Ich finde es rasend unangenehm, nichts Lesbares in greifbarer Nähe zu haben. Ich fand das immer schon unangenehm, also seit ich lesen kann zumindest. Ich bin nicht smartphoneabhängig, ich bin textabhängig, ich bin da als Kind schon hineingeraten. Ich hing an Kinderbüchern, an Jugendbüchern, an Literatur, ich hing auch am Bildschirmtext (Seite 111), an Reclambändchen und jahrelang natürlich an gedruckten Zeitungen und Zeitschriften, ich hing später auch an den ersten SMS, damals, als die noch ein Heidengeld kosteten. Egal, es ist eine gesellschaftlich recht anerkannte Sucht, damit kann man gut und in etablierter Manier leben, immer so den Textpegel halten, und ich habe lange, lange gebraucht, um zu merken, dass es vielleicht auch auf ein Problem hinweisen kann, wenn man diese Sucht hat, also tatsächlich hat, auch wenn es alle immer nur für einen Scherz halten. 

Ich gehe einkaufen und vergesse das Handy, das passiert mir aus naheliegenden Gründen selten. Auf dem Rückweg stehe ich im Fahrstuhl, der muss bis ganz rauf in den vierten Stock, das ist also eine verdammt lange Fahrt, so ganz ohne Text. Ich lese notgedrungen, was eben da ist, das ist eine Packung Toilettenpapier, da steht etwas drauf, na Gott sei Dank. So etwas lese ich sonst nicht mehr, das ist ja wie unreiner Stoff im Drogenhandel, ich kann mir längst besseres Zeug leisten. So etwas habe ich früher gelesen, damals, als ich nichts hatte. Zutatenlisten auf Tütensuppen und Duschgelflaschen und so etwas, das lässt man ja normalerweise irgendwann hinter sich und wendet sich anderem Stoff zu, seit es Handys gibt sowieso. Aber gut, es gibt in diesem Fahrstuhl wirklich nichts anderes, nur diese Packung, was steht da? 

Da steht, wie toll das Papier ist, natürlich, was soll da auch sonst stehen. Da steht aber auch eine Schlussfolgerung, die mich etwas erstaunt, da steht nämlich: “Po müsste man sein”. Darüber könnte man vermutlich länger nachdenken, also wenn man sonst überhaupt nichts zu tun hat jedenfalls, aber das trifft auf mich ja nicht zu, ich muss dringend etwas lesen. Irgendeinen anständigen Text muss ich lesen, das ist so wie bei Alkoholikern, die es unbedingt zum guten Rotwein drängt, man lässt sich eben nicht gerne mit dem zitternd aufgerissenen Tetrapack in der Hand blicken. 

Ohne Handy gehe ich so schnell nicht mehr aus dem Haus, das wollte ich nur eben sagen. Das ist ja furchtbar, was man dann lesen muss.  

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