In der S-Bahn sitzt mir ein Rudel Teenager gegenüber, dreizehnjährig, vierzehnjährig vielleicht. Nein, sie stehen, hocken, liegen, knien auf und neben den Sitzen, es geht da etwas knäuelig und geradezu verboten undistanziert durcheinander, denn sie müssen sich alle unbedingt gegenseitig auf die Smartphones gucken, weil sie Avatare und Spielstände vergleichen. Ich verstehe nicht, um welches Spiel es geht, ich kann das immer nur korrekt deuten, wenn die Söhne das auch gerade spielen. Die Vokabeln, die ich mitbekomme, sagen mir aber in diesem Fall nichts. Egal, es geht um ein Spiel, um Gewinne, Level und Figuren, um so etwas. Und ein Junge sagt einen Satz zu einem Mädchen, den sehen wir uns genauer an, ob seiner zeitlosen Schönheit. 

Denn der Satz ist ganz 2020, er bezieht sich völlig eindeutig auf so eine Multiplayer-Geschichte, es geht um ein Game, ganz sicher um nichts anderes, aber dennoch, was für ein Satz. Man könnte ihn aus der Zeit lösen und quer durch die Jahrhunderte verschiedenen Figuren in den Mund legen, ganz wunderbar würde das gehen. Einem jungen Adeligen bei Shakespeare etwa hätte er sehr gut gestanden, der Satz passt in die Dramen dieser Zeit geradezu perfekt. Oder in den Zeiten des Minnesangs, das ist es fast zu schön, um wahr zu sein, wie gut diese Wendung da zu einem in Liebe entbrannten Ritter passt, als hätte man sie direkt aus dieser Epoche in die Gegenwart rüberkopiert, Strg-C, Strg-V quer durch die Zeiten und der Satz ist immer noch gut. Er meint zwar jetzt etwas vollkommen anderes, aber wenn man nur diesen Satz sieht, nur den Jungen und das Mädchen und er kniet sogar so halb … okay, er hockt eher. 

Es gibt eine Mozartoper, da kommt der Satz auch drin vor. Also die gibt es in Wahrheit nicht, aber es würde uns überhaupt nicht wundern, es ist doch der entscheidende Vers einer Arie, eine herzbewegend vorgetragene Bitte, man schmilzt beim Zuhören nur so dahin, der Jüngling auf der Bühne sowieso, wenn er diesen Satz singt, der sich heute nur auf ein banales Spiel bezieht, aber was kann man nicht alles ausblenden, wenn es doch um die ewige Liebe geht:

“Sag mir deinen Namen, dann kann ich dir folgen.”

Hat er gesagt. Hach. 

Na, egal. Auch bei der Romantik gilt jedenfalls: Immer alles mitnehmen, was man finden kann. 

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