Wenn Sie zum Optiker gehen

In einem Kaufhaus stehen drei Damen hinter mir auf der Rolltreppe, während wir an irgendwelchen modischen Accessoires vorbeifahren, nein, über sie hinweg fahren. Die Damen sehen, ohne das übermäßig kritisieren zu wollen, ganz so aus, als hätten sie ein ebenso bedeutendes wie auch ausgereiztes monatliches Budget für Accessoires. Die eine zeigt der anderen irgendetwas, eine Handtasche oder was weiß ich, und dann sagt sie, dass es die woanders auch in einer anderen Version gäbe, und zwar in, hier wird es jetzt heikel, weil Sie im Kopf bitte eine etwas albern französische Aussprache einstellen und das Folgende unbedingt auf der zweiten Silbe betonen müssen, Python. Also gesprochen wie Flakon oder Macron, das Muster war also schlangenhaft Python, mit einem stark nasal betonten weltfraulichen Abgang am Ende des Wortes.

Es ist nun vielleicht nur meiner mangelnden modischen Bildung geschuldet, dass ich das Wort so noch nie gehört habe, das will ich gar nicht ausschließen. Vielleicht war es aber auch einfach ein fortgeschritten affektiertes, ungeheuer albernes Wort in dieser Aussprache, zumindest klang es für mich so, ein sofort hassenswertes Wort mit zweifelhaftem Schickeria-Charme, das ich natürlich nur wieder loswerde, wenn ich es selbst irgendwo anwende, also gesprochen, versteht sich, nicht nur im Blog.

Ich muss also dringend etwas nachfragen, das es auch in der Ausprägung Python geben könnte, ich überlege noch, was das sein kann.

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Nach wie vor lese ich ab und zur Entspannung den Polizeibericht Nordfriesland, weil ich es mag, mit welchem Ernst dort vermeldet wird, dass ein Zug wieder wegen der Schafe auf dem Gleis Verspätung hatte. Diesmal waren aber Kühe die Täter, sie lungerten abseits ihrer Einfriedung auf Schienen herum und es kam, vermutlich ohne Tatütata, die Polizei. Und dann, ich zitiere: “Drei Tiere traten freiwillig den Rückweg an, eine Kuh musste durch den angerufenen Tierhalter getrieben werden.”

Was mich zur Frage bringt, man kann ja über alles mal nachdenken, ob es am Ende nicht nur bei Menschen stets etwa 25% Renitenzlinge und Quertreiber in der Gesellschaft gibt, sondern am Ende bei allem, was lebt?  Wutameisen und besorgte Bienen und abgehängte Kühe und immer so weiter, wo man auch hinblickt, ein Viertel ist schwierig.

Ich würde das auch näher erforschen wollen, habe hier aber nur Stadttauben als Beobachtungsobjekte zur Verfügung, und das ist gar nicht so einfach, da ein Viertel zu bestimmen.

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Eine Mitteilung für den Freundeskreis Zufall noch, die Meldung nämlich, dass ich diese Woche gewonnen habe. Gegen meinen wunderbaren Zufall werden Sie nicht mehr ankommen, auch wenn die Woche noch Tage übrig hat, mein Zufall ist wunderschön, dezent ist er auch, ganz klein eigentlich, aber so fein und sachte humorig, ich kriege mich gar nicht mehr ein.

Und zwar war es wie folgt. Ich gehe da so die Straße entlang und höre ein Hörbuch, es handelte sich, obwohl das gar nicht zur Erhellung der Sache beiträgt, um “Die Bullet-Journal-Methode” von Ryder Carroll, gelesen von Julian Mehne. Wobei ich mich für die Methode des Bullet-Journals nur ganz am Rande interessiere, aber es geht da ja auch um Notizen, und das wiederum interessiert mich sehr.

Ich ging gerade zu meiner Optikerin, ich war noch etwa zehn Meter von ihrem Geschäft entfernt und im Text hieß es da gerade: “Wenn Sie zum Optiker gehen …”

Und dann dieser Bruchteil einer Sekunde, in dem ich mich unwillkürlich fragte, ob mein Hörbuch mich beobachtet, subtile Paranoia will eben auch nur geweckt werden.

Also ich fand das grandios.

