Ich müsste eine Dankespostkarte schreiben (vielen Dank vorab schon einmal!), ich finde aber kein Bild. Das passiert mir selten, und das ärgert mich. Ich gehe herum. Ich gehe durchs kleine Bahnhofsviertel, ich gehe durch die großen Fußgängerzonen, ich sehe nichts. Ich lese die Aufkleber auf den Laternen durch, die kenne ich alle schon. Alte Sprüche, klebt dem Herrn ein neues Lied. Ich beobachte die wenigen Menschen, die hin- oder hergehen. Die machen nichts, die gehen einfach nur. Einige tragen Einkäufe, einige nicht. Na und?

Es ist nichts zu sehen. Es ist bestimmt etwas zu sehen, ich sehe es nur nicht. Ich bin der Mann im Ausguck, ich halte Ausschau, ich summe Seemannslieder und rufe Content aus. Also wenn ich welchen sehen würde. Ich sehe aber nichts. Da vorne in dem Haus wurde Hans Albers geboren, ich pfeife La Paloma.

Die Stadt ist nicht schön und nicht hässlich, die Stadt ist einfach irgendwie, nichts fällt mir dazu ein, gar nichts. Häuser eben. Blöde Autos. Leere Busse. Na und.

Obdachlose in den Hauseingängen, vor dem einen ein Pappschild mit: „Ich habe Hunger“. Vor einem anderen ein paar Meter weiter ein Pappschild mit: „Ich habe nichts.“ Das ist fast eine Pointe, aber wie bitter ist das denn.

Die Europapassage wirbt mit „Wo, wenn nicht hier?“ Ich gehe durch die Passage, es sind vielleicht fünf Leute darin, generös geschätzt. Die anderen sind alle irgendwo, nur nicht hier.

Vor einem Geschäft am Rathaus stehen Schaufensterpuppen, die haben Winterjacken an. Das ist fast schon aufregend, da ragt Konsum in dem öffentlichen Raum, das gibt es ja heute kaum noch. Hat der Laden etwa irregulär geöffnet? Nein, der hat zu, die haben da auch nur so einen Schalter in die Tür gebaut, da sitzt eine und friert und wartet und guckt auf die Straße. Vier Schaufensterpuppen mit Jacken und wehenden Preisschildern stehen da, die sehen aus wie damals. Man wird so bürokeksmürbe von dieser Zeit, man findet schon Schaufensterpuppen vor Geschäften nostalgisch schön wie alte Jahrmarktbuden.

Die echte Jahrmarktbude der Wahrsagerin vor dem Hauptbahnhof übrigens, die ist immer noch geschlossen. Die war in diesem Jahr noch nicht einmal geöffnet. An der Tür hängt noch die Weihnachtsdeko, leicht zerfetzt schaukelt sie im Wind. Neben der Bude sitzen zwei auf dem Boden, trinken Bier aus Dosen und gucken über den leeren Platz, auf dem sich Tauben und Taxifahrer langweilen.

Ich gehe weiter durch die Straßen. Mir kommt jemand entgegen, den kenne ich, der ist ein Sohn von mir. Groß sieht er aus, wenn ich ihn so unerwartet treffe. Ich frage: „Wo gehst du hin?“ Er sagt: „Ich gehe nur so herum.“

Okay, denke ich. Vielleicht liegt es jetzt in der Familie. Dann gehen wir weiter. Ich da entlang, er dort entlang. Da, wo er hinging, das erfahre ich später von ihm, da war jedenfalls auch nichts.

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