Die Fortsetzung zu diesem Artikel.

Wir standen also vor “Happy Bowling”, vor einem großen Flachbau. Der Sohn war sehr irritiert, ich nicht ganz so, denn ich kannte den Anblick schon aus dem letzten Jahr, als ich mit T. dort entlang gewandert war und wir genau da auch schon staunend stehen geblieben waren. Die Anlage ist groß, vermutlich ist sie auch unter Berücksichtigung von Bowlingbahnvergleichmaßstäben ziemlich groß, wobei ich mich da allerdings nicht auskenne, es ist eher ein Gefühl. Man erkennt nicht gleich, ob es sich um eine Anlage handelt, in der abends noch etwas los ist, oder ob die Bahn seit Jahren, vielleicht sogar seit vielen Jahren schon geschlossen ist. Die Außenanlage ist etwas ungepflegt, der Zaun ist etwas unschön. Die Schilder am Zaun sind merkwürdig aus der Zeit gefallen, das Gebäude wirkt zumindest tagsüber auf den ersten Blick eher verlassen.

Auf Jahr- und Weihnachtsmärkten werden diese Frühstücksbrettchen verkauft, in die jemand auf Wunsch Schriftzüge hineinbrennt, “Beste Mama” oder “Benny” oder “Lara-Mia” oder so etwas, am Zaun der Anlage hing ein großes Brett, in das hatte jemand “Gutes Essen” gebrannt. Die Schrift war etwas ungelenk, das Brett war aber immerhin korrekt ausgesägt und abgeschliffen, das Ganze war auf eine Art rustikal, die mich vage an die Achtziger erinnerte. “Gutes Essen”, es wirkte auf mich nicht recht überzeugend. Es hingen noch weitere Bretter da, die bewarben Musik und Spaß, wobei die beiden Aspekte dort wohl in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen sollen. Über der Anlage lastete mittägliches Schweigen, die Luft flimmerte über dem Hof. Womöglich wirken alle gerade geschlossenen Bowlingbahnen deprimierend, das kann sein, ich müsste mehr davon sehen, um es beurteilen zu können. Der Sohn neben mir staunte gar nicht wegen der Schilder, merkte ich nach einer Weile, der staunte wegen der schwarzen Plastikgartenmöbel, die auf der Terrasse vor der Anlage standen. Die kontrastierten nämlich so auffällig mit den roten Geranien an der Terrassenbegrenzung, dass es für ihn nach der Dekoration für eine Trauerfeier aussah. Woraufhin ich minutenlang nicht mehr ansprechbar war, weil ich mir dringend eine Trauerfeier in einer riesigen Bowlinganlage vorstellen musste, und das waren kinotaugliche Bilder, fand ich. Es war ringsum kein Mensch zu sehen, kein Tier, nichts rührte sich, zu hören waren weiterhin nur ab und zu die Schreie der Menschen in den Achterbahnen hinter uns. “Der Fluch von Novgorod”, sagte der Sohn kenntnisreich, denn Kinder haben ein erstaunliches Wissen, was Achterbahnen betrifft, auch wenn sie sie noch nie gesehen haben. Dann sagt er noch, dass wir ja wandern wollten, nicht in den Freizeitpark. Ganz leise sagte er das und nickte entschlossen.

“Aber da gehen wir dann auch irgendwann hin?”

“Selbstverständlich.”

Hinter “Happy Bowling” ragt etwas auf, das ist aus Beton. Da stehen mehrere riesige Türme in unglaublich hässlichen und stark verblichenen Krankenhauswandschrankfarben. Der Sohn sagte nach eingehender Betrachtung, dass diese Ungetüme sicher zu den hässlichsten Häuser zählten, die er je gesehen habe, und nach einer Weile korrigiert er sich sogar, denn das hier waren klar die hässlichsten Häuser, da fiel ihm kein Vergleich mehr ein. Er fand sie so schlimm, dass ich ihn hier wörtlich zitieren muss: “Da drin kann man nur kotzend überm Klo hängen. Das sieht aus wie aus kaputten Containern gestapelt, das ist richtig, richtig schlimm.”

