so war es da ja immer. Er sagte aber, er sei Molekularbiologe. Ich sagte, ich schreibe. „Hm“, sagte er, so ein unbestimmtes “Hm”, mit dem man alles meinen kann.

Schild "Zeitgeist" in einem Schaufenster


Molekularbiologe, das klingt natürlich toll, das klingt sinnvoll, brauchbar und anwendbar – und wahrscheinlich klingt es nicht nur so, wahrscheinlich ist es das sogar. Ich merke manchmal so einen leichten Stich, wenn ich Menschen mit solch großartigen Berufen begegne. Also mit Berufen, die irgendwie beeindruckend und plausibel klingen. Apotheker, Richter, Geschichtsprofessoren, Meeresforscher, Opernsängerinnen und Geigenbauerinnen. Das klingt doch alles ziemlich gut. Ich ziele dabei nicht auf elitäre Berufe ab, mein Bruder etwa ist Glasermeister, das klingt auch gut, finde ich. Meisterhaft eben. Oder sagen wir so, es klingt alles besser als: ich schreibe. Zumal es auch nicht besser wird, wenn ich meinen Bürojob ergänze, ich bin auch noch Teilzeitcontroller, was soll daran bitte toll sein. Beeindrucken kann man damit sicher niemanden.

Ich habe darüber neulich mit einer etwa gleichaltrigen Freundin gesprochen, die sich beruflich ähnlich verzettelt hat wie ich und auf deren Visitenkarte ebenfalls nichts stehen könnte, was anderen sofort einleuchtet oder sogar Eindruck hinterlassen würde. Dieser dauernde leichte Neid auf Menschen, die sich mit einem Wort gut erklären und verkaufen können. Also zumindest ihren beruflichen Aspekt, charakterlich und seelisch können die natürlich alle vollkommen vergurkt sein, wie jeder andere auch, gar keine Frage. Zu diesem Thema haben meine Freundin und ich uns also durch ein paar Minuten Selbstmitleid gesmalltalkt, bis uns wieder einfiel: Wir wollen ja gar nicht Zahnärzten oder Zahnarzt sein. Wir wollen auch keine Apotheke, keine Kanzlei und keine Professorenstelle. Es hat sich ja nicht nur nicht so ergeben, nein, all diese Klassiker, die waren einfach nichts für uns.

Graffiti Kenn Dein Limit

Wir hätten sie alle haben können, rein theoretisch, doch, das wäre möglich gewesen. Es war damals ein freies Land und das ist es auch heute noch (Stand Oktober 2018), wir könnten immer noch morgen anfangen, einen anderen Beruf zu ergreifen, bitte sehr, fang doch an. Aber das machen wir nicht. Und dann haben wir uns das gegenseitig noch einmal erklärt, dass man nämlich , wenn man sagt, man sei Zahnarzt, auch Zahnarzt sein muss. Durch und durch. Also mit jeden Tag und bis zur Rente. Man hat dann zwar einen renommierten Beruf, das hilft vermutlich bei Wohnungsbesichtigungen oder bei Kontaktanzeigen in der Zeit enorm weiter, aber man muss ihn dummerweise auch ausüben. Und Zahnarzt zu sein, das ist doch etwas speziell, ist es nicht?

Graffiti "Gegen die Stadt der Reichen"

Weswegen es schon sinnvoll ist, dass nur die Zahnärzte werden, die sich tatsächlich vorstellen können, das zu sein – und nicht so Leute wie ich. Also nicht so Leute, die einfach nur  irgendwas schreiben wollen. Dass ich andererseits auch kein Molekularbiologe geworden bin, das liegt u.a. daran, dass ich bis zum heutigen Tage nicht mal weiß, was Molekularbiologie eigentlich ist, genau genommen interessiert es mich nicht einmal genug, um es mal eben zu googlen. Und dann passt das wohl nicht ganz zu mir.

Es ist ein kompliziertes Thema, was man beruflich will, vor allem, wenn man beruflich eigentlich gar nichts will. Ich will tatsächlich einfach nur irgendwas schreiben, ich finde das Thema Beruf  ganz ungemein lästig. So ein Beruf stört einfach bei allem, beim Denken, bei der Freizeitgestaltung und bei der Terminplanung. Aber noch gibt es kein bedingungsloses Grundeinkommen und auch keine Rente für mich, noch muss das also so, eh klar, und es geht ja auch. Also wenn nicht gerade ein Gelenk durchdreht jedenfalls, im Büro würde ich mit Diktieren nicht so leicht durchkommen.  Gibt es überhaupt eine Sprachsteuerung für Excel?

