Die liebe Frau im Walde.

***

Ich gehe nach wie vor sehr viel durch die Gegend, es passiert aber nichts dabei, also fast nichts. Ich sehe keine Szenen, die ich im Blog lang und breit beschreiben könnte, ich erlebe keine halben Geschichten, ich fange nicht einmal bemerkenswerte Dialoge im Vorbeigehen auf, es gibt gerade eine kleine Flaute. Die liegt vielleicht auch am Wetter, es gibt da draußen nämlich gerade ein äußerst langweiliges Großstadtgrau mit mauer Temperatur, nicht warm, nicht kalt, dazu ein gelegentlicher hauchdünner Nieselregen, den kann man nicht einmal als typisch hamburgisch oder norddeutsch bezeichnen, den kann man nur ex negativo definieren, der ist einfach nur kein gutes Wetter. Die Stadt sieht im Licht dieser Tage unschön aus, unfotogen, dreckig, verkommen und verbaut, wobei die an den Straßenrändern liegenden Tannenbäume eine fein deprimierende Note ergänzen, wie sie da abgetakelt zurückgelassen wurden, wie sie nadeln und nass werden, vorbei die ganze Herrlichkeit. Nächste Woche werden sie alle abgeholt.

Im letzten Jahr lag der erste Tannenbaum hier bereits am Abend des 24.,12. vor der Tür, er war nicht einmal richtig abgeschmückt. Der war sicher Teil einer dramatischen Geschichte, Familienkrach für Fortgeschrittene oder so etwas, da ist Weihnachten irgendwo gründlich an die Wand gefahren worden. In diesem Jahr verläuft aber alles in geregelten Bahnen, die ersten Bäume lagen erst kurz vor Silvester auf dem Fußweg. Jetzt werden es zügig mehr und mehr, an manchen Ecken wurden schon drei, vier übereinander geworfen. Über Nacht machen sie sich selbständig und liegen am Morgen im Weg und auf den Straßen, die winterlichen Tumbleweeds der deutschen Gemütlichkeit.

Zwischendurch fahre ich kurz mit der U-Bahn, da sitzt mir ein älterer Mann gegenüber, der ist dann doch bemerkenswert. Markantes Gesicht, stechender Blick. An der einen Hand ein Ring, bei dem man dreimal hingucken möchte, ein goldener Widderkopf in einer Größe, die das an einem Ring erwartete Normalmaß erheblich übersteigt, sagen wir ruhig pflaumengroß, es ist nicht übertrieben. An der anderen Hand trägt er auch einen Ring, auf dem steht ein eiserner Würfel, Kantenlänge locker 4 cm. Vielleicht habe ich noch nie einen Menschen gesehen, der so große Ringe trägt, das kann sein. Wäre ich in einem Fantasyroman und dieser Herr würde sich mir gegenüber hinsetzen und mich so durchdringend ansehen, wie er es getan hat, während ich krampfhaft versuche, nicht die ganze Zeit diesen wirklich vollkommen abgefahrenen Widder und den Eisenwürfel anzustarren, wäre ich also in einem Fantasyroman an genau dieser Stelle, wo unsere Blicke sich treffen und er die Augenbrauen langsam etwas hebt – es würde mit großer Sicherheit auf den nächsten Seiten verdammt spannend werden.

Ich bin aber nicht in einem Fantasyroman, ich bin nur in einem Blog, daher wird das hier einfach nur ein Eintrag von vielen und morgen gibt es ein anderes Thema. Was ein Glück.

Aber apropos auffällige ältere Männer. Wenn Sie Kinder haben, dann kennen Sie vielleicht das Buch “O je, du fröhliche” vo Raymond Briggs, über einen Weihnachtsmann, der mit seinem Job gar nicht so zufrieden ist, der z.B. dauernd über das verflixte Wetter schimpft? In der radiologischen Praxis saß gestern ein Mann im Wartezimmer, der hatte genau das Gesicht dieses Weihnachtsmannes. Er war nicht ganz so beleibt, er war etwas abgemagert, aber zu erkennen war er doch. Ich bin recht sicher, dass er das war, denn dieses Buch habe ich unseren Söhnen ziemlich oft vorgelesen, die Bilder haben wir zu jedem Weihnachtsfest gemeinsam betrachtet, so etwas prägt sich ein.

Falls Sie sich also fragen, was der Weihnachtsmann nach den Feiertagen eigentlich so macht: Er geht zur Strahlentherapie in Hamburg-Altona. Wollen wir hoffen, dass es hilft, sonst gibt es im Dezember ein Problem.

***

Musik! L.A. Salami.

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

************************

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

************************