Hungrige Wölfe und junge Hüpfer

Ich übe mit Sohn II Deutsch, unbegreiflicherweise nehmen sie in der 5. Klasse gerade Märchen durch, dabei sind die Kinder da in einem Alter, in dem sie garantiert alle Märchen völlig bescheuert finden, das ist dann doch ein wenig schade. Aber egal, Lehrplan ist Lehrplan, da nützt kein Lamento. Wir machen einen Quiz zu Märchen, es gibt immerhin für alles eine App, und mit einer App macht vieles mehr Spaß. Wen hat der Wolf also zuerst gefressen, den Jäger, das Rotkäppchen oder die Großmutter? Der Sohn überlegt kurz, ich mache nebenbei eine Nachrichtenseite auf, da steht diese Schlagzeile aus Norddeutschland: “DNA-Analyse – Kein Nachweis für Wolfs-Attacke”.

Ich muss über diese Sache mit den Zufällen noch mehr nachdenken. Viel mehr.

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Erinnern Sie sich noch, als das Kind Kind war, nein, pardon, das war Handke, um Gottes willen, als Sie Kind waren, meinte ich, da sind Sie doch auch manchmal in diesem hüpfendem Gang eine Straße entlang kapriolt, jeder Schritt ein Hüpfer, nicht wahr? Oder war es jeder zweite Schritt? Ich müsste einmal probehüpfen, aber ich habe gerade gegessen und sitze so gut, lassen wir das. Egal, dieser Hüpfgang jedenfalls, Sie wissen schon. Erinnern Sie sich noch an das Körpergefühl, an diese Hops gewordene gute Laune?

Die Herzdame ist gestern am Nachmittag um die Alster gelaufen, Sohn II ist neben ihr hergehüpft, womit wir jetzt auch wissen, dass so ein Kind tatsächlich über sieben Kilometer durchgehend hüpfen kann, das ist doch auch interessant und aus erwachsener Sicht ziemlich schwer vorstellbar. Die Herzdame fand es natürlich ein klein wenig enervierend, zumal der Sohn hinterher im Gegensatz zu ihr nicht ansatzweise außer Atem war, sondern in die Wohnung stürmte und mich fragte, ob ich nicht auch noch etwas mit ihm machen könne?

Vielleicht war ich ja auch einmal so. Wahrscheinlich doch. Aber ich kann mich nicht mehr an das Gefühl erinnern, so dermaßen viel Energie zu haben, das habe ich gründlich verlebt.

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Und hier noch ein Buchtipp von Jojo (Sohn I), geeignet als Weihnachtsgeschenk für Kinder ab etwa neun oder zehn Jahren, die auf Actionbücher stehen- Moment, ich reiche die Tastatur mal an ihn weiter:

“Die Bücher wurden geschrieben von Fabian Lenk, der erste Band heißt “Darklands – Im Reich der Schatten” und der zweite “Darklands – Höhle des Schreckens”. Im Frühjahr 2019 soll auch noch Band III erscheinen, der wird dann “Darklands – Himmel in Flammen” heißen. Der erste Band beginnt, nachdem eine Naturkatastrophe die ganze Erde geschrottet hat. In Blackpool haben sich mehrere Gruppen aus Teenagern zusammengeschlossen, jede Gruppe hat ihr eigenes Revier. Raven, das ist die Hauptperson, ist ein Gruppenchef, er leitet die Deserts. Er hat seine ganze Familie verloren. Auf einmal stürmt eine andere Gruppe ihr Revier und die ganze Gang ist gezwungen, sich in einen Schutzbunker zurückzuziehen. Dann schafft es ein Mann namens Mysticon in den Bunker, obwohl überall Wachen der feindlichen Gang stehen. Mysticon erzählt, dass er Ravens Vater kannte und auch seine Zwillingsschwester, von der Raven gar nichts weiß. Das kommt Raven natürlich komisch vor, aber er hat die ganze Zeit einen Traum, in dem ein Mädchen eine Rolle spielt, ein Mädchen im Meer … Raven hat nur eine einzige Sache von seinem Vater, ein Metallröhrchen, Mysticon sagt, er weiß, wie man es öffnet und was darin ist. Er überzeugt Raven, mit zu seiner Schwester zu kommen – so fängt die Handlung an.

Die Bücher sind sehr kreativ geschrieben, es gibt immer wieder neuen Spannungsaufbau , so dass man immer wieder Lust hat, noch weiter zu lesen. Manchmal wird es auch ziemlich traurig, mir standen einmal sogar die Tränen in den Augen. Es endet aber nicht traurig, eher so, dass man den nächsten Band lesen will. Was natürlich für mich etwas blöd ist, da ich den dritten Band noch nicht lesen kann. Die Bücher sind aber als Geschenk auf jeden Fall empfehlenswert und auch gut, um Kinder zum Lesen zu kriegen. Ich finde, man muss sie haben. Sie sind einfach cool.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, heute natürlich wieder für Jojo. Herzlichen Dank!

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Abendliche Figuren auf ersten Seiten

Mutmaßungen über das Deutschsein.

