Ich weiß noch, dass ich im Jahr 2015 so einen Moment hatte, ich habe sicher auch darüber etwas geschrieben, da waren die Nachrichtenlage und mein Alltag seltsam weit voneinander entfernt. In den Medien passierte damals etwas, in den sozialen Medien erst recht, es war eine hochkochende Stimmung, eine eindeutige Eskalation, und wenn ich vor die Tür ging, dann war da nichts. Oder ich sah einfach nichts, das trifft es sicher besser. Ich sah Alltag, business as usual, Friede auf Erden. Das fühlte sich befremdlich an und passte nicht zusammen.

Sechs Jahre später ist das Gegenteil der Fall, Nachrichten und Alltag sind seltsam synchron. Schon wegen Corona, versteht sich, denn die Pandemie findet in den Nachrichten und auch hier statt. Genau hier, schon im Treppenhaus trägt die Nachbarin von unten Maske, das ist nur zehn Meter weiter, da geht es schon los. Ich war gerade bei der Bücherei, das ist ein kurzer Weg, einmal am Hauptbahnhof vorbei, ein kleiner Gang durchs Revier nur. Ich sammele mal eben die Themen ein, die ich da gesehen habe. Zwanzig Minuten Weg vielleicht, nein, nicht einmal.

Gleich vor der Haustür ist eine kleine Senke im versiegelten Boden, teils wegen der Ratten, die da unterirdisch irgendetwas treiben und einfach nicht wegzubekommen sind (gute Wohnlage, by the way), teils weil man das irgendwann so gebaut hat. Nichts Besonders, ein kleines Gefälle nur zu einer Mitte hin, ein kleiner Platz zwischen Häusern und Wegen. Neulich hat der Senat eine Karte veröffentlicht, eine erstaunlich detaillierte Karte, auf der man online einsehen konnte, welche Ecken der Stadt bei Starkregen absaufen. Vor unserer Haustür war da ein kleiner See eingezeichnet, dunkelblau, das war diese Senke. Unser Keller wäre dann geflutet, nehmen wir an. Obwohl wir auf einem Hügel wohnen, man sieht von hier hinunter zur Alster. In Sicherheit ist ein Teil unserer Habe also nicht. Wie wahrscheinlich ist der Starkregen? Müssen wir jetzt Sachen im Keller neu sortieren und bewerten? Alles Gute nach oben schichten, machen wir das?

An der Kirche vorbei, wo nach wie vor einmal in der Woche Essen an Bedürftige ausgeben wird. Die Schlange der Wartenden wurde während Corona immer länger und länger, einmal reichte sie fast um die Kirche herum. Lauter Menschen, die auf solche Ausgabestellen angewiesen sind. Viele aus Osteuropa darunter, von da aus könnte man zwanglos zu Migration, Integration und auch zu Alkoholismus kommen, man sieht diese Themen, sie sind da. Aber auch Hartz IV, Altersarmut etc., die ganze Soziologie und all die Gruppen, die im Wahlkampf eher überhaupt keine Rolle spielen.

Da kommen die Restaurants, die Kneipen, da sitzen sie wieder eng an eng und, ich sagte es neulich bereits, ich kann das Wort Konzept nicht mehr hören. Ja, die haben alle ein Konzept, die Läden, und ja, das Wort Konzept ist ehrlich betrachtet reine Wortmagie, siehe auch an den Schulen. Hier und da ein halbhohes Plexiglasscheibchen zwischen den Tischen, im Grunde ist es alles eine Beleidigung der Intelligenz. Ich saß da auch schon, so ist es nicht, ich bin nicht klüger und ich greife niemanden an. Ich schreibe nur auf.

Da vorne hat man einen Beachclub gebaut. Ma hat feinen Sand auf einem Platz aufgeschüttet, man hat einen Cocktailstand hingestellt. Um den Impro-Beachclub hängen ein paar Bastmatten an Baustellenzäunen. Vielleicht soll es mit den Matten von innen besser aussehen, vielleicht soll man aber auch nicht reinsehen. Auf Facebook fragen sich Schwule, denn dieser Beachclub ist schwul organisiert, wenn ich es richtig verstanden habe, ob die nicht vielleicht diskriminierend sind, diese Bastmatten. Soll man Schwule nicht sehen? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie die Matten gemeint sind, ich gebe auch das hier nur wieder, es geht um die bunte Gesellschaft. Bunt genug oder nicht.

Gleichzeitig beschweren sich Menschen, die auf Rollstühle angewiesen sind, dass sie diesen Beachclub, der doch für alle sein soll, nicht besuchen können, denn sie kommen mit den Rädern nicht durch den Sand, wie man sich leicht vorstellen kann. Wilde Diskussion über Inklusion, wer soll was wo können und wie geht eigentlich Rücksicht, wer muss die auf wen nehmen und warum. Auch da geht es auf den Facebookseiten des Stadtteils hoch her, immer ist dort alles nur einen Halbsatz von der Aggression entfernt, und dann aber gib ihm. Oder ihr.

