Hungrige Wölfe und junge Hüpfer

Ich übe mit Sohn II Deutsch, unbegreiflicherweise nehmen sie in der 5. Klasse gerade Märchen durch, dabei sind die Kinder da in einem Alter, in dem sie garantiert alle Märchen völlig bescheuert finden, das ist dann doch ein wenig schade. Aber egal, Lehrplan ist Lehrplan, da nützt kein Lamento. Wir machen einen Quiz zu Märchen, es gibt immerhin für alles eine App, und mit einer App macht vieles mehr Spaß. Wen hat der Wolf also zuerst gefressen, den Jäger, das Rotkäppchen oder die Großmutter? Der Sohn überlegt kurz, ich mache nebenbei eine Nachrichtenseite auf, da steht diese Schlagzeile aus Norddeutschland: “DNA-Analyse – Kein Nachweis für Wolfs-Attacke”.

Ich muss über diese Sache mit den Zufällen noch mehr nachdenken. Viel mehr.

***

Erinnern Sie sich noch, als das Kind Kind war, nein, pardon, das war Handke, um Gottes willen, als Sie Kind waren, meinte ich, da sind Sie doch auch manchmal in diesem hüpfendem Gang eine Straße entlang kapriolt, jeder Schritt ein Hüpfer, nicht wahr? Oder war es jeder zweite Schritt? Ich müsste einmal probehüpfen, aber ich habe gerade gegessen und sitze so gut, lassen wir das. Egal, dieser Hüpfgang jedenfalls, Sie wissen schon. Erinnern Sie sich noch an das Körpergefühl, an diese Hops gewordene gute Laune?

Die Herzdame ist gestern am Nachmittag um die Alster gelaufen, Sohn II ist neben ihr hergehüpft, womit wir jetzt auch wissen, dass so ein Kind tatsächlich über sieben Kilometer durchgehend hüpfen kann, das ist doch auch interessant und aus erwachsener Sicht ziemlich schwer vorstellbar. Die Herzdame fand es natürlich ein klein wenig enervierend, zumal der Sohn hinterher im Gegensatz zu ihr nicht ansatzweise außer Atem war, sondern in die Wohnung stürmte und mich fragte, ob ich nicht auch noch etwas mit ihm machen könne?

Vielleicht war ich ja auch einmal so. Wahrscheinlich doch. Aber ich kann mich nicht mehr an das Gefühl erinnern, so dermaßen viel Energie zu haben, das habe ich gründlich verlebt.

***

Und hier noch ein Buchtipp von Jojo (Sohn I), geeignet als Weihnachtsgeschenk für Kinder ab etwa neun oder zehn Jahren, die auf Actionbücher stehen- Moment, ich reiche die Tastatur mal an ihn weiter:

“Die Bücher wurden geschrieben von Fabian Lenk, der erste Band heißt “Darklands – Im Reich der Schatten” und der zweite “Darklands – Höhle des Schreckens”. Im Frühjahr 2019 soll auch noch Band III erscheinen, der wird dann “Darklands – Himmel in Flammen” heißen. Der erste Band beginnt, nachdem eine Naturkatastrophe die ganze Erde geschrottet hat. In Blackpool haben sich mehrere Gruppen aus Teenagern zusammengeschlossen, jede Gruppe hat ihr eigenes Revier. Raven, das ist die Hauptperson, ist ein Gruppenchef, er leitet die Deserts. Er hat seine ganze Familie verloren. Auf einmal stürmt eine andere Gruppe ihr Revier und die ganze Gang ist gezwungen, sich in einen Schutzbunker zurückzuziehen. Dann schafft es ein Mann namens Mysticon in den Bunker, obwohl überall Wachen der feindlichen Gang stehen. Mysticon erzählt, dass er Ravens Vater kannte und auch seine Zwillingsschwester, von der Raven gar nichts weiß. Das kommt Raven natürlich komisch vor, aber er hat die ganze Zeit einen Traum, in dem ein Mädchen eine Rolle spielt, ein Mädchen im Meer … Raven hat nur eine einzige Sache von seinem Vater, ein Metallröhrchen, Mysticon sagt, er weiß, wie man es öffnet und was darin ist. Er überzeugt Raven, mit zu seiner Schwester zu kommen – so fängt die Handlung an.

