Ab und zu sehe ich die Bedeutung von Redewendungen nach, wenn sie mir gerade auffallen und ich rechtzeitig daran denke und wenn ich sie nicht schon längst einmal nachgeschlagen habe und also die Bedeutung und die Herkunft eigentlich wissen müsste und aber wieder vergessen habe, denn dann ist mir das peinlich vor mir selbst und ich tue so, als hätte ich die Wendung gar nicht wahrgenommen.

Manchmal erklärt sich die Herkunft von Redewendungen bildungsbürgerlich befriedigend und logisch, etwa bei Matthäi am Letzten, das kann man mit schönem Ergebnis nachschlagen, allerdings sagt das auch kein Mensch mehr. Manchmal bleibt es doch eher ungewiss, wie etwa bei der grünen Neune. Die hat man in meiner Kindheit noch recht oft angerufen, wenn etwas passierte, besonders etwas Unangenehmes, ach du grüne Neune! Das riefen meine Großmütter und die Tanten. Das nimmt man normalerweise so hin, diese merkwürdige Kombination aus Begriffen, die nicht zusammenpassen, die Neun ist grün, warum auch immer. Die Neun ist grün, weil sich die Wendung auf ein Theater und einen Straßennamen in einem Berliner Vergnügungsviertel anno Tobak bezieht oder weil es um eine alte deutsche Spielkarte geht, die eher für Unheil stand. Man weiß es aber nicht, die einen sagen so, die anderen sagen so und es gibt auch noch weitere Theorien. Man sagt es eben so und es hat im Grunde gar keinen Sinn, das mit der grünen Neun, aber das gilt ja für vieles, was man so sagt. 

Sohn II sieht etwas entgeistert die Fülle der Aufgaben in der Homeschool vor sich und sagt: “Ach du freshe Neune!” Das ist wunderbar zeitgemäß adaptiert, da kann man nicht meckern, zumal das Grün ja ohnehin oft fresh ist, siehe Frühling und junges Gemüse, fast könnte man es feinsinnig finden, wie hier etwas weiterentwickelt wurde. Ich stelle mir vor, dass der Sohn den vermutlich spontan gefundenen Ausdruck gut findet und das jetzt häufiger sagt, über einen längeren Zeitraum hinweg. Ich stelle mir vor, dass andere das auch gut finden und dann auch bald sagen, immer mehr und mehr, Mitschülerinnen, Freunde, dann deren Freunde. Erst nur in Hamburg, dann in Norddeutschland, dann im ganzen deutschen Sprachraum. Irgendwann kommt die freshe Neun in einem Rap vor, in einem Songtitel oder in einem Bandnamen, da ist sie dann schon längst Allgemeingut geworden, Herkunft ungewiss. Die Jahre vergehen, der Sohn bekommt Kinder und die bekommen Kinder und der Opa sieht, wie ihnen ein Glas Apfelschorle hinunterfällt und er ruft: “Ach du freshe Neune”, das ist dann aber schon das knorrige Deutsch der Altvorderen geworden und die Kleinen rollen die Augen. 

Und dann kriegen die Enkel Kinder und wieder Enkel und eines davon schlägt das endlich einmal neugierig nach, wieso man denn bloß von der freshen Neune spricht. Bis dahin gibt es dann längst mehrere Theorien, was die Neun mit der Frische zu tun hat. Vielleicht gab es bis dahin einmal eine marktbeherrschende Kühlschrankbaureihe, alle Modelle begannen mit 9… Vielleicht gab es eine Biermarke, eine Schnapsmarke, einen Energydrink, vielleicht gab es einmal Eis am Stiel in Form einer Neun, die einen sagen so, die anderen sagen so, man weiß es nicht.

Der Sohn versinkt derweil erst einmal in seinen Aufgaben und sieht alles andere als fresh aus. Er hat aber nur noch vier Schultage oder so vor sich, dann ist er auch schon mit Grundschule durch. Das ging rubbel die Katz, wo wir schon beim Thema sind. 

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