So. Wo war ich? Wobei, das ist auch egal. Als ich neulich in diesem Herforder Freizeitbad das Buch über Meditation gehört habe, gab es da eine vollkommen ernst gemeinte Stelle, bei der ich vor Lachen erst einmal auf Pause drücken musste, ich hätte sonst absatzlang nichts mehr verstanden. Ich könnte auch jetzt noch anfangen zu lachen, schon wieder zu lachen, wenn ich nur daran denke. “Wo auch immer du hingehst”, so wurde da vorgelesen, “wo auch immer du hingehst – da bist du dann.”

Dass ich da lache, das ist natürlich nur meinem furchtbaren Banausentum in Sachen Meditation und Gegenwart und Hier und Jetzt und allem geschuldet, denn wahr ist der Satz, da kann man überhaupt nichts einwenden. Wo du auch hingehst, da bist du dann. Jo, Digger. Es ging selbstverständlich darum, dass man da dann auch bitte ganz sein soll, volle Möhre bewusst und achtsam und alles, es liegt mir im Grunde auch fern, das ignorant abzuwerten, nur weil ich da kein Topchecker bin und mehr zu den Getriebenen, den Hektikern und Ungeduldigen gehöre, nur weil ich also selbst vielleicht nicht ganz da bin. Was heißt vielleicht, ich bin es nicht, so viel steht mal fest.

Ich habe manchmal das etwas seltsame Gefühl, bevor ich irgendwo wirklich sein könnte, müsste ich erst zwei, drei Sachen zu Ende denken. Vielleicht sind es auch drei oder vier, fällt mir dann ein, und wenn ich länger darüber nachdenke und gerade Zeit habe, dann werden es auch schnell noch wesentlich mehr, so viele werden es, das geht bis hin zur Staubildung im Geiste. Als hätte ich seit irgendwann etwas nicht beendet im Hirn, als sei da ein Prozess hängengeblieben, also nein, eben nicht nur einer. Wenn ich das zeitlich zurückverfolge, was da so herumkreist, dann lande ich etwa im Jahr 2015. Das hat zum einen private Gründe, die hier dummerweise nicht verhandelt werden, das hat zum anderen politische Gründe, denn mir geht es wie vielen Menschen, die etwa seit 2015 dauernd und zunehmend genervter “Moment mal!” rufen möchten, weil erstens alles zu schnell geht, weil es zweitens alles gar nicht richtig läuft und weil es drittens nirgendwo vernünftig erklärt wird und bitte sehr, das habe ich jetzt so raffiniert formuliert, da können Sie sich mit jeder beliebigen politischen Haltung dahinter klemmen, nicht wahr, so ist es doch.

Das Private stört mich dabei im Grunde viel mehr als das Politische, es zehrt auch wesentlich mehr und überfordert mich gründlicher, aber das Politische nervt schon auch, to say the least. Ich habe eine ganze Weile auf Texte gewartet, die mir etwas geradebiegen konnten, die kamen aber nicht. Ich dachte, es würde irgendwo etwas Plausibles erscheinen, eine allgemeine Weltformel für die Gegenwartspolitik, so etwas in der Art, das gab es aber nicht. Ich habe mich danach auch eine Zeit mit Medienkritik beschäftigt, mit dem mir manchmal eklatant erscheinenden Versagen der Medien in den letzten Jahren. Ich habe über die Rolle der Medien nachgedacht, auch über Blogs und soziale Medien. Ich habe versucht, daraus irgendwie schlau zu werden und mir eine fundierte Meinung zu bilden. Ich habe allerdings den Eindruck, in den letzten Jahren sind nicht viele daraus schlau geworden, ich schon gar nicht.

