Es ist nichts passiert, es gab nichts zu sehen

Am Feiertagsmorgen ist es grau und frühherbstkalt, es nieselt es etwas und die Ringeltaube sitzt zur Unzeit schon auf dem Balkongeländer, nass und windzerzaust, ihr Gefieder sträubt sich unordentlich in den Böen. Sie sitzt und guckt empört. Wozu man wissen muss, dass dies ihr Standardgesichtsausdruck ist. Eine gewisse matronenhafte Empörung sehe ich dort immer und bei jedem Wetter. Ob sie tatsächlich ihrer routinemäßigen Seelenlage entspricht, das konnte ich bisher nicht recht ergründen, wir reden nicht viel miteinander. Der Vogel sitzt dort jedenfalls und sieht empört durchs Fenster ins Wohnzimmer und zu mir, und es ist mit dieser dauergekränkten Ringeltaube nun so, dass ich unwillkürlich ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich auf diese Art durchdringend angesehen werde. Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht? Irgendwelche unverarbeiteten Reste aus der Kindheit werden da bei mir angesprochen. Das kannste auch keinem Therapeuten erzählen, ich habe ein Problem damit, wie Tauben gucken. Aber egal, ich habe auch gar nichts falsch gemacht, glaube ich jedenfalls, es ist alles da, Futter en masse, Wasser auch. Was soll ich noch alles tun, ich weiß es nicht. Die Taube aber sieht mich an und denkt: Wie kann er nur. Also sie denkt das nicht wirklich, nehme ich an, aber es sieht ungemein überzeugend so aus. Der Blick irritiert mich nachdrücklich, ich sehe lieber auf meinen Bildschirm, die Taube strengt mich heute doch etwas an. Ich tippe etwas, aber ich spüre die ganze Zeit ihren Blick durch die Scheibe und ich wende mich schließlich von ihr ab.

Am Nachmittag sehe ich aus dem Küchenfenster, da sitzt die Ringeltaube unten im großen Holunderbusch und pickt Früchte. Ganz oben sitzt sie, wo die Zweige schon dünn werden und wo sich Meisen, Zaunkönige und Spatzen deutlich eleganter halten können als sie, aber egal. Sie hat Hunger und es ist noch reichlich da. Der Wind aber hat den ganzen Tag über weiter aufgefrischt und er greift auf einmal von unten in den Busch und schüttelt ihn wild durch, als würde er Vögel ernten wollen. Die Zweige oben geraten enorm in Bewegung und da passiert der Ringeltaube ein ungeheuerliches Missgeschick, etwas, das eigentlich dem losen Gesindel der Meisen vorbehalten ist, sie hängt nämlich auf einmal über Kopf am Zweig. Und für diesen Moment bin ich absolut sicher, dass die Empörung, die ich auf ihrem Gesicht immer sehe, ihrer Gefühlswelt voll und ganz entspricht. Ja, das ist Empörung und für den Bruchteile einer Sekunde hängt sie da und hält sich stoisch fest und denkt mir großer Wahrscheinlichkeit etwas wie „Wie soll ein Vogel das ertragen“, bevor sie dann wild flatternd und etwas unbeholfen ihre Position verändert, sich flügelschlagend nach oben rettet, aufgeplustert hinsetzt und die kleinen Vögel um sie herum mit weit aufgerissenen Augen so dermaßen durchdringend ansieht – keiner von denen wird etwas von dieser unsäglichen Entgleisung gesehen haben, so viel steht fest, es ist nichts passiert, es gab nichts zu sehen.

Aber wenn ich am frühen Abend an den Büschen mit den kleinen Nestern drin vorbeigehe, höre ich die Meisen vielleicht immer noch leise kichern.

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Links am Morgen

Das Wort Matthäus-Effekt war mir nicht bekannt, der im Text erwähnte Matilda-Effekt auch nicht.

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Einiges über die Dunbar-Zahl

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Ich weiß gar nicht recht wieso, aber ich hänge gerade in den Sechzigern fest, also in meinem Geburtsjahrzehnt. Ich vertiefe mich auch etwas in die Nachkriegszeit davor, ohne ein Ziel dabei zu haben, nur ein vages Interesse. Es ergibt sich dabei ganz zwanglos die Gelegenheit, westdeutsche Kulturgeschichte etwas aufzuarbeiten, man hat ja Bildungslücken, da passen mehrere Regalmeter an Büchern rein. Von ostdeutscher Kulturgeschichte ganz zu schweigen, wie heute natürlich besonders zu erwähnen ist.

Hier ein Interview von Friedrich Luft, damals Großkritiker, mit Peter Ustinov. Was für ein Sympath. Also der Ustinov. Und interessant, was er über Brecht sagt. Man müsste mal wieder ins Theater gehen, nicht wahr, und da fällt mir ein, ich hatte da ohnehin etwas vor.

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Passend dazu noch die Lektüre, die ein wenig querfliegende Lektüre, zugegeben, der Tagebücher von Hans Werner Richter. 1966 staunt er über den aus seiner Sicht erneut aufkommenden Rechtsradikalismus, über das wiedergekehrte Faseln von Volk und Vaterland, und er fragt, wie das denn um Himmels willen wieder groß werden könne. Man liest es heute und nickt dabei, die Frage ist einem vertraut.

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