Zwei Herren mit Zylinder

Würde der Dichter heute leben, er wäre gewiss auch Blogger.” Über die Fontanisierung Brandenburgs. Im Rahmen des Wiederleseprojektes komme ich dann im Laufe des Winters auch noch bei Fontane vorbei, nächste Ausfahrt Stechlin. 

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Auch in Australien schwänzen die Schüler fürs Klima. Das wird weltweit noch größer werden, nehme ich an.

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Der Dickens von gestern beschäftigt mich noch etwas, auch das Gespräch mit Sohn I über den Nebel in der Weihnachtsgeschichte, denn da kriege ich doch glatt Lust, wieder mehr zu beschreiben. Wofür ich allerdings erst einmal das Haus verlassen müsste, ich sehe ja sonst nichts von der Stadt und der Welt. Da fangen die Probleme also schon an, kaum dass ich einen halben Satz gedacht habe. Schlimm.

Aber wissen Sie was, ich bin am Abend nach dem Kinofilm über Charles Dickens noch etwas durch unser kleines Bahnhofsviertel gestrolcht, ziellos und nur aus Prinzip, der Mensch braucht ja angeblich Bewegung – da kommen mir in einer kleinen Seitengasse zwei Herren in viktorianischer Kleidung entgegen. Also im Ernst jetzt, nicht zum Zwecke einer Pointe ersonnen und auch nicht dem Alkohol geschuldet, ich war stocknüchtern. Die beiden waren also aus weiß der Kuckuck welchen Gründen kostümiert, mit Zylinder und Weste und Uhrenkette und allem. Selbstverständlich denke ich so etwas augenblicklich mit dem gerade konsumierten Film zusammen, das geht ja gar nicht anders, das drängt sich auf, das wäre Ihnen auch so gegangen. Ich gehe die zehn Schritte an diesen Herren vorbei also auf einmal durch ein historisches London, so fühlen sich Dimensionslöcher an, auch interessant. Denn es ist ja so, wie in diesem Blog schon mehrfach festgestellt: Es gibt gewiss gar keine bedeutungsvollen Zufälle, das wissen wir im Freundeskreis Aufklärung und Logik ganz genau, aber man kann sie mit Geschichten doch geradezu erschreckend gut herbeizaubern.

Ich hätte den Herren nachgehen sollen, was? Zu spät.

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Am Morgen des Montags ist es unziemlich warm für Dezember, dazu schüttet es unaufhörlich, ein fast vergessener Anblick und ein ungewohntes Geräusch. Regen, der Blasen wirft, das gibt es ja heute kaum noch. Wenn der Regen Blasen wirft, so hieß es in meiner Kindheit immer, dann hört er gleich wieder auf. Das hat schon damals nicht gestimmt, das stimmt auch heute nicht, es regnet immer weiter, und wie es regnet. Die Menschen steigen nass, fluchend und schwitzend in die S-Bahn zum Arbeitsplatz, feuchte Winterjacken, tropfende Schirme und zerstörte Frisuren, dazu ein Geruch wie seit drei Wochen nicht gelüftet. Mir gegenüber löst ein Mann mit einem Kugelschreiber Kreuzworträtsel in einer Zeitschrift, das Blatt ist nass und die Schrift daher kaum zu lesen, verlaufende Spuren von blauen Buchstaben. “Großer Rätselspaß” steht über der Seite und der Mann sieht überhaupt nicht, also wirklich nicht im allergeringsten so aus, als hätte er auch nur ansatzweise Spaß, er sieht eigentlich auch nicht so aus, als hätte er jemals irgendeinen Spaß gehabt, nicht an diesem Morgen, nicht gestern, nicht in den letzten Jahren. Unglücksrabe mit elf Buchstaben senkrecht: Werktätiger.

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Im Büro steht ein Kollege in der Küche am Fenster, sieht hinaus auf den dunklen Hof und schimpft über das Wetter, weil er dabei keinen Sport machen kann. Ich lobe das Wetter, weil man so gut dabei lesen kann. Dann sehen wir uns an und respektieren freundlich unsere Fremdheit, wozu wir sehr schlechten Kaffee trinken.

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Im Supermarkt am Nachmittag:

Kundin: “Stehen sie an der linken oder an der rechten Kasse an?”

Ich: “Ich stehe links. Immer schon.”

Kundin: “Und zu Weihnachten besonders? Das ist recht so, junger Mann!”

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Beim Kinderarzt gehört:

“Ich möchte auch wie du von Ast zu Ast springen, sagte der Elch.”

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In einer U-Bahn sitzt mir ein Rentnerpaar gegenüber. Er redet unaufhörlich leise schimpfend vor sich hin, sie legt ab und zu eine Hand auf sein Knie und lächelt verbindlich. Als ich mich zu ihnen setze, erklärt er gerade, dass sie das – was auch immer, das habe ich verpasst – zu DDR-Zeiten noch in Mülltonnen verbrannt hätten. Er spuckt jedes Wort aus, so wütend ist er. Verbrannt hätten sie das! Verbrannt! Wie den anderen Müll! Er hat ein Problem mit dem Magen, er muss dauernd aufstoßen, es klingt ein wenig so, als würde er seine Wut hinausrülpsen. Also regelrecht verpönt war das jedenfalls – was auch immer, ich erfahre es nicht – damals in der DDR. Verpönt! Er sagt, dass jetzt ja alles ein Saftladen sei, ein elender Saftladen! Und der könne ruhig zusammenbrechen, alles könne ruhig zusammenbrechen, oder nein, noch besser, es solle sogar ruhig zusammenbrechen. Er nickt jetzt heftig und bäuert mehrmals nacheinander. In dieser Stadt hier, so sagt er, seien genau eine Million Menschen über, eine Million! Er sieht mich dabei an und ich habe das unangenehme Gefühl, dummerweise auch zu dieser Millon zu gehören, nicht zum auserwählten Rest, der sich durch was auch immer auszeichnet, vielleicht durch Magenprobleme.