Ab und zu fallen mir wieder Grundregeln der Wahrnehmung ein, die ich hier im Blog schon oft thematisiert habe, die füge ich dann im Geiste zusammen, nur mal spaßeshalber. Etwa die Sache mit dem eingebauten Stichprobenfehler, Sie wissen schon, dass der Mensch nahezu unweigerlich aus seiner Wahrnehmung heraus die Wirklichkeit hochrechnet und daher permanent falsch liegt, weil er nie genug und richtig ausgewählt wahrnimmt. Man kann diesem Konstrukt vertrauen, die Wirklichkeit ist ganz gewiss nicht so, wie Sie denken. Sie müssten im Grunde nur einen Block weiter gehen, um zu einem anderen Weltbild zu kommen, etwas überspitzt ausgedrückt. Es ist eigentlich eine Binse, aber sie ist so furchtbar, furchtbar schwer im Sinn zu behalten, fast niemand kann das. Es ist, wie es ist – wir wissen wenig über unser Dorf, unsere Stadt, unser Land. Verdammt wenig.

Dazu dann noch die Selbstbild/Fremdbild-Sache – Sie selbst sind auch nicht so, wie Sie denken. Sie sind ganz anders, da können Sie fragen, wen Sie wollen. Das ist eine ungemein faszinierende Verbindung, ich bin also nicht so, die Welt ist auch nicht so. Wir sind dadurch alle näher am Don Quichotte als uns lieb sein kann, wir ahnen Riesen und wähnen uns Ritter, immer wieder.

Und als ob das nicht schlimm genug wäre, gab es da gerade zwei Artikel, mit denen kann man das noch steigern. Da ging es darum, dass andere Menschen ganz anders denken als wir, als ich, als Sie, also dass der eigentliche Vorgang des Denkens bei denen anders zu funktionieren scheint, das war dieser Text. Eine wunderbare Ergänzung dazu ist noch ein Text bei 54books, in dem es um verschiedene Arten geht, wie wir lesen, das findet sich hier und es lohnt sich, weil es verdeutlicht, wie unterschiedlich wir sind und wie variantenreich wir ticken. Alle drei Faktoren zusammen: Die Welt ist nicht so, ich bin nicht so und die anderen denken gar nicht so, wie ich denke. Man möchte sofort den ollen Watzlawick aus dem Regal ziehen, so unsicher ist das alles, aber darum geht es nicht, also geht es mir gerade nicht.

Worum es mir eher geht, ist ein mittlerweile erheblicher Zweifel an der Deutungsfähigkeit der Medien oder der Menschen in den Medien. Es gab da in den letzten Jahren eine Entwicklung hin zu mehr Meinung, Deuterei und Prophetie bei immer weniger vorsichtiger Wahrnehmung und Abschätzung. Das war auch eine Entwicklung der Verknappung von Inhalten, das war also auch Twitter etc. Der Widerspruch zwischen der dargestellten und der von mir wahrgenommenen Wirklichkeit ist im Laufe der letzten Jahre so irrsinnig geworden, es muss einfach grundsätzlich etwas faul sein. Mit mir oder mit dem Rest, ich bin da ganz offen. Die Medien urteilen immer härter und schneller, ich werde immer zögerlicher und komme immer lieber auf mein nun schon uraltes “Moment mal!” zurück. Ich bin aber als Medienkritiker gar nicht kompetent genug und verlasse diese Baustelle daher umgehend wieder, um mich meinen eigenen Belangen zuzuwenden, bei denen ich womöglich auch nicht kompetent bin und es aber nichts ausmacht, weil ich dabei nur mich selbst anrempele.

Während ich dies schreibe, sitzt eine sturmzerzauste Taube im Balkonkasten und pickt Sonnenblumenkerne auf, die ich ihr vorhin serviert habe. Eine gewöhnliche Stadttaube ist das nur, und die erinnert mich an etwas, dass ich 2015 nicht geschrieben habe. Ich kam irgendwie nie dazu und dann war das Jahr auf einmal schon vorbei und die Entwicklung war auf einmal eine andere und die Notiz rutschte so nach hinten durch und war dann irgendwann ganz weg. Aber ab und zu, wenn ich Tauben sehe, fällt es mir doch wieder ein.

2015 also, Sie erinnern sich, da war doch was. Der Hamburger Hauptbahnhof ist voller geflohener Menschen, Kinder schlafen nachts auf dem nackten Boden der Wandelhalle, vor dem Bahnhof werden Zelte aufgebaut, Suppenküchen werden spontan gegründet und Kleidung wird gespendet, es fehlt aber an allem. Der Bürgermeister ignoriert die verworrene Lage standfest und eiskalt, ein gewisser Herr Scholz war das übrigens, aber das nur am Rande. Es ist ein sonniger Tag, auf dem Bahnhofsvorplatz hat ein etwa fünfjähriger Junge gerade ein Stück Brot gereicht bekommen, ein syrischer Junge vermutlich, aber genau weiß ich das natürlich nicht. Er hat von dem Brot gegessen und macht jetzt etwas, das richtig Spaß macht, er füttert Tauben. Die kommen gerne und ganz dicht an ihn ran, der Junge strahlt und freut sich, die dramatisch übermüdeten Eltern sitzen dahinter und lächeln eher schwach. Gut möglich, dass dieser Junge da schon ziemlich lange keinen Spaß mehr gehabt hat. Er wirft immer weiter Krümel, die Tauben schlagen mit den Flügeln und drängeln erheblich, im Grunde haben sie ja kein Benehmen, worin sie den Menschen nicht unähnlich sind. Es tritt eine Hamburger Dame im Rentenalter auf, sie ist ganz der Typ Heidi Kabel, was ein wenig lustig ist, da die Szene auf dem Heidi-Kabel-Platz spielt. Sie hat also diese typische betonfeste Kurzhaarfrisur und die knuffige Handtasche und den obligatorischen Krückstock, den sie resolut und einsatzbereit in Richtung der Tauben und des Jungen schwenkt: “Also wirklich, man kann doch nicht!” Nämlich die Tauben füttern, das kann man nicht. Weil man das nun einmal in dieser Stadt nicht macht. Was ein syrischer Junge auf der Durchreise nicht wissen kann, wie man sich vorstellen kann, wenn man sich überhaupt etwas vorstellen kann.

Und weiter geht es gar nicht, die Dame schritt dann grummelnd zur U-Bahn und verschwand, der Junge guckte verängstigt und kaute lieber wieder selber auf dem Brot herum, die Tauben warteten vom Bahnhofsdach aus erst einmal ab, ich ging weiter, das war es schon. Ein Sekundenschnipsel, ein Splitter nur, eine Stichwortnotiz. Man könnte da jetzt ganz viel dranhängen an Deutung und Möglichkeit und so weiter, wie eine Pastorin könnte man sich daran abarbeiten und Begriffe herausarbeiten, Fremdheit und Brauchtum und Freude und Angst und Wut und was weiß ich. Man kann es aber auch einfach lassen und sich nur denken, guck an, das war also ein Stück Geschichte, dieser kleine Zusammenstoß, so sieht so etwas aus, so kann man das wahrnehmen.

Es ist vielleicht nämlich auch das, was mich seit 2015 irgendwie stört, dass ich immer denke, die Geschichten kommen viel zu kurz. Immer wieder denke ich, mit den Erzählungen stimmt etwas nicht mehr. “Show, don’t tell” heißt es doch immer, und überall findet nur noch tell statt, dieses Blog hier ist da keine Ausnahme und in bester Gesellschaft.

Ich weiß aber auch nicht, ob es Sinn hat, jetzt erst recht zu erzählen, ich habe gar kein Patentrezept. Ich weiß sowieso nichts, siehe oben, ich meine das schon ernst. Wenn man aber in der Dekonstruktion soweit erst einmal ist, dann landet man vielleicht tatsächlich da, wo man ist und sieht sich dort erst einmal gründlich um, denn schließlich – was hat man sonst? Und landet man dann doch wieder bei der eigenen Erzählstimme? Könnte sein.

Na, ich werde berichten.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld für Taubenfutter in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!