Die Bücher sind sehr kreativ geschrieben, es gibt immer wieder neuen Spannungsaufbau , so dass man immer wieder Lust hat, noch weiter zu lesen. Manchmal wird es auch ziemlich traurig, mir standen einmal sogar die Tränen in den Augen. Es endet aber nicht traurig, eher so, dass man den nächsten Band lesen will. Was natürlich für mich etwas blöd ist, da ich den dritten Band noch nicht lesen kann. Die Bücher sind aber als Geschenk auf jeden Fall empfehlenswert und auch gut, um Kinder zum Lesen zu kriegen. Ich finde, man muss sie haben. Sie sind einfach cool.”

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

************************

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, heute natürlich wieder für Jojo. Herzlichen Dank!

************************

6 Kommentare

  1. oh ja, die geschichte mit den märchen. mein 5,5 jahre jüängerer bruder, dessen begabungen und neigungen nun eindeutig ausschliesslich auf technischer seite zu finden waren, besuchte die htl, da hatten die (damals ausschliesslich jungs) das zweifelhafte vergnügen, im deutschunterricht – mit 16, 17 jahren – achim von arnim, brentano, goethe (werther, natürlich), lesen und besprechen zu dürfen.

    ich bedauere ihn immer noch. die diversen buchbesprechungen, die ich in aller eile für ihn und seine freunde angefertigt habe, haben die dann an die jüngeren leidensgenossen verkauft, und ich bekam einen grossen, dicken blumenstrauss.

    und ich finde es ziemlich besch…eiden, dass sich da offensichtlich noch immer nix geändert hat.

  2. Lieber Herr Buddenbohm, heute morgen haben Sie mich wieder mitten ins Herz getroffen.
    Mit dem Hüpfen: meine Mutter, viele Jahre alzheimerkrank hatte dabei eine Zeit, die sie ins Kindliche zurückwarf. Wir gingen spazieren und….sie hüpfte.

  3. Kind 1 kam in die Schule, 1. Elternabend, Lehrerin erzählte über die ersten 6 Wochen, unter anderem über das Sitzverhaltern der i-Männchen. Nun ja, meinte: Ein Junge hätte es geschafft, noch kaum auf seinem Stuhl zu sitzen, eher darunter, oder auf dem Tisch. Mein Kommentar, bei einem Gespräch unter 4 Augen mit der Lehrerin: Das war mein Sohn! Ja!
    Die Lehrerin, selbst Mutter von 2 Söhnen, gab mir Hilfestellung: Ihr Sohn muß abends todmüde ins Bett fallen!
    Ich wurde aktiv: Fußballspielen, Schlittschuhlaufen, Fahrradfahren, durch den Wald toben, hüpfen, Kniebeugen, schwimmen usw. usf. Das Ergebnis: Ich viel totmüde ins Bett, Kind 1, war immer noch voller Energie ??

  4. @Sigrid Rother:
    mit aller Vorsicht zu lesen: eine aktuelle Untersuchung in den USA (soll wohl nun auch anderswo gemacht werden) im Zusammenhang mit ADHS und Medikation hat ergeben, dass überproportional die jüngsten Schüler betroffen sind. Daraus resultiert die Frage “woran mag das liegen?“ Vielleicht zu früh eingeschult? Ich bin gespannt, welche Antworten gefunden werden.
    Ob ADHS immer die richtige Diagnose ist wird ja auch schon länger bei uns bezweifelt.

    Es gab mal eine Zeit, da war die Devise, die Kinder möglichst spät einzuschulen: gönnt ihnen das Jahr Freiheit!
    Später wurde das wieder zurückgenommen, wie vieles im Schulsektor Wandlungen unterliegt. Heute top, morgen Flop!

    Meine Erfahrung mit den eigenen Kindern war die, dass ein Sohn sehr früh überaus schulreif war (war immer der Jüngste) und ein anderer das zusätzliche Jahr sehr brauchte. Das habe ich für ihn trotz attestierter Schulreife durchgesetzt und nie bereut.

    Und dass die Kinder abends noch vor Energie strotzen, wir hingegen todmüde ins Bett fallen – Elternschicksal bis zur Pubertät. Dann wendet sich das Blatt und es beginnt die Phase der “Liegenden“.

  5. Als Lehrplanerfüllungsgehilfe stehe ich quasi auf der dunklen Seite der Macht und muss mit den Kindern auch Märchen in der 5. behandeln. Schule ist und bleibt eben nicht gerade progressiv. Daher würde mich brennend interessieren, welche App Sie für gut befunden haben. Dann kann ich das nämlich glatt so übernehmen…

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.