Auf der Straße vor dem Hauptbahnhof liegen wieder E-Scooter im Weg. Also quer zum Weg. Eine Frau mit Kinderwagen fährt ungerührt darauf zu und schiebt sie mit dem Wagen und mit Schwung aus dem Weg, es gibt unerfreuliche Geräusche und den Rollern tut das sicher nicht gut. Der Kampf um Platz und Sieg im Verkehr findet hier in einer solchen Offenheit statt, dass es immer übertrieben klingt, wenn man einfach nur das notiert, was ist.

Auf einer Brücke hält ein Polizeiwagen, ein Blinkeschild auf dem Dach: Unfall. Zwei Polizisten nehmen Daten auf, eine Autofahrerin steht in der offenen Fahrertür ihres lädierten Fahrzeugs und erzählt. Das ist in etwa die Stelle, an der die Herzdame in unserem Auto neulich von hinten gerammt wurde, der andere Fahrer fuhr dann ungerührt weiter und auf und davon.

Am Wegesrand Wahlplakate, ich soll jemanden wählen, weil er so schön grinst. Von wegen.

Kurzer Blick nach rechts, zur Innenstadt, da stehen die endgültig geschlossenen großen Kaufhäuser, auch für die sucht man jetzt, wie heißt das, ein Konzept, natürlich. Mit einem Konzept wird alles gut. Ja, mach nur ein Konzept! Sei nur ein großes Licht! Erst einmal stehen die Häuser aber weiter als Mahnmal für sterbende Innenstädte herum.

Über die Ampel. Da hinten ist die Methadonausgabestelle. Davor ist Zone 30, man sagt, dass die da auch deswegen ist, weil die Kundinnen und Kunden dieser Ausgabestelle den Verkehr oft schlicht nicht wahrnehmen, nicht dann, wenn sie dringend etwas brauchen, nicht dann, wenn sie gerade etwas hatten. Sichtlich sehr kaputte Menschen wanken über die Straße, Autos bremsen abrupt. Diese Ausgabestelle hat seit einiger Zeit deutlich mehr Zulauf, ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht hat man nur mehrere zusammengelegt, vielleicht steht etwas Größeres dahinter, etwas Krisenhaftes, man müsste informierter sein.

Unter der Brücke ein Gewirr von Bahnschienen, da fährt auch die S-Bahn zu meinem Büro, aber die fährt wieder ohne mich. Ich sitze im Home-Office, wenn ich nicht gerade zur Bücherei gehe.

Das sind hier so die Themen, nicht wahr. Also nur die, die mir im Vorbeigehen auffallen. Gar nicht auszudenken, was alles dazu kommt, wenn man stehen bleibt oder wenn man sogar mit den Leuten spricht, oder wenn man all die Aufkleber und Plakate liest, die Zettel in den Fenstern, wenn man nur aufmerksam genug zuhört, was die Passanten sagen.

Aber auch andere Themen. Vor dem Bahnhof steht ein kleiner Junge und weint und weint, bitterlich weint er, herzzerreißend und jämmerlich, weil eine ältere Frau, die Oma vermutlich, jetzt abreisen will oder muss. Die Eltern stehen dabei und die Erwachsenen sagen mehrmals: „Aber sie kommt doch wieder!“ Woraufhin der Junge aufheult, als hätte man ihm wehgetan, was vermutlich auch stimmt, denn es ist ja nun einmal kein Trost, es gibt auch gar keinen Trost, es gibt nur das vergebliche Bemühen darum und den reinen Schmerz, und das ist ein großes, ein ganz großes Thema.

Und dann. Vor einer Pizzeria sitzen zwei junge Frauen auf Stühlen neben einem Bistrotisch. Eine hat einen großen Koffer dabei, eine hat nichts dergleichen. Sie sitzen sich gegenüber und halten sich an den Händen, beide Hände der einen fassen beide Hände der anderen, dass man denkt, die lassen sich so schnell nicht wieder los, die werden sich vielleicht lange Zeit nicht gehabt haben, so sieht das aus. Ihre Oberkörper sind ein wenig zueinander geneigt. Die eine erzählt, die eine hört zu, und sie guckt dabei so dermaßen freundlich, liebevoll und zugewandt, dass man im Vorbeigehen spontan neidisch werden könnte und bitte auch Händchen halten könnte und erzählen, was könnte man nicht alles erzählen, wenn jemand so zuhört, wenn jemand endlich einmal so zuhört. Jetzt sagt die eine aber nichts mehr und guckt nur noch in diese unglaublich freundlichen Augen und lächelt dann so und dann fassen sich die vier Hände neu und besser und das ist natürlich auch ein großes, ein ganz großes Thema, wie man sich liebevoll genug begegnet.

Ich gehe in die Bücherei, ich suche Bücher aus. Ich gucke heute mal bei Z, das hat überhaupt keinen Grund, das fällt mir nur so ein. Ich gucke mal, was ganz hinten steht. Zweig steht da, Zola steht da. Pia Ziefle steht da auch und da freue ich mich, denn die kenne ich, die mag ich. Die ist aus meiner Timeline, die ist aus meinem Internet. Ich nehme ihr Buch aus dem Regal und freue mich, als hätte ich eine alte Bekannte getroffen, und es ist doch um mich herum recht durchlässig geworden zwischen Offline und Online, denke ich. Das war früher nicht so.

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