Über Wurzeln. Was fehlt: Wöddeln.

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Kaum sind wir in Nordostwestfalen angekommen, verschwinden die Söhne schon auf einem Baum, um oben an einer Bretterplattform zu arbeiten. Die war vor Jahren mal ihre, jetzt ist sie längst morsch geworden. Die kleinen Kinder der Nachbarn wollen aber gerne da hinauf, also müssen die Söhne als Größere etwas Einsatz zeigen, damit das klappt und niemand runterfällt, Generationenwechsel in klein. Es hämmert aus der Baumkrone, Sägegeräusche, fallende Bretter. Die Sonne scheint und es grünt und blüht. Die Katzen und der Hund werfen im Vorbeigehen Blicke zum Baum, was ist das für ein Radau? In den Nistkästen an der Garage wohnen Finken und Spatzen, die haben wohl schon elterliche Pflichten und für nichts Zeit, ein einziges Hin und Her, man kennt das.

Fliegen landen auf dem Rhabarberkuchen, es sind Schmetterlinge in der Luft und alles riecht blumig, das ist ein Frühsommerszenario, das hier aufgeführt wird, ein Bullerbü-Ausschnitt. Später sitzen die Söhne mit den Nachbarkindern in der Wiese und sie üben, auf Grashalmen zu musizieren, nur die blonden Haare sind zu sehen. Das könnte man glatt so verfilmen, Lasse, Bosse, Lisa und wie hießen die noch. Sie wissen schon. So etwas erfreut den Betrachter, also mich, da finden mindestens zehn Minuten Erholung statt, die werden auch benötigt. Es dürften auch gerne noch zehn mehr werden, aber mit Hoffnungen ist es so eine Sache, ich bin da im Moment vorsichtig.

Ich sitze im Garten und lese einen Band isländischer Erzählungen, in denen ist es viel kälter als hier, das erfrischt ungemein, denn an diesem Gartentisch ist es doch tatsächlich schon geradezu heiß in der Sonne. Obwohl – nein, erfrischt ist nicht das richtige Wort:

Wenn man etwas über die Stadt Reykjavik sagen kann, dann am ehesten, dass sie hässlich, dunkel und böse ist, ja, eine regelrechte Blüte des menschlichen Elends, bereit, das Schlechteste in jenen Unglücksraben hervorzuheben, die sich in ihrem Netz verheddert haben. Aber die Schuld dafür liegt nicht allein bei der Stadt selbst, sondern auch bei den Wintern, welche sich auf sie stürzen, als ob sie sich aus der eiskalten Magengrube des Himmels ergössen: nach Eisen riechend, mattgrau und von Zeit zu Zeit geschmückt mit jenen Ungeheuerlichkeiten, die Nordlichter genannt werden und gleichwohl nichts anderes sind als der Tod – blinde Spasmen der Gedärme, ein lila Leuchten im toten Himmelsband.” (Steinar Bragi: Die Geschichte vom Dienstag, übersetzt von Samuel Spycher)

Na, das hat doch was. Dazu Bienengesumm, vorbeihelikopternde Hummeln, Vogelsang und knallblauer Himmel.

Nicht weit vom Baumhaus liegt das, was hier zum Osterfeuer werden soll, der Stapel ist viel höher als sonst, da trifft es sich gut, dass der Bruder der Herzdame neuerdings Feuerwehrmann ist und sich auf Brandbekämpfung und Menschenrettung versteht. Sehr beruhigend.

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Es folgt traditionelle und saisonal korrekte Musik.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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