Die Frau sieht mich ebenfall an, lächelt und schüttelt ganz sacht den Kopf. Nett sieht sie aus.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Der richtige Nebel

Die ganze Familie war im Kino, “Charles Dickens – der Mann, der Weihnachten erfand”, ein Film über die Entstehung seiner Weihnachtsgeschichte. Wer schon jemals Geschichten geschrieben hat, wird an dem Film mit Sicherheit einen ganz eigenen Spaß haben, alleine die Szene, in der die Figuren des Buches unzufrieden im Arbeitszimmer des Dichters sitzen, ihn kritisch ansehen und an der Handlung herumnörgeln – schon schön. Und Christopher Plummer als Scrooge ist eine hervorragende und äußerst passende Besetzung.

Sohn II: “Ich fand den Anfang des Films gut und das Ende und alles dazwischen. Dass mit dem kleinen und kranken Tim fand ich bewegend, und dass mit den Armen war sehr traurig. Es ist aber richtig, so etwas in Filmen zu zeigen, damit man auch an die Armen denkt und sich Mühe gibt, gut zu sein. Oder besser zu sein. Ich war noch nie in einem so traurigen Film, aber ich finde es jetzt sehr toll, dass ich ihn gesehen habe.”

Sohn I: “Ich fand das auch gut, dass Charles Dickens sich für Arme engagiert hat und ich sehe gerne Filme, die in älteren Zeiten spielen, mit den Kostümen und Kulissen und so, das finde ich interessant. Der Film ist ab etwa zehn oder elf Jahren geeignet, für Erwachsene ist er aber auch gut.”

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Den Band von Orwell lese ich nicht zu Ende, der ist mir gerade zu negativ. Die Wiederlesewahrscheinlichkeit ist außerdem gering, der kann also weg. Jetzt kommt ein nicht ganz so bekannter Huxley, sein erster Roman: “Eine Gesellschaft auf dem Lande”. Aus dem Englischen von Herbert Schlüter.

Nebenbei wird auf vielfachen Wunsch abends im Kinderzimmer die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens vorgelesen, das ist nach dem Film natürlich naheliegend. Und wie Sohn I ganz richtig feststellt: “Der konnte ja mal richtig gut beschreiben.” Wir haben uns darüber noch etwas unterhalten und gemeinsam festgestellt, dass etwa Nebel, der in einem Buch beschrieben wird, nur richtig gut dargestellt ist, wenn man beim Lesen die Decken unwillkürlich fester um sich zieht. Und es nebelt sehr in der Weihnachtsgeschichte.

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Zur optimalen Nutzung des Dezembers, heute der Stimmungspart. Ich war mit Sohn I an einem Abend in der Hamburger Innenstadt, Weihnachtsmärkte gucken. Die Straßen waren noch brechend voll, ungeheure Menschenmassen in den Läden und an den Ständen. Wir hatten uns vorher gegen die sauteuren Verlockungen der Buden immunisiert, indem wir uns höchst clever schon zuhause mit Lebkuchen vollgestopft haben, danach geht man ganz entspannt sogar an Crêpeständen vorbei, an denen die Preise übrigens um teils zwanzig Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind, man kann nämlich überall Mathe üben.

Weder der Sohn noch ich sind große Freunde von Menschenmassen, er sieht aufgrund noch mangelnder Größe zwischen all den Leuten nichts, ich bekomme im Geschiebe Rückenschmerzen und wilde Sehnsucht nach der Hegloländer Düne im Winter oder nach irgendwelchen anderen Flecken, die weitgehend frei von menschlichen Besuchern sind. So schoben wir uns also so schnell es nur ging durch die Spitaler Straße, warfen einen Blick auf den Gerhart-Hauptmann-Platz und auch auf die Buden vor der Kirche in der Mönckebergstraße, was da alles so am Weg lag. Wir gingen an den religiösen Spinnern vorbei, die mitten im Gedränge versuchten, die Massen zu missionieren, immerhin wurden sie dafür nicht mit Pfeil und Bogen erlegt wie auf gewissen Inseln.

Die ersten Geschäfte waren schon geschlossen, in den Eingängen bauten Obdachlose sorgsam ihre Betten aus Isomatten und Kartons und Schlafsäcken, während Menschen mit prallvollen Einkaufstüten buchstäblich noch über sie hinüber stiegen, da wurde wieder kein Klischee ausgelassen, reiche Stadt, arme Stadt, die Themen von Charles Dickens laufen immer noch. Am Rande der Weihnachtsmärkte saßen Menschen mit neongelben Westen auf den großen Lastwagensperren aus Beton. “Security” stand hinten auf ihrer Dienstkleidung, sie saßen da und rauchten und sahen auf ihre Handys. “Schön”, sagten wir, “sehr besinnlich hier!” Dann eilten wir weiter, denn wir mussten noch zum Rathausmarkt, vor dem wir dann Hand in Hand stehenblieben und eine ganze Minute lang auf das großflächige Gewimmel und das vielfältige Leuchten und Blinken sahen und auch auf den Klangbrei aus den besten Weihnachtsliedern der 60er, 70er, 80 usw. lauschten.

“Ungeheuer stimmungsvoll”, sagte ich. “Voll schön”, sagte der Sohn und dann gingen wir wieder nach Hause.

Die Sache mit den Weihnachtsmärkten haben wir dann jetzt erledigt, ich vermute sogar in Bestzeit.

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Noch einmal vielen Dank für die Zusendung des Saatgutadventskalenders, der ist ja auch noch richtig dekorativ! Stark.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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