Restwintermüdigkeit

Auf dem Rückweg von der Arbeit komme ich an einem Discounter vorbei, dort werden gerade drei Männer aus Osteuropa vom Gelände vertrieben, auf dem sie angetrunken herumhängen, und weil wir in seltsam enthemmten Zeiten leben, werden sie dabei mit “Dreckspolacken” angebrüllt.

Als ich neulich bei einer Veranstaltung zum Dritten Reich und den Folgen war, wurde übrigens erwähnt, was fast immer erwähnt wird, nämlich dass die letzten Zeitzeugen sterben, wozu sich eine sehr genervte Peggy Parnass zu Wort meldete: “Ich kann das nicht mehr hören. Wir sind hier alle Zeitzeugen! Jetzt!”

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Ansonsten bin ich mit dem Wetterbericht nicht einverstanden, ich bin jetzt auf Frühling eingestellt und mit Minustemperaturen, Sturm und dergleichen muss mir keiner mehr kommen, alles unter zweistelligen Temperaturen ist im Grunde indiskutabel. Wie immer zu dieser Jahreszeit überkommt mich im ausgelaugten Restwinter eine große, eine unfassbar große Müdigkeit, ich bin so müde wie der Winter selbst, ich könnte jederzeit und überall schlafen, viel und tief und gründlich. Ich stehe morgens mit Bedauern auf, ich verlasse gegen inneren Widerstand die Wohnung, ich sitze unter Protest im Büro, ich bekoche abends widerwillig die Familie, ich gehe mit dem belastenden Wissen ins Bett, dort garantiert nicht lange genug bleiben zu können. Ich will nur eines, ich will herumliegen, am besten tagelang und ungestört. Ich erreiche dabei Dimensionen der schlechten Laune, die nie ein Mensch … Neulich hat mich ein Sohn versehentlich gesiezt. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Na egal, das gibt sich schnell und nachhaltig mit steigenden Temperaturen und im April wird sowieso einiges anders, dazu später. Aus therapeutischen Gründen wurde derweil aber auch ein Helgolandbeschluss gefasst. Sonneninsel und so.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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3 Kommentare

  1. Und dass an einem so trüben Tag bei Ihnen Peggy Parnass auftaucht, und das Offensichtliche sagt, das ist ein bisschen tröstlich.

  2. Das einzige was mich an so Tagen aufrecht hält, ist das unbändige Jubeln der Amsel morgens im Innenhof.
    So ein Enthusiasmus ist unschlaggbar.

    Ps: Auch wenn er nicht von allen Familiemitgliedern geschätzt wird: „Papa. Laut! Vogel leise sein. Schlafen!“

  3. Ich verehre sie seit langem, die großartige Peggy Parnass. Und natürlich hat sie recht: Wer Augen hat und Ohren ist Zeitzeuge! Jetzt!

    Deshalb verstehe ich den genervten Einwurf als Appell, auf der Hut zu sein!

    Dass die Stimmen der Zeitzeugen der Naziherrschaft nicht verstummt sind, ist ganz wesentlich auch ihrem jahrzehntelangen Engagement zu verdanken.

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