Eine dünne Linie

Es wird dann auch wieder so sein, dass ich fürs Blog Zeit finden werde, doch, doch. Aber im Moment sieht es schlecht aus, dunkel und düster. All die zeitlichen Eckchen und Plätzchen, die ich früher zum Schreiben genutzt habe, sie sind besetzt, belagert und bedrängt, es ist eine wirklich seltsame Phase. Corona übrigens ist dabei nicht mein größtes Problem. Es ist nicht einmal unter den ersten drei Problemen 2020, so etwas gibt es auch. Corona ist bisher nur die Kulisse des Jahres, aber was für eine Kulisse das ist. 

Es gibt einen Bezug zwischen meinen nichtblogbaren Problemchen und Corona, glaube ich. Eine dünne Linie. Und zwar ist es so, ich möchte einen ersten resümierenden Gedanken zum Jahr äußern, auch wenn, wie die Blogkollegin sagt, die Ente hinten kackt, ein Satz übrigens, den ich auf Anhieb nicht verstanden habe, vor allem deswegen nicht, weil die Ente gar nicht ganz hinten kackt, sondern mehr im letzten Drittel. Eine Kuh kackt hinten, zumindest wenn man den Schwanz ignoriert. Eine Ente aber nicht. Egal. Wo war ich?

Bei der dünnen Linie. Und zwar hatte ich es in diesem Jahr in einem ganz ungewöhnlichen Ausmaß mit Menschen zu tun, die ihren Job aus meiner Sicht nicht richtig gemacht haben. In etlichen Zusammenhängen, ich rede dabei gar nicht von meinen Berufen. So einen Gedanken muss man sorgsam prüfen, denn es besteht ja eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass man selbst ein Problem hat, nicht die anderen. Selbstbild/Fremdbild, da fällt man gerne rein, da geht man gerne baden. Man muss also suchen, das zu objektivieren, abzugleichen und zu prüfen. Das habe ich gemacht. Lange und oft. 

Und ich bleibe dabei – es wimmelt da draußen von Leuten, die dem nicht gerecht werden, was auf ihrer Visitenkarte steht (schnell ein Blick auf meine eigene, da steht aber nur “Texte” – Schwein gehabt). Leute also, die also entweder Kompetenzlücken spektakulären Ausmaßes haben oder die, noch wesentlich verbreiteter, ihre ihnen durch die Rolle zugewiesene Verantwortung lieber nicht wahrnehmen möchten. Sie kennen vermutlich den Bartleby von Melville, und ich hatte es mehrere Male in den letzten Monaten mit Bartlebys zu tun, aber auf hohem Niveau. Auf bestbezahlten und allgemein anerkannten Positionen. Sitzen da und möchten lieber nicht und man steht davor und denkt und fragt vielleicht auch: “Ja, wie jetzt?” Und dann kommt nichts mehr. 

Die oben erwähnte dünne Linie schlängelt sich natürlich zu Entscheidern aller Art, die unsere aktuelle Situation managen. 

Ich muss das hier abkürzen, die Familie ist gleich wach und will dies und das, Brötchen etwa und Bespaßung, dem habe ich mich dann selbstverständlich zu widmen, aber ich habe so einen furchtbar altmodisch klingenden Verdacht, eine so spaßverderbend anmutende Frage, eine kulturgeschichtlich so rückwärts gewandte Vermutung. Ist es nämlich nicht vielleicht so, dass wir an viel zu vielen Stellen ohne das Leitbild eines tugendhaften Menschen nicht ganz so gut zurechtkommen, um es allzu milde auszudrücken?

Aber ich bin weder Philosoph noch Experte für Ethik. Ich erinnere nur dunkel die Kardinaltugenden, Gerechtigkeit, Weisheit, Mut und Maß, die klingen schon so ungeheuer anspruchsvoll, wer will denn so etwas. Ich erinnere auch dunkel, wo ich schon dabei bin, den Tweet des FDP-Chefs “Ich will nicht verzichten!” War das in diesem Jahr? Im letzten Jahr? Wann auch immer. Da ging es um den Klimawandel. Es war ein Satz von geradezu unfassbarer Dummheit, man möchte gar nicht dagegen argumentieren, so dumm und flach ist das, es ist ein Kindergartensatz. Aber so eine Wendung fällt nicht mehr auf. In Zeiten von Trump kann nichts mehr auffallen, weil die Affektsteuerungskompetenz von Dreijährigen zur Messlatte für richtiges Verhalten erhoben worden ist. Wenn man zwischendurch versucht, sich auf Werte und Pflichten zu besinnen – man fühlt sich in einem Ausmaß altmodisch, einem Zeitreisenden könnte es nicht anders gehen. 

Immer staunender auf die Zeiten blicken, in denen man lebt. Mit anderen Worten, langsam und unerbittlich sicher zum nörgelnden Fensterrentner werden. Passt schon. Ich kann mich mit der Rolle bisher gut anfreunden. Es ist vielleicht sogar, wer weiß, eine pflichtgemäße Verwandlung. Jeder auf seinem Niveau. 

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7 Kommentare

  1. Dieses Statement wärmt mir das Herz. Ich bin mit meiner Ansicht nicht allein.
    Wenn sie noch ein Fenster zum Rauslehnen haben, ich würde mich um den Stehplatz bewerben.

  2. Als ich nach den XXXL-Sommerferien, die im März begonnen hatten, vorsichtig aufatmen wollte, konnte das Personal des Busunternehmens, das Förderkinder befördert, mein Kind nicht befördern, die Lehrer der Förderschule konnten mein Kind nur halbtags betreuen. Ich schulte kurzfristig um zum Fahrer und (Be-)förderer.

  3. Ich weiß, du magst mein Team (=Team Kalendersprüche) nicht, aber das erste, das mir einfiel, war wie Audrey Hepburn in dem fabelhaften Film *Ein Herz und eine Krone* sagt: *Was die Welt braucht, ist Bescheidenheit, Würde und Anstand in den Seelen der jungen Menschen.*
    Also ich schließe mich dir an: es fehlt definitiv an Vorbildern! Schon allein deshalb weil – wie es der Volksmund benennt – die Treppe von oben nach unten geputzt wird…

  4. Lieber Herr Buddenbohm
    Ihr Text spricht mir aus der Seele! Neben dem, was „dieaktuelleSituation“ an gesundheitlichen Risiken mitbringt, ist mein Vertrauen in die „Entscheider“ dermassen erschüttert, dass ich noch gar nicht weiss was ich damit anstellen soll.

  5. „Entscheider aller Art, die unsere Situation managen“ raunt mir ein bisschen zu viel, und das finde ich schade, denn der Text trifft einen Nerv. Aber ich denke, ein tugendhafter Mensch sollte an dieser Stelle etwas konkreter werden. Ansonsten klingt es etwas wie eine Generalkritik an Menschen, die derzeit Verantwortung tragen. Die wird für meinen Geschmack in turbulenten Zeiten schon von zu vielen Kritiker-Automaten geübt, die prinzipiell dagegen sind und derzeit natürlich ordentlich Futternachschub bekommen.

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