Draußen sind 12 Grad. Gestern waren auch 12 Grad, morgen werden 12 Grad sein, übermorgen auch, so geht das seit Wochen, gefühlt seit Monaten. Ich sehe in der Wetter-App auf dem Handy nach, ich rufe mehrere Wetter-Seiten auf dem Notebook auf, es bleibt dabei, alle sagen 12 Grad, jeden Tag, immer wieder. Okay, manchmal 11, manchmal 13, das ist dann so die Abwechslung, aber man erkennt doch die Absicht und weiß: 12. Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Winter, nicht Frühling, nicht warm, nicht kalt. Ich googele Länder mit einer Durchschnittstemperatur von 12 Grad, das sind Usbekistan und Afghanistan. Ich ergänze die Tabelle in der Wikipedia um Hamburgistan, immer alles aktuell halten.

Neben mir liegt ein Homeschool-Arbeitsblatt eines Sohnes mit der Überschrift: „Welche Wüstentypen gibt es?“ Ich überlege, wann es hier zuletzt geregnet hat. Ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich aber auch an Wüstentypen nicht erinnern, vielleicht habe ich die nie gelernt oder zumindest nicht fürs Leben. Regenschattenwüsten, das Wort kannte ich gar nicht, glaube ich. Aber es ist schön, es könnte gerne mal in einer Kurzgeschichte vorkommen. Ich notiere mir das Wort für lange Winterabende, man weiß ja nie. Auf dem Arbeitsblatt Wüsten sind auch kleine Tabellen, da sind die Durchschnittstemperaturen von Wüstenorten abgebildet. Bei dem einen stehen 12 Grad. Ich nicke, alles hängt mit allem zusammen, haben wir das wieder sauber bewiesen. Hier liegen noch zwei Arbeitsblätter, sehe ich gerade, das eine trägt den Titel „Winter feelings“, das andere „Souvenirs d’été“. Die Jahreszeiten sind mittlerweile egal, jeder macht irgendwann irgendwas.

Ich sehe aus dem Fenster. An der Fassade des Hauses gegenüber fliegen Spatzen suchend herum. Mir ist noch nie aufgefallen, dass sie systematisch suchen, aber jetzt sehe ich es. Am Gesims entlang nach links, dann eine Etage höher, nach rechts, höher, nach links. Wie in einem Videospiel. Ich drücke einen imaginären Controller und der Spatz pickt etwas auf. Das sind dann so die Erfolgserlebnisse.

Eine Leserin wies mich – herzlichen Dank! – auf den Keep-Going-Song der Bengsons hin. Und während ich mit dem „I pray“ mangels religiöser Überzeugung erheblich fremdele, freut mich doch das strahlende Vergnügtsein der Sängerin. Vielleicht habe ich schon lange keine Gesichter mit dieser Art der Mimik mehr gesehen, das kann sein.

Die Sängerin singt, dass sie in Dayton, Ohio seien. Ich googele das, ich suche die Tabelle mit den Durchschnittstemperaturen. 12 Grad kommen da nicht vor, das erklärt es vielleicht.

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