Widersprechen konnte ich da nicht, auch wenn ich etwas sah, was er nicht sah, es taugte allerdings nicht zum bekannten Spiel. Denn ich sah im Gegensatz zu ihm die Siebziger Jahre und ich sah, wie das da einmal gemeint war und wofür es stand, das konnte er natürlich alles nicht wissen. Wobei man sich bei dieser Betonuntat nur schwer vorstellen kann, dass sie einmal bedeutend eleganter, netter oder fröhlicher gewirkt haben kann, schon der Gedanke, dass das einmal modern war, er fällt ungemein schwer. Man kann auch diese unfassbaren Farben nicht mehr erfolgreich zurückrechnen auf Töne, die einmal halbwegs schön gewesen sein sollen, das gelingt einfach nicht. Man kann sich nur mit viel Fantasie mehr Leben um das Gebäude herum vorstellen, viele, viele Besucher, Kinder, Familien, Geschrei, aufblasbare Tierchen, Luftmatratzen, Strandleben davor und Sonnenöl in der Luft, es wird doch einmal so gewesen sein, es wird einmal funktioniert haben. Im letzten Jahr stieß T. mich vor den Türmen an und zeigte auf einen älteren Mann, der an uns vorbeiging. Auf seinem T-Shirt stand “Paradise Lost”. “Das glaubt einem wieder kein Mensch”, sagte ich zu T., “das ist das Dumme an dieser Wirklichkeit.” T. und ich sahen uns immer wieder um und sagten mehrfach “Das gibt es doch nicht”, und das ist auch genau das, was einem vor dieser elenden Betonburg mit großer Sicherheit zuerst einfällt. Ein so deprimierender Bau, er kann eigentlich nur ausgedacht sein. Das ist Kulissenbau für Fortgeschrittene, Kulissen in einer schier wahnwitzigen Dimension. Auf einem Balkon in halber Höhe des ersten Turms stand eine alte Dame, die hatte etwas an, das man früher als Hauskittel kannte. Sie fegte ihren Balkon mit langsamen, sich endlos oft wiederholenden Bewegungen, an deren Sinnhaftgkeit entschieden zu zweifeln war, dann sah sie herunter zu uns und starrte uns an.

Rechts die Bowlingbahn, hinter uns der Freizeitpark hinter hohen Büschen, vor uns der monströse Bau. Nur ein paar Schritte weiter war schon wieder alles ganz anders und wir standen erneut irritiert vor skandinavisch anmutenden Ferienklötzchen. Die Klötzchen waren Holzhäuser, man kann sie sicherlich mieten und sie liegen dort auf einer Wiese herum, dicht an dicht, ein wenig zu dicht vielleicht. Sie sehen weitestgehend alle gleich aus, als wären sie von einem riesigen Laster gefallen, der direkt aus der Fabrik kam, dann hat man sie einfach so liegen lassen. Vor diesen Ferienklötzchen liegt die Steilküste, die ist nicht sehr hoch an dieser Stelle, aber doch so hoch, dass es keinen direkten Strandzugang gibt, da muss man erst ein Stück weiter gehen. Hinten bei den Betontürmen kommt man runter, also nicht nur seelisch, auch zum Strand. Auch zwischen diesen Klötzchen rührte sich kein Leben.

Wer auch immer die mietet, der fährt da vielleicht gar nicht für einen Strandurlaub hin, dachte ich. Es hing kein Handtuch irgendwo, es lag auch kein Kinderspielzeug herum, kein Schlauchboot oder sonst etwas in der Art lag auf dem Rasen, es war aber doch die beste Ferienzeit. Ob die Leute, die sich dort einmieten, ihr Gepäck da einstellen und dann stracks im Freizeitpark verschwinden? Wo sie dann in einer Gründlichkeit Achterbahn fahren, die ich mir mangels Interesse an so etwas überhaupt nicht vorstellen kann? Ich weiß es nicht.

Der Weg führt an der Abbruchkante der Steilküste entlang durch eine üppig blühende Blumenwiese. Ich erkannte nicht, was da blühte, aber es sah sehr gut aus. Hervorragend sah es aus, lieblichste Natur geradezu, was aber sicher auch daran lag, dass alles andere eher seltsam aussah. Die über den Büschen aufragende Achterbahn, die fahlen Betontürme, die genormten und wie gerade erst fertig gestellt wirkenden Ferienklötzchen auf der streng umzäunten Wiese. Urlaub in den Siebzigern, Urlaub heute, das liegt da so direkt nebeneinander wie von Museumspädagogen didaktisch klug hingestellt, gucken Sie mal, vergleichen Sie doch mal, verstehen Sie die Entwicklung? Durch Blumen geht man davon weg in Richtung Neustadt und wenn man sich umdreht, dann sieht man noch das große Betonunglück. Wir drehten uns oft um und staunten, wie unfassbar lange man es sehen konnte. Da war vor uns längst komplett freier Blick, da war ein netter Wanderweg, rechts die ruhige Ostsee, links die Äcker.

Doch, das ist ein ganz schöner Weg da, den geht aber kein Mensch. Ich habe weder im letzten noch in diesem Jahr mehr als zwei, drei Menschen dort getroffen. Einer davon war allerdings irre, man soll ja etwas zu erzählen haben.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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