In dem neulich erwähnten Buch “Nordsee” von Tom Blass (Deutsch Tobias Rothenbücher) habe ich drei Wörter gefunden, es sind die hier titelgebenden gro, gula und gritten, die klingen ein wenig nach mittelalterlichem Zauberspruch oder nach einem Fluch aus einem Fantasy-Roman, nach einem irgendwie bannenden Satz, in einer Hütte über einem Kessel gemurmelt, während von West dunkle Wolken heranziehen. Es sind aber Begriffe aus Norn, einer längst untergegangenen Sprache, die auf den Shetlandinseln gesprochen wurde. Sie klingen also nach dem alten Norden, der so oft als Vorlage für Fantasy-Fiction genommen wird, wobei “klingen” natürlich gar nicht passt, denn wir wissen ja nicht, wie sie korrekt ausgesprochen wurden, die drei.

Sie bezeichnen zunehmende Windstärken, leider stand nicht dabei, in welcher Reihenfolge. Ich stelle mir vor, dass gritten für windig steht, und windig wird es auf den Shetlandinseln so gut wie immer sein, immer gewesen sein, gritten ist also normal. Es fällt nur auf, wenn es nicht gritten ist, dann stimmt da etwas nicht, das kennt man auch aus Nordfriesland und von den Inseln dort, wenn es da windstill ist, dann sagen es alle, so sehr fällt das auf: “Windstill heute, was?” “Jo.” Gritten ist windig, gritten ist frisch und richtig. Gula ist dann schon ein handfester Sturm, da weht schon einiges durch die Gegend, da sieht es für Schiffe schon ziemlich schlecht aus, da geht man freiwillig auch nicht mehr unbedingt raus, und wenn man sich die längst verblichenen Sprecher des Norn als eher maulfaule Menschen vorstellt, dann haben sie an einem stürmischen Tag nichts anderes gesagt als ein geknurrtes “Gula!” nach einem morgendlichen Blick aus dem Fenster auf das Dreckswetter. Gula versaut einem den Tag, jedenfalls, wenn man draußen etwas vorhatte, und man muss ja nach den Schafen und Pferden sehen.

Gro schließlich ist der Extremfall, der Orkan, der Sturmflutenbringer, der wahre Unhold von Sturm, von dem man sich noch lange erzählt, der Berserker von Wind, der Dächer, Häuser, Schiffe und Mannschaften mit sich nimmt, und wie gut bitte passt da diese eine Silbe. Gro! Mit gerolltem R, es kann doch gar nicht anders sein.

Theoretisch könnte die Reihenfolge auch andersherum sein, schon klar, aber das passt dann nicht so schön, finde ich.

Gro, gula und gritten. Ich bin ganz verliebt.

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Auf der Straße in Hammerbrook kommt mir eine Frau entgegen, die spricht unentwegt vor sich hin. Eine dieser Verrückten ist das, die den ganzen Tag reden, davon gibt es viele in Großstädten. Sie ist nicht verwahrlost und heruntergekommen, es hat sie einfach nur von innen zerrissen, die Fassade steht noch. Wild gestikulierend und keifend geht sie da entlang und redet mit ihren eigenen Geistern. Sie zischt die Laute in “Pisse” und “Scheiße”, Spucke sprüht, sie benutzt diese Ausdrücke immer wieder und voller Wut, nein, voller Hass, voller rot glühendem Hass. Sie schimpft auf irgendwen oder auf irgendwas, wer weiß, es ist dem Wortschwall nicht zu entnehmen, die Sätze gehen wild durcheinander und mit der Grammatik ist es auch so eine Sache, vermutlich aber ist die ganze Welt ganz außerordentlich verdammungswürdig. Die Menschen sehen kurz hoch und machen lieber einen Bogen um sie. Sie droht den Passanten mit der Faust und ruft ihnen nach, dass sie sich ja verpisssen sollen, das Wort hat sechs oder mehr S, wenn sie es ausspricht, wenn sie es unter hohem Druck auszischt, sie wiederholt es jeweils mehrmals und auf den ersten Blick nimmt man schon wahr, wie anstrengend dieser immer weiter sprudelnde Hass für sie sein muss. Sie legt ihre ganze Energie in die Beschimpfungen, und wenn sie das den ganzen Tag macht, das zehrt.

Sie geht die Straße entlang und sucht Angriffsziele, sie geht auf einen Menschen zu, dann auf den nächsten, dann bleibt sie vor einem Plakat mit unverschämt lachenden Menschen darauf stehen, die sollen sich gefälligst auch verpissen, so eine Scheiße, was grinsen die da. Es kocht, es gärt und brodelt in ihr, und im umkurvenden Vorbeigehen denkt man sich kurz: “Na, wenigstens ist sie gerade nicht online.”

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Musik! Hurra, die Welt geht unter, gehört neulich auf der Fridays-for-future-Demo.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank.