Mutmaßungen über das Deutschsein.

***

Noch etwas weiter im Charles-Dickens-Kontext, ich hatte bisher nämlich erstens noch nicht genug Zeit, die Szene von neulich bis zum Ende zu schreiben, man kommt ja zu nix. Ich habe da also abends diese beiden Herren in viktorianischer Kleidung gesehen, ich berichtete. Dann bog ich um eine Ecke und sah eine Szene, die ein heute lebender Charles Dickens vermutlich auch mit großem Interesse beobachtet hätte. Es hatte sich ein Unfall ereignet, ein Krankenwagen stand auf der Straße vor einer Ampel, blinkende Warnlichter und vorsichtig heranfahrende Autofahrer, erst einmal die Lage einschätzen, was ist da passiert? Fußgänger blieben stehen und machten lange Hälse, Radfahrer stiegen ab. Auf der Straße lag flach auf dem Rücken einer dieser Restaurantlieferfahrer in farbiger Dienstkleidung, sein Rad lag neben ihm, einen Meter dahinter die fröhlich-bunte Lieferbox, die solche Fahrer gewöhnlich auf dem Rücken haben. Die Box war nicht einmal aufgegangen, die lag da wie unversehrt, der Verschluss der Dinger taugt etwas. Ein Sanitäter kniete neben dem Fahrer, hielt eine Hand auf seine Schulter und sprach mit ihm.

Am Straßenrand stand ein Obdachloser in fortgeschritten desolatem Zustand, er zitterte und wankte, auch neben ihm stand ein Sanitäter, hielt eine Hand auf seine Schulter und sprach mit ihm. Ich bleibe bei solchen Szenen nicht stehen und starre die Leute an, ich sah das alles nur im Vorbeigehen, vermutlich war es aber so, dass der Radfahrer mit dem durch den Abend schwankenden Obdachlosen zusammengestoßen ist. Oder fast zusammengestoßen ist. Und wenn man sich fragt, welche Figuren heute bei Charles Dickens vorkommen würden, die beiden wären sicher Kandidaten für eine gegenwärtige Geschichte von ihm, diese beiden und genau dieser Moment ihres Zusammentreffens, der soziale Aspekt war ja kaum zu übersehen, und aus einem Blick auf so eine Szene konnten und können Bücher entstehen. Die zwei Männer würden bei ihm natürlich sofort Namen bekommen, Vornamen und Vorgeschichten und Schicksale, und nach drei, vier Seiten würden sie schon jeweils für eine Gruppe stehen, wären Typen geworden, mit denen es später noch spannend werden würde. Das würde man dann beim Lesen schnell erahnen, nach wenigen Seiten schon, auch wenn die Herren Hauptfiguren in diesem Augenblick, also auf genau dieser Seite des Buchs, noch lediglich herumliegen und -stehen, während rings um sie die Szene erst langsam mit Worten ausgemalt wird und auch sie selbst erst allmählich Konturen und Merkmale bekommen.

Der alte Obdachlose mit dem wirren Haar, der gar nicht sprach, der nur mit weit aufgerissenen Augen entsetzt in den Abend guckte, auf die Lichter des Krankenwagens an der Ampel vor ihm, der da immer weiter den Verkehr aufhielt. Der Mann trug eine Decke über den Schultern, vielleicht hatte der Sanitäter sie ihm gerade gereicht, vielleicht trägt er sie aber auch den ganzen Winter über. Der junge Kurierfahrer, der im Liegen probeweise ein Körperteil nach dem anderen bewegte, der schließlich vorsichtig aufstand und wie ungläubig an sich hinuntersah, alles noch heil, alles noch dran, der dann hinüber zum Obdachlosen sah. Wie gesagt, ich weiß nicht, wie es da weiterging, aber als ich ein paar Minuten und ein paar hundert Meter später das Ende der Straße erreichte, in der die Szene passiert war, überholte mich ein Restaurantkurierfahrer und sah von hinten genauso aus wie der, der da eben noch gelegen hatte, er wird es wohl auch tatsächlich gewesen sein. Der strampelt also schon weiter, dachte ich, ohne Licht und verdammt schnell über eine große Kreuzung zum nächsten Kunden, wie irre ist das denn.

Aber in einer Geschichte würde man das dann selbstverständlich genau verstehen, warum das so weiterging und nicht anders. Das ist nämlich das Gute an Geschichten, man versteht so viel. Wenn man aber einfach nur durch die Straßen geht – man versteht im Grunde überhaupt nichts.

***

Zweitens finde ich es gerade sehr schön, dass wir die Weihnachtsgeschichte von Dickens hier ganz ungeplant multimedial im Familienkreis durchgehen, erst als Kinofilm, dann zuhause noch einmal in einer alten Disneyverfilmung mit Dagobert als Scrrooge, dann natürlich als Buch, vor Jahren haben wir das auch schon einmal im Theater gesehen, fällt mir gerade ein. Gestern haben wir die Geschichte in der Bücherei noch als Comic gefunden und Sohn I hat beim abendlichen Vorlesen die passenden Bilder zum Kapitel herausgesucht und Textstellen verglichen, einfach so, aus Neugier, da braucht es überhaupt keinen pädagogischen Ehrgeiz.

***

Ich habe den Huxley wieder weggelegt, sein erster Roman war, bei allem Respekt, wirklich nicht sein bester. Ich lese jetzt zur Erholung wie bereits angekündigt Keyserling, “Feiertagsgeschichten”, sehr winterliche Geschichten sind da übrigens dabei. Es gibt wohl wenig Autoren, die den Winter in deutscher Sprache so nebenbei und treffend beschrieben haben wie Keyserling. Drei Sätze und man weiß ganz genau, welches Licht da war, als sie mit dem Pferdeschlitten in den Wald … Ich freue mich da immer wieder drüber. Als ob es einfach wäre, Licht zu beschreiben oder auch nur zu sehen.

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

************************

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank!

************************