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Musik! Dota Kehr, Alin Coen, Mascha Kaléko

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

13 Kommentare

  1. Ich stelle Sie mir gerade vor, mir Ohrhörern in den Ohren, den Text vom Optiker hörend, die Mimik und vielleicht den Schritt verhaltend. Den Gesichtsausdruck hätte ich gern gesehen *stutz*

  2. Sie Schlingel. Natürlich musste ich „Handtasche Python“ googlen, und da sieht man nichts Schönes. Aber vielleicht mögen Sie Ihre nächste Brille in Pythong?

  3. Vielleicht hilft ja dies:
    „Schade, daß Pythón nicht brennt.“

    (Hab mich sehr über die Besorgten Bienen beömmelt.)

  4. Könnte vielleicht eine Handtasche von (Louis) Vuitton gemeint sein? Das klänge zumindest sehr ähnlich.

  5. Hier dann auch nochmal (eben schon auf FB, aber da will ich ja gar nicht mehr kommentieren). Lustig, „Python“ irritiert mich gar nicht. Hier gibt es nämlich ein Überangebot an Schlange: sogar in „echt“ (véritable) in „falsch“ (imitation oder effet python), „gedruckt“ („python imprimé“) – das können Handtaschen, Koffer, Schuhe, Gürtel sein. „Gedruckt“ gehen natürlich auch Stoffe, Halstücher, Blusen oder Kleider … der Phanatsie sind da fast keine Grenzen gesetzt; wie wärs mit einer Kravatte imprimé python? 😉

  6. Ganz großes Theater im Kopfkino und lautes Lachen heute bei Ihrem Text. Vielen Dank! Für Pythón fällt mir noch das Einstecktuch fürs Sakko und gern auch die Männersocke ein (nicht zwingend gleichzeitig mit dem Einstecktuch zu tragen), die dezent unter der schwarzen Anzugshose hervorlugt. Besonders wirkungsvoll, wenn sich der Herr in einer Businesskonferenz hinsetzt, vorsichtig die Bügelfalte im Kniebereich etwas hochzieht und dann allen Gesprächspartnern die Pythón-Socken zeigt. Da ist sofort Vertragsunterzeichnung fällig.

  7. Ein Blouson in Python! Danke für denText – auch wenn ich mir wünsche, das Wort nie gelesen zu haben…

  8. In meinem Austauschjahr in Großbritannien haben die Französinnen immer Python gesagt, was so viel wie „Mist“ im Deutschen bedeutet, um das schlimme Wort merd* nicht verwenden zu müssen.

  9. Ich wollte es jetzt genau wissen und habe bei leo.org die deutsche Aussprache nachgehört – und tatsächlich sagen die dort auch total affig nasal „Pötong“ mit Betonung auf der 2. Silbe (das ist nicht einmal französisch, denn dort wird es „pitong“ gesprochen). Ich weiß nicht, woher die von Leo das haben, in meiner Umgebung sprechen die Leute von „Püton“, mit Betonung auf der 1. Silbe (wenn sie denn überhaupt mal davon reden).
    Sehr seltsam das alles und danke für die Gelegenheit, mich wieder mal zu wundern!

  10. Wenn ich mal kurz klugscheißen darf: die Französinnen sagen nicht „Python“ [pühtohn + nasal] sondern „Putain“ (Pühtäh + nasal], das ist ein schlimmes Wort für Prostituierte und deutlich vulgärer als Merde, wird hier aber sehr häufig verwendet. Wenn man es sagen, aber gleichzeitig höflich bleiben will, kann man es mit „Pu …“ beginnen lassen und sagt dann „rée“, also Purée [Pühree], meint Püree 😉 . Statt „Merde“ sage ich meistens „Mince“ oder „Mince alors!“ [Mähnss + nasal + ahlohr + offenes O], klingt anfangs ähnlich wie Merde ist aber so etwas ähnliches wie „Menno“.
    Aber vielleicht haben die Damen tatsächlich gesagt, „Putain, ist diese Handtasche teuer!“ Das käme hin. 😀 Ich habe eben auf der Rue d’Antibes in Cannes Birkenstock Schuhe in Leoparden- und Tigerfellimitat gesehen und in „Effet Python“. So viel von der Côte d’Azur. Bonne soirée!

  11. Und da hatte ich dieses Schulfreundin, die einen Hang zur Vornehmheit hatte, Die hat den Namen von Ephraim Kishon immer französisch ausgesprochen. Also „Kischong“ mit Betonung auf der zweiten Silbe.

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