An einem Nachmittag der letzten Woche saß ich in einem Loungesessel unter freiem Himmel, rechts neben mir die Herzdame in gleichgestalteter Sitzgelegenheit, links neben mir auf dem Fußboden ein Getränk. Dummerweise waren die Loungesessel aus Hartplastik und nicht bandscheibenkonform, es war also eher nicht relaxed oder gechilled, dort zu sitzen. Auf den Rückenlehnen der Sessel ein bunter Werbeaufdruck für eine Kinderbespaßungsanlage in einem nichtssagenden Zweckbau, in der die Söhne gerade waren. Das Getränk neben mir war gut abgestandenes Leitungswasser in einer Plastikflasche, welche im parkenden Auto auf eine unangenehm hohe Temperatur gebracht worden war. Nachmittagssonne glitzerte durch zwei Alibi-Bäume im Gewerbegebiet. Wir saßen im Halbschatten mit Blick auf etwas industrielle Brache, auf eine Gleisbaustelle und auf ein signalgelbes Baustellenfahrzeug der größeren Art, dessen Verwendungszweck ich nicht deuten konnte. Staubiges Gestrüpp an Metallzaun, Müllcontainer. In einiger Entfernung lungerten andere wartende Eltern herum, die Gesichter von fortgeschrittener Langeweile schon schwer entstellt. Einige gingen rauchend auf und ab, einer ging immer wieder um sein Auto, eine Hand auf dem Dach, als müsse der gleichmäßige Verlauf der Form dort wieder und wieder geprüft werden.

Ich las. Ich hatte Urlaub, es musste jetzt alles entspannt und schön sein, da musste ich also lesen, denn Lesen entspannt. Oft jedenfalls. Es war diesmal nicht so einfach, der unbequeme Sessel, die eher hässliche Szenerie, ab und zu redeten diese anderen Menschen da auch, was redeten die denn da, immer muss man irgendwo zuhören. Über Coronaregeln redeten die, und wo man im Urlaub denn hinfahren kann. Man muss ja mal raus! Und da nickten dann alle. Nach Dänemark, nach Spanien, nach Frankreich, nach Bayern und an die Ostsee. Muss man doch mal.

Ich muss überhaupt nichts, dachte ich, ich muss nur lesen, und das auch nur, weil ich es möchte. Selbstgesetzte Ziele, das sollen ja die besten sein. Ich ging ins Buch und geistig mal raus, in ein anderes Jahrhundert, in ein anderes Land. Es war ein langer Winter, oben in Québec, und jetzt kommen endlich, endlich die ersten Schiffe aus Frankreich über den Atlantik und den großen Strom, sie bringen lang ersehnte Nachrichten aus der Heimat. Etliche Monate hat man von dort nichts gehört, denn im Winter war die Stadt wie in jedem Jahr unerreichbar, von der Außenwelt abgeschnitten. Es hätte eine Revolution in Frankreich geben können, in dieser Kolonie hätte man nichts davon gemerkt und die braven Bürger hätten den König immer weiter jeden Morgen und Abend freundlich im Gebet mitbedacht. Québec geht immer ein halbes Jahr nach.

Jetzt aber laufen die Einwohner der Stadt aufgeregt zum Quai und stehen dort als großes Wimmelbild, die weibliche Hauptfigur mittendrin. Sie winken und winken, obwohl man die großen Schiffe weit draußen doch gerade erst gesichtet hat. Die ganze Stadt steht aber schon hier am Hafen und die Leute rufen kurz darauf die Namen der Schiffe, die sie jetzt zu erkennen meinen, sie winken und rufen. Sie freuen sich auf Botschaften, Grüße, Waren und Menschen, die nach all der Zeit doch noch ankommen, und als Leser freut man sich auch, dass da nämlich gleich irgendwas an Handlung passieren wird. Es kommen Schiffe, es geht weiter, das wurde auch Zeit. Das Buch ist nicht mehr sehr dick, da muss jetzt dringend etwas passieren. Und es hat dann auch gereicht mit der detaillierten Beschreibung der winterlichen Schönheit der Stadt, das liest sich bei Hamburger Hitze doch etwas schwer.

„Da kommen die Kinder“, sagte die Herzdame und klappte ihr Buch zu, mit dem sie gerade in Nordfriesland und in den Achtzigern war, oben bei Dagebüll.

Die Kinder strahlten, es hatte Spaß gemacht, jetzt hatten sie Hunger.

„Gut“, sagte ich, „Hauptsache, wir waren alle mal draußen.“

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