Aufkleber "Fuck"

Die Söhne übrigens können überhaupt nicht verstehen, warum ich nicht Mathelehrer geworden bin. Denn das ist doch etwas, was ich sehr, sehr gut kann, sagen sie. Mathe erklären, das sei doch genau mein Ding. Das ist eine der besten Pointen meines Lebens, schon dafür hat sich die Sache mit der Familienplanung damals gelohnt, auch wenn eigentlich nur ich drüber lachen kann, also eine wirklich sehr kleine Zielgruppe. Mein damaliger Mathelehrer, der könnte vielleicht auch darüber lachen, aber der weiß das nicht (Lieber Herr W. auch mit 30 Jahren Abstand finde ich ihren damals mir gegenüber häufig wiederholten Satz “Kaufen Sie sich lieber einen Sarg” übrigens pädagogisch immer noch etwas unklug, to say the least. Aber was weiß ich schon).

Schriftzug "Reclaim your autonomy"

Es bleibt unterm Strich jedenfalls ein heikles Thema, diese ganze Berufssache, vermutlich muss ich auch darüber noch etwas länger drüber nachdenken. Gleich am nächsten Tag habe ich übrigens wieder einen kennengelernt, ganz ohne anmoderiertes Socialising, einfach so, das geht ja auch. Der sagte dann, er mache was mit Strahlentherapie, die Woche war in dieser Hinsicht wirklich ein wenig herausfordernd. Gott sei Dank fragte er mich gleich darauf, ob ich denn nicht der mit dem Blog sei? Und das ist doch auch etwas, wenn die Tätigkeit einem so zwei, drei Meter vorauseilt. Oder, um schon wieder wie gestern den geschätzten Feuilletonisten Falk Schreiber zu zitieren, das ist doch nicht nichts.

Aufkleber "Free your mind"

Eigentlich wollte ich von der Tedx erzählen. Egal, dazu dann eben morgen mehr. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, ich komme hier ab und zu vom Thema ab, vielleicht fiel es Ihnen auch bereits auf? Schlimm. Aber wenn ich es recht bedenke, das gehört zu den Sachen, die ich wohl ganz gut kann. Irgendwo hingehen, drüber schreiben und vom Thema abkommen. Eine etwas seltsame Begabung, nicht wahr. Als musikalisches Wunderkind hätte ich es vermutlich bedeutend leichter gehabt, aber was soll ich machen, ich kann  bis heute nicht einmal Noten lesen.

Die Außenalster

***

Apropos Musik. Heute natürlich von ihm.

 

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

************************

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann mache ich weiterhin einfach irgendwas mit Schreiben. Auch eine Lösung.

************************

15 Kommentare

  1. machandel.. wie köstlich.. kannte ich als buch noch garnicht.. aber ich empfehle ihnen einmal einen machandel zu probieren..

    gruß aus alsterdorf

  2. Sie, lieber Herr Buddenbohm, Sie sind uns lieb, so wie Sie sind. Natürlich, wären Sie auch noch Zahnarzt, wir würden Ihre Praxis stürmen. Und wäre jemand wie Sie mein Mathelehrer gewesen, hätte ich bestimmt nicht so viel Angst vor diesen Stunden gehabt.

    Aber im Ernst, mich hat diese “und was machen Sie?“ Fragerei auf beinah jeder gesellschaftlichen Zusammenkunft immer gestört. Man hat kaum Gelegenheit, sich im Gespräch näher zu kommen, weil das Gegenüber blitzschnell als lohnend/nicht lohnend bzw. interessant/uninteressant eingeordnet wird. Und das macht die Sache öde. Allerdings scheint mir die amerikanische Variante “how much money do you make?“ noch verschärft unsympathisch.

  3. Vorstellungsrunden sind für mich herrlich geworden, seit ich bei Beruf/Gelderwerb „Sekretärin“ antworten kann. Das turnt das Gegenüber so zuverlässig ab, dass niemand auch nur wissen will, bei welcher Firma. Dicke Empfehlung.

  4. Den Wunsch nach einer einfachen Berufsbezeichnung habe ich mit Ihnen gemeinsam. Ach, es wäre so einfach, wenn man frisch von der Leber herausschmettern könnte, dass man Chirurg ist…, wenn man das nur sein wollte, was aber nicht der Fall ist. Stattdessen lasse ich meine Gesprächspartner immer etwas ratlos zurück. Der Vorteil: fast keiner fragt nach – aus Angst eine Wissenslücke zu offenbaren.

