Die unblogbaren Themen sind bei der ichweißnichtwievielten Welle, ich zähle schon längst nicht mehr mit. Die anderen Themen daher umso mehr beachten, das also notieren, was überhaupt noch beschreibbar ist, da mal genauer hinsehen. Noch genauer. Zwischen allem anderen hindurchsehen, zwischen den gewissen Themen durchschreiben. Alles mitschreiben, Schreiben tut gut, es ist im Grunde doch einfach.

Am Morgen hängt Nebel über der Stadt, der Kirchturm verliert sich oben im Ungefähren. Vögel drum herum, stilles Geflatter im Dunst, auftauchen, abtauchen. Die Häuser ringsum noch lange ohne alle Lichter. Die Pandemie hat die Menschen zu Spätaufstehern gemacht, auch an Werktagen, ich bin drei Stunden vor der Mehrheit. Ich bin ganz vorne, ich bin der Erste, ich habe gewonnen. Was auch immer.

Ich klappe mein Notebook auf. Ein Auto der Stadtreinigung fährt laut vorbei, auf dem steht: „Wir lassen nichts liegen.“ Irgendwo muss das Motto des Tages ja herkommen. Ich gehe noch einmal auf den Balkon, ich lasse auch keine Aussicht liegen. Was ist anders? Die Mirabelle auf dem Spielplatz ist auf einmal lichtgrün umflort. „Geht doch!“, rufe ich ihr zu, „Geht doch!“ Ruhig auch mal Pflanzen motivieren, das macht sonst wieder keiner. Was noch? Zwei Elstern sind noch einmal auf Nestbesichtigung, leise diskutierend. Die Lage, die Lage, sie wissen nicht recht. Die Ringeltauben im kahlen Holunder gucken tantenhaft indigniert.

Auf dem Wohnzimmertisch ilafarbene Tulpen. Die schieben die Herzdame und ich entschlossen an den Rand, da müssen jetzt zwei Notebooks hin und Mäuse und Papiere und Stifte und viel Kaffee und Headsets und Ladekabel. Deko ist hier längst nicht mehr systemrelevant. Auf meinem Notizblock steht: „Pro Office“. Ich lese das und denke: Ich weiß ja nicht.

Die durchbrechende Sonne vergoldet jäh den verwehenden Nebel vor den Fenstern und gleichzeitig steigt der auch, ein Spezialeffekt allererster Klasse. Ich nicke anerkennend. Jetzt sieht man auch die Wetterfahne auf dem Kirchturm, sie blitzt auf und will gesehen werden, Süd, Südwest. Ich denke an den vent du sud in dem Lied über Flandern von Brel, quand le vent est au sud écoutez-le chanter. Man assoziiert sich so durch, man assoziiert sich so weg. Brels Strahlen, während er diese Stelle singt, zu und zu schön, das kann ich immer wieder gucken.

Und ich hatte das schon einmal, ich weiß, aber ich mag es so sehr, dass es dieses Lied auch auf Flämisch gibt. Man kann den Text mitlesen, während er singt, man kann Flämisch mitsingen und man weiß dann, es ist de zuidenwind und da hat man wieder was gelernt.

Allerdings kommt mit dem Wintersüd hier keine Wärme, mit diesem Süd kommt eher ein Tief nach dem anderen. Nackenschläge ohne Ende und es wird auch wieder kälter. Im Wetterbericht auf dem Handy erscheinen die Piktogramme für Schnee und Regen, Minusstriche vor Zahlen sehe ich auch. Aber das kommt erst noch, heute wird noch schön, heute gibt es alles mit Goldrand und in der Sonne wird es gehen. Ich erkenne die Tagestemperatur ab dem Vormittag immer an den Menschen auf dem Spielplatz. Ich gucke von oben, was die anhaben und ob die Jacken offen sind und ob die da herumhüpfen oder entspannt auf den Steinen sitzen. Dann weiß ich Bescheid.

Es klingelt, das ist die Geschenkpost. Ich bin mit Dankespostkarten seit zwei Wochen knietief im Dispo, da dringend mal ran, Herr Buddenbohm. Aber hier auch schon einmal ein Dank.

Es klingelt schon wieder, das ist der Hausmeister. Der dichtet etwas in der Küche ab, die dürfen wir danach einen Tag nicht benutzen, sagt er, das kommt für uns überraschend. Kein Wasser, kein Kochen, kein Aufenthalt. „Frei!“, rufe ich, „Ich bin frei!“ Dann fällt mir der Bürojob wieder ein. Irgendwas ist immer.

Es klingelt im Posteingang. Zwei Kunden finden gottseidank Texte von mir gut, das ist erfreulich. Allerdings sind es Texte, die ich geschrieben habe, als es mir nicht gut ging, darüber muss ich nachdenken. Ein Tag mit einem seltsamen Krankheitsgefühl war das, ein Gefühl völliger körperlicher Verelendung, wie kurz vor einem Ausbruch von etwas. Es war dann aber gar nichts, es war vermutlich nur wieder die Müdigkeit, der Stress, die Situation. Aber in diesen Zuständen jedenfalls, so sieht es wohl aus, denn es hat sich mehrfach ähnlich wiederholt, schreibe ich also besonders brauchbar und zur vollen Zufriedenheit der geschätzten Kundschaft. Eine Variante mit außergewöhnlich gelungener Produktion in körperlicher und geistiger Bestform wäre mir vielleicht lieber, aber was soll ich machen. Ich erzähle das nebenbei der Herzdame, die mir daraufhin vorschlägt, ich möge doch, wenn man bei mir mal eine finale Krankheit diagnostizieren sollte, auf den letzten Metern schnell noch einen Besteller schreiben, das könnte nach der Logik eventuell klappen und dann sei sie wenigstens versorgt, das würde sie gut finden. Romantik!

Zum Mittagessen holen wir Pizza aus einem Restaurant. Also die Herzdame und die Söhne holen sich je eine Pizza, ich esse nur die Reste und also am meisten. Familienlogik, manchmal ist es ja seltsam.

Am Nachmittag hat ein Sohn einen Arzttermin, ich bringe ihn hin und warte vor der Tür. Die Sonne scheint und Menschen flanieren auf und ab. Einer entdeckt etwas Bekanntes und sagt zu seiner Frau: „Guck mal, da vorne ist Bonprix.“ Und die Frau sagt: „Das ist doch wohl egal, was wo ist.“

Ein Polizist sagt einer Frau in der Fußgängerzone, dass sie auch beim Rauchen die Maske tragen müsse, die Frau sagt: „Das geht doch gar nicht.“ Der Polizist lacht. Die Frau guckt, der Polizist guckt, dann macht sie die Zigarette aus und setzt die Maske auf.

Die Weihnachtsbeleuchtung wurde doch noch abgehängt, sehe ich. Nur ein kleiner Teil hängt noch, also nur eine der Strippen, die da quer über die Straße gehen und an denen dann die Beleuchtung baumelt. Es ist die letzte Strippe, die noch da hängt, vielleicht wurde sie vergessen. Oder es ist die Erste und sie fangen schon wieder an, das kann auch sein. Es wundert einen nichts mehr.

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