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Noch etwas weiter im Charles-Dickens-Kontext, ich hatte bisher nämlich erstens noch nicht genug Zeit, die Szene von neulich bis zum Ende zu schreiben, man kommt ja zu nix. Ich habe da also abends diese beiden Herren in viktorianischer Kleidung gesehen, ich berichtete. Dann bog ich um eine Ecke und sah eine Szene, die ein heute lebender Charles Dickens vermutlich auch mit großem Interesse beobachtet hätte. Es hatte sich ein Unfall ereignet, ein Krankenwagen stand auf der Straße vor einer Ampel, blinkende Warnlichter und vorsichtig heranfahrende Autofahrer, erst einmal die Lage einschätzen, was ist da passiert? Fußgänger blieben stehen und machten lange Hälse, Radfahrer stiegen ab. Auf der Straße lag flach auf dem Rücken einer dieser Restaurantlieferfahrer in farbiger Dienstkleidung, sein Rad lag neben ihm, einen Meter dahinter die fröhlich-bunte Lieferbox, die solche Fahrer gewöhnlich auf dem Rücken haben. Die Box war nicht einmal aufgegangen, die lag da wie unversehrt, der Verschluss der Dinger taugt etwas. Ein Sanitäter kniete neben dem Fahrer, hielt eine Hand auf seine Schulter und sprach mit ihm.

Am Straßenrand stand ein Obdachloser in fortgeschritten desolatem Zustand, er zitterte und wankte, auch neben ihm stand ein Sanitäter, hielt eine Hand auf seine Schulter und sprach mit ihm. Ich bleibe bei solchen Szenen nicht stehen und starre die Leute an, ich sah das alles nur im Vorbeigehen, vermutlich war es aber so, dass der Radfahrer mit dem durch den Abend schwankenden Obdachlosen zusammengestoßen ist. Oder fast zusammengestoßen ist. Und wenn man sich fragt, welche Figuren heute bei Charles Dickens vorkommen würden, die beiden wären sicher Kandidaten für eine gegenwärtige Geschichte von ihm, diese beiden und genau dieser Moment ihres Zusammentreffens, der soziale Aspekt war ja kaum zu übersehen, und aus einem Blick auf so eine Szene konnten und können Bücher entstehen. Die zwei Männer würden bei ihm natürlich sofort Namen bekommen, Vornamen und Vorgeschichten und Schicksale, und nach drei, vier Seiten würden sie schon jeweils für eine Gruppe stehen, wären Typen geworden, mit denen es später noch spannend werden würde. Das würde man dann beim Lesen schnell erahnen, nach wenigen Seiten schon, auch wenn die Herren Hauptfiguren in diesem Augenblick, also auf genau dieser Seite des Buchs, noch lediglich herumliegen und -stehen, während rings um sie die Szene erst langsam mit Worten ausgemalt wird und auch sie selbst erst allmählich Konturen und Merkmale bekommen.

Der alte Obdachlose mit dem wirren Haar, der gar nicht sprach, der nur mit weit aufgerissenen Augen entsetzt in den Abend guckte, auf die Lichter des Krankenwagens an der Ampel vor ihm, der da immer weiter den Verkehr aufhielt. Der Mann trug eine Decke über den Schultern, vielleicht hatte der Sanitäter sie ihm gerade gereicht, vielleicht trägt er sie aber auch den ganzen Winter über. Der junge Kurierfahrer, der im Liegen probeweise ein Körperteil nach dem anderen bewegte, der schließlich vorsichtig aufstand und wie ungläubig an sich hinuntersah, alles noch heil, alles noch dran, der dann hinüber zum Obdachlosen sah. Wie gesagt, ich weiß nicht, wie es da weiterging, aber als ich ein paar Minuten und ein paar hundert Meter später das Ende der Straße erreichte, in der die Szene passiert war, überholte mich ein Restaurantkurierfahrer und sah von hinten genauso aus wie der, der da eben noch gelegen hatte, er wird es wohl auch tatsächlich gewesen sein. Der strampelt also schon weiter, dachte ich, ohne Licht und verdammt schnell über eine große Kreuzung zum nächsten Kunden, wie irre ist das denn.

Aber in einer Geschichte würde man das dann selbstverständlich genau verstehen, warum das so weiterging und nicht anders. Das ist nämlich das Gute an Geschichten, man versteht so viel. Wenn man aber einfach nur durch die Straßen geht – man versteht im Grunde überhaupt nichts.

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Zweitens finde ich es gerade sehr schön, dass wir die Weihnachtsgeschichte von Dickens hier ganz ungeplant multimedial im Familienkreis durchgehen, erst als Kinofilm, dann zuhause noch einmal in einer alten Disneyverfilmung mit Dagobert als Scrrooge, dann natürlich als Buch, vor Jahren haben wir das auch schon einmal im Theater gesehen, fällt mir gerade ein. Gestern haben wir die Geschichte in der Bücherei noch als Comic gefunden und Sohn I hat beim abendlichen Vorlesen die passenden Bilder zum Kapitel herausgesucht und Textstellen verglichen, einfach so, aus Neugier, da braucht es überhaupt keinen pädagogischen Ehrgeiz.

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Ich habe den Huxley wieder weggelegt, sein erster Roman war, bei allem Respekt, wirklich nicht sein bester. Ich lese jetzt zur Erholung wie bereits angekündigt Keyserling, “Feiertagsgeschichten”, sehr winterliche Geschichten sind da übrigens dabei. Es gibt wohl wenig Autoren, die den Winter in deutscher Sprache so nebenbei und treffend beschrieben haben wie Keyserling. Drei Sätze und man weiß ganz genau, welches Licht da war, als sie mit dem Pferdeschlitten in den Wald … Ich freue mich da immer wieder drüber. Als ob es einfach wäre, Licht zu beschreiben oder auch nur zu sehen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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