  5. Ich bin für gezieltes „Angeben“ (bei) der eigenen Berufsbezeichnung, um Aufhübschung ggf. auch mit Anglizismen, damit das Gegenüber eine der oberen und nicht der unteren Schubladen aufmacht. Also „Office-Manager“ statt Sekretärin und Mädchen für alles, und „Autor“ statt Schreiber. Auf keinen Fall die Tätigkeit unterbewerten, Selbstbewusstsein anstatt Bescheidenheit und Wahrheitsliebe!

  6. Auf „Psychologin“ als Berufsbezeichnung gibt es auch die unterschiedlichsten Reaktionen, da könnte ich ein Buch drüber schreiben. Mit etwas Übung kann man das auch geschickt einsetzen, je nachdem, ob man das Gegenüber loswerden oder sich interessant machen möchte.

  7. Jetzt weiß ich (ich hoffe, Sie nehmen mir das jetzt nicht übel), was mir an den ersten diktierten Texten gefehlt hat. Dieses spielerische „von Höcksken auf Stöcksken kommen“ und am Ende wieder auf den Füßen landen. Ich glaube, „on the go“ Diktieren bringt das nicht so raus. Aber dann zu Hause nochmal nachmäandern, das isses. Sehr schöner Text heute.

  8. Lieber Herr Buddenbohm, ich lese Deine Texte und Geschichten nun schon seit Jahren mit wachsendem Genuss und immer größer werdender Freude. Und nun DIESER Satz: „Es ist ein kompliziertes Thema, was man beruflich will, vor allem, wenn man beruflich eigentlich gar nichts will. Ich will tatsächlich einfach nur irgendwas schreiben …“ – Herztreffer. Nicht nur, dass es mir jahrzehntelang genauso ging und meine zwei Zeigefingerspitzen trotzdem auch noch das Familienbrot eingebracht haben so lala, ich finde auch, dass Du mit Deinem (hoffentlich bald auch wieder schmerzfreien) Schreiben schon mehr als einen ‚Beruf‘ gefunden hast. Nennen wir es doch einfach Berufung … 😉 Weitermachen!

  9. P.S.: Was das gedankliche Mäandern betritt, hörte ich aus höchst belesenen Kreisen immer wieder abloben, dass ein gewisser Laurence Sterne (*1713) sich mit seiner Roman-Serie ‚Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman‘ ja wohl zum ewigen König der Abschweifung gekrönt hätte. Falls Du das also noch nicht kennen solltest, da wartet eventuell ein Seelenverwandter …

  10. Beruf kommt ja von Berufung. Und die Berufung zu schreiben ist dir ja gegeben. Und Berufung hat nicht unbedingt immer etwas mit der täglichen Arbeit zu tun…
    Wenn man nur täglich zur Arbeit geht, um Geld heim zu bringen, ist das BGE das Beste, was es geben kann. Ansonsten gucken, ob man die Berufung immer mehr in die Arbeit einfließen lassen kann. Dann bekommt man Geld dafür, dass man einfach das tut, was einem Spaß macht und gefällt 🙂

  11. Bitte vergessen Sie nicht, daß das (Ihr) Schreiben für alle die wichtig ist, die gern lesen. Und ich meinerseits brauche Lesestoff wie andere Zigaretten. Also doch gar nicht so unwichtig. Ich kenne diese Denke, man würde ja nichts „besonderes“ machen, nur zur eigenen Erbauung usw. (ich radiere – hauptberuflich), aber Gott sei Dank. Ich will nämlich auch nichts anderes als ein paar Bilder machen, oder kleine ähnlich gelagerte Tätigkeiten, die einfach nur schön sind und der eigenen Seele gut tun.
    Grüße aus Leipzig

  12. Ich will ja nicht schleimen, aber ich beneide seit jeher Menschen, die beim „UndwasmachstDu?“ „Ich schreibe“ antworten. Einer meiner ungelebten Träume. Vielleicht unterbewerten Sie da was ein klitzekleines bisschen. Tischler find ich auch noch gut und Kinderarzt. Aber nichts gegen „Ich schreibe“.

  13. Das mäandern ist doch (unter anderem) das Schönste an Ihren Texten! Bitte immer weitermachen damit, es wäre ein echter Verlust, Ihre Texte ohne die Windungen und überraschenden Schleifen zu lesen…

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.