Jubelnd durch den Tag

Ich renne mit emporgerissenen Armen wie beim Fußballjubel durch den Tag, es ist wirklich äußerst unpassend in Bezug auf die Meldungen in den Nachrichten, das gebe ich gerne und etwas beschämt zu. Es liegt aber auch nur daran, dass ich wieder völlige Bewegungsfreiheit in den Schultergelenken habe, ein wirklich herrliches Gefühl. Ich melde mich jetzt den ganzen Tag, wie in der Schule, einfach nur weil es geht, nicht weil ich etwas weiß. Es nimmt mich aber gottseidank keiner dran. Das wäre auch peinlich, denn ich habe ja gar nichts zu sagen und weiß auch nicht, worum es geht. Und zwar egal, worum es geht. Meine Konzentrationsfähigkeit hat es in den letzten beiden Wochen komplett coronisiert, und sie war dummerweise schon vorher nicht die beste. In meiner Timeline habe ich das übrigens häufig gelesen, konzentrieren kann sich jetzt vielleicht kein Mensch mehr, endlich bin ich mehrheitsfähig.

Ich reime mir das so zusammen, dass wir alle in einem fortwährenden Alarm-Modus sind, und im Alarm-Modus achten wir permanent auf alles, wie seit der Steinzeit aus verdammt guten Gründen gewohnt. Wir achten also keineswegs nur auf Excel, Zoom, Skype, Seesaw, Hausaufgaben, Hilfsanträge, Händewaschen, Live-Blogs oder was auch immer gerade Ihr Fokus sein müsste. Fokus ist gerade aus. Wir ähneln jetzt mehr der Hauptfigur in einem Action-Film in Momenten der akuten Gefahr, wir stehen und passen angestrengt auf – worauf auch immer, wir wissen es nicht einmal. Aber irgendwo lauert etwas, soviel steht fest.

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Im Vorübergehen gehört:

“Was bleibt uns jetzt denn noch? Uns bleibt doch nur noch das Warten.”

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An einem Laden hier hängt ein Schild, auf dem steht: “Wir schließen bis zum 20. April – bis gleich!” Und das ist doch ein wunderbarer und fast schon seltsam entspannt wirkender Beleg für eine Änderung des Zeitgefühls, die ich allmählich überall und bei jedem vermute. Wir sehen uns in drei Wochen und sagen dazu im Ernst “Bis gleich”? Das ist definitiv neu. Was in drei Wochen ist, das war damals, also vor Corona, v.C., nicht gleich. Das war später, und zwar eher viel später. Die zeitlichen Kategorien geraten auf einmal alle ins Wanken. Heute ist irgendein Wochentag in irgendeinem Monat und irgendwann passiert irgendwas.

Genauere Angaben ändern da auch nichts.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Ich mache hier so etwas wie Straßenmusik, nur ohne Musik und auch ohne Straße. Aber es kommt immerhin Publikum vorbei und der Hut, der Hut ist fast gleich. Sie können nämlich hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Wenn Sie aber den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, die Daten dazu finden Sie hier. Merci bien! 

Links am Morgen

Bevor es in den kommenden Wochen richtig ernst wird.

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Falsche Aufgaben gepaart mit einem überfüllten Pensum bringen Eltern an ihre Grenzen. Weder sind sie in der Regel fachlich, pädagogisch und didaktisch ausgebildet, noch haben sie die Autorität, um ein Ersatz für die Schule zu sein. So wichtig Elternarbeit ist, sie kann Schule beim Lernen nur unterstützen. Die derzeit implizit geforderte Rolle läuft daher Gefahr, Eltern zu überfordern und damit auch das komplette Familiensystem. Zweifellos wird das Kinder aus einem bildungsfernen Milieu härter treffen.

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Vanessa Giese über Webinare vor Plüschtieren. Falls Sie übrigens, das könnte ja sein, auch Bedarf an Webinaren zum Thema Home-Office oder zu anderen Fragen der Arbeit zur Zeit haben, fragen Sie ruhig Vanessa. Ich habe mit ihr schon an anderen Themen gearbeitet und kann mit großer Sicherheit sagen: Vanessa ist super.

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Vanessa zitiert Hartmut Rosa, den ich schätze, der aber einen heiklen Satz schreibt, der nämlich auch, wie so viele, einfach daher behauptet, dass viele Menschen jetzt mehr Freizeit haben. Das kommt etwa in meinem Umfeld überhaupt nicht hin, dort ist eher das Gegenteil der Fall. Ich nehme an, das ist wieder ein Fall, bei dem Hochrechungen für den Einzelnen sehr schwer sind und die repräsentative Wahrheit unmöglich erahnt oder gefühlt werden kann. Vorsicht jedenfalls mit solchen Behauptungen. Eine Verlangsamung gibt es wohl de facto, aber eine Verlangsamung schafft noch lange nicht mehr Freizeit. Eine Verlangsamung kann auch purer Stress sein.

Dennoch natürlich ein interessanter Text, auch die Darstellung des Virus als das Unverfügbare schlechthin – man ist auch in diesem Bild prompt in einem Endzeitfilm, was vielleicht gar nicht so chlecht ist, da gibt es immerhin oft ein Happy End.

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Apropos Happy End: Auch gute Nachrichten müssen hinterfragt werden